Beiträge von pgeofrey

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Indigo (17)

17.

Ich wurde mit einem Kater wach, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Mir fehlte die Erinnerung, gestern Abend so viel getrunken zu haben. Okay der Weg zurück, war anstrengender gewesen, als vermutet. Wir hatten nur noch etwas gegessen und dann die Beine hochgelegt. Aber -.
Ehe ich weiter nachdenken konnte, hörte ich einen erschütternden Schrei. Vermutlich war ich von einem ähnlichen ersten wach geworden.
»Lennon! Lennon bist du hier?«
Ich rappelte mich hoch.
Das war Hope.
Ich zippte meinen Schlafsack auf und fummelte eine Weile an der feuchten Zeltplane ehe ich den Reißverschluss dort fand.
Draußen rief wieder Hope besorgt: »Lennon!«
Jetzt war auch Aline zu hören.
»Hope was ist los? Ist Lennon nicht da?«
Ich schaffte es endlich aus dem Zelt und sah die Frauen beieinander neben der erloschenen Feuerstelle stehen. Sie sahen beide ziemlich verknittert und müde aus, beide mit dicken, verquollenen Augen, als hätten wir zusammen ein Fass Bourbon getrunken.
»Was ist los?« Fragte ich.
Hope ignorierte mich, Aline sah besorgt zu mir.
»Lennon ist verschwunden.«
»Ach vielleicht ist er nur pinkeln.«
»Nein, er ist weg. Mir war schon ganz komisch, als ich wach wurde.«
Aline ging zum Zelt von Hope und Lennon. Sie sah sich etwas um und rief dann: »Joe, kommst du mal?«
Ich ging zu ihr.
Sie zeigte auf die Rückwand des Zeltes. Sie war mit einem sauberen Schnitt durchtrennt, als hätte dort jemand einen zweiten Eingang einnähen wollen und sich mit dem Schlitz begnügt.
»War Lennon das?«
»Warum sollte er?« Sie sah mir eindringlich in die Augen. »Ich habe ihn selten so glücklich gesehen, wie die letzten beiden Tage. Zum Weglaufen hatte er, bis vor ein paar Tagen, andere Gründe.«
Hope kam näher.
»Was ist los? Was habt ihr entdeckt?«
Aline trat einen Schritt zurück, damit Hope es selbst sehen konnte. Sie kommentierte: »Euer Zelt wurde aufgeschnitten. Hast du nichts gehört oder gemerkt?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, ich habe tief und fest geschlafen, als hättet ihr mir gestern, Schlafmittel ins Wasser getan. Ich bin nur mit Mühe wachgeworden.«
Das gefiel mir gar nicht.
»Geht mir genauso. Ich dachte, ich hätte eine Whiskey-Allergie.«
Aline nickte nachdenklich.
»Dann sind wir zu dritt.«
Sie warf mir einen strengen Blick zu.
»Joe, ich muss wissen, ob du oder dein Auftraggeber damit zu haben. Wir können das jetzt noch alles entspannt mit einander klären. Wenn ich die Zentrale informiere, dass Lennon auf ungeklärte Art verschwunden ist, wird jeder geröntgt der in Frage kommt.«
Ich war etwas enttäuscht von ihrem Gedanken.
»Nein, Aline, natürlich nicht. Was für einen Sinn hätte das? Mein Verhältnis zu Lennon war ja nicht schlecht. Welchen Grund, sollte ich, für eine solche Dummheit haben?«
Sie nickte, als hätte es sie es so, nur von mir hören müssen.
»Okay, dann muss ich meine Vorgesetzten informieren. Wir müssen wissen, was hier passiert ist.«
Ich zog sie zu mir.
»Warte. Vielleicht sollten wir uns erstmal selbst ein Bild machen.«
»Nein!«
»24 Stunden. Ehe die Panzer ausrücken.«
»Joe, nein! Wir brauchen Spezialisten, die hier alles untersuchen, damit wir wissen was passiert ist. Ich muss -«.
»Wir machen es, wie Joe sagt.« Bestimmte Hope plötzlich. »Er ist mein Sohn. Ich weiß nicht, was los ist. Aber ich glaube, wir verwirren, die, die das getan haben, wenn eine Reaktion ausbleibt.«
Aline schüttelte fassungslos den Kopf.
»Das geht so nicht. Ich muss -«.
»Was ist am wichtigsten?« Fragte ich sie.
Aline merkte, dass sie sich nicht einfach durchsetzen konnte.
»Die Untersuchung des Tatorts. Dafür brauchen wir einen Forensiker.«
»Könnte ich besorgen. Also Bounty Hunter, hat man Kontakte. Ich kann bestimmt jemand aus Portland anfordern.«
Ich sah flehend nach Aline.
»Gib uns 24 Stunden.«
Sie nickte.

06/21 PGF

Indigo (16)

16.

Die Nacht schlief ich unruhig und schwitzend in meinem Zelt, weil meine Leber, nach dem Ausbleiben von Nachschub, endlich Zeit hatte, alte Alkoholverbindungen zu entgiften.
So war ich, vor den anderen, wach und kümmerte mich um ein Morgenfeuer, neben dem ich Waffeln warm werden ließ und Wasser für den Kaffee.
Nachdem wir alle gefrühstückt hatten, machten wir uns bereit, für die Wanderung durch die Schlucht. Jeder hatte seinen Rucksack mit etwas Proviant und Wasser für den Weg.
Die Strecke war, mit knapp acht Kilometern, nicht besonders lang, aber Weg durch den Gorge etwas tricky.
Vor uns lag ein kurzes Stück, durch den Wald, bis zu den Triple Falls, wo der Seitenarm des Columbia, über drei Stufen, sich seinen Weg bis zum Hauptstrom suchte, hier würden wir seitlich des Bachs, über einen Fußweg unseren Weg nach Norden nehmen.
Es war ein stiller Morgen. Wie immer, wenn Menschen länger in der Natur sind, ließ das Gerede nach und das Denken begann. Die Vögel zwitscherten, munter auf den Ästen und Sonnenlicht schimmerte funkelnd durch die hellen Baumkronen.
Bald, mischte sich das Vogelgezwitscher, mit dem Rauschen des Wassers, als wir die erste Felsstufe erreichten, die das Gewässer nahm
Lennon wollte unbedingt ein paar Fotos machen. Hope half ihm, immer darauf achtete, dass er nicht zu nah an den Felsrand ging abrutschte.
»Nicht so nah. Du kannst doch zoomen.« Mahnte sie immer wieder.
Worauf der Junge nur begrenzt hörte.
Auch, wenn das Gebiet zu den touristischen Attraktionen gehörte, waren wir, so früh am Morgen, noch allein auf den Wegen. Dazu kam, dass wir den Weg von oben nahmen und nicht, wie die meisten vom Parkplatz am Highway, flussaufwärts.
Vermutlich waren auch noch nicht so viele unterwegs, weil der Weg lange gesperrt war und sich noch nicht herumgesprochen hatte, dass man ihn wieder begehen konnte.
Nach etwa anderthalb Stunden erreichten wir die Upper Falls. Hier schoss ein kräftiger Flussarm über eine imposante Stufe und stürzte in ein breites Bassin, von dem aus, das Wasser wieder gemütlich weiterfloss. Ein paar andere Wanderer waren dort bereits angekommen und standen hüfthoch im Wasser.
»Wir müssen da aber nicht rein?« Erkundigte sich Lennon besorgt.
»Wir müssten nicht«, erwiderte ich schmunzelnd, »aber wir werden. Du bist ja nicht aus Zucker.«
Aline meldete sich zu Wort.
»Joe, ich glaube nicht, dass wir, bei egal wem, eine Nierenentzündung riskieren sollten.«
Zu meiner Überraschung unterstützte mich Hope.
»Ich glaube, dass das gut wird. Es ist warm. Wir können Kleider wechseln und Joe hat sicher einen Grund, weshalb wir hier, vom Wanderweg, ins Flussbett wechseln.«
Ich nickte.
»Den habe ich.«
Von den Upper Falls folgten wir dem Flussbett, manchmal trocken, manchmal bis zur Hüfte im Wasser, über zwei Stunden, bis zu den Lower Falls.
Je näher wir denen kamen, um so besser verstanden die anderen, weshalb ich den Weg hatte wechseln wollen.
Blieb man auf dem Wanderweg, lief man die Strecke parallel zum Fluss und sah jeweils von oben auf die Wasserfälle. Wechselte man hingegen ins Flussbett, folgte man dem Wasser durch eine zunehmend enger werdende Klamm, die stellenweise so eng wurde, dass man nur noch zu zweit oder dritt, nebeneinander laufen konnte. Meter hoch streckten sich die bemoosten Felswände über einen, bis hoch zum Himmel, wo die Wolken, fern vorüberzogen und sich Bäume fragend hinab in die Tiefe neigten.
Es roch frisch nach feuchtem Felsen und das Spiel, zwischen Licht und Schatten, wenn die Schlucht breiter und enger wurde, faszinierte uns alle vier.
Erschöpft, aber glücklich erreichten wir, um die Mittagszeit, einen Rastplatz, wo wir in Ruhe unseren Proviant verspeisen konnten.
Als wir gegessen hatten, meinte Lennon: »Und wir müssen tatsächlich, den ganzen, weiten Weg zurück?«
Ich nickte aufmunternd.
»Ja, aber wir nehmen den Wanderweg, der ist schneller und bequemer. Hat es dir nicht gefallen?«
Er strahlte.
»Doch, doch, das war total cool, aber die Füße tun mir trotzdem weh.«
»Die können sich heute Abend, bei Chili und Baked Beans, am Lagerfeuer erholen.«
»Das klingt gut.« Meinte er und sah einen Moment völlig zufrieden aus. Als sei er dort angelangt, wo das Leben sich, ohne Weiteres, richtig anfühlt.

06/21 PGF

Indigo (15)

15.

»Wieso trinkst du eigentlich so viel?« Fragte Lennon plötzlich, als ich, zum Nachtisch, meinen Becher erneut mit Bourbon füllte.
Ich zögerte einen Moment, wie es Menschen tun, die wissen, dass sie ein Problem haben, aber das selbst klären möchten und sich schämen, wenn sie ertappt werden.
»Findest du?« Entgegnete ich. »An so einem schönen Abend, im Wald, beim Feuer, ist ein Bourbon ein Genuss. Also, ab einem gewissen Alter.«
Ich spürte den Blick der beiden Frauen, die Lennons kritische Neugierde, wohlwollend verfolgten.
»Und, wieso ab einem gewissen Alter?«
Ich nahm den gefüllten Becher, in beide Hände.
»Mit dem Älter werden, werden die Sinne etwas stumpfer und man beginnt, an herben Genüssen Gefallen zu finden: reifem Käse, reifen Frauen, reifem Wein. Weißt du Junge, mit den Jahren werden nicht nur die Haare grau, sondern auch das Herz. Und diese bernsteinfarbene Flüssigkeit, die ist ein wenig, wie Sonnenlicht, welches die grauen Stellen überdeckt.«
»Aber trinkt man nicht, um betrunken zu werden?«
Im Feuer knackte ein Harzeinschluss und ein paar Funken stieben in den Nachthimmel.
»Das weiß ich nicht. Ich trinke, weil es, wie eine Belohnung ist. Den Tag über halte ich meine Gedanken klar und erledige, was es zu tun gibt, aber am Abend – weißt du, es entspannt mich. Ich will nicht betrunken werden. Vielleicht ein bisschen vergessen, ein bisschen leichter in den Gedanken werden. Aber nicht mehr.«
»Dafür musst du aber ganz schön viele Becher trinken.«
Er dachte nach.
»Vielleicht versteht ihr uns deshalb so wenig?«
»Wen meinst du?«
»Na, ihr Erwachsene. Ihr habt so viele Belohnungen, die ihr euch gönnt: Du den Whiskey, meine Mum manchmal ein Glas Wein, manchmal etwas was sie Prosecco nennt. Ihr schaut fern so lange ihr wollt. Ihr kocht und esst, was euch gefällt. Ihr seid am Handy, wenn ihr Lust habt und, wenn euch die Welt zu eng wird, trinkt ihr becherweise Whiskey. Wir Kinder können das nicht. Wir müssen alles nüchtern aushalten. Die Welt, also die Welt, die ihr macht und in die wir hineinwachsen müssen: ihr könnt sie, wenn ihr wollt vergessen. Aber wir müssen aushalten, alles zu sehen und zu fühlen, was schief geht.«
Okay, dachte ich, jetzt habe ich eine Idee, was Hope, mit Indigo-Kindern meint. Obwohl ich immer noch dachte, dass vermutlich alle Kinder so fühlten, wenn man sie nicht kaputt machte und indoktrinierte.
»Dafür, würde ich sagen, spielt ihr sehr viel. Das ist euer Weg zu vergessen.«
Ich nahm einen Schluck aus dem Becher. Mein Argument war Unfug, im Spiel war der Mensch unschuldig, zu spielen war nicht das Problem. Aber ich nahm es trotzdem nicht zurück.
Sehr ernst antwortete Lennon: »Wir spielen, weil wir wissen, dass unsere Zukunft keine Zukunft hat. Wir versuchen uns abzulenken, vor dem was uns erwartet.«
»Aber ihr müsst doch ein Leben leben, ehe – du weißt schon -«.
Hope sah angespannt nach Lennon.
Aline nach mir.
Langsam wurde den beiden Frauen, die Stimmung zu schwer, für einen gemütlichen Campingabend.
Aber Lennon war noch nicht fertig, mit seinen Überlegungen.
»Du meinst, ehe Ende kommt? Warum sollte ich Angst vor dem Tod haben? Das passiert! Egal was ich tue. Also stelle ich mich darauf ein. Der Tod ist nicht mein Problem. Was aus der Welt und dem Leben geworden ist, dass was ihr uns übergebt, dass worin wir zurechtkommen sollen, bis zum Ende, das macht mir Angst. Deshalb spiele ich. Im Spiel habe ich Kontrolle über die Dinge. Im Spiel kann ich mich hoch leveln und die Welt retten. Im Leben – da kann ich nur Miss Dorset, mit meinen Ergebnissen beeindrucken.«
Aline schaltete sich ein.
»So sollst du es nicht sehen. Gerade deshalb bilden wir dich doch aus, damit du die Welt zu einem besseren Platz machen kannst!«
Lennon schüttelte missmutig den Kopf.
»Indem ich Kampfeinheiten optimal steuere?«
»Nein, in dem du den Frieden verteidigst!«
»Stopp!«
Wir verstummten und sahen nach Hope, die den Befehl gegeben hatte und streng in die Runde sah.
»Ich will, dass wir das Thema wechseln. Wir haben hier einen schönen Abend beim Grillen. Ich will nicht darüber reden, ob Lennon stirbt. Er hat recht, Joe, du trinkst zu viel. Mag noch jemand Vanille-Pancakes?«
Das ist auch eine Gabe, dachte ich, immer in der Ebene bleiben und die kalten Gipfel ignorieren.
»Wenn ich dazu noch einen Becher Bourbon -.«
»Joe!« Ermahnte mich Aline.
»In Ordnung. Ist ja gut.«
Ich leerte meinen Becher ins Feuer, wo die Flüssigkeit kurz aufflammte, zischte und sich dann in einer flüchtigen, aromatischen Wolke auflöste.
Lennon nickte zufrieden.
Und ich begann die Leere und die Fragen zu fühlen, die man fühlt, wenn man sie nicht mit Bourbon hinunterspült, während das Dunkel die Welt umfängt und die Blätter im Wind zittern.

06/21 PGF

Indigo (14)

14.

Am Freitag war ich bereits um halb vier am Haus. Lennon und Hope warteten, in der Auffahrt, im Schatten einiger Bäume. Aline war am Kofferraum des Wagens beschäftigt. Es sah aus, als würde sie Platz schaffen wollen.
Als das Taxi, mit dem ich an diesem Nachmittag kam, vor der Auffahrt parkte, sahen alle Drei zu mir herüber. Ich zahlte den Fahrer und gab ihm, ein ordentliches Trinkgeld, welches auf Crunchys Spesenkonto gehen würde.
»Helfen Sie mir noch beim Ausladen?« Fragte ich rhetorisch.
»Klar.« Meinte er, mit Blick auf die Dollarschein, die ich ihm nach vorne gereicht hatte.
Die Drei kamen näher.
»Sollen wir helfen?« Fragte Hope.
Lennon versuchte neugierig zu erkennen, was ich und der Fahrer aus dem Kofferraum hoben.
Aline wartete ab.
Als der Kofferraum leer war, verabschiedete sich der Taxifahrer und düste davon.
Lennon stand neben mir.
»Was ist denn in den Taschen?« Drängte er zu wissen.
Ich gönnte mir noch einen Moment Vorspannung.
Dann verkündete ich: »Zelte! Rucksäcke! Wir gehen zwei Tage zum Zelten.«
Lennon stieß einen Jubelschrei aus.
»Cool! Mit Lagerfeuer, grillen und allem?«
»Yep!«
Fast physisch spürte ich Dorsets bohrenden Blick.
Ich drehte mich zu ihr.
»Ist ganz in der Nähe. Beim »Oneonta Gorge«, den wir morgen erkunden. Wenn ihr den Mut habt. Ich hoffe, ihr kennt das noch nicht.«
Hope schüttelte den Kopf.
»Nein, wir kennen hier fast gar nix. Wir sind erst seit einem halben Jahr hier. Wir kommen«, sie warf einen fragenden Blick in Richtung Aline, ob sie reden durfte, wartete aber die Reaktion nicht ab, »eigentlich aus Kalifornien. Aus der Nähe von Del Mar, falls du es kennst.«
Ich erinnerte mich, dass Crunchy dort eine Villa hatte.
»Hab schon von gehört. Sollen wir los. Damit die Zelte stehen ehe es dunkel wird?«
Die Fahrt war kurz. Es war über den VVM Highway knapp eine Viertelstunde. Ehe wir auf den Historic Colombia River Highway wechselten, von dem ein Feldweg ins Inland abzweigte.
»Bist du sicher, dass wir richtig sind.« Hakte Aline nach, bei der ich noch nicht sicher war, ob sie mit dem Ziel leben konnte. Näher, als beim letzten Mal, war es definitiv.
»Ja, ja, wir müssen hoch zur Grenze vom Oneonta Creek und dem Bell Creek. Da ist eine schöne Lichtung, wo wir die Zelte aufschlagen und grillen können. Morgen früh erkunden wir dann die Schlucht.«
Wir holperten den Weg hinauf zu der Lichtung, die ich beschrieben hatte und kamen noch so rechtzeitig an, dass wir ihn Ruhe die Zelte aufstellen und die Schlafsäcke verteilen konnten. Hope und Lennon hatten ein gemeinsames Zelt, Aline und ich, jeder ein eigenes.
Während die Frauen die Zelte aufbauten, sammelte ich mit Lennon Holz und bildete, mit zwei Dutzend großen Steinen, einen Kreis für ein Lagerfeuer. Auf der Fahrt hatte ich Hope darauf vorbereitet, dass es an diesem Abend Steaks geben würde.
»Von fröhlichen Bio-Rindern«, wie ich sie versicherte, ohne, dass sie das witzig fand.
Als die Dämmerung begann, standen die Zelte, das Lagerfeuer loderte und brannte langsam zu einer brauchbaren Glut herunter. Wir hatten vier Baumstämme heran gerollt, damit jeder einen ordentlichen Sitzplatz hatte.
Für Getränke und Lebensmittel, neben den Steaks, hatte Hope gesorgt, ebenso für Geschirr, Becher und Gläser.
Die Vögel zwitscherten, während ich das Essen, für das Feuer vorbereitet. Zu den Steaks waren Folienkartoffeln und Quark geplant. Als Vorspeise hatte Hope eine Avocado-Creme gezaubert, die wir zu Taco-Chips aßen.
»Den Nachtisch verrate ich noch nicht.« Erklärte sie, mit einem Blick, der Nachfragen verbot.
Über die Welt senkte sich die Nacht, wie ein Geheimnis, das man fühlt und nicht erklären kann. Ich nahm eine Flasche Bourbon aus meinem Rucksack und begann meinen Becher zu füllen.

06/21 PGF

Indigo (13)

13.

Vermutlich war es keine gute Idee mit Aline zu schlafen. Aber wir waren Profis, wie wir uns beim Abschied im Morgengrauen bestätigten. Das war etwas rein Physisches, als hätte einer von uns, einen verspannten Muskel gehabt und der andere habe nur mal etwas für die Lockerung getan.
Im Kontext meiner Mission half mir das, aber gegenüber Beth blieb ein Gefühl zurück, als hätte ich sie betrogen.
Den Sonntag verbrachte ich bei Hope und Lennon.
Ich ließ mir, von dem Jungen, vorstellen was, bei den Computerspielen, seine Stärken waren, während mich Hope mit vegetarischen und biodynamischen Lebensmitteln versorgte, als wolle sie eine Ayurveda-Reinigung mit mir durchführen.
Am Ende des Wochenendes war ich überraschend zufrieden. Ich hatte einen schönen Ausflug, einen schönen Abend, erfüllenden Sex, einen gemütlichen Sonntag hinter mir und vor mir lag eine Woche, in der ich Ausflüge planen konnte und mich weitgehend ungebunden, auf das nächste Wochenende vorbereiten.
Ein wenig, ging es mir, wie einem Dad nach der Scheidung, der sich in seine Situation eingefunden hat und seine Kinder am Wochenende sieht, während er unter der Woche, wieder Junggeselle sein kann.
Bereits am Montag merkte ich, dass die Vorstellung angenehmer seiner mochte, als die Realität. Der Tag zog sich inhaltslos hin, da ich keine Recherche mehr betreiben musste und es unmittelbar, für meinen Auftrag, nichts zu tun gab. Den Abend verbrachte ich in einer der Bars von Portland, was in Abwesenheit von Aline weniger unterhaltsam war. Eisern blieb ich, mich nicht bei ihr zu melden und auch sie schien es, bei unserem One-Night-Stand, belassen zu wollen.
So ging es bis Mittwoch. Dann entschloss ich mich zu einem Besuch bei Lennon. Ich hatte Aline zwar versprochen ihn, unter der Woche, seine Missionen für die Army abschließen zu lassen. Aber was sollte dagegensprechen, mal auf einen Kaffee vorbeizukommen.
Hope begrüßte mich herzlich, als ich um kurz nach vier, vor Ihrer Tür stand.
»Wollte mal sehen, ob es zufällig Kaffee gibt.«
»Ja, komm doch rein.«
Sie drehte den Kopf nach hinten.
»Lennon«, rief sie, »Joe ist hier.«
Er antwortete nicht, stand aber keine 30 Sekunden später im Wohnzimmer.
»Hallo Joe.« Auch er wirkte froh mich zu sehen. »Geht es mit dem Ausflug schon los?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein. Aber wir starten dieses Mal schon am Freitag und bleiben zwei Nächte.«
»Cool!«, freute er sich. »Und wohin fahren wir?«
»He! Keinen Bock mehr auf Überraschungen?«
»Doch! Klar! Wenn es so cool ist, wie Thors Well. Ich habe mir noch einige Videos bei Youtube angesehen.«
Doch für was gut, dachte ich.
»Nun, ich hoffe. Aber lass dich überraschen. Was machst du gerade?«
»Ich habe meinen Strategie-Prüfungsteil abgeschlossen.«
»Und?«
»Bestanden. Jetzt kommen Shooter, für Reaktion und Orientierung dran.«
»Und was steht auf dem Programm? Damit ich dir, vielleicht auch mit Hilfe von YouTube-Videos, besser folgen kann.«
»Es gibt zwei Spiele: »Call of Duty«. Da ist meine Mum gar nicht glücklich, weil das eigentlich erst am 18 ist. Aber es ist für die Steuerung taktischer Einheiten perfekt geeignet. Und der 2. Teil von »Titanfall«. Das finde ich echt cool. Man steuert einen Kampfroboter. Ich könnte mir vorstellen, dass das es die, in ein, zwei Jahrzehnten tatsächlich gibt und die im Bodeneinsatz, neben Kampfdrohnen, verwendet werden.«
Ich war geschockt, mit welchen Bildern sich Lennon bereits beschäftigte. Ließ es mir aber nicht anmerken.
»Und das gehört alles, zu deinem Training? Würdest du nicht lieber etwas anderes spielen?«
»Wenn ich Zeit habe, spiele ich manchmal ein polnisches Spiel »The Witcher 3« von einem Monsterjäger, den man auf seinen Abenteuern begleitet.«
Das klang für mich nicht besser.
»Die Geschichte beruht auf einer sehr erfolgreichen Fantasy-Reihe, eines polnischen Autors. Eigentlich eher für Erwachsene. Aber tolle Graphik und tolle Kämpfe.«
»Kannst du mir ja bei Gelegenheit mal zeigen.«
Er strahlte.
»Ja, vielleicht Sonntagabend, nach unserem Ausflug.«
»Abgemacht.«
Wir gaben uns die Hand darauf, als hätten wir einen großen Deal abgeschlossen.
»Bleibst du noch ein wenig?«
Ich dachte an die Abmachung mit Aline.
»Nein, sorry. Ich muss wieder los. Aber wir sehen uns am Freitag. Gegen vier bin ich da.«
»Das wird bestimmt aufregend.« Freute sich Lennon und sollte auf eine unerwartete Art Recht behalten.

06/21 PGF

Indigo (12)

12.

Wir blieben eine gute Stunde am Thors Well, bis die Flut kam. Ich überließ es Dorset Lennons Fragen zu beantworten, während wir auf dem Weg zurück zum Wagen waren. Sie erzählte ihm, was sie von mir, über die eingestürzte Höhle erfahren hatte und ich war beeindruckt, über ihre rasche Auffassungsgabe.
Wir fuhren zurück nach Yachats, nahmen jeder noch einen Kaffee und ich einen doppelten Whiskey, zu uns und machten uns dann auf den Rückweg nach Corbett, wo wir gegen 9 am Abend ankamen.
Es dämmerte bereits, als wir das Haus von Hope und Lennon erreichten.
Die beiden stiegen aus und ich öffnete die Beifahrertür, um mich auf den Weg zum Bus zu machen.
»Soll ich dich zu deinem Hotel bringen?« Fragte Aline.
»Kein Problem, ich kann auch den Bus -«.
»Ist kein Umweg für mich.«
»Ja, dann – gerne!«
Wir verabschiedeten uns von den beiden anderen und Dorset fuhr auf die Straße Richtung Portland auf.
Wir schwiegen eine Weile.
»Das nächste Mal nicht wieder so weit.« Sagte Sie plötzlich.
Ich sah zu ihr, ihre Züge schimmerten im Abendlicht.
»Ja, okay. Zu anstrengend?«
Sie schüttelte den Kopf, wie jemand der mehr sagen möchte, aber nicht mehr sagen kann.
»Nein, es war schön. Auch für Lennon. Aber -.«
Sie kämpfte.
»Du ahnst nicht die Gefahr in der er sich befindet, wenn er außerhalb dieses Hauses ist. Meine Vorgesetzten haben diesem Ausflug nur zugestimmt, wenn ich dabei bin und, um Hope nicht gegen uns aufzubringen. Klug war das nicht.«
»Sind die beiden in einer Art Zeugenschutz-Programm?«
»Ich kann darüber nicht reden.«
»Ich könnte helfen.«
»Ich kann – darüber – nicht reden! Okay?«
»In Ordnung. Ich finde auch was näher Liegendes.«
Sie nickte und konzentrierte sich wieder auf die Fahrt.
»Noch Lust auf einen Drink?«
Ich fragte, ohne zu wissen, weshalb ich fragte. Manchmal überrumpelte mich meine Spontanität.
Zu meiner Überraschung sagte sie: »Ja. Das könnte guttun. Ich brauche noch etwas Entspannung. Mein Hotelzimmer ist keine verlockende Alternative.«
»Du wohnst nicht hier?«
»Nein, ich komme aus Seattle. Im Moment wohne ich dort, wo ich gerade benötigt werde. Meist in Apartments, die ich gestellt bekomme, aber hier stand keines zur Verfügung. Deshalb bin ich in einem Hotel, in der Nähe des Flughafens untergekommen.«
»Dann wären wir ja fast Nachbarn geworden. Sollen wir nochmal in die Bar, vom letzten Mal?«
»Ja. Gerne! Habe keine Lust, groß zu suchen.«
Die »Distillery Bar« hatte am Samstag länger offen und war deutlich besser besucht. Als wir eintraten war der Laden fast bis auf den letzten Tisch gefüllt. Nur der 2er-Tisch am Fenster war noch frei. Dort setzten wir uns hin. Wie ein junges, frisch verliebtes Paar.
Ich dachte an Beth, aber das nutzte nichts. Sie brauchte Zeit und ich war hier mit Aline, die Zeit hatte.
»Was hast du beim letzten Mal getrunken?«
»Eine Nikka, einen japanischen Whiskey.«
Ich winkte dem Kellner.
»Wir hätten gerne zwei doppelte Nikka und zweimal Soda.«
Der Kellner nickte und ging zum nächsten Tisch.
Wir blieben zurück.
Und gingen die Nacht, nicht getrennt, zurück ins Hotel.

06/21 PGF

Indigo (11)

11.

Das Lokal war eine gute Wahl. Jeder von uns fand etwas, das ihm schmeckte. Ich entschied mich für Steak, die Frauen für Meeresfrüchte und Lennon erhielt Fingerfood mit leckeren Dips.
Die Stimmung war locker. Ich hielt mich zurück, Aline zu verärgern, in dem ich weder ihre Aufgaben oder Anwesenheit ansprach und Hope plauderte unablässig über Chancen für den Weltfrieden, Gewaltfreiheit durch vegetarische Ernährung und Lennons Zukunft, die in den Händen von Indigo-Kindern, wie ihm lag.
»Die Generation Indigo, wird ein neues Bewusstsein auf der Welt implementieren. Diese Kinder wissen um ihre Besonderheit und werden sich allen autoritären Strukturen widersetzen. Sie sind etwas ganz Besonderes.«
Das ist dann, ein spannender Start, dachte ich, für ein Indigo-Kind, wie Lennon, seine Karriere bei der Army zu beginnen, wenn das Ziel ist, sich autoritären Strukturen zu widersetzen. Aber ich sagte es nicht.
Ohne Absicht, zu diskutieren, warf ich ein: »Tragen nicht alle Kinder unsere Zukunft in sich? Ich meine, weshalb müssen einige »besonderer« sein?«
Hope reizte meine Bemerkung.
Etwas zickig gab sie zurück: »Weil auch nicht alle Blumen auf der Wiese gleich sind. Manche sind schöner, manche sind schlichter. Indigo-Kinder haben eine ganz andere Aura, indigofarben, die sie von anderen unterscheidet.«
»Sagt?«
»Nancy Ann Tappe. Sie hat diese Veränderung bemerkt?«
»Weil sie die Aura sehen konnte?«
»Ja.«
»Bei allen Kindern der Welt?«
»Ja.«
»Schon mal vom Barnum-Effekt gehört?«
Hope war irritiert.
»Ist das ein Farbeffekt.«
»Nein, Mama«, schaltete sich Lennon ein, »das ist der Effekt, dass man sich einbildet, etwas trifft auf einen zu, weil es so vage formuliert ist, dass es immer zutreffen kann. Man übernimmt es, wenn man sich wünscht, dass es zutrifft, weil damit das eigene Weltbild verstärkt wird.«
Hope betrachtete strahlend ihren Sohn.
Ich ahnte, dass sie gerade einen weiteren Beleg seiner Indigo-Identität entdeckt zu haben glaubte.
»Woher weißt du das?«
»Ich habe gegoogelt.«
Lennon warf mir einen Blick zu, der sagte »ich weiß nämlich was hier schiefläuft.«
Hope sah in die Runde.
»Seht ihr: Sie warten nicht auf Lehre. Diese Kinder lehren!«
Um die Stimmung nicht zu verderben nickte ich und schwieg.
Nachdem Dessert machten wir uns auf den Weg zum Thors Well. Das lag, mit dem Auto, noch einmal 6 Minuten südlich von Yachats und war profan gesagt, nicht mehr als ein Lock im Boden. Nur das in diesem Loch das Meer verschwand.
Wir stellten unseren Wagen auf einem nahen Parkplatz ab und gingen dann zu der großen, runden Felsenöffnung, am Rand der Felsenküste, in der das Meer, wie in einem Abfluss zu verschwinden schien.
»Wow! Sieht das cool aus!« Rief Lennon begeistert, als er die Öffnung entdeckte und rannte so nah, zu der Stelle, wie man konnte, ohne hineinzufallen.
»Pass auf!« Rief Hope besorgt.
Wir trabten hinterher.
Hope merkte ich in erster Linie die Sorge an, Lennon könnte in das gewaltige Loch fallen. Aber Aline war ebenfalls fasziniert.
»Beeindruckend.« Sagte sie. Wir blieben ein Stück zurück. »Gut ausgewählt.«
»Danke.« Erwiderte ich.
»Weiß man, wie das funktioniert?«
»Es handelt sich vermutlich, um die eingestürzte Decke einer großen Höhle, die sich darunter befindet. Das Wasser versinkt in diesem Hohlraum, der unterirdischen keinen Gegendruck bekommt. Deshalb fließt das Wasser nur ab und wird nicht nach oben gepresst. Es ist aber ein knappes Zeitfenster von zwei Stunden, ehe die Flut kommt und das Schauspiel beendet.«
Ich beobachtete Lennon, der gebremst von Hope, die Öffnung, aus jeder denkbaren Richtung begutachtete. Besser, als jede virtuelle Welt, dachte ich.
Ich bedauerte seine Generation, die mehr und mehr um ihr Erleben gebracht wurde. Die in Großstadt-Hochhäuser Wirklichkeiten nachspielte, die real zu erleben, ihr nicht mehr möglich war. Meine Kindheit war nicht so strahlend gewesen, dass ich sie jedem Kind gewünscht hätte. Aber ich hatte im Frühjahr Wälder erkundet, im Sommer Staudämme gebaut, im Herbst Beeren gesammelt und im Winter Schneeballschlachten gefochten. Ich hatte geschmeckt und gerochen und gefühlt, was Leben ist. Ich fand es sehr schön zu sehen, dass Lennon dies, in diesem Moment ebenfalls tat.
Seine Augen leuchteten.

06/21 PGF

Indigo (10)

10.

Den Freitag besuchte ich Lennon nicht und ließ ihn Miss Dorsets Aufgaben erledigen. Pünktlich um 8.00 am Samstagmorgen, kam ich, wie vereinbart, um unseren Ausflug zu starten.
Hope war dabei den Proviant zusammenzustellen und Lennon war noch beim Zähneputzen, während Miss Dorset den schwarzen Jeep Cherokee inspizierte, der uns, wie sie mir erklärte, von der Army zur Verfügung gestellt wurde.
»Sie scheinen ja, im Ankündigen besser zu sein, als beim Machen. Wir stellen die Mittel für das was wir anbieten.«
Ich ignorierte die Bemerkung.
»Ist das ein »Night Eagle«?«
»Nein ein »Trailhawk«. Ich wusste ja nicht, wohin Sie uns bringen wollen.«
»Kommt noch. Bei der Gelegenheit: Wollen Sie mir nicht Ihren Vornamen verraten. Miss Dorset klingt, wie soll ich sagen -«.
»Altmodisch.«
»Wenn Sie es sagen.«
»Aline.«
»Aline Dorset. Ja das klingt besser. Ich bin -«.
»Joe. Ich weiß. Sie geizen nicht mit ihrem Vornamen.«
In diesem Moment erschienen Lennon und Hope vor dem Haus.
»Wir sind so weit.« Rief Hope und schaukelte eine Kühlbox neben sich.
Lennon trug einen Rucksack, aus dem ein Bündel Kabel heraushing, dass ihn vermutlich mit seinem Tablet verband.
»Schön, dann alle in die Kiste.« Verkündete Aline und setzte sich auf den Fahrersitz.
Ich nahm den Beifahrersitz.
»Und, worauf soll ich das Navi einrichten?«
»Yachats.«
Sie gab den Ort ein.
»Gute drei Stunden. Wir müssen durch Portland. Dann können wir vor Tigard nach Westen und das letzte Stück die Küste entlang oder wir halten uns Richtung Tigard nach Süden. Haben in Salem allerdings eine Baustelle. Kurz nach Albany geht es dann zur Küste.«
»Nehmen wir die, am Ende dürfte es, über die Interstate immer kürzer sein.«
Damit begann die Fahrt.
Dorset konzentrierte sich auf die Strecke und Hope versuchte, sich im Rückraum mit Lennon zu unterhalten, der aber lieber mit seinem Tablet beschäftigt war.
Der erste Teil der Strecke bis Wilsonville führte uns durchgängig durch das Stadtgebiet von Portland. Dann lockerte sich die Besiedlung, für eine Weile. Von Woodburn, säumten durchgängig, bis nach Salem, Wälder die Strecke. In Salem mussten wir wieder ein gutes Stück durch Stadtgebiet, hatten aber Glück an der Baustelle, an der sich gerade kein Stau bildete. Kurz nach Albany wechselten wir in Richtung der US-20, die uns durch Corvalis führte.
Danach wurde das Land wieder weit und grün. Im Süden lag ein großer Tierpark und im Norden nur vereinzelte kleine Städte.
Gegen 11.00 erreichten wir Newport, an der Pazifikküste. Jetzt führte die Straße nach Süden. Über Holiday Beach, Seal Rock, Bayshore, bis schließlich nach Yachats, dass wir um halb 12 erreichten.
Der Ort war klein, kaum 700 Einwohner, galt aber, als eine der attraktivsten Kleinstädte der USA mit gewaltigem Tourismuspotential. Weshalb es unverhältnismäßig viele Restaurants und Hotels gab.
»Na! Irgendjemand Hunger?« Fragte ich, in Erwartung ein Restaurant aufzusuchen.
»Ich habe doch die Lunchbox dabei.« Erinnerte Hope.
»Gibt es irgendwo Pizza?« Wollte Lennon wissen.
Dorset bremste ab.
»Ja«, erklärte sie, »ich habe Hunger.« Sie zeigte über das Lenkrad nach vorne rechts. »Das sieht gut aus.«
Sie lenkte den Wagen zum Parkplatz des »Adobe Restaurant and Lounge«.
So kann man auch entscheiden, dachte ich.
»Sind wir deshalb hierhergefahren? Um Mittag zu essen?« Hakte Lennon missmutig nach.
»Nein.« Beruhigte ich. »Keine Sorge.«
»Und wo geht es hin?«
»Zum »Thors Well«. Direkt nach dem Essen, versprochen!«

06/21 PGF

Indigo (9)

9.

Da ich der Technik nicht mehr, als einen Etappensieg gönnte, machte ich mich, nach zwei Kaffee und einem viel zu süßen Donat, erneut an die Arbeit.
Ich startete den Laptop.
Stellte zufrieden fest, dass der Download abgeschlossen war.
Startete das Spiel.
Genoss den imposant in Szene gesetzten Vorspann.
Gelangte in ein so genanntes Tutorial und – fühlte mich dreißig Jahre zurückversetzt, in einen langweiligen Dia-Abend, denn es schien, als würde der Rechner Ewigkeiten benötigen, um jedes Bild einzeln zur Verfügung zu stellen.
So ruckelte ich mich durch die 1. Schlacht, durch die ich die Spielmechanik verstehen lernen sollte, verlor gnadenlos und knallte den Laptop zu.
Okay, der Plan würde also nicht sein, Lennon, von unserem gemeinsamen Hobby zu überzeugen, sondern ihn bescheiden darum zu bitten, mir zu erklären, wie die Sache überhaupt funktionierte.
Zu Lennon und Hopes Wohnung, nahm ich, wie die letzten Tage den Bus.
Hope schien erfreut mich zu sehen, aber es entsprach schlicht ihrem Habitus, zu allen Menschen nett zu sein. Vielleicht machte sie mir dies, ein wenig langweilig. Denn im Morgenlicht betrachtet, mit ihrem Lächeln und den schönen Zeiten, dem hübschen, luftigen Hippiekleid, welches sie trug, den schönen dunkelblonden Locken, war sie ein attraktiver Anblick, aber nicht für mich. Was vermutlich einer meiner Fehler war.
Sie bat mich herein und fragte: »Haben Sie schon gefrühstückt, Joe?«
Ich zeigte auf meine Laptop-Tasche.
»Nicht wirklich. Das Ding hat mich beschäftigt. Zu mehr als Kaffee und einem Donat, hat es nicht gereicht.«
»Sehr schön. Dann frühstücken Sie doch mit uns. Es gibt Blaubeer-Pfannkuchen und Acai-Früchte-Smoothie und zum Wachwerden einen Sencha.«
Ich nickte zu allem unwissend, dass der Pfannkuchen aus Vollkornmehl bestand und der Smoothie auf Hafermilch basierte. »Wegen den Nährwerten.« Wie Hope mir erklärte, während ich aß.
Beim Frühstücken sprachen wir wenig. Lennon zeigte sich nachdenklich, wie er immer erschien und Hope konzentrierte sich darauf jeden Bissen 30mal zu kauen, weil das gut für die Verdauung war, wie ich erfuhr.
Weil sie merkte, dass mich das alles (Bio-Zutaten, Kauen mit Nachzählen und Bio-Milch frisch aus dem Euter), irritierte und amüsierte, erklärte sie, während wir unseren Grüntee schlürften: »Wissen Sie, Joe: vielleicht hätte ich, ohne das Geld der Army, gar nicht die Zeit, auf unsere bewusste Ernährung und auf die Art, wie die Lebensmittel hergestellt werden, zu achten. Aber da ich es kann, tue ich es. »Stay clean and healthy and you allways be happy«, hat meine Großmutter immer gesagt. Und ganz ehrlich: ich finde man merkt es Menschen an: so lieblos, wie sie mit sich umgehen, gehen sie auch mit anderen um.«
Ja Hope, dachte ich, dafür bin ich ein schillerndes Beispiel, im negativen Sinn …
Nach einem frischen Orangensaft, als abschließendem Vitamin C-Booster folgte ich Lennon in sein Zimmer.
In Abwesenheit seiner Mutter wurde er plötzlich gesprächiger. Das verwunderte mich nicht. Das war der natürliche Prozess, dass die Anwesenheit der Eltern einem irgendwann blockierte, damit man sie loswerden wollte und den Schmerz vergaß, den es bedeutete, sie zu verlieren. Falls es ein Schmerz war.
»Wundert mich, dass Sie heute schon kommen. Ich dachte, unsere Zeiten wären nur am Wochenende.«
»Stimmt, so ist es geplant. Aber ich wollte mich gestern ein wenig einarbeiten, in das was du tust. Ich habe, über den »Steam-Store«, »Rome« heruntergeladen, aber es nicht zum Laufen gebracht.«
»Auf dem Laptop?«
»Ja.«
»Kein Wunder, da fehlt die Hardware. Wissen Sie was für eine Graphikkarte ihr Laptop hat?«
»Junge, ich weiß nicht mal was das ist.«
Er schüttelte den Kopf, als sei ich ein hoffnungsloser Fall.
»Mit dem Teil entstehen die hübschen Bilder auf dem Bildschirm. Ist, wie das Sehzentrum, in ihrem Gehirn. Mit ´nem Laptop können Sie eigentlich nur Online Games zocken, wenn es nicht so ein High-End-Gerät für 4000,- Dollar ist.«
»Heißt?«
»Wenn Sie mal zocken wollen, müssen Sie die High-End-Lösung nutzen, die mir die Army zur Verfügung stellt. Aber das ist aktuell nicht möglich. Während der Prüfungszeiten, wird 24 Stunden, 7 Tage die Woche aufgezeichnet, was ich tue. Sie würden mir meine Awards kaputt machen.«
»Was immer das ist.«
»Was wäre eigentlich meine Aufgabe bei euch?«
Ich brauchte einen Moment für den Themenwechsel.
»Bei uns – ach so! Die Frage musst du meinem Boss stellen«, ich nannte bewusst keinen Namen, »wenn ihr euch kennenlernt. Ich habe mit dem Kerngeschäft nichts zu tun.«
Das schien ihn nicht zu verwundern.
»Du siehst auch«, er stockte. »Ist es okay, wenn ich du sage?«
»Sicher.«
» … nicht, nach einem IT-Spezialisten aus. Eher nach einem der Söldner, in deren Rolle ich, bei den Shootern schlüpfe.«
»Das nehme ich als Kompliment.«
Lennon bestätigte das nicht.
»Und für das Wochenende?«
»Steht eine Fahrt an den Pazifik an.«
»Und wohin?«
»In die Nähe von Yachats. Mehr verrate ich nicht.«
Damit war er zufrieden.
»Okay. Willst du zusehen, wie das Spiel läuft, wenn man die passende Hardware hat?«
»Leg los! Ich bin gespannt.«

06/21 PGF

Indigo (8)

8.

Ich verabschiedete mich in mein Hotel und informierte Crunchy per Telefon, wie die Sache gelaufen war. Er war begeistert.
Ich war es nicht.
Lennon suchte unbewusst eine Vaterfigur, die ich ihm bieten sollte und Hope wollte doppelt abkassieren. Den Jungen verstand ich: Unter dem Einfluss seiner Mutter und Wachhund Dorset, war seine männliche Identität auf der Strecke geblieben. Von mir erhoffte er sich vermutlich ein Vorbild, wie man sich gegenüber Frauen abgrenzte und vor allem, wie man sich durchsetzte.
Das würde meine schwierigste Mission werden, dessen war ich sicher. Ich musste nicht nur dem Jungen gerecht werden, um ihn für mich zu gewinnen, sondern nebenbei verstehen, wie so ein Leben funktionierte, dass seine Routinen, seine hübschen, bunten Schleifchen hatte: mit Kaffee um Vier, Ausflüge am Wochenende und gemeinsames Abendessen um Sechs. Ein Leben das nicht fragwürdig war und jeden Moment ins Ungewisse fiel, wie meines, sondern eines, das Sinn hatte und Wärme.
Ich würde mit »Lass uns für den Frieden OM singen«- Hope ein bisschen Familie spielen, damit ich Dorset loswurde und mit Lennon, mich auf »Give the army no chance« eingrooven.
Allerdings – und das war die Rettung für meine Motivation – in diesem Fall, war die Situation nicht ganz normal. Es war Lennon, der sich Normalität wünschte: der mit Dad Baseball spielen und mit Mum Netflix sehen wollte, um am Wochenende mit beiden etwas zu unternehmen. Dieses »normal« gab es, in seinem Leben nicht. Dafür sorgte Miss Dorset, mit ihren Kontrollen, die Wohnung, die der Army gehörte und mein zwielichtiger Auftrag Crunchys Nichte in die Spur zu bringen, damit sein Großneffe keine Probleme bekam.
Ich würde bluffen und mitspielen und täuschen müssen, damit am Ende jeder bekam was er wollte, auch, wenn es vermutlich keinen zufriedenstellte. Für Lennon tat mir das leid, aber die größere Gefahr, für sein Seelenheil, drohte ihm, wenn er mit 25 als Drohnenkrieger, scheinbar saubere Kriege führte.
Um mich, auf meinen Auftrag vorzubereiten, entschloss ich mich, den Abend nicht, nach gewohntem Ritual, in einer Bar zu verbringen, sondern mich der Recherche von Ausflugszielen für das Wochenende zu widmen, welches unmittelbar vor uns lag. Und mich ein wenig näher mit dem zu beschäftigen, was Lennons größter Lebensinhalt war: Computerspiele.
Mit meinem Laptop auf den Oberschenkeln und einer Flasche Bourbon auf dem Nachtisch, begann ich meine Abendunterhaltung.
Ausflugsziele zu finden, war keine große Sache. Oregon bot eine Menge davon, unmittelbar in der Nähe von Portland oder zwei Stunden entfernt an der Pazifikküste. Nach nicht mal zwanzig Minuten, was zwei doppelten Bourbon entsprach, hatte ich genug Ziele, um die nächsten vier Wochenende mit Lennon, vielleicht seiner Mutter und bedauerlicherweise Dorset, gestalten zu können.
Die Army-Lady hatte an Anziehungskraft auf mich verloren. Egal, wie hübsch und attraktiv ein Mensch war, wenn er bissig und verbittert war, musste man schon an einem argen Helfersyndrom leiden, um darüber hinwegsehend, etwas Anziehendes, an einem solchen Menschen zu finden. Ich litt nicht am Bedürfnis, das verschüttete Gute in Dorset zu retten.
Der Versuch mir ein Bild über Computerspiele zu machen, erwies sich als weitaus schwieriger, als die Suche nach Ausflugszielen. Es gab Plattformen, wie ich erfuhr, es gab Multiplayer und Singleplayer, es gab Rollenspiele und Shooter und Dutzende Genre mehr, es gab Handyspiele, die auch Pc-Spiele sein konnten; und in greifbarer Nähe stand das Ziel, Spiele, wie Serien bei Netflix über jedes Endgerät nutzen zu können, während, wie ich nach und nach begriff, Spiele aktuell noch an Geräte gebunden waren.
Als nächstes verstand ich, dass es Spiele gab, die man, wie früher Musik auf CD´s erwerben konnte, dass es aber auch Spiele gab, die man nur digital besitzen konnte, wie ein Film, in der Prime-Bibliothek.
Ich nahm auch diese Erkenntnis tapfer und mit zur Hilfenahme der bis dahin halb leeren Flasche Bourbon, gelangte ich endlich zu einer ersten Idee, wie ich eines dieser Spiele ausprobieren konnte: über eine Plattform, die mir das Spiel, digital zur Verfügung stellte. Irgendwie stießen mich Online-Spiele ab. Ich hatte das Bedürfnis, die Sache, im Besitz zu haben und erstmal für mich allein auszukundschaften.
Nachdem ich mich durch klangvolle Namen, wie »Epic-Gamestore«, »EA«, »GoG« durchstöbert hatte, landete ich schließlich bei »Steam-Store«, der mir die größte Bandbreite an Spielen zu bieten schien und das am längsten etablierte Portfolie aufbot.
Damit endete, meine Fragen, aber nicht. Denn vor mir öffnete sich ein schier unendliches Spieleangebot, dass ich zum Glück nach Genre organisieren konnte, durch die ich mich, Schritt für Schritt kämpfte.
Von Lennon hatte ich die Begriffe »Shooter« und »Strategie« im Gedächtnis behalten.
Nach einer weiteren Stunde und der ¾-Flasche Bourbon entdeckte ich schließlich »Rome«, dass er mir gezeigt hatte.
Ich dachte, okay, das probiere ich bis morgen aus, dann kann ich vielleicht ein paar Pluspunkte sammeln. Ich legte den Artikel in meinen digitalen Warenkorb, leistete den Datenschutz-Offenbarungseid, den die Nutzungsbedingungen mir abforderten, gab die Daten meiner Kreditkarte preis, ohne zu wissen, ob damit nun die halbe Welt, auf meine Karte, einkaufen würde und erlebte dennoch ein unheimliches Glücksgefühl, als ich die Meldung erhielt, dass das Spiel nun mir gehörte und in meiner Spielebibliothek zu finden war.
Begeistert machte ich mich daran es zu starten und stellte entgeistert fest, dass es erst heruntergeladen werden musste. Was bei meiner Verbindung lasche acht Stunden dauern sollte. Ich versuchte vergeblich, den Start irgendwie vorzuziehen. Aber es nutzte nichts. Der Download war stur, wie ich und behielt sein Tempo bei.
Ich gab mich geschlagen. Sorgte dafür, dass vor Mitternacht die Flasche Bourbon leer war und legte mich schlafen.

06/21 PGF