Am fernen Gestade (7)

7.
Der Alte verlebte viele Winter am fernen Gestade und manchmal gingen die Winter, in seiner Erinnerung, nahtlos ineinander über.
Aber ein Winter, der hob sich, aus allen anderen hervor, der wölbte sich, wie ein tiefblauer Himmel, über eine verträumte Schneelandschaft.
In diesem einen Winter, kam jene junge Frau, mit einem Schlitten, zu ihm zu Besuch, von der er nie erfahren sollte, ob sie eine Prinzessin, eine Heilerin oder einfach eine sehnsuchtsvolle Seele gewesen war.
Sie kam an einem Morgen, Anfang Winter, allein auf einem Schlitten, der von 4 Hunden gezogen wurde und überraschte ihn, als sie vor seine Hütte trat, mit dem Satz:
„Also ist es keine Legende, dass ihr allein hier draußen lebt. Ich habe es nicht zu hoffen gewagt. Ich bin hier, weil ich eure Hilfe suche.“
„Meine Hilfe?“ Fragte er überrascht.
„Ja, ich erkläre es euch, wenn ihr mich hereinbittet.“
„Aber natürlich.“ Antwortete er.
Er schämte sich ein wenig, als sie seine schäbige, kleine Hütte betrat, denn ihre Kleider waren edel, als würden sie sonst in einem Palast getragen.
Aber sie betrachtete alles mit einer tiefen Zuneigung, als würde sie zum ersten mal einen Ort sehen, der so gestaltet war, wie er sein sollte.
Er bot ihr Platz und sie nahm ihn an.
„Wie kann ich euch helfen?“ Fragte er, als sei die Frage kein Problem, da er ohnehin davon ausging, nicht helfen zu können.
„Ich suche etwas.“
„Ihr sucht etwas? Ach so! Was wäre das?“
Sie wandte sich zu ihm und in ihren Augen lag tiefe Pein.
„Meinen Sinn suche ich, meinen Zweck. Warum lebe ich? Warum sterben wir? Warum muss ich all diese Schmerzen erdulden?“
Es tat ihm im Herzen weh, zu hören, dass sie litt. Sie sah gar nicht nach Leiden aus, sie sah eher, wie jemand aus, dem das Glück und die Zuneigung von allen Seiten zuflogen.
„Das sind schwere Fragen.“ Erwiderte er. „Schwere Fragen, auf die es, am Ende, vielleicht gar keine Antworten gibt. Weshalb sich jeder dem zuwendet, was er glauben möchte.“
„Aber es sind doch wichtige – es sind entscheidende Fragen!“
„Muss man denn alle Fragen – muss man alles in Frage – stellen?“
Überzeugt sagte sie: „Ja.“
Er schwieg und sah sie an.
Sehr lange, aus seinen tiefliegenden, weichen Augen.
Er entschied sich zu sagen was er dachte, egal, ob es ihr gefiel.
„Wenn man jung ist, glaubt man das. Später, wenn man älter wird, denkt man: Nein! Weil es für die wirklichen wichtigen Fragen so oder so keine Antworten gibt. Aber vielleicht muss das jeder selbst erleben. Auch du.“
„Aber ich will das nicht.“ Sagte sie ungetröstet.
„Ich will Antworten.“ Forderte sie.
Er nickte.
„Dann will ich versuchen, dir manche Idee zu geben, wenn auch vielleicht keine Antwort, wie du dir sie wünschst. Aber Ideen, wie sie mir das Meer, an seinen blauen Sommertagen erzählt, die habe ich gesammelt, wie manche Muschel am Strand.“
Voller Hoffnung, ruhten ihre Augen auf ihm.
Er begann: „Sinn sagst du, als etwas, dass du haben willst und in Besitz nehmen. Aber der Sinn, so glaube ich, der wächst unsichtbar in deinem Herzen. Der Sinn: er ist nicht, er wird und wächst! Du gießt ihn, mit jeder deiner Taten. Und ja, auch mit deinen Fragen.
Wie der nach dem Leben und dem Sterben, denn die sind nicht zu trennen, sie gehören zusammen, wie Tag und Nacht, wie die Jahreszeiten, wie der Wind und die Wolken, das Meer und die Wellen, das Licht und die Farben, wie Lachen und Weinen … und der Schmerz.
Denn der Schmerz ist die Kehrseite des Glücks. Wenn du keinen Schmerz willst, dann suche kein Glück. Aber, wenn es kein Glück gibt, lohnt es sich dann noch, zu leben? Deshalb suche und hoffe und liebe und bewege! Der Schmerz will dich nicht aufhalten. Er ist ein Hindernis, dass dich prüft und manchmal ein Tadel für deine Dummheiten.“
Damit schwieg er und sah seine junge Besucherin an.
Sie war noch in Gedanken. Seinen Gedanken folgend, wie eine Schmetterlingsjägerin, mit einem Netz auf der Jagd ist, um das schönste Exemplar zu fangen.
Sie lächelte.
„Ich glaube jetzt habe ich Hunger. Hast du etwas zu essen?“
Nur wenig, dachte er und sagte: „Ja, trockenen Fisch und geräuchertes Seegras.“
„Das klingt gut.“ Meinte sie vergnügt.
„Dann trage ich auf.“ Erwiderte er und holte seine Vorräte.
Während sie aßen fragte sie: „Wie seid ihr hierhergekommen?“
Ihre Stimme war sanft, sie rief ein Glück in ihm hervor, als würde sie ihn streicheln.
Er wollte gerade den Löffel zum Mund führen, aber er hielt in der Bewegung inne.
Ihre Frage war einfach. Aber er wusste, dass er sie nicht beantworten konnte. Er wusste nicht, wie er hierher, ans ferne Gestade gekommen war.
War er je an einem anderen Ort gewesen? Hatte ihn das Leben hierher geweht, wie der Wind ein Blatt; hierher gespült, wie das Meer Seetang an den Strand spült?
„Manche Dinge“, sagte er zögerlich, „liegen im Dunkeln.“
Er sah, durch die matte Scheibe, seiner Hütte, zum Meer hinaus, wo sich auf fernen, hohen Wellen, weiße Gicht sammelte und Sturm und Kälte bringen würde.
„Aber ihr müsst doch“, sie klang besorgt, „wissen, wie ihr hierhergekommen seid. Habt ihr nicht auch mal ein Leben mit Freunden, mit Familie, mit Kindern, mit einem Beruf, mit Lachen und mit Sorgen gehabt. Also ein richtiges Leben.“
Sie machte eine Pause.
„Oder nicht?“
Er schüttelte nachdenklich den Kopf, als könne er, mit der langsamen Bewegung, eine gewünschte Erinnerung nach vorne schütteln.
„Wenn es so war habe ich es vergessen. Wenn es so war, ist es verloren. Wie ich euch vorhin sagte: Kein Glück, kein Schmerz.“
Ehe sie antworten konnte, fuhr er fort: „Und das ist gut so, weil es ganz unerträglich ist und unmöglich, es sich in der Gegenwart heimisch zu machen, wenn man nicht vergisst was war und ständig nachdenkt was kommt. Ich bin alt, ihr seid jung. Uns spielt das Leben andere Melodien.“
„Das ist falsch!“ Unterbrach sie ihn heftig. „Ich stelle mir meine Erinnerungen vor, wie eine Schatzkiste, aus der ich mich bedienen kann, wenn die Zeiten einmal trübe werden. Dann wäre ja alles umsonst. Wenn ich, wie ihr, einst an so einem Gestade leben würde und alles vergessen hätte. Ganz furchtbar wäre das.“
Er sah in ihre Augen, fuhr sanft mit seinem Blick über ihr schönes Haar, ihre zarten Wangen, ihren fein gezeichneten Mund. Sah, wie ein alter Wolf nach einem jungen Reh, wie ein alter Fels, nach einer zarten Blüte.
„Wenn du alt bist, ist das nicht mehr schlimm. Wenn du alt bist, ist es ein Segen, wenn du wieder der Welt gehörst und dich Menschenglück und Menschenschicksal nicht mehr erreichen. Mach dir um mich keine Sorgen. Lebe du dein Leben, wie es dir gefällt! Wir wandern auf unterschiedlichen Pfaden. Jeder für sich. Nur manchmal kreuzen sich die Wege. Schmeckt der Fisch?“
Widerwillig ließ sie sich ablenken.
„Ja, ganz vorzüglich.“
Dann schwieg sie eine Weile.
Am Abend saßen sie im Kerzenlicht und lauschten der Stille.
Sie blieb noch fünf Tage und fünf Nächte.
Jeden Tag sprachen sie, bis spät am Abend und er gab Antwort auf alles, was er zu beantworten wusste.
Sie schöpfte von seiner Weisheit, wie eine Durstige aus einer Quelle. Er wusste, dass sie ihn damit glücklicher machte, als sich selbst, weil doch alles, sich hingeben, erst dem eigenen Sinn näherbrachte.
Dann, mit dem Morgen, des sechsten Tages, sagte sie: „Ich muss euch nun verlassen. Es stimmt, was die Menschen in den Dörfern sagen, es heilt die Seele, eine Weile hier draußen, bei euch, am Gestade zu sein, dem Meer zu lauschen, mit euch zu sprechen und im Kerzenschein, die hereinbrechende Nacht zu fühlen. Wenn ihr wüsstest wie laut und verrückt die Städte sind. Ihr würdet keinen Tag tauschen wollen. Ich danke euch.“
Er nickte und verglich in Gedanken, den Lärm der Städte, den er sich vorstellte, mit der Stille die über dem Gestade lag.
Dann nahmen sie Abschied und sahen sich nie wieder.

12/22 PGF

12 Kommentare zu „Am fernen Gestade (7)

  1. Lieber Peter, ich bin ganz ergriffen von diesem Kapitel. Da stimmt wirklich alles. Wortwahl, Vergleiche, Farben, Gerüche, Bilder und man hört, wenn man intensiv lauscht, sogar eine leise Melodie.
    Ich bin sehr begeistert, lieber Peter. Viele Grüße Bea

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Peter, ich habe dein Buch ausgelesen und wollte es gerade bewerten und eine Rezension bei Amazon schreiben. Das Problem ist jedoch, dass ich kein Amazon prime mehr habe und daher dein Buch nur bewerten kann, wenn ich es vorher gekauft habe…. :-/
    Ich werde mich da nochmal hinter klemmen – solange musst du HIER Vorlieb nehmen:
    ⭐⭐⭐⭐⭐ Sterne sind dir allemal sicher!
    Und Näheres zum Buch:
    Es hat mich genau, wie Gestra und Äquinoktium sofort gefesselt und in Beschlag genommen.
    Streckenweise war es sogar so gruselig, zu lesen – was alles sein/passieren/ könnte, dass ich wirklich beim Lesen eine Pause brauchte, um mich an die Heizung gelehnt von einer Gänsehaut zu befreien. Ganz zu schweigen vom Kopfkino….
    Du schreibst „Wir können einen Bösen beseitigen, aber nicht das Böse!
    Das war für mich der Dreh- und Angelpunkt im Buch, der diese – ich sag mal – Science-Fiction Atmosphäre wieder zurück in die Realität gerückt hat. Denn ja, genau so ist es! Leider momentan aktueller, denn je!
    Schön ist, dass diesmal das Ende zwar offen, aber dennoch beruhigend ist. Sowohl die Auflösung des Bösen, als auch die Beziehung zwischen Joe & Beth…. 🙂
    Und was das Beste ist: Ich glaube, ich hätte die Bücher niemals gekauft & gelesen, wenn ich sie einfach so, im Buchladen gesehen hätte. Weil mich normalerweise diese Thematik nicht so wirklich triggert.
    Danke, dass ich dich und die Bücher dennoch kennengelernt habe – ich hätte sonst sehr viel Lesenswertes verpasst.
    So – und jetzt komm gut ins neue Jahr, lieber Peter und bleib schreibtechnisch so vielseitig aufgestellt… liebe Grüße Bea

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Bea, herzlichen Dank! Besser kann das neue Jahr nicht starten, als mit so einer tollen Rückmeldung 🙂
      Da steckt alles drin, was ein Autorenherz höher schlagen lässt!
      Da ist es auch nicht wichtig, ob die 5 Sterne bei Amazon landen oder hier 😉
      (Amazon baut da wirklich ab, es kann jeder einen Stern geben, auch ohne Kommentar, aber ich will mich weniger ärgern.)

      Ich hoffe, du bist gut, im neuen Jahr angekommen. Ich wünsche dir ein erfolgreiches, schönes, gesundes, spannendes 2023.
      Hab einen schönen Neujahrstag
      Peter

      Gefällt 1 Person

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