Am fernen Gestade (5)

5.
Der Sommer war kurz, hier oben, am Gestade.
Jetzt sah er oft die Fischer, mit ihren Booten draußen auf dem Meer, wie sie Netze warfen, einholten, auf Deck leerten und weiterfuhren.
Die meisten der Fischer hatten nichts mit ihm zu tun. Er nahm an, dass sie oft gar nicht wussten, dass er hier lebte, versteckt in der Küstendüne zwischen Riedgras. Er war froh darum. Sie hätten sich nur gesorgt, dass er ihnen Fisch wegnahm, mit dem wenigen, den er fing.
Es gab nur einen Fischer, der, zu dieser Zeit, übers Meer kam, zur Küste heranfuhr, ankerte und ihm einen Besuch abstattete. Das war der junge Michel. Der schon, als Knabe, mit seinem Vater, bei ihm Halt gemacht und ihm Krabben gebracht, Grog getrunken und Tran mitgenommen hatte.
Denn der Alte machte guten Tran, keinen um damit die Lampen zum Brennen zu bringen, sondern feinen, nährreichen Tran, der jede Krankheit aus den Knochen trieb und Genesende und Alte wieder zurück ins Leben führte.
Michel blieb meist nicht länger, als ein paar Stunden, aber dafür ankerte er, den Sommer über, einige Mal, um durch das flache Küstenwasser, an Land zu waten und sich mit dem Alten auszutauschen.
Dabei ging es oft um praktische Dinge, wie die Knoten der Netze, das Räuchern von Fisch, das Wetter der nächsten Tage, welches der Alte, wie kein anderer vorherzusagen wusste.
Manchmal aber sprachen sie auch, über die ernsten und schweren Dinge des Lebens, über den Tod – der Michel hatte eines seiner Kinder früh verloren; über den Krieg, der von den Grenzen im Osten, zu ihnen herüber zu schwappen drohte; über die Einsamkeit, denn die kannte der Michel auch ein wenig, von jenen Zeiten, da er mit seinem Kutter unterwegs war; vom Sinn, von der Frage was die Welt war – war sie mehr als ein Traum – von den Gestirnen am Himmel, die Michel, den Weg über das Meer wiesen; vom Meer und seiner uralten Kraft und von den Ungetümen, die sich unter seiner Oberfläche wohl verbargen.
Sie sprachen nicht, um eine Antwort zu finden. Denn Antworten, das wussten sie beide, die gab es nicht. Sie sprachen, weil es gut tat, darüber zu sprechen und zu spüren, dass auch der andere diese Fragen stellte und keine Antwort bekam. Dass sie aber beide, nach Antworten tastend, in die gleiche Richtung ihre Gedanken bewegten, wenn auch nicht mit dem Gefühl, je anzukommen, das schuf eine wohltuende Verbundenheit.
Es waren leise, langsame Gespräche mit vielen Pausen, in denen einer dem anderen zuhörte. Bei denen es nicht darum ging, die Wahrheit, wie einen Fisch, aus dem Meer zu fangen.
Es ging um das Staunen, über die Welt und, um das demütige Kopfschütteln, über ihre unlösbaren Rätsel.
Es ging um das Treiben, auf dem weiten Meer des Lebens und, darum zu segeln, während die Sonne über den Himmel wanderte.

12/22 PGF

15 Kommentare zu „Am fernen Gestade (5)

      1. Dort ist das zeilenportal zum Folgen gespeichert, d.h. jeder neue Beitrag auf dem zeilenportal landet dort und kann ganz normal aufgerufen werden.

        Gefällt 1 Person

      2. Das wäre eine Erklärung, dann wurden die Beiträge „eingefangen“ als sie noch öffentlich waren. Schlimm ist es ohnehin nicht, wollte nur die Technik verstehen. 🙂

        Like

      3. Im Feedly erscheint jeder neue Beitrag von Blogs, die ich dort als abonniert gespeichert habe. Da gehört das zeilenportal dazu.

        Ja, „Ende“ hab ich gelesen. Und mir die zwei neuen Seiten abonniert.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..