Am fernen Gestade (4)

4.
Wenn das Frühjahr kam, war es an der Zeit anzupacken: Schäden an der Hütte zu reparieren, die Netze für den Sommer zu richten und sich ein Bild zu machen, wo er, in den nächsten Wochen und Monaten, Nüsse und Früchte sammeln konnten.
Er verließ in dieser Zeit, oft seine Hütte.
Manchmal wanderte er den ganzen Tag, durch die südlich gelegenen Wälder. Sah nach den Bären, die aus dem Winterschlaf erwachten und prüfte, ob einer der jüngeren, auf die Idee kam, sein Revier, in der Nähe seiner Hütte einzurichten.
Sah nach den Robben, von denen er, ein oder zwei, erlegen und verarbeiten würde, um Fleisch, für den nächsten Winter zu haben.
Und prüfte, in einem weiter entfernten Birkenwald, für den er fast einen halben Tag laufen musste, wie es um die Heidelbeerbüsche stand.
Er sammelte Holz, für die weiterhin kalten Abende, um den ersten Fisch zu räuchern, Tee zu kochen und Schäden an der Hütte auszubessern.
Was er fand, packte er auf einen Schlitten, den er mit einem Seil, welches er sich über die Schulter warf, nach sich zog, bis er verschwitzt und müde, wieder bei seinem Zuhause ankam.
Diesen Zustand genoss er sehr. Es war gut, nach der langen Nachdenklichkeit im Winter, die Muskeln wieder anzuspannen und die Knochen zu bewegen und sich nicht länger Gedanken über die Welt zu machen, sondern sie zu erobern.
Es gab ja zwei Arten, wie man leben konnte: Man lebte in der Welt oder man lebte in sich. Dabei war, immer nur das eine oder das andere zu tun, nicht gesund. Es konnte ein Leben schlimm werden, wenn es nur in dem einen oder dem anderen Zustand verbracht wurde. Als versuche man, immer am Tag oder immer in der Nacht zu leben.
Da er nie wusste, ob das eine oder das andere richtig war, folgte er dem, was die Natur ihm vorgab.
Wenn es draußen regnete und stürmte, wenn tagelang Schnee fiel und zu einem weißen Panzer gefror, dann zog er sich gerne in seine Hütte zurück, horchte in sich, durchwanderte sich, wie eine fremde, seltsame Landschaft aus Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, Sinnesblitzen, Geschichten.
Kam das Frühjahr und der Südwind schmolz, den Schnee und das Eis, von den schwarzen Felsen, lief er gerne hinaus in die Welt. Freute sich über das Riedgras, dass sich den Schnee vom Rücken warf und sich gegen den Himmel streckte, über die Füchse über die Wege trollten, über den blauen Himmel und die neu ergrünten Wiesen.
Hörte auf er in sich zu forschen, über sich nachzudenken und strebte hinaus in die Welt, wo ihn Gefahren, Nahrung und Schönheit erwarteten.
Fühlte sich, als stünde er am Tor, zwischen dieser Welt da draußen und der tief innen.

12/22 PGF

12 Kommentare zu „Am fernen Gestade (4)

  1. „Freute sich über das Riedgras, dass sich den Schnee vom Rücken warf und sich gegen den Himmel streckte…“
    Was für ein schöner Satz! 🤗 …in einer Geschichte, die einen ein klein wenig wehmütig werden lässt. Freue mich auf die Fortsetzung. 😊 LG Bea

    Gefällt 2 Personen

      1. Interessant 🙂 Ich würde es als Pronomen nämlich immer nur mit einem n schreiben. Wieder was gelernt. 🙂
        Obwohl es sich in deinem Satz, der sich ja auf eine Frau bezieht und eben nicht auf einen Mann schon seltsam liest. 🙂 Manmanman 😀

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      2. 🙂
        Ich sage mal so, meine geschätzte Korrektorin findet ja überraschenderweise den ein oder anderen Kommafehler bei mir 🤷‍♂️ daneben aber durchforstet sie, die Texte, immer akribisch, kombiniert mit zahllosen Kommentaren zum Regelwerk. Das hat mit der Zeit, mein volles Vertrauen geweckt, sodass ich ihren Korrekturen mittlerweile mehr oder weniger blind folge.
        Sie benennt auch Grenzfälle, bei denen man es so oder anders machen kann, dann liegt die Route bei der Konsequenz.
        Da sie zusätzlich Satzbauhilfe leistet (also eigentlich schon Lektorat) und all die viel Strassennamen, Restaurants und sonstige Ortsbezeichnungen kontrolliert und korrigiert, schätze ich mich glücklich über die Zusammenarbeit.
        Und das Wichtigste: sie lässt mir meinen Text, mit seinen Eigenarten, falls es dem Regelwerk nicht widerspricht.
        Was ich damit sagen will, falls du mal eine Lektorin suchst 🙂

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      3. Lieber Peter, vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung und ja, wenn ich mal eine Lektorin brauche, komme ich da gerne auf dich zurück. 🙂
        Und wo wir gerade dabei sind, was ich nämlich auch nicht verstehe ist, dass in deinem Buch nach wörtlicher Rede immer ein Punkt, also Satzende folgt und es dann großgeschrieben weitergeht. Das kenne ich so auch nicht. Ist das einer dieser machbaren Grenzfälle oder bin ich da nicht ganz auf der Höhe? Ich schreib mal einen Beispielsatz: „Und dieses denkende Geschöpf wäre HAL 9000?“ Hakte ich nach. (Seite 116)
        Ich würde das nämlich so schreiben:
        „Und dieses denkende Geschöpf wäre HAL 9000?“, hakte ich nach.

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      4. Sag mir Bescheid, damit ich Provision vereinbaren kann 😉

        Und: Ja, einer der Grenzfälle. Wurde schon mal nachgefragt und ich habe die Frage, vertrauensvoll weitergeleitet.
        Das sind auch alles berechtigte Fragen 🙂
        Also „Mann“ war mir auch nicht koscher, aber siehste mal ist trotzdem richtig 🤷‍♂️

        Nur für meine Kommas müssen die individuellen Auslegungen noch gefunden werden 😎

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