Am fernen Gestade (8)

8.
In der Hütte war es kalt.
Der Winter hatte die Welt fest im Griff, auch das Gestade, sodass selbst der Kies, am Rande der Brandung gefror und die Wege sich starr dem Schritt entgegenstemmten. Bis in seine Hütte hinein drängte sich die Kälte, siedelte mit Eis-Inseln entlang der Fensterkreuze, nahm den Wänden die letzte Restwärme und legte sich, wie ein feuchtes Siechtum in sein Bettzeug. Sodass er ihr nirgends entfliehen konnte.
Außer er machte sich früh am Tag ein Feuer und sah zu, dass er es, den ganzen Tag, in Glut hielt, was ihm mehr und mehr die Holzvorräte raubte.
Heute fiel es ihm besonders schwer, Feuer zu machen und sich darum zu kümmern, dass es warm wurde. Die Kälte und die Schwermut gemeinsam lähmten ihn, bedingten einander, wie sich die Bettlägerigkeit und der Tod bedingten, die Einsamkeit und die Verzweiflung, die Lieblosigkeit und die Enttäuschung.
Er wusste, diese Verbindungen waren wie Wölfe, die ihn verschlingen würden, wenn er sie nicht mit einem warmen Feuer, aus seinem Herzen und aus der Hütte vertrieb. Das war der einzige Weg, wieder in Frieden mit sich und der Welt zu gelangen.
Wie gerne hätte er die Sehnsucht aus seinem Herzen vertrieben, die seine Besucherin, in ihm entfacht hatte. Es würde dauern, bis es so weit war.
Es war Menschensehnsucht, die er fühlte, dies wusste er allzu genau. Es war die Sehnsucht, nach dem fernen Glück jener, die sich miteinander verbinden, die den Mut haben zusammenzuleben, auch, wenn sie sich am Ende verlieren müssen.
Ihm war das nicht beschieden. Ihm blieben nur die Besucher seiner Einsamkeit. Hier draußen, am fernen Gestade, wo das Meer unaufhörlich seufzte und rauschte und alte Lieder sang, wo der Wind unruhig auf und abging und heulte und unheimliche Geschichten mit sich trug, wo die Wolken heimatlos, über den Himmel trieben, in ein tristes Grau verschmolzen und glutrot in der Dämmerung eines neuen morgens lagen.
Das war sein Platz, in der Welt. Hier an ihrem Rand, wo sein Leben, zwischen Traum und Wirklichkeit, wie Wellenspiel schwankte.
Aber er wollte darüber nicht klagen, weil auch aus einem einzelnen, einsamen Samen ein Baum, hervorgehen und sich vielfach verzweigen konnte.
Wenn jeder der kam, nur ein bisschen von dem, was er hier mitnahm, in die Welt hinaustrug, dann sollte ihm das genügen.
Endlich brannte ein wenig Reisig in seinem Ofen. Das genügte noch nicht, damit sich die Wärme gegen die Kälte durchsetzen konnte, aber es genügte, um einen neuen Scheit aufzulegen.
Als das erste dickere Holzstück brannte, nahm er seine Teekanne, füllte sie mit Wasser, welches er aus Schnee schmolz und stellte die Kanne auf den Ofen.
Als das Wasser kochte fügte er Kräuter hinzu und wartete, bis sie ihren Duft, an das Wasser abgegeben hatten.
Mit der ersten Tasse Tee setzte er sich an den Ofen, sah ins Feuer und trank die Tasse Schluck um Schluck.
Und draußen in der Welt ging das Leben weiter, von dem er gelegentlich hörte. Hier draußen am fernen Gestade, wo an manchen Tagen, das Meer und der Himmel, ein Grau und manchmal ein Blau waren.

Ende

01/23 PGF

7 Kommentare zu „Am fernen Gestade (8)

  1. Eine wirklich sehr sehr poetisch geschriebene Geschichte, in der zwar viel Wehmut zwischen den Zeilen anklingt (jedenfalls bei mir beim Lesen), dennoch mit Genuss zu lesen war. Danke dafür!

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    1. Sehr gerne 🙂

      Nun, wie du sie noch lesen konntest, bleibt ein Rätsel 🤷‍♂️

      Welche Fehler meintest du bei der „Noosphäre“? Wegen dem Cover mache ich mich noch auf die Suche. Ansonsten habe ich keine Klagen gehört. 🙋‍♂️

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      1. Das eine war das Cover. Würde ich dich nicht kennen und nicht wissen, dass ich deine Geschichten mag, würde ich in so einem Moment den Lesestoff direkt als dilettantisch beiseite legen.

        Dann habe ich alle paar Seiten je 1 Fehler gefunden, der mich gestört hat. Ich weiß gar nicht, woher meine Tochter diese Detailliebe her hat! 😉 Aber ich hab nix gesagt, weil ich auch meine Tochter nicht ärgern wollte.

        Sehr weit bin ich aber noch nicht gekommen, d.h. außer dem Cover glaubte ich 2 Fehler bemerkt zu haben. Aber vielleicht war ich in diesen Tagen besonders pingelig? 😉

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      2. Ach so.
        Da sich die Printversion kaum verkauft, fällt es nicht ins Gewicht. Beim Ebook gibt es den Text ja nicht.
        Vielleicht habe ich einen Fehler beim Kopieren gemacht. Das prüfe ich noch.
        Wenn du Fehler findest kannst du sie mir gerne schreiben. Zum einen wäre wirklich 100% fehlerlos, nur bei einem doppelten 4-Augen-Korrektorat zu erwarten, zum anderen wurden mir schon viele Fehler genannt, bei jeder Geschichte, bei denen Esther, am Ende, meist Recht hatte 😎 sie ist der Profi 😉

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