Am fernen Gestade (2)

2.
In manchen Nächten, der dunklen Jahreszeit, tanzten Farben über den Himmel, als würden sie über ein Tuch verschüttet, das Geisterhände, über die Welt gezogen wurde.
Er saß dann, auch, wenn es strenger Winter war, draußen und betrachtete die Lichter, welche die Geister des Himmels erzeugten.
Denn, dass die Welt, am Himmel, auf der Erde, unter der Erde, in den Tieren und in den Steinen voller Geister war, davon war er überzeugt.
Trotzdem wurde er nicht müde, sich Fragen über dieses Flimmern, zwischen Himmel und Erde zu stellen. Dieses Flimmern, das war, wie Gedanken es sind: Sie sind da, aber sie traten nicht in jedem Fall in die Wirklichkeit. Manchmal blieben sie, hinter seiner Stirn gefangen, lösten sich auf, verfielen ungehört, wurden zu Nichts.
Auch die Gedanken, die er sich machte, zum Farbenspiel am Himmel, auch die kamen nie zur Welt. Auch sie, dachte er für sich.
Woher kamen die Farben?
Was färbten sie eigentlich?
War es ein Tuch, von Geisterhänden gezogen?
Warum machten die farbigen Wellen nicht auch Geräusche?
Warum gab es sie überhaupt?
All diese Fragen stellte er sich und, wenn er nicht glauben wollte, dass es Geister und Engel und Feen waren, dann dachte er, an die Farben, die das Sonnenlicht manchmal im Schnee erzeugte und er fragte sich, ob es nicht die gleichen Farben waren.
Oder er dachte, vielleicht gab es dort oben einen Stoff, wie die Wolken ein Stoffen waren, wie der Wind ein Stoff war und in diesem Stoff fing sich die Farbe, wie der Nebel sich im Wind verfing.
Er vermutete, dass die Farben keine Geräusche machten, weil auch das Licht keine Geräusche machte, anders als der Wind und das Wasser.
Warum es sie gab? Diese Farbenspiele am Himmel. Das war die schwerste Frage. Weil es, bei allem, die schwerste Frage war.
Warum gab es überhaupt irgendetwas?
Warum gab es den Schnee?
Die Robben?
Das Meer und den Seetang?
Und warum gab es ihn selbst?
Das war die dunkelste aller Fragen. Wenn er darauf eine Antwort fand, war er sicher, dann würde er auch allen anderen Fragen beantworten können.

12/22 PGF

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