Am fernen Gestade (3)

3.
Mit dem Frühjahr, kam Öre, mit seinen zwei Eseln, über die verträumten Feldwege, die zum Gestade führten und beendete die Winterstille, mit seinen Geschichten und seinem Lachen.
Öre war Händler und kam eher zu Besuch, als zum Handel. Natürlich kaufte er einige geschnitzte Holzstücke und vom gemahlenen Muschelkalk, aber das waren keine Geschäfte, die sich für Öre lohnten. Dafür allein wäre der Weg zu weit gewesen. Er kam, um zu sehen, ob der Alte am Meer noch lebte und freute sich, jedes Mal, wenn es so war.
Denn hier draußen zu leben, mit dem Meer und der Einsamkeit und der Dunkelheit des Winters, das war ein hartes Los, fand Öre. Es war aber auch etwas was er bewunderte und deshalb brachte er Kräuter, zum Tauschen und Werkzeuge, auch, wenn der Gegenwert der Stücke die er bekam, nie seine Unkosten deckte. Es war seine gute Tat, an der Welt, wie er fand. Geld verdienen, das konnte er bei anderen und tat das ausgiebig.
Bei dem Alten saß er, meist drei, vier Tage und erzählte Geschichten aus dem Süden, goss etwas Brandwein in ihre Tassen und genoss die Stille und das sanfte Wesen des Eremiten, mit dem er reden konnte, als könne er so mit den Wolken reden oder mit den Felsen oder mit den Polarwölfen, die durch die Eiswüste jagten.
Dem Alten schienen, die Besuche gut zu tun, wenn der Tau, das Eis, von den zarten Gräser schmolz. Er folgte andächtig seinen abenteuerlichen Geschichten, wie er es vom Süden, bis hier hoch an die Küste geschafft hatte. Wie er die Tochter des Dorfvorstehers, in Holmstadt geküsst und den Räubern, im Scherenwald, entkommen war. Keine der Geschichten war ganz wahr und keine war ganz gelogen. Sie feierten, als Geschichten, bei dem Alten Premiere und dessen Fragen, brachten sie in die richtige Form.
Wenn er in den großen Städten war, logierte er nicht selten in teuren Suiten und war zu Gast an Fürstenhöfen, aß Fasan in Weinsoße und leckte sich die Finger, nach dicken Stücken Schokoladenkuchen.
In der Hütte des Alten, lag er auf einer dünnen Matte auf dem Boden, mit einer dürren Decke zugedeckt und der schönste Genuss, war das Salz des Meeres, welches er sich von den Lippen leckte, wenn sie lange draußen am Meer saßen und die Ufernetze des Alten einholten.
Der genoss die Tage mit Öre, auch, wenn er mehr davon, nicht hätte haben wollen. Aber, wenn der Händler kam, dann wusste er, dass er einen weiteren Winter überlebt hatte. Das freute ihn und es freuten ihn die Geschichten, aus den Dörfern und Städten des Südens. Denn, wenn Öre ihm, von dort nicht berichtet hätte, dann wäre die ganze Welt ein einsamer öder Fleck gewesen und, wenn er einmal starb, hätte er fürchten müssen, wäre er, als einziger Mensch, von der Welt verschwunden. Das hätte er bedauert. Denn es war schön, die Welt, durch Menschenaugen zu betrachten, den Wind auf der Haut zu fühlen und den Rauch, an einem warmen Feuer zu schmecken. Deshalb war er froh zu hören, dass es Städte gab, mit fröhlichem Treiben, mit hübschen Frauen, klugen Ingenieuren und Glücksrittern, die sich an Abenteuern versuchten.
Nur im Kontrast mit ihnen, machte sein Leben, hier draußen am Gestade Sinn. Und, wenn Öre Abschied nahm und ihn noch einmal herzlich drückte, dann wusste er, dass der es genauso sah.

12/22 PGF

11 Kommentare zu „Am fernen Gestade (3)

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