Am fernen Gestade (6)

6.
Zum Ende des Sommers, wurde es wieder ruhig am Gestade und die Melodien, die der Alte pfiff, ohne dass er wusste woher sie zu ihm kamen, waren das einzige Lied in der Stille, die sich nun über die Welt ausbreitete.
Der Sommer verging, als sei er nie gewesen. Verstummte, wie eine schöne Melodie, die zu Ende gesummt ausklingt.
Der Händler kam nun nicht mehr und die Boote der Fischer, auf dem Meer kamen seltener in seinen Blick.
Der Schnee und der Frost nahmen zu und nahmen ihm Kraft und Freude weit in die Welt zu wandern. Er blieb lieber nahe der Hütte, damit der Kamin frei, das Dach stabil und seine Vorräte geschützt waren.
Wenn diese Zeit kam, wenn die Welt sich ihm entzog und er mehr und mehr zu sich selbst zurückkam, dann zweifelte er manchmal, ob es ihn, ob es seine Hütte, das Gestade, das Meer und den Himmel, ob es sie überhaupt gab. Dann hatte er das Gefühl nie wirklich Teil der Welt, des Lebens geworden zu sein und eher in einem Traum zu leben, als in der Wirklichkeit.
Manchmal versuchte er diese Zwischenwelt festzuhalten. Er nahm sich von dem wenigen Papier das er hatte, füllte von der wenigen Tinte die er besaß, einige Tropfen in den Federhalter und kritzelte unsicher, die wenigen Buchstaben, an die er sich erinnerte und die er zu Worten zusammenzufügen wusste, ungelenk auf einen Bogen Papier.
Weil er nicht wusste, ob das gut oder ob das schlecht war, was er niederschrieb und nicht wusste, ob es irgendeinen Sinn machte, versuchte er ihm eine Melodie zu geben, indem er auf Reime achtete. Denn er fand, wenn es sich reimte, dann hatten die Sätze wohl eine magische Verbindung, weil ja auch in der Welt nichts zusammenpasste, was nicht zusammengehörte.
Wenn es sich also reimte, nahm er an, dass es richtig sein musste, auch, wenn es vielleicht nicht gut war.
Die Beschäftigung mit den Zeilen, ihr langsames im Kopf zusammenfügen, damit kein Stück Papier verschwendet wurde, ihr vorsichtiges aufbringen auf dem Papier, ihr verdichten, verweben, Wort für Wort, Zeile für Zeile, das lenkte ihn ab, von der Stille die zunahm, von der Kälte, welche in seine Hütte schlich, von der Dunkelheit, die sich täglich früher, auf das Dach seiner Hütte legte.
Am Abend dann, wenn er in der Hütte vor dem Kamin saß und in dessen flackendem Licht nochmals die Zeilen überflog und sie ganz in sein Herz aufnahm, wartete er auf eine ordentliche Glut im Kamin, eine Glut, die jedes Holzstück schnell in Flammen setzte, eine Glut, die dafür sorgte, dass er auf dem Kamin Wasser zum Kochen bringen konnte, eine Glut, welche das Papier, mit den mühsam gezimmerten Zeilen, während eines einzigen Wimpernschlages verschlang.
Denn so verfuhr er, jeden Abend, wenn ein Gedicht geschrieben war: er las die Zeilen noch einmal, fühlte ihren Klang, fühlte den Moment, den er mit ihnen versucht hatte zu bannen und dann warf er sie ins Feuer, weil er nicht glaubte, dass sie den feuchten Winter überstanden hätten und weil er nicht glaubte, dass sie je, ein anderer, sie verstanden hätte.
Sie waren vielleicht auch nur geträumt.

12/22 PGF

3 Kommentare zu „Am fernen Gestade (6)

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