Ein verschriftlichtes Leben

Keine Zeit mehr den Regen und das herannahende Gewitter zu hören.
Auch das ist wieder ein Satz.
Der Beginn der Jagd nach einer Geschichte, einer Erkenntnis, einem erzählbaren Augenblick –

der vom Zauber der Existenz handelt, den ich zu halten versuche,
ehe er verrinnt …

Der Zauber jenes bitter-süßen Sein, welches uns allen zu Teil wird,
über welches wir erstaunen, welches wir ohnmächtig erleiden.

Hält man ihn fest, verliert man ihn.
Nimmt ihn jemand?
Oder fällt er ins Nichts?

Weshalb verschriftlicht man ein Leben,
wenn Papier verfällt
und Sprache, analog und digital, in Vergessenheit gerät?
Nicht heute, aber sicher irgendwann …

Wenn der Leser, nicht nur den Inhalt, vielleicht nicht versteht
oder in seinem Sinn missdeutet,
sondern die Zeichen nicht, mehr entziffern kann.

Ist es da nicht viel schöner,
am Fenster zu sitzen und dem Regen zu lauschen –
und dem herannahenden Gewitter –
der in einen friedlichen, stillen Nachmittag fällt?

PGF

Gärung

Zur Zeit schreibe ich ja nicht.
Also hier nicht und auch nicht im Reallife, also kaum.
Im Reallife arbeite ich weiterhin im Maximalbereich und kümmere mich eher, ums Alltägliche, wie dem Einbau einer neuen Duschkabine oder einem Upgrade der Küche.
Spirituell könnte man von Wurzelarbeit sprechen.
Es schadet nicht, folgt aber auch einem zähen Enthaltungswillen, was das Schreiben angeht.
Dabei stelle ich fest, dass ganz tief innen drin, in den kortikalen Windungen, in deren wundersame Prozesse, das bewusste Denken nicht hinabzusteigen vermag, Entwicklungen im Gang sind, die sich schwer benennen lassen.
Wenn ich früher sehr stark an dem Bild der Keimung, als Analogie zur frühen Phase einer Idee/Geschichte hing, so scheint mir nun der Prozess der Gärung viel zutreffender. Jenem Prozess aus dem sich, aus verschiedenen Grundstoffen, etwas neues, ganz eigenes entwickelt.
Etwas verwandelt sich eher, als es sich entfaltet, würde ich behaupten.
Was das ist, wer will es ganz beschreiben, ohne es analytisch zu beflecken?
Man kann das Rezept beschreiben: Kohl, Salz, Wasser, Pfeffer, Wacholderbeeren und ein bisschen Gärhilfe, aber damit weiß man nicht, ob am Ende schmeckt was herauskommt und, wie diese Stoffe wechselwirkend, zu etwas Neuem führen, obwohl man denken sollte, das es verkommt statt zu werden: Ja, statt von Fäulnis befallen zu werden, erhöht es seinen Wert für die Gesundheit, während es reift.
Ein sonderbares Phänomen, welches schnell kippt, wenn es nicht die richtige Pflege erhält, denn dann wird es Fäulnis. Geduldig sein, aber nicht untätig, ist ein Teil des Geheimnisses.
Und so blubbert nur ab und zu, was im Dunkeln gärt, ist ansonsten aber still und im Dunkeln verborgen …
Für den Blog sehe ich schwarz, wenn ich ehrlich bin und auch fürs Veröffentlichen, da kommt der Gärprozess gewissermaßen zum Erliegen.
Was den Blog betrifft, für diesen. Aber beim Veröffentlichen ganz allgemein.
Der Blog findet vielleicht einen Nachfolger, diesmal vielleicht sogar mit zutreffendem Namen. Denn Nomen ist nicht immer Omen. Mit literaturfrey hatte ich nicht vor die Heimkehr-Reihe zu begleiten und mit dem Zeilenportal etwas ganz anderes im Sinn, als die Joe-Geschichten zu präsentieren. Alles hat sich eher parallel, eher ungewollt ereignet und hat sich, zu seiner Zeit gut angefühlt.
Aber das weiß ich noch nicht. Es ist auch schade, mit jedem Umzug, geschätzte Wegbegleiter/innen zu verlieren. Das ist der kritische Punkt.
Und das Veröffentlichen? Puh, ist das mühsam. Ich bin nicht laut genug und nicht manisch genug, um zu betreiben, was ich betreiben müsste, damit ich so viel Aufmerksamkeit gewinne, durch die „kaufende Leser“ entstehen könnten. Ihr habt mir ja, durch eure Rückmeldung, immer wieder das schöne Gefühl gegeben, dass lesenswert sein kann, was ich erzähle. Nur bemerkt es sonst niemand.
Ich habe, im Übermut, bei Twitter für 5 Tage eine Werbekampagne gestartet (zum niedersten Tarif) sind das schlappe 50,- € Werbekosten. Gebracht hat mir das, bis zum 3. Tag über 2200 Impressionen, 146 Interaktionen, 13 Dateierweiterungen, 4 Profilbesuche und 5 Link-Klicks. Das ist viel, aber substanzlos. Denn, wenn man prüft, wer denn da interagiert, finden sich Jenni08122004, Ahmad#Allahistgroß und Bitcoin-Univers24Check. Vermutlich die Literaturagenten von Suhrkamp, Hanser und Fischer in sehr, sehr geheimer Mission – da hilft nur Humor …
Da ist das, hier und euch, Geschichten erzählen viel schöner, viel weniger aufwändig und viel konkreter im Austausch.
Haken: Die Joe-Geschichten hätte ich gerne alle veröffentlicht und ich kann zäh sein, was Vorsätze angeht.
Mal sehen, wie mein Schwiegervater gerne zu sagen pflegte.
So, jetzt mache ich den Deckel wieder auf den Gärtopf. Manchmal muss man ja, den Deckel öffnen und prüfen, ob die Beschwerungssteine noch richtig liegen, ob sich Schimmel bildet oder ob noch alles passt.

Schönen Abend 🙂
PGF

Der Krieg und die Intellektuellen

Es ist in Deutschland meist schief gegangen, wenn „die“ Intellektuellen „das“ Volk zum Nachdenken bringen wollten.
Der Deutsche mag den „Geist“ nicht, zumindest nicht zu viel davon, Nietzsche hat dazu einiges Erhellendes geschrieben.
Es ist die Schwäche der Intellektuellen zu glauben, dass doch, darüber reden und diskutieren, genügen müsste. Das ist der Elfenbeinturm, in dem sie leben.
Sie werden ihn nie verlassen, deshalb nennt man sie ja „Intellektuelle“.

Man muss die Lage und die Diskussion soziologisch sehen: als System, in dem jeder seine Rolle hat. Die Rolle der Gelehrten ist, an die Vernunft zu mahnen.
Das ist so und ist wichtig, im Kontext einer Konsensbildung.
Ich habe den Artikel nicht gelesen, den die gute Frau Zeh – sie weiß immer auf sich aufmerksam zu machen – und andere geschrieben haben. Ich denke nicht, dass ich das muss, die Position ist pauschal: Wir müssen reden, es sind doch alle ein wenig Schuld.
Das ist gut gemeint, ohne Zweifel, aber historisch widerlegt. Es war auch mit Hitler nicht, per Mediator, zu einer Lösung zu kommen. Man kann das im Harvard-Konzept der Kommunikation nachlesen. Mit einem harten Verhandler gibt es kein Win-Win.

Trotzdem bleibt mir Hesse ein Vorbild, der durch alle Kriege hindurch, gegen den Krieg war und alle möglichen Anfeindungen erlitten hat. Es war ihm egal. Er war, wie ein Licht, das nicht ausgehen darf, wenn nicht alles, im Dunkel versinken soll. Davon sind die Neuzeit-Intellektuellen weit entfernt, die sich überwiegend in Talkshows ihre Sporen verdient haben. Sie sind sozusagen, die Mini-Ausgabe, die billig LED.
Das man sie nun derart angefeindet werden, halte ich für äußerst bedenklich. Es gibt zum Thema verschiedene Stimmen und kein sollte niedergebrüllt werden oder im Shit-Storm absaufen. Eben das sollte uns, von Meinungsdiktaturen unterscheiden. Es ist legitim die Position von Russland einzunehmen. Es ist sogar noch komplexer: Man kann die Kausalität des Konflikts gar nicht bei Russland sehen und den Angriffskrieg trotzdem aufs Schärfste verurteilen. Dazu muss man denken und sich informieren.

Ich bin schon immer ein Vertreter von „Kenne die Gegenseite“. Deshalb habe ich mir das fragwürdige Vergnügen zugemutet, ein Machwerk von Alexander Dugin durchzulesen, von dem man sagt, er sei der Hofphilosoph Putins. Ich komme dabei zu dem Punkt: die gefährlichen Intellektuellen sind nicht die, die zum Dialog mahnen, sondern die, die, wie Dugin, die Konfrontation heraufbeschwören. In Dugins Welt wird der Großteil der Menschheit zurück in die Bauernkultur katapultiert, zu mehr ist die Masse nicht zu gebrauchen. Darüber sortieren sich Krieger und Helden und ganz oben, die Elite. Er nimmt sich das indische Kastensystem zum Vorbild. Leitkultur ist eine erzkonservative, orthodox geprägte patriarchalische Kultur, wie vor 100 Jahren. Wenn unsere Intellektuellen so etwas schreiben würden, sollten wir entsetzt sein. Aber nicht, wenn sie unbeholfen und naiv, Wege suchen, das Blutvergießen zu beenden.

Wenn ich die Diskussion verfolge weiß ich, weshalb ich aktuell, wenig Lust habe, meine Gedanken und Stimmungslagen dem Social-Media-Monster auszuliefern. Hysterie, Denkfaulheit, die Unfähigkeit differenziert und über lange Strecken zu betrachten, prägen den Diskurs. Um die Wahrheit geht es lange nicht mehr. Deutschland hat seine Geschichte und historische Verantwortung, wie es scheint, vergessen. Wir werden alle getrieben von den Schreihälsen und sollen Folgen von Entscheidungen mitverantworten, die wir nicht treffen und die, wie sie getroffen werden, nicht unserem Einfluss unterliegen. Europa wird, wieder einmal, zwischen russischen und amerikanischen Interessen aufgerieben. Es wäre aber falsch, den beiden Großmächten daran die Schuld zu geben. Europa hat es versäumt, eine Einheit zu bilden, die in diesem Konflikt eine eigene Position vertreten kann.

Hoffen wir, Putin ist zur Vernunft zu bringen, ehe das Leid und das Blutvergießen noch dramatischer werden. Er fällt sicher in die Kategorie von Akteuren und Verhandlern, die erst dann kompromissbereit werden, wenn der eingetretene Schaden größer ist, als der mögliche Gewinn, beim Erreichen der Maximalforderung. „Lass uns doch mal mit ihm reden“, „Ach! dann gebt ihm doch ein bisschen nach“ sind Konfliktlösungsansätze für den Spielplatz. Was aber das andere heißt, dass muss man sich bewusst machen, in aller Konsequenz, die das hat. Der Krieg ist ein Verbrechen, für den es keine intellektuelle Lösung gibt. Der Krieg ist, wie eine Naturkatastrophe, nur dass sie nicht von einem Element verursacht wird, sondern von Menschen, die ignorieren, wie viel Leid, der Krieg, in die Welt bringt und wie lange es dauern wird, diese Wunden zu heilen.

04/22 PGF

Gelegentliche Zeiten der Besinnung

Manchmal gibt es sie, während ich durch den Sumpf der Pandemie wate und die dunklen Wolken des Krieges, in der Welt, über mich hinwegziehen.
Während ich, manchmal mutlos, manchmal trotzig, das Tagewerk verrichte, welches mein Leben sichert und anderen die Genesung oder den Weg dorthin ermöglicht.
Während ich still warte, ob die Lust „davon“ zu erzählen zurückkommt oder ob es nicht schöner ist „alles“ zu verschweigen.

Eine Geschichte wird bald ihren Weg in die Welt suchen, eine andere wird vielleicht nie diesen beschwerlichen Weg wählen.

Der Himmel ist blau und der Frühling drängt, wo immer er kann, in die Welt, während die Milane hoch oben in der Luft schweben und ich innehalte, um sie zu beobachten …
einen kostbaren Augenblick der Besinnung, von denen es so wenige gibt –
dass man klug sein muss, worauf man sie verwendet: in beschwerlichen, unsicheren Zeiten, da die Rufe nach „deutlichen“ Konsequenzen überall lauter werden, als jene nach klugen Konsequenzen.

So viel gäbe es zu besprechen, so viel zu klagen, so viel, als Hoffnung in Aussicht zu stellen, so viel zu erzählen, um eine plaudrige Stunde Unterhaltung zu genießen, aber dafür ist der Weg durchs Dickicht noch zu lang.
Dafür müssen erst die Abende zurückkommen, die sich an lebendige, helle Tage schließen oder dunkle, aber erkenntnisreiche Stunden.

Bis dahin bleiben nur, gelegentliche Zeiten der Besinnung.

04/22 PGF

No satisfaction

Der Weltklimabericht lässt aufhorchen. Trotz Corona, trotz der Ukraine, rüttelt er nochmal und verweist auf eine weitere Krise.
Und erfüllt ein weiteres Mal, mit einem ermüdenden Gefühl von Ohnmacht.

Wir, damit meine ich das Volk, in der Breite gefasst: wir sollen alles. Die Auflagen einer Pandemie erfüllen, so sinnlos und widersprüchlich sie zunehmend wurden. Für den Frieden sein, aber zugleich auch für Waffenlieferungen. Und wir sollen konsumfreudig bleiben, damit die Wirtschaft in Gang bleibt (deshalb Niedrigzins, damit niemand auf die Idee kommt zu sparen und langfristig zu investieren – außer in Aktien, idealerweise ein Portfolio aus erneuerbarer Energien und innovativem Kriegsgerät) und uns zugleich einschränken, mit den beliebten Totschlag-Argumenten: Kein/weniger Fleisch essen und kein/weniger Auto fahren, bei zugleich maximaler Mobilität, in der Arbeitswelt und fehlendem öffentlichem Nahverkehr.

Da kann man schon irre werden, wenn man der Umkehr des Ordnungsgedankens folgt, der die Verantwortung an den Wähler, die Wählerin delegiert und nicht an die verantwortliche Ordnungsmacht.

Der Staat hat die Pflicht den Rahmen zu setzen, dafür wird er gewählt, dafür zieht er Steuern ein. Der Bürger hat die Aufgabe, den Rahmen auszufüllen, damit ein gedeihliches Gemeinwohl entsteht.

Ich sage bewusst der Staat, weil in einem demokratischen Verständnis, die Partei wurscht ist. Sie hat immer diese Aufgabe und weil die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass der Staat dieser Aufgabe nie/nicht ausreichend nachkommt, muss man gar nicht philosophieren, ob es sich um ein parteiliches Versagen handelt.
Angela Merkel hat in allen Bereichen versagt. Scholz erbt von ihr verbrannter Erde. Sie trägt dafür keine Konsequenzen. Aber sie ist nur ein Beispiel, ein fast schon bedauernswertes, mit Raute und so …

Also „we can´t get no satisfaction“, weil wir nicht auflösbare Widersprüche erfüllen sollen. Es wäre vernünftig eine gute Verteidigungspolitik (im Namen liegt die Lösung) zu betreiben, mit einer ausgewogenen Wirtschaftspolitik, die sowohl Investition, als auch Sparen zu Alternativen macht und einer Umweltpolitik die reale Vorgaben macht, mit deren Unterstützung man, also wir, eine Klimawende (unter Erhalt des sozialen Friedens) herbeiführen kann.

Satisfaction – die ist nur noch möglich, wenn man, dem eigenen Gewissen und den eigenen Möglichkeiten verpflichtet, das was man tun kann, so gut wie möglich, tut. Der Rest ist Staatsversagen, ganz gleich welche Partei oder Koalition am Ruder ist.

„But i try, yes i try …“

PGF

Die Scheu

„Ich schreibe nur für mich selbst!“ sagt man leichthin, ein wenig stolz und ein wenig unbeholfen.

Die sind selten, die das wirklich tun.
Mit dem Bloggen und Social Media, ist die Zeit ohnehin passé, in der man heimlich sein Innerstes pflegt.
Aber für Schreibende war es lange eine Überwindung, zu zeigen, was sie (ver-)dichten.

Mancher meint, wenn er sagt, ich schreibe nur für mich:
Ich schreibe nicht für Geld oder Erfolg.
Oder man schreibt für die Psychohygiene.
Dann schreibt man wohl tatsächlich für sich, auch, wenn es andere lesen (dürfen).

Dabei ist es keine Schande, für „andere“ zu schreiben.
Oft hemmt ja nur die Angst, dass man „entdeckt“ werden könnte, dass man nackt da stehen könnte, wenn man zeigt, was man schreibt.

Sehr oft sind, die ersten Texte, stark von der eignen Persönlichkeit geprägt.
Es dauert, bis allgemeingültiger ist, was man schreibt.
Es dauert noch länger, bis man, nicht oder nur noch als Hauch, darin vorkommt.

Die Scheu verlieren, kann man eigentlich nur, wenn man weiß, weshalb man schreibt: um zu beeindrucken, um zu mahnen, um zu unterhalten, um zu erhalten, aus Sehnsucht, aus Hoffnung, aus Liebe –

letzteres ist vielleicht sogar, dass alle Schreibenden Verbindende: die Scheu, zumindest anfänglich, für andere zu schreiben, wie es die Scheu des Verliebten gibt, zu zeigen, was er oder sie wirklich fühlt …

04/11 PGF

Keine Zeit für Bücher

… könnte man sagen.

Vielleicht zum Schreiben, als Chronist, im historischen Kontext, aber schreiben – jetzt „nur“ schreiben? Wenn doch die Welt, zur „Tat“ schreiten möchte?
Warum wir immer nur, so energisch, zur Tat schreiten, wenn es zum Konflikt kommt? Warum nicht schon vorher, wenn er zu verhindern wäre?
Weiß ich nicht!
Aber Pathos erlebt eine Renaissance, als würde, der ganze angestaute Überdruss, nach der Völlerei, die Corona gedemütigt hat, sich nun entladen wollen.

In eine solche Zeit, eine Geschichte schicken? Eine kleine, unterhaltsame Geschichte, jetzt da alle Welt die Problem der Welt zu durchschauen scheint: die Pandemie, den Krieg, die Umwelt. Jetzt, da ich einstimmen müsste, in den Chor, der die eine Wahrheit summt?

Mein Schreiben ist antizyklisch: Ich habe gewarnt und gemahnt, als es mir noch möglich schien, es nicht zum Unheil kommen zu lassen. Jetzt, da alles hektisch und hellwach ist, erscheint mir eher das Gegenteil notwendig: Spiel und Ablenkung, Unterhaltung und amüsierte Nachdenklichkeit.
Und so schicke ich demnächst „Gestra“ in die Welt, wie man ein Kind in die Welt schickt, ohne zu wissen, was aus ihm werden wird. Einfach aus dem schlichten Bedürfnis, Leben zu schenken, weil Leben etwas sehr schönes, kostbares, geheimnisvolles ist, durch nichts so sehr entwertet, gefährdet und zerstört, wie durch den Menschen.

Ich muss nicht bewerten, ob es, keine Zeit, für Bücher ist. Geschichten bewegen sich außerhalb der Zeit. Es ist genau genommen ihre Magie, dass sie sich über die Zeit erheben, dass sie gewaltige Zeiträume überspringen können, manchmal Jahrhunderte.
Geschrieben werden sie zu allen Zeiten.
Auch, wenn es Jahrzehnte dauern mag, bis sie gelesen und, was bedeutsamer ist, verstanden werden.

03/22 PGF

Vorfreude

Dann verlöschen die Lichter im Saal und das unruhige Murmeln verstummt. Stille füllt den Raum. Alles konzentriert sich auf die Bühne. Auf der ein Tisch steht, leicht gebaut, aus Kirschholz, auf schlanken Beinen, glänzt die polierte Oberfläche. Im Lichtkegel einer Lampe, die in der Ecke des Tischs steht, liegt ein Buch oder eher, ein Stapel Papier, lose Blätter, sorgsam aufeinandergeschichtet, aber irgendwie bedroht, auseinander zu rutschten und im heillosen Chaos zu enden.
Die Stille im Raum ist andächtig, würdevoll, alle lauschen und warten, bis das erste Wort gesprochen ist: der Titel und dann, nach einer angemessenen Pause, die erste Zeile.
Nun liegt es, an den nächsten Minuten, ob die Aufmerksamkeit erlischt oder gebannt bleibt. Ob der Funke überspringt oder die Einsamkeit allumfassend wird.

Jede Geschichte die entsteht, entsteht in dieser Atmosphäre der freudvollen, gespannten Erwartung, in dieser Atmosphäre, vor einem imaginären Publikum, welches ohne Gesicht und doch voller Wohlwollen ist.
Diesem Publikum erzählt man, ohne, dass sicher ist, ob es je zusammenkommt. Aber das ist nicht entscheidend. Weil dieses Publikum außerhalb der Zeit und außerhalb des Urteils existiert.
Geschichten überbrücken die Zeit und den Raum, zwischen Erzählendem und den Hörenden. Sie warten aufeinander.
Das zu wissen, macht die Vorfreude aus, eine Geschichte zu erzählen, unabhängig davon ob und wann sie gehört oder gelesen wird. Sie existiert, um ihrer selbst willen.
Das Glück liegt, im Versuch.

02/22 PGF

Nicht gesprächig

Wenn ich es ganz kritisch betrachte, habe ich aktuell nicht viel zu sagen. Oder – und das trifft es etwas genauer, ich möchte es nicht öffentlich tun. Man kann auch, im Sinn, von Hesse, sagen, ich bekomme das Sinnbild nicht hin, das Allgemeingültige und würde nur beim Abbild meiner Wirklichkeit landen.
Das braucht die Welt nicht, da hat jeder genug mit sich selbst zu tun.

Wenn es überhaupt irgendwie gelingen soll, dann brauche ich Zeit. Da reichen keine Verse – „Ich lege mein Herz, ins bunte Laub, um von seinen Farben zu trinken …“ blablabla – und auch keine Spruchweisheit: „Jeder Tag, ein neues Geschenk, nutze ihn.“

Wenn es etwas werden soll, mit dem Mitteilen, dann nur in Form einer Geschichte: dann muss ich ausholen, muss meine Punkte sorgsam aneinanderreihen, damit sie Sinn ergeben. Ich brauche, keinen Widerspruch, keine konstruktive Kritik und keinen halbgaren Zuspruch, sondern Ohren, die hören und Augen, die konzentriert den Zeilen folgen. Die, wenn sie am Ende sind, wortlos und enttäuscht, gerne, das Vernommene bei Seite legen – oder auch nicht.

Vermutlich ist der Titel deshalb falsch. Ich bin nicht geschwätzig, gesprächig wäre ich schon. Auf eine sehr anspruchsvolle Weise, wie man es nur in Büchern und Zeilen sein kann, denen niemand folgt, der das nicht möchte. Außer er ahnt ein Glück, einen Gewinn, einen Sinn. Wie jemand der am Meer steht und den Wellen lauscht.

PGF 10/21

Die Zeit der Gedichte

… scheint vorbei.
So zumindest erscheint es mir, wenn ich zurückblickend betrachte, wie, aus diesem Blog, nach und nach die Verse verschwunden sind.
Irgendwann waren sie weg, waren sie verstockt, verschwiegen, weg gesperrt. Irgendwohin – wo ich keinen Zugriff mehr auf sie habe.
Das ist nicht schlimm.
Alles hat seine Zeit.
Schwer an diesem Gedanken ist, dass auch das was mir jetzt leicht von der Hand geht und gefällt, irgendwann schwindet, rostet und verfällt.
Es ist gut, sich dies nicht allzu bewusst zu machen. Es hemmt nur, macht unglücklich und verdirbt die Freude am unbedachten Spiel, mit was auch immer.
Aber, um die Verse tut es mir manchmal leid, weil Verse auch ein Lebensgefühl sind. Sie beruhen auf einer bestimmten Empfindsamkeit, einem fragilen Glück, einer distanzlosen Sinnlichkeit, die sich unentwegt in die Welt verliebt, ganz blind dafür, ob die Welt sie nicht verlassen wird.
Zuletzt kommt es auf die Verse nicht an: wenn die klingenden Worte ausgehen, kann es auch Farbe sein oder klingender Ton oder Rotkohl im Wok.
Wichtig ist nur, Teil des Schöpferischen zu sein, sich ihm anzuschließen und zu widmen, im Sinn einer tiefen Lebensbejahung.
Oder nicht?

10/21 PGF