Zaubern

Jetzt sind die Abende lang. Was zu tun war ist getan, eine neue Geschichte beginnen mag ich nicht und an einer aus der Schublade arbeiten lohnt sich nicht.
Der Anfang einer Geschichte ins Blaue, läge bereit, aber ihre Stimmung ist schwer und drückend und wo will man damit hin, wenn einer solchen Geschichte nicht ein trotziges Darum! innewohnt, um dessentwillen sie erzählt werden will.
Geschichten leben vom richtigen Moment und sie leben von der Abwechslung und Variation.
Corona ist ein schönes Beispiel, wie Menschen reagieren, wenn eine Geschichte zu lang wird, wenn sie das immer gleiche Thema endlos wiederholt und in jeder Figur sich das gleiche Drama abspielt. Der ein oder andere hat mehr Geduld oder er freut sich, sich in einem Thema festsetzen zu können. Auch Chaos mag Kontinuität besitzen, aber die meisten sind schnell an einer Sache satt, wie nach der vierten Pizza am Stück.
Corona raubt das Individuelle.
So sitze ich nun und warte, bis die Arbeit an der Veröffentlichung weitergeht und schnitze an dem Anfang aus dem keine Geschichte entstehen mag, nur eine schwere, drückende, die ich nicht erzählen will und die immer wieder zurückdrängt zu einem vor Corona, nach Corona, während Corona.
Das ist die eigentliche Kunst: das alles beherrschende Thema, mit etwas Fantasie weg zu zaubern.

05/20 PGF

Seele eines Menschen

Einen Menschen lieben, bedeutet ja auch, nicht zu denken: Jeder leidet! Sondern sein Leiden zu empfinden und etwas darin zu sehen, dem man sich annehmen mag.
Es sind, neben dem Schein und den Farben, die zur Zuneigung führen, jene Schatten, jene Stille, denen man sich vorsichtig zuwendet, mit dem unausgesprochenen Gedanken, da zu sein, wenn es nötig ist.

05/20 PGF

Was wird?

Es bleiben die Dinge im Unklaren. Wir spüren es alle. Wie bei substanzlosem Glück, welches auf Lügen beruht, die undurchsichtig bleiben, bis die Zeit sie entlarvt.
Wie dem begegnen? Wie den vielen Wahrheiten begegnen, die alle nur Lügen sind. Wie unterscheiden: wer liebt und wer lügt?
Schlicht ist die Antwort, schlicht und schwer: Es gibt keinen Schutz und keine Sicherheit. Wer nicht hofft, wer nicht das menschliche Herz verkennt, für den geht es nur noch um Wahrscheinlichkeiten.
Wenn … wird wahrscheinlich X: So folgert er und betrachtet die Liebe und die Ziele und die Welt.
Das Unklare ist nicht mehr länger ein Hindernis, das Unklare ist essenziell. Die Wahrheit eine sehr persönliche Angelegenheit, mit dem einen Reiz: dass sie vorwärts bringt, wenn man bereit ist, den Preis zu zahlen, falls man irrt.
Bleiben die Dinge nicht nur deshalb unklar, weil wir lieber zweifeln, als zahlen?

05/20 PGF

Zum Ausgang der Woche

Vielleicht benötigt man zum Corona-Virus gar keine Meinung, weil er nur sichtbar macht, was jedem achtsamen Menschen, zu jedem Zeitpunkt bewusst ist: Unsere Welt ist fragil. Die Systeme haben keine Dauer, daran erinnern uns die Pyramiden, die Akropolis, das Kolosseum. Es ist naiv darin die Apokalypse zu wittern. Was es gibt, sind Phasen besserer Versorgung und Phasen schlechterer Versorgung, Chancen zum Aufbau und Risiken zum Chaos hin. Die Menschheit ist schon viel länger angezählt, als es dieses Virus gibt. Das Werden und Vergehen ist permanent, das war vor dem Corona-Virus so und wird danach so bleiben und die Alten die man jetzt rettet, werden in den nächsten 5 bis 10 Jahren an anderen Gebrechen sterben. Was nun sichtbar wird – und mit Drama kaschiert werden soll – ist ein jahrelang vernachlässigtes Gesundheitssystem, allein in meinem näheren Umfeld gab es in den letzten zwei Jahren 3 Krankenhausschließungen wegen Überkapazität, ist eine vollkommen pervertierte Wirtschaft, die am Tag 1 einer Krise bereits die Pleite erklärt und staatliche Hilfe benötigt. Haben diese Firmen keine eigene Substanz? Wie überleben die vom 23.12 bis 6.1? Und es entblößt eine Gesellschaft die Mund-Nasen-Masken leerkauft, die ihr nix nutzen und die dann in den Krankenhäusern fehlen, die eine Regelversorgung aufrechterhalten müssen. Die anderen Krankheiten werden ihre Arbeit, wegen dem Virus nicht einstellen.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre das, dass am Ende dieser Krise, die Fans mit relativiertem Enthusiasmus in die Stadien strömen, mit dem Wissen: ich werde hier unterhalten, eine Religion ist das nicht. Dass bei der nächsten angekündigten Bettenreduktion in Krankenhäuser (weil wir wirtschaftlich sein müssen), die Bevölkerung ihre kommunalen Politiker an die Kandare nehmen, weil das Gesundheitssystem keine Luxus-Industrie ist, sondern Grundlage unserer zivilen Ordnung. Und der ein oder andere, beim Betreten des Supermarktes, in dem nun alle Regale mit Toilettenpapier gefüllt sind, kurz innehält und sich fragt: Was frisst denn dieses System im Hintergrund, um mich täglich über zu versorgen? Wem wird was weggenommen, damit ich so viel habe? Muss ich das alles haben? War das nicht eine Lehre, als ich mich während der Krise fragen musste: Wie viel Blatt ziehe ich von der Rolle.

Wir schnuppern nur ein wenig, an dem, was für einen Großteil der Menschheit ständiger Alltag ist. Die leben immer in Sorge, um ihre medizinische Versorgung, die geben immer ihr Geld für Reis statt für Netflix aus und die geben sich immer die rechte Hand, weil die linke, wenn Wasser vorhanden ist, auf der Toilette gebraucht wird, weil es nie Toilettenpapier gibt und schon gar keine Kanalisation.

Und vielleicht schalte ich jetzt den Computer aus, als kleine Übung, falls ich mal für ein paar Tage lernen muss, ohne Strom und ihn auszukommen und mache mir ein paar Gedanken, ob etwas verloren ginge, wenn ich nicht, an einem stillen Freitagabend, da die Schulen geschlossen werden und in den Stadien Stille ist, meine Gedanken mit der Welt teilen würde – wenn sie davon wissen will …

03/20 PGF

 

Grenzländer

Und so sind Künstler immer an die Grenzen gebaut, dorthin wo sich das Leben schnell verlieren kann, aber eben noch möglich ist. Sie stehen nicht in den kargen Einöden, die farb- und leblos im Staub versinken und nicht in Mitten fruchtbarer Vielfalt, niemals bedroht von Entbehrung.
Nein, sie ziehen manchmal mit den Karawanen in die Wüste und sammeln dort, was es an Hunger, an Durst, an Weh und Tränen zu sammeln gibt. Sie werden manchmal eingeladen, an vollen Tischen zu feiern, bei lauter Musik zu lachen und Lust und Glück, als zeitlos zu erleben, wenn man nur klug genug ist es zu versuchen.
Aber am Ende sitzen sie wieder im Schatten der Grenzsteine und kratzen mit dürren Stiften Zeichen in den Staub und pinseln mit trockenen Farben Bilder in die Luft und gehören niemals ganz zu einem Ort und seinen Menschen.

03/20 PGF

Schreibblockaden Master-Tool

Ich glaube, ich habe es gefunden: das absolute Master-Tool gegen Schreibblockaden:
Sein Name? Finanzierungsnot.
Sobald man als Autor weiß, dass man eine bestimmte Zahl an Seiten nicht überschreiten darf, weil das Manuskript sonst nicht zu finanzieren ist, sprudelt man, wie eine texanische Ölquellen in „Giganten“.

Es gibt nur eine Gefahr für dieses Tool: Dass man davon erzählt – und schon werden die Zeilen blass … 😉

03/20 PGF

Entfaltung

Das ist das Sonderbare: dass das Leben uns immer dorthin führt, wo es uns haben will und wir gleich Kugeln in einer Bahn, dem Fluss in seinem Bett, dem Keimling, den es in die Höhe treibt, unweigerlich zu unserem Ziel geführt werden.

Dabei ist unerheblich was wir für richtig halten, ob es uns moralisch erscheint, ob es gut oder sinnvoll ist –

es tritt ein, wenn es uns bestimmt ist und wir müssen es annehmen, mit einer unheimlichen Mischung aus Erfüllen und Dulden, Blühen und Fallen, Lächeln und Bangen.

03/20 PGF

Magisches Theater

Man soll ja nicht von sich berichten, aber ich schwanke diesbezüglich.
Ich schwanke aus einfachem Grund: es kann ja auch zum Erkennen und Verstehen führen. Es muss ja nicht ums, eitel von sich reden, gehen.
Hesse war ein Meister darin. Ob er dabei immer von sich erzählt hat oder dem fremden Ich, sein Ich zum Schutz anbot, bleibt offen.
Vielleicht ging es auch gar nicht um ein Ich, weil sich diese Kategorie auflöst, wenn man weiter vordringt.
Weil man, wenn man immer tiefer gräbt, gar kein Ich findet, sondern ein Wir, ein in hundert Zerrspiegeln zerfallenes Wir, das jedes Mal glaubt, ein ganz eigenes, besonders Ich zu sein.
Gefangen im magischen Theater.
Ich oder du?
Von wem berichte ich also, wenn ich von mir berichte und du ganz genau zuhörst? Wenn sozusagen, ich eigentlich zuhöre und du redest, obwohl meine Stimme die Worte bildet.

03/20 PGF

Beides

Es gibt ja beides.

Dass wir tief verschüttet sind, in uns und kaum einen Weg nach draußen finden. Wir finden nicht zum Licht und wir fühlen keinen Kontakt. Wir taumeln durch die endlosen Gänge der gleichen Gedanken und finden, wie aus einem Irrgarten, nicht mehr hinaus. Wir sind bei uns, aber ruhelos.
Das andere ist, dass wir nicht mehr zu uns heimfinden. Dass wir durch die Welt irren, von einem Lärm zum nächsten getrieben, taumelnd zwischen falschem Gelächter, aber wir lachen mit und verachten uns, weil wir unsere Würde verlieren. Wir langweilen uns durch die immer gleichen, belanglosen Gespräche.
Sind uns selbst fremd, sind heimatlos.

Es gäbe auch ein Drittes, aber dafür müssten wir, zu staunen verstehen …

02/20 PGF