Frankfurt 95 (13)

13.

Ich schreckte hoch und starrte auf die Uhr: Es war drei Uhr nachts. Mein Herz klopfte wild, aber ich konnte mich nicht erinnern geträumt zu haben. Meine Gedanken waren kristallklar, als wäre helllichter Tag: Ich musste Frankfurt und Lena nicht zurücklassen! Wenn ich klug war und alles gut machte, gab es keinen Grund, diesmal, wie die letzten Male alles hinter mir zu lassen. Weil die, die ich bestahl, nicht zur Polizei rennen würde, um einen Diebstahl zu melden. Ich bestahl Verbrecher. Das würde am nächsten Tag nicht in der Zeitung stehen. Es gab nur eine Sache zu bedenken: Wie gefährlich waren Waffenhändler? Barschel in der Badewanne fiel mir ein.
Okay, dafür würde ich mir etwas überlegen müssen. Aber gesetzt, dass ich unentdeckt den Koffer bekam, konnte ich damit zurück in meine Wohnung, um mich einige Tage bedeckt zu halten. Wenn es nicht rumpelte, konnte ich mir nach und nach eine bürgerliche Existenz aufbauen. Irgendjemand würde mir schon Arbeit geben und ich konnte Lena erzählen, mehr habe ich nicht und ein kleines Erbe würde mir das Leben versüßen.
Perfekt!
Eigentlich perfekt, wenn ich bereit war zu akzeptieren, dass ich sie ein Leben lang würde belügen müssen. Es gab kein: Irgendwann erkläre ich ihr alles, weil es das Herz eines Menschen zerriss, wenn er merkte, dass er um die Wahrheit betrogen worden war. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Ihr jetzt alles zu erzählen: No way! Oder für immer zu schweigen (bis der Tod uns scheidet). Wenn ich dazu bereit war, musste ich Lena nur zwei Tage nicht sehen und war anschließend, den Rest meines Lebens mit ihr glücklich.
Allerdings – irgendetwas, wie ein Gewissen, schien ich zu besitzen. Nach unserem kleinen Tete-a-Tete auf dem Parkplatz der Raststätte hatte ich mich elend gefühlt. Lena hatte sich mir ganz hingegeben. Ich hatte ihre Wärme und Zuneigung gespürt und, dass für sie eine kleine Parkplatznummer schon etwas absolut Verwegenes war, dass sie erregte, während ich, mit nüchternem Kalkül, das Umfeld rechts und links ausspähte, um meinen Plan umsetzen zu können. Das einzige was ich mir zu Gute halten konnte war: dass ich mich anschließend dafür schämte.
Ich legte mich zurück ins Bett und drehte mich auf den Rücken. „Du musst schlafen“, befahl mir die Stimme, die für den Abend fit genug sein wollte, um, wenn sich die Gelegenheit ergab, einen Raub durchzuführen. „Du musst nachdenken“ befahl die Stimme, die nicht davon abzubringen war, mich zu einem vernünftigen Leben überreden zu wollen.
Lenas Lächeln tauchte vor mir auf.
Vergiss es, dachte ich. Wie lange wird das gut gehen? Drei Monate? Vier Jahre? Das ist nur der Schein der Seelenverwandtschaft, nüchtern betrachtet bin ich ein Krimineller ohne Perspektive und sie eine Akademikerin mit Zukunft. Wenn es nur um das Fühlen gehen würde, um das unbedingte Lieben, dann wäre vielleicht eine pappsüße Lovestory möglich. Aber irgendwann wird sie erfahren, wer ich wirklich bin und sie wird das nicht lieben.
Mit trockenem Mund betrachtete ich mein determiniertes Leben: da war nichts mehr rückgängig zu machen. In den Kreis meiner zukünftigen Lebensgefährtinnen gehörten Ex-Prostituierte, trockene Trinkerinnen, ausrangierte Schlammcatcherinnen, gescheitere Existenzen, wie ich sie führte. Lena war zu rein, da war zu viel Licht, zu viel ganz naives Lebensglück, welches die Abgründe der menschlichen Seele unter dem Mikroskop eines Studiums erforschte, sie aber niemals in sich selbst fand.
Für mich gab es eigentlich nur noch zwei Optionen: ein neues Verbrechen begehen, um mir noch ein Jahrzehnt zu schenken oder mein Leben beenden. Ein Leben mit Lena, war blanke Illusion.
Ich starrte an die Decke und fühlte mich leer und einsam. Ich fühlte mich, wie ein Soldat, der um seine Kriegsverbrechen weiß. Mir waren meine Sünden nie bewusst geworden, sie wurden es erst im Kontrast zu Lena, die nicht wusste, wenn sie da lieben und vielleicht retten wollte.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch wach lag. Als ich die Augen aufschlug, brannte helles Tageslicht in mein Schlafzimmer.
Draußen klingelte jemand Sturm.

06/20 PGF

Frankfurt 95 (12)

12.

Wir waren auf dem Rückweg von Gräfenhausen und ich schämte mich, dass mein Plan aufzugehen schien.
Ich hatte Lena in ein Nobellokal zum Essen eingeladen und sie hatte sich riesig über mein Angebot gefreut. Ich reservierte uns einen Tisch, mietete einen Wagen und holte sie um kurz vor sieben bei ihr zu Hause ab.
Wir plauderten entspannt über Gott und die Welt während wir Frankfurt nach Süden verließen und bis hierhin war mein Plan noch unschuldig. Wir überquerten den Main und kamen am Flughafen vorbei, wo sich, trotz sechs Spuren, der Verkehr in beide Richtungen verdichtete. Dann wurde es wieder besser.
Das Essen war vorzüglich und die Stimmung zwischen uns vertraut, als wären wir nicht ein Paar, welches die ersten drei glücklichen Tage hinter sich hat, sondern zwei vertraute Menschen, die sich in- und auswendig kennen.
Gegen 22.00 Uhr verließen wir die Gaststätte und machten uns auf den Weg zurück nach Frankfurt. Ich fuhr und Lena genoss, neben mir die Fahrt in die Nacht. Aus dem Radio unterhielt uns WDR 3 und ich wippte mit dem Zeigefinger auf dem Lenkrad zum Takt der Musik.
Dann erschien vor uns, die Raststätte Gräfenhausen West. Die größte Autobahnraststätte südlich von Frankfurt.
Es lag jetzt bei mir, meinen Plan zu vollenden, durch den ich noch einen schönen Abend mit Lena verbringen konnte und gleichzeitig den Ort ausspähen, an dem ich, an einem der beiden nächsten Tage, meine Operation Parkplatz durchführen wollte.
„Können wir noch kurz auf dem Rastplatz halten?“ Fragte ich beiläufig und setzte den Blinker schon, ehe Lena antworten konnte.
„Musst du austreten?“
Ich warf ihr einen verschwörerischen Blick zu.
„Lass dich überraschen.“
Ich nahm die Ausfahrt und eine große Shell-Tankstelle mit zwei Dutzend Tanksäulen, die hell ausgeleuchtet war, kam in unser Blickfeld. Dahinter zeichnete sich die Silhouette der Gaststätte ab. Ich drosselte die Geschwindigkeit und bemühte mich, mir schnell einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen.
Per Schilder wurden die ankommenden Fahrzeuge in zwei Richtungen gelenkt. Einmal für PKWs und einmal für LKWs. Ich folgte den Schildern zu den Parkplätzen für Personenfahrzeuge.
Es waren gewiss 100 Stellplätze, die in Reihen vor uns erschienen. Die meisten von Laternen gut ausgeleuchtet. Aber am Rand des Parkplatzes lag, eine Reihe, außerhalb der Lichtkegel. Sie grenzte an einen Grasstreifen der durch einen hohen Maschendrahtzaun vom Waldsaum getrennt lag, der dahinter verlief.
„Was hast du vor?“ Fragte Lena und ich hörte die Aufregung in ihrer Stimme.
Ich parkte in einer der Parkbuchten und sah nach rechts und links. Ein perfekter Platz für eine Übergabe. Selten würde hier jemand parken, weil der Fußweg zur Raststätte am längsten war. Und wer hier parkte, musste sich kaum mit dem umliegenden Trubel und dem Licht beschäftigen, weil sich hier vermutlich nur Stricher und ihre Freier, Fremdgeher und Waffenhändler zur Kofferübergabe aufhielten. Dunkle Gestalten unter sich.
Ob mir dieser Eindruck, für die beiden nächsten Tage genügte, war mir nicht klar. Aber, wenn ich morgen etwas früher hier war, konnte ich mir eine Strategie überlegen. Jetzt hatte ich einen ausreichenden Ersteindruck und darum war es gegangen.
Ich schaltete den Motor ab.
„Was?“ Wollte Lena fragen.
Ich fasste zärtlich ihren Arm und zog sie zu mir. Sie verstand, was ich wollte und setzte sich auf mich. Sie küsste mich. Ich lauschte ihrem Atem und genoss ihre Erregung, die sich mit jedem Scheinwerferlicht, welches über das Rückfenster huschte, steigerte.
Ich genoss ihre Nähe, zum letzten Mal.

06/20 PGF

Frankfurt 95 (11)


11.

Fünf Stunden später war ich froh, noch am Leben zu sein. Wir waren zwei Stunden unterwegs bis zum Schwanheimerwald, dann eine Stunde, um die Stelle zu finden, an der das Nachtsichtgerät vergraben war und dann zwei Stunden zurück.
Während wir im Wald unterwegs waren, rechnete ich jeden Augenblick damit, dass sich „Flashi“ auf mich stürzte. Ich sah ihn vor mir, das Küchenmesser in der Hand, mit dem Satz auf den Lippen: „Du hättest mir nicht in den Wald folgen sollen.“ Aber außer, dass er völlig verballert war, war Flashback harmlos.
„Dort!“ Sagte er irgendwann. „Bei der Buche, da ist es.“
Ich sah nur Bäume, aber an einer Stelle stand ein Laubbaum, in mitten von Nadelbäumen, so viel konnte ich erkennen.
Flashback zog einen Klappspaten aus dem Rucksack, den er dabeihatte und begann eine Metallkiste freizugraben, die etwa 50 Zentimeter unter der Erde, „östlich vom Baum“, wie er mir erklärte, vergraben war.
Während er grub, versorgte er sich aus einem Flachmann, mit seinem Gegenmittel.
Als die Kiste frei lag, verkündete er stolz: „So hat die RAF ihre Waffen vergraben. Cool oder?“
Ich sagte: „Na ja.“ Und lies es dabei.
In der Kiste war noch mehr militärisches Material: Tarnkleidung, Wasserflaschen, ein Zelt, Messer, eine Waffe, ich glaubte, eine Granate zu sehen, aber er ließ mich nur das Nachtsichtgerät gut erkennen.
„Hier.“ Er hielt es mir hin. „Sind das Wölfe?“ Er sah sich irritiert um.
Ich war versucht „Ja“ zu sagen, hatte aber Mitleid, mit dem Kerl, der seinen Flug in den Kosmos, sein Leben lang nicht mehr beenden würde.
„Nein, alles ruhig.“ Ich zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche. „Hier deine Kohle.“
Das schien ihn zu erden.
„Ach ja, hätte ich fast vergessen.“
Er schnappte sich das Geld und begann die Kiste wieder zu vergraben. Er schwitzte übertrieben, seine Haare waren nass und glatt, als hätte er geduscht, aber er ließ sich nicht helfen.
„Wegen den Kobolden, die die Kiste beschützen“, ließ er mich wissen.
Zurück im Westend trennten wir uns. Es war Nachmittag. Mit brummte der Kopf, ich hatte Hunger und fühlte mich unglaublich müde.
Ein Gedanke setzte mir zu, seit der Rückfahrt: Wenn ich das Ding morgen oder Übermorgen drehte, dann war ab dem Folgetag mein Leben in Frankfurt beendet. Ein Vorgang der mich, mehr als ein Jahrzehnt nicht beschäftigt hatte. Aber diesmal war anders. Diesmal würde gehen bedeuten Lena zurückzulassen. Ich konnte ihr unmöglich erklären, warum ich plötzlich in Bremerhaven lebte – von München war ich abgekommen, zu hohe Lebenskosten. Wenn ich das Geld hatte, würde ich mich in den nächsten Zug setzen und losfahren. Ich würde ein, zwei Tage in einem Hotel wohnen, bis ich eine Unterkunft fand. Dann konnte ich mich für die nächsten zehn Jahre mit den 400000 zur Ruhe setzen.
Ob das mit dem vernünftig werden losging? Ich war 30. Vielleicht gab es so ein Bioprogramm, dass mich zum Verlieben, Lieben, Fortpflanzen trieb. So wie man mit 6 Monaten Stehen, mit 12 Gehen und mit 24 Sprechen lernen wollte. Vielleicht spulten wir nur diese Programme ab und unsere gesamte Individualität war ein eitler Scheißhaufen.
Als ich nach Hause kam, blinkte das Licht meines Anrufbeantworters. Ich drückte auf Wiedergabe und hörte Lenas vergnügte Stimme: „Also, wenn dir langweilig ist … ich hätte Zeit heute Abend – Bieeeb!“
Ich dachte: Donnerstag! Das war irgendwie zu kurz. Nicht, dass ich mir eine Zukunft oder Kinder oder so einen Schrott, mit Lena hätte vorstellen können, aber ich war noch nicht satt. Wie mit einer Tafel Schokolade oder einer Tüte Chips von der man nur zwei Stücke erhält: genug um Lust zu bekommen, zu wenig um satt daran zu werden.
Ich nahm den Hörer ab, unentschlossen, ob ich sie anrufen sollte.

06/20 PGF

Frankfurt 95 (10)

10.

Lenas Frage machte mir bewusst, dass ich in ihrer Gegenwart, eine normale Arbeitswoche simulieren musste, auch, wenn ich die seit Jahren nicht kannte. Also erzählte ich ihr, als es Sonntagabend wurde, ich müsse am Montag früh, zu einem Meeting und sie möge es mir nicht übelnehmen, wenn ich diesen Abend noch für mich bräuchte.
„Gar kein Problem.“ Erklärte sie. „Ich muss mich für die Woche auch noch vorbereiten.“
„Was studierst du eigentlich?“
„Psychologie“, sie grinste verschmitzt, „Schwerpunkt Forensik.“
Ich wippte anerkennend mit dem Kopf.
„Dann erforschst du ja die dunklen Abgründe.“
„Die allerdunkelsten.“ Ergänzte sie.
Nachdem sie weg war, blieb ich nicht lange wach. Ich wollte für den nächsten Tag ausgeruht sein. Aber gegen drei wurde ich wach und verbrachte, eine schlaflose Stunde mit Sehnsucht nach Lena und Skizzen zu Operation Parkplatz.
Mein Meeting, am Morgen, mit Muschgl war kurz. Schwerpunkt unseres Meetings war die Beschaffung eines Nachtsichtgerätes. Er empfahl mir einen Typ namens Flashback, mit dem Hinweis: „Bei dem muschde uffbasse, der is nedd goanz sauwer.“
Muschgls Empfehlung bewohnte eine Erdgeschosswohnung im Westend, die zu einer Gruppe besetzter Häuser in der Straße gehörte.
Man warf mir kritische Blicke zu, als ich mich dem Eingang näherte, aber mein Hinweis auf Muschgl, als Referenz, sorgte für Entspannung.
„Wo willst du hin?“ Fragte mich ein Punk mit grünem Iro, der zwei Sicherheitsnadeln auf sehr groteske Art in seinen Nasenflügeln präpariert hatte.
„Zu Flashback.“
„Ah! Flashi. Der wohnt gleich unten im Erdgeschoss.“
Ich stakste durch einen vermüllten Hauseingang und trat durch eine offene Tür auf der rechten Seite. Es stank nach Alkohol und Urin und über den Boden verstreut lagen – ich schätzte nur – hundert leere Flaschen Jack Daniels.
Ich wollte gerade rufen: „Ist da jemand?“
Als ein hagerer, groß gewachsener Kerl mit hohem Lockenkopf und dunklen Augenringen, aus einem Nebenraum schoss, der sich später, als Küche herausstellen sollte. In der Hand hielt er ein großes Messer.
„Du!“ Raunte er mich an und fuchtelte mit dem Messer in meine Richtung.
„Ich will zu Flashback. Bis du das?“
„Wer will das wissen?“ Er klang so, als könnte er blitzartig hysterisch werden.
„Ein Freund von Muschgl.“
„Und was willst du von mir?“
Hatte ich doch richtig vermutet.
„Ich brauche ein Nachtsichtgerät.“
Er winkte mich mit dem Messer zu sich.
„Komm.“
Ich folgte ihm in den Raum, der nach sehr vagen Kriterien, als Küche bezeichnet werden konnte.
Wir setzten uns auf zwei Campingstühle die dort standen, an einen Campingtisch, auf dem drei Flaschen Jack Daniels standen.
Flashback setzte sich und trank einen gewaltigen Schluck aus einer der Flaschen.
„Hast du Geld?“
Ich sah irritiert nach den Flaschen.
„Ja, habe ich. Hast du das Teil hier?“
Er sah mich groß an.
„Natürlich nicht. Ist im Wald versteckt.“
Er nahm wieder eine Flasche, eine andere und trank erneut einen großen Schluck. Er merkte, dass meine Augen ihm folgten.
„Was guckst du?“
„Für die Uhrzeit, ziehst du ganz schön was weg.“
„Ist gegen die Flashbacks. Ich hab´ mir mit 19, im „Omen“ eine Pille eingeschmissen und seitdem – hörst du die Stimmen?“
Er sah sich hektisch um.
„Öhm – nein.“
„Ist auch egal. Seitdem“ er klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe, „geht es da drin ab und zu rund. Wenn ich genug Jacky, als Gegenmittel konsumiere, geht es. Da spielt doch jemand Orgel.“
Er sah zur Decke und schien dort etwas zu entdecken, was ihn beunruhigte. Ich entdeckte nur herabhängende Tapetenfetzen.
Er starrte mich an.
„Keine Orgel?“
„Nein. Wegen dem Teil.“
Er nickte angestrengt, als könne es ihn retten, sich auf meinen Auftrag zu konzentrieren.
„Ist im Schwanheimer vergraben.“
„Können wir es holen?“
„Klar, ich trink nur noch einen Schluck.“

06/20 PGF

Frankfurt 95 (9)

9.

Gegen 11.00 Uhr klingelte mein Telefon. Lena lag auf der Seite, den Rücken mir zugewandt und atmete friedlich. Ich zog die Decke an ihrem Rücken zurecht, damit sie nicht fror und beeilte mich aufzustehen, damit sie nicht wach wurde.
Ich ging aus meinem Schlafzimmer, zog die Tür zu und ging zum Flur, wo sich mein Telefon befand.
Ich hob ab.
Es war Muschgl.
„Ich hebb en Termin.“
„Du hast was?“
„En Termin.“
Er erklärte mir, dass er noch einmal mit dem Abgeordneten telefoniert habe. Um herauszufinden, wann die Übergabe des Koffers stattfinden könnte, bot er dem Mann eine Speziallieferung Koks an, wann immer der könne. Die Antwort lautete: „Ich kann die ganze Woche nur Mittwoch und Donnerstag nicht.“
„Also is´s Middwoch orrer Dunnerschdoag.“
Das klang nach keiner schlechten Theorie.
„Cool, Muschgl! Du hast was gut bei mir.“
„Ach noa. Hoaschde Geld hebb isch Kundschaft.“
Hinter mir ging die Schlafzimmertür.
„Okay, Muschgl, ich muss Schluss machen.“
„In Ordnung bis doann.“
Ich legte auf.
Lena taumelte verschlafen auf mich zu und schob sich an mir vorbei ins Badezimmer. Sie war ein Morgenmuffel – also genau genommen ein Vormittagsmuffel – perfekt.
Gar nicht perfekt, grummelte eine andere Stimme in mir, die sich nicht zärtlich an die letzte Nacht erinnerte, sondern, wie ein Soldat die Bauteile seiner Waffe, von mir verlangte, die Informationen der letzten Stunden vor mir zu sortierten, die mir dazu helfen würden, in den Besitz der 400000 DM zu kommen.
Perfekt, behauptete sie, sind die Infos von Muschgl. Perfekt wäre, wenn du ein Nachtsichtgerät hättest, um den Parkplatz auszuspähen. Du solltest Muschgl danach fragen, um die perfekte -.
Lena kam aus dem Badezimmer.
Sie sah aus, als hätte sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser frisch gemacht. Eine Strähne ihrer blonden Locken hing ihr feucht in die Stirn. Ihre blauen Augen strahlten mich an, wie Himmel.
„Hast du was zu frühstücken?“
„Müsli“, ich dachte kurz nach, „also Kellogs. Ich brauche morgens was Süßes.“
„Ist okay. Ich hol mir, aus deinem Kleiderschrank, was zum drüberziehen.“
„Ja. Ich geh schon mal den Tisch richten.“
Lena gab mir einen Kuss und lief in Richtung meines Schlafzimmers.
Der Schuhkarton! Es traf mich, wie ein Schlag. Wo hatte ich ihn hingestellt? Einfach nur in den Schrank oder oben ins Regal?
In meinem Schlafzimmer knackte es.
„O!“ Hörte ich Lena rufen.
Ich sah sie vor mir. Sie hatte an der rechten Schranktür gezogen und hielt jetzt den abgerutschten Knauf in der Hand. Ich musste mich beeilen.
„Lena! Warte kurz. Ich helfe dir.“
Als ich ins Schlafzimmer kam, hielt sie mir den Schrankknauf entgegen.
„Der ist einfach abgerutscht.“
„Ja, das passiert immer. Geh du doch in die Küche, ich hol dir -.“
„Ein Hemd.“
„Okay, ein Hemd.“
Ich fummelte umständlich den Knopf an die Schranktür, bis sie aus meinem Schlafzimmer war und atmete durch. Das war knapp. Ich öffnete den Schrank, wie vorgesehen und nahm ihr eines meiner wenigen Hemden heraus.
Als ich in die Küche kam, war der Tisch schon gedeckt. Sie hatte irgendwo noch eine Avocado gefunden und etwas Toastbrot.
„Was dagegen, wenn ich mir die Avocado mit Salz und Pfeffer mache?“
„Nein, mach ruhig. Soll ich Kaffee machen?“
„Hast du Tee?“
„Was für Tee?“
„Grüntee.“
„Meinst du Pfefferminz?“
Sie lächelte und winkte ab.
„Ja, mach Pfefferminz. Ich glaube, über Tee muss ich dir noch etwas erklären. Musst du eigentlich morgen arbeiten?“

06/20 PGF

Frankfurt 95 (8)

8.

Ganz entgegen meinem Sinn, war der Abend schön und die Nacht zärtlich. Fast, als hätte die Hollywood-Romanze, über die ich mich die ganze Zeit geärgert hatte, eine heimlich hypnotische Wirkung auf mich ausgeübt.
Aber das war es nicht. Es war Lena, nicht Lissy, wie ich rechtzeitig merkte, ehe ich sie ansprach, die dafür sorgte, dass mir der Abend gefiel und ich mich wohl fühlte.
Ich verstand zwar gar nicht, was ihr an mir gefiel und weshalb sie sich um mich bemühte – schloss ich die Möglichkeit aus, dass irgendwelche guten Mächte, aus irgendwelchen Himmeln, irgendwelche Engel zu Menschen schicken konnten – aber, wenn ich mir darüber keine Gedanken machte, dann war es einfach schön mit ihr. Sie war lebenshungrig, neugierig, abenteuerlustig, wie ich es war, aber auf eine viel gesündere Art. Sie plante keine Parkplatzüberfalle, sondern studierte (ich wusste noch immer nicht was). Sie stand nicht im Widerspruch zur Gesellschaft und lehnte sie ab, sie machte einfach was sie wollte und ließ gar keinen Widerspruch entstehen. Sie philosophierte nicht über eine andere, bessere Welt, sondern erkundete diese.
Außerdem war sie schlau. So schlau, dass sie mich das gar nicht die ganze Zeit wissen ließ: ich musste aufpassen, wie ein Virenwächter, bei jeder aus- und eingehenden Information, weil sie in mir las, wie in einem Buch und mich unterhielt und herausforderte, wie es ihr, für mich, richtig schien.
Aber es war schön.
Sie merkte, dass mir der Film nicht gefiel, wie ihr. Also kuschelte sie sich an mich und über ihre Nähe und Wärme vergaß ich den Film. Solange ich sie spüren konnte, war es schön. Als wir nach dem Kino, noch zu einem Italiener auf ein Glas Wein gingen, streifte sie den Film nur kurz und gab mir stattdessen Zeit, von dem zu erzählen, was mir wichtig war. Als sie merkte, dass ich genug von Nietzsche und seinen biografischen Lebenshintergründen erzählt hatte, übernahm sie ganz fließend und erzählte mir von ihrer Schwester und ihren beiden Nichten mit denen sie gerne spielte und gab mir das Gefühl der beste Zuhörer „ever“ zu sein.
Als wir aus dem Lokal, in eine milde Sommernacht traten, warf sie mir einen flüchtigen Blick zu und meinte: „Es war schön, wenn du willst –“.
„Magst du noch mit zu mir kommen?“
Ich hatte nicht beabsichtigt das zu sagen, aber ich merkte: Ich könnte mich, in dieser Nacht einsam fühlen, wenn sie nicht neben mir lag. Ich fühlte mich, wie eine vernachlässigte Tierheimkatze, die sich langsam wieder an menschliche Nähe gewöhnt und sie fast schon vermisst.
Lena sagte nichts. Sie gab mir einen flüchtigen Kuss, nahm meine Hand und so liefen wir zur Haltestelle, die uns in die Kantapfelsiedlung brachte.
Dieses Mal liebten wir uns. Also nicht, wie die Nacht davor, als zumindest ich es, als Triebabbau empfunden hatte. Wir teilten unsere Sehnsucht, wir linderten unsere Einsamkeit und für einen kurzen Moment, fühlte ich jene tiefe, ausweglose Sehnsucht, mit diesem Menschen verschmelzen zu können, befreit zu sein, von diesem Körper, der zwischen Ich und Ich, eine unüberwindliche Grenze setzte.
Dann lag sie in meinem Arm. Sie streichelte mich und ich hörte sie leise atmen.
„Lebst du gerne allein?“ Fragte sie sanft.
Ich zuckte unentschlossen.
„Ich bin es gewohnt.“
„Und deine Eltern?“
„Habe ich schon länger nicht mehr gesehen.“
Sie schwieg, als müsse sie darüber nachdenken.
„Darf ich dir sagen, was ich denke?“
Während sie sprach, spürte ich ihre Stimme auf meiner Haut.
„Das muss man immer tun.“ Antwortete ich überzeugt.
„Du kommst mir vor, wie jemand, der niemand an sich heranlässt. Aber ich glaube nicht, dass du kalt bist. Es scheint eher, als wäre deine Seele, wie eine einzige Wunde, wie eine berührungsempfindliche Wunde, die allem ausweicht, damit man ihr nicht weh tut.“
„Wow!“ Sagte ich in die Dunkelheit und kontrolliert irritiert, ob sich da Tränenflüssigkeit in meinen Augen sammelte.
„Vielleicht bin ich auch einfach nur ein Verbrecher, der Angst hat, dass man ihm auf die Schliche kommt.“
„Das wäre möglich.“
Ich spürte ihre Erregung. Sie war, wie einer dieser Menschen, die mit zwei Tigern oder drei Krokodilen da Heim leben.
„Und ich könnte die Polizistin sein, die dich auskundschaftet.“
Ich versuchte entspannt liegen zu bleiben, aber einen Moment hatte mein Atem gestockt und mein Körper an Spannung gewonnen.
„Dann würdest du aber weit für deine Ermittlungen gehen.“
„Das muss man, wenn man Menschen retten will. Die meisten muss man vor sich selbst retten. Weil – weißt du – da drin“, sie klopfte zärtlich mit dem Finger auf die Stelle meines Brustkorbs, wo sich mein Herz befindet, „da drin ist jeder Mensch gut. Da drin schlummert das Potential, dass sich nicht immer entfaltet.“
Ich zog sie etwas zu mir.
„Darf ich dir auch was sagen?“
„Ja.“
„Dann bist du, wie das Licht, damit es sich entfalten kann.“
Sie drückte sich an mich, ich spürte ihre weichen Brüste an meinem Brustkorb.
Wir schwiegen.
Und irgendwann schliefen wir ein.

05/20 PGF

Frankfurt 95 (7)

7.

Am späten Nachmittag rief mich die Frau von letzter Nacht an. Ich hatte Mühe, mich an ihren Namen zu erinnern. Ich meinte, dass sie Lissi hieß und studierte. Etwas in der Art hatte sie mir erzählt.
„Na, hast du Zeit heute Abend?“ Fragte sie fröhlich.
Ich schloss die Augen. Ich war noch matt von dem Joint und dem anschließenden Schläfchen am Mittag.
„Ich weiß nicht.“ Antwortete ich ausweichend.
Sie ließ sich nicht entmutigen.
„Ach komm schon. Wir könnten zusammen ausgehen. Ich war schon ewig nicht mehr im Kino. „Während du schliefst“, läuft gerade.“
Ich zweifelte, ob das was für mich war. Trotzdem schaffte ich es nicht, nein, zu sagen. Lissy, wenn sie so hieß, war entwaffnend und auf angenehme Art hartnäckig.
Von der Liebe habe ich keine besondere Meinung. Ich glaube, Menschen scheuen sich davor, damit aufzuhören jemand zu lieben, weil sie dann merken, dass da nichts ist, außer einem diffusen Gefühl. Sie merken, dass sie gar nicht wissen, was ihre Liebe ist. Wer das weiß und stark ist, der liebt, weil er einen Sinn darin sieht oder hört auf, wenn er keinen mehr findet. Und genau so wollte ich sein. Aber ich schaffte es nicht. Lissy machte mich irgendwie dankbar. Es war ein schönes Gefühl, dass sie sich für mich interessierte. Aber keines, an das ich mich gewöhnen wollte. Wenn ich mich entschied, die Operation Parkplatz durchzuziehen, war meine Zeit in Frankfurt beendet.
„Also um 8 vor dem Kino.“ Sagte sie in mein Schweigen hinein.
„Ja.“ Sagte ich. Wie ich im gleichen Moment zur Operation Parkplatz: Ja, sagte. 400000 würden mir genau für 10 Jahre genügen (ich hatte mein Jahresgehalt auf 40000 erhöht). Dann würde ich 40 sein. Wenn das keine Zahlenmagie war! 40000 bis ich 40 war, das war fast, wie die Dauerrente der Glücksspirale. Dann war ich immer noch jung genug, für das nächste Projekt.
„Schön.“ Freute sich (die möglicherweise) Lissy und legte auf.
Die hat mich im Sack, dachte ich, mit einer Empfindung der Ausweglosigkeit. Was war denn nur passiert?
Bis gestern, war alles im Lot: Geld auf dem Konto, One-Night-Stands, Spaziergänge, Privat-Studium der Werke von Camus, Nietzsche und Thomas Mann – mir war recht früh bewusst geworden, dass ich verblöden würde, wenn ich mit dem Geld meiner Projektarbeit nur Müßiggang betrieb – und heute war das alles weg. Was so ein bisschen Bewusstsein, über die Zusammenhänge doch ausmachen konnte. Man lebte, wie doof in den Tag, plötzlich starb jemand an Krebs, den man kannte und ruckzuck, war man motivierter, etwas mehr aus seinem Leben zu machen. Auch, wenn es man schlussendlich selten tat, weil der Krebs (als Beispiel) der motivierte zu leben, zu gleich auch die Lust dazu entzog, weil ja alles in Erkrankung und Tod enden konnte. Wer das ausführlich erklärt haben wollte, musste sich nur bei den gleichen Dozenten, wie ich, eintragen: einem französischen Existentialisten, einem deutschen Philosophen und dem vielleicht begabtesten, deutschen Erzähler. Manchmal fand ich es schade, dass mir meine autodidaktischen Neigungen nichts einbrachten. Dass ich nicht irgendwo, nur eine Prüfung zu dem ablegen konnte, was ich mir beibrachte. Ich verstand, dass das nicht mit allen Fächern möglich war. Eine Weile hatte ich mich mit Medizin und Ingenieurswesen beschäftigt, aber da kam man ohne Erklärer, keine drei Schritt weit. Mein Versuch mich durch das Anatomiebuch von Lippert zu arbeiten scheiterte gnadenlos. So war ich zu Philosophie und Literatur gekommen und da, glaubte ich, reichte mir niemand so schnell das Wasser. Nur, dass mir das keinen Abschluss brachte. Deshalb musste ich mich mit dem Projekt Parkplatz beschäftigen und nicht mit meinen Gastbeiträgen beim Hessischen Rundfunk zur abendländischen Philosophie. Scheiße aber auch!
Das Ganze wurde dadurch nicht einfacher, dass Lizzy mit mir ins Kino wollte, in irgendeine romantische Schnulze, für die Nietzsche mich verteufeln würde.
Irgendwie passte ich nirgends hin. Alle hassten Klischees, aber die waren auch bequem. Wäre ich Schlosser geworden, wie mein Vater es sich gewünscht hatte, hätte ich gearbeitet und Bier getrunken, eine Frau geheiratet und ein Haus gebaut. Meine existentialistischen Fragen, hätte ich mir morgens in den Kaffee getunkt, viel zu müde, um sie mir zu stellen und nach einer gewissen Frist der Verblödung, hätte mir dieser Film vom Abend – wie hatte er geheißen? – vermutlich gefallen. Andersrum wäre auch okay gewesen: mit Drill zum Abi, mit dem Abi zum Studium, Abschluss als Doktor der Medizin und gut ist. Aber ich war zu dumm zum einen und zu klug zum anderen gewesen. Was für eine Kacke!
Ich entschied, mich zu duschen. Wenn mich etwas retten konnte, war es eine heiße Dusche.

05/20 PGF

Frankfurt 95 (6)

6.

Wir fuhren zu Muschgls Loft im Frankfurter Bahnhofsviertel, weil er mir vorher „Iwwer die Details“, nichts verraten wollte.
Ein Aufzug brachte uns in den fünften Stock, wo das Loft lag, welches ich nicht zum ersten Mal sah. Im Wohnbereich, der es vermutlich auf 100 m² brachte standen eine Hantelbank, mit einem Gewichtständer, der Stangen für Kurz- und Langhanteln enthielt und Gewichte mit denen man 150 Kilo pro Seite belegen konnte. In der Nähe der Bank stand ein breites, rotes Sofa, welches das Zentrum für eine protzige Stereoanlage und einen großen Fernseher bot. Trotz der Stereoanlage füllte auch noch eine Jukebox den Raum und gegen die Langeweile gab es eine elektrische Dartscheibe und einen Flipper. Die Wohnung sah aus, wie der realisierte Traum eines Zehnjährigen, aus den 80er Jahren.
Wir durchquerten das Wohnzimmer zur Küche, in der man an einem Tisch oder an einem von drei Thekenplätzen teilnehmen konnte.
Ich setzte mich auf einen Barhocker.
„Willschde en Drink?“
Das bedeutet bei Muschgl ein Eiweiß-Shake.
„Nein, danke. Mir liegt die Curry-Wurst noch im Magen.“
Muschgl ging zum Kühlschrank.
„Isch mach mer en.“
Er mischte sich Eiweißpulver mit Milch und gab noch ein rohes Ei dazu.
„Dess batscht.“
Er setzte sich neben mich.
Ich wurde ungeduldig.
„Also erzähl mal.“
„Hör mer zu.“
Das machte ich die nächsten fünf Minuten, zunehmend ungläubig. Muschgl erzählte mir von einem CDU-Politiker, der sich hin und wieder bei Muschgl „die Nas puderte“. Ein Abgeordneter aus dem hessischen Parlament. Als der kürzlich mal ein kleines bisschen zu viel, vom weißen Pulver geschnuppert habe, wäre er in einen Redeschwall verfallen, als habe ihn die CIA mit einer Medikation fürs Verhör abgefüllt. Der Kerl habe damit angegeben, an einem ganz großen Ding dran zu sein, einem Waffenhändler Schreiber oder Schreiner, das wusste Muschgl nicht mehr sicher, der für die Waffenindustrie Lobbyarbeit betrieb. Aber nicht die Lightversion, mit einer Karibikreise, als kleinem Dankeschön für das Engagement, sondern mit Koks, Nutten und dicken Geldkoffern, wenn die Einflussnahme so weit führte, dass über die Landespolitik, auch bundespolitisch die richtigen Weichen gestellt wurden. Der Name Koch sei mehrfach gefallen, aber Muschgl war sich unsicher, ob jemand mit dem Namen Koch oder jemand mit dem Beruf Koch damit gemeint war. Jedenfalls habe der voll gekokste CDU-Mann angekündigt demnächst diesen Schreiber/Schreiner zu treffen, um für diesen Koch Name/Beruf einen Aktenkoffer entgegen zu nehmen, in dem sich eine satte 400000,- DM Parteispende befinden würde. 100000 für ihn, nur für die Übergabe. „Dann feiern wir hier mal eine Party“, hatte er zu Muschgl gesagt.
Muschgl der immer klug wurde, wenn es um viel Geld ging, fragte naiv nach, wo man eine solche Übergabe den mache. Etwa im Hotel. Worauf der CDUler ihn ausgelacht habe und freizügig erzählte: „Auf einem Autobahnparkplatz. Einem der großen, südlich von Frankfurt, wo so viele LKWs und PKWs auf und ab fahren, dass gar keiner mitbekommt, wenn zwei Autos neben einander parken und ein Koffer den Besitzer wechselt.“
Ich war beeindruckt. Von Muschgls Kontakten und seiner Kaltschnäuzigkeit, wie ein gut informierter Friseur, alles was er hörte erstmal zu verwahren und nicht damit hausieren zu gehen.
„Und du bist dir sicher, dass der nicht nur die Nase voller Abenteuergeschichten hatte.“
„Noa!“ Bekräftigte Muschgl, der Kerl habe ihn zwei Tage später angerufen, ob er bei ihrem letzten Treffen, denn irgendetwas Blödsinniges erzählt habe. Worauf Muschgl angab, sich an Nichts zu erinnern.
„Und wieso machst du das Ding nicht selbst?“
„Wie hoaschde gsoaht? Nedd mein Metier.“
Ich schmunzelte. In Muschgls Nähe bekam ich immer gute Laune. Es war ein bisschen, wie mit Mogli und Balu.
„Ein Datum hast du nicht?“
Muschgl schüttelte das wuchtige Haupt.
„Noa blous de Parkplatz unn die Zeit: innerhalb der neegschde Woch.“
„Okay. Und du hast nichts dagegen das ich?“
„Klar nedd.“
„Cool. Dann – gibst du mir den Dope noch?“
„Klar.“
Muschgl kramte ein Plastiktütchen aus seiner Hose und ich gab ihm die passenden Geldscheine. Wir einigten uns, noch auf einen Joint und während der wirkte, fing ich an, mich mit Operation Parkplatz zu beschäftigen.

05/20 PGF

Frankfurt 95 (4)

4.

Ich stellte die Kiste auf das Sofa neben mich, legte die Füße auf den Tisch und schaltete den Fernseher ein.
Im „Morgenmagazin“ liefen die Nachrichten. Kanzler Kohl war zu sehen, der nach seiner Position zur Haltung der Umweltministerin befragt wurde. In seiner behäbigen Art erklärte er, dass er der Ministerin Merkel nur beipflichten könne, dass der Salzstock Gorleben unbedingt geeignet sei, um darin Atommüll zu lagern.
Der Reporter hakte nach, dass es doch bereits beim Atommülllager Morsleben, umfangreiche Bedenken von Experten gäbe, ob die Sicherheit gewährlistet sei.
Kohl bedachte den Reporter mit spöttischem Blick und erklärte: „Das hat Ministerin Merkel genügend geprüft, es bestehen keine Bedenken.“
Ob sie denn auch die Sicherheit der Castor-Transporte überprüft habe. Worauf der Kanzler keine Antwort mehr gab.
Ich betrachtete Kohls Miene aufmerksam. Er hatte etwas im Blick, was mich, an mich selbst erinnerte. Ich ließ auch nie jemand ganz an mich herankommen, weil es Taten gab, über die ich niemals sprechen wollte. Als Verbrecher sah ich mich nicht. In den letzten acht Jahren, war ich für zwei Stunden kriminell gewesen, seitdem lebte ich ein bürgerliches Leben. Na ja, bis auf ein, zwei kleinere Sünden. Der Bundeskanzler, so war mein Eindruck, spielte mit der gleichen Ambivalenz: Er war ein redlicher Staatsmann, mit Vertrauen in seine Minister, dem Herz am rechten Fleck und der Verantwortung für das Volk, aber daneben, im Schatten dieser Persönlichkeit, die er zeigte, lauerte das Unrecht, der Machthunger. Ich konnte nicht sagen worin Kohl seine Finger hatte, aber ich war fest überzeugt: Er war ein Verbrecher wie ich. Keiner der ständig das Gesetz bricht. Im Gegenteil 99% seines Lebens war er gesetzestreu, aber dieses 1% nutzte er zu seinem Vorteil, um das zu bekommen was er haben wollte. In seinem Fall Macht, in meinem Fall war es Bequemlichkeit.
Ich schaltete den Fernseher aus. Ich begann mich zu ärgern. Wenn ich die Bundesregierung sah, ärgerte ich mich immer. Aber es gehörte zur Demokratie, auch die zu akzeptieren, die man nicht gewählt hatte. Ich hoffte, nur es würde die letzte Amtszeit von Kohl werden.
Plötzlich war es sehr still, in meiner Wohnung.
Ich sah wieder zur Kiste, die neben mir auf dem Sofa stand und hätte am liebsten ihre Existenz aus meinem Leben gelöscht. Aber das hätte bedeutet, von Montag bis Freitag, von 7.00 bis 16.00 zur Arbeit zu gehen und nicht die Tage verbummeln zu können, wie ich es, Dank ihrem Inhalt konnte.
Ich stand auf und holte mein schnurloses Telefon. Ich wählte die Nummer von Muschgl, bei dem ich ab und zu, was zum Rauchen kaufte. Eigentlich lag mir nicht am Dope, weil er mich nur schlapp machte, aber ich träumte gut davon und, wenn ich innerlich unruhig aber unentschlossen war, half mir das Kiffen, besser in Balance zu kommen.
Muschgl hob ab. Seine sonore Stimme raunte: „Joh!“
„Ich bin´s. Hast du Zeit?“
„Habb isch. Woas willschde?“
„Treffen wir uns an der Pommesbude? Ich habe Lust auf eine Currywurst.“
Das war unser Codewort, für einen kleinen Deal. Muschgl hatte immer Sorge sein Telefon würde abgehört.
„An de Pommesbude? Gud! In oaner halbe Schdunn.“
Ich legte auf. Es war Zeit mich anzuziehen.
Ich nahm den Schuhkarton, brachte ihn zurück an seinen Platz und nahm mir Kleider aus dem Schrank.
Vielleicht hatte ja Muschgl eine Idee. Nicht das ich mich auf seine Geschäfte eingelassen hätte, aber er kannte in der Frankfurter Szene die ein oder andere größere Nummer, die vielleicht einen Job hatte oder etwas wusste, aus dem man einen Job machen konnte.

05/20 PGF

Frankfurt 95 (3)

3.

Ich nahm den Karton von seiner Ablage, kurz überrascht vom Gewicht und trug ihn zu meinem Bett. Dort stellte ich ihn ab und betrachtete ihn einen Moment ruhig. So, wie ein Operateur die vorbereitete Körperstelle betrachtet, ehe er das Skalpell nimmt und sie aufschneidet.
Dann nahm ich den Deckel ab.
Die Glock lag, sauber eingeschlagen in ein Ledertuch, in der Mitte. Beides füllte fast vollständig den Karton. Der restliche, freie Raum gehörte zwei Packungen Munition, einer Sturmhaube und einem gefälschten Führerschein.
Dieser Schuhkarton war der Schlüssel zu meinem Berufsleben.
37500,- DM Gehalt würde ich pro Jahr benötigen, hatte ich mir mal ausgerechnet. Ein Betrag, den ich vielleicht mit diesem Jahr nach oben korrigieren musste. Aber damals 1982, ich war siebzehn, war das ein vernünftiger Betrag. Ich stand, unter dem Druck meines Vaters, vor der Wahl meine Lehre als Schlosser fortzusetzen oder mein eigenes Geschäftsmodell zu starten.
Vielleicht war ich, rückblickend betrachtet, einer der ersten Projektarbeiter. Es war das Prinzip: arbeite kurz hart, um dann lange auszuspannen, das mir gefiel.
Die Glock war mein Werkzeug. Sie war damals zwei Jahre am Markt. Ein Kumpel besorgte sie mir aus Frankreich. Ich wohnte damals in der Nähe der Grenze. Mein Kumpel kannte einen ehemaligen Fremdlegionär der – seine Beziehungen hatte.
Mein erstes Projekt war ein Juwelier, am Monatsende. Er war auf dem Weg zur Bank und ich fest entschlossen mir nicht den Schmuck zu nehmen, den ich umständlich verkaufen musste, sondern das Geld der Monatseinnahmen. Es waren exakt 114000,- DM, also 1500,- DM mehr, als geplant, für die kaufte ich mir einige Wochen später einen Fernseher.
Am Tag nach dem Überfall, gab ich bei meinem Vater vor, zur Arbeit zu gehen. Tatsächlich fuhr ich mit dem Zug nach Berlin, mietete mich in einer Wohnung ein und fing an, mein eigenes Leben zu leben. Meinem Vater war schon die Frau, meine Mutter, davon gelaufen – und es hatte ihn nicht gekümmert – auch mich, schien er ziehen zu lassen.
Das Geld reichte bis 85. Da gelang mir nichts großes, gerade mal genug für zwei Jahre.
Aber dann 87, mit 22 und Pfeffer im Hintern wagte ich mich an eine Bank in der Nähe von Düsseldorf. Eine Dorffiliale ohne Sicherheitskonzept. Die Beute? 300000 DM, das Geld, dass mir bis zu diesem Jahr ausgereicht hatte, weil ich nie, nie mehr als 37500 im Jahr ausgab. Egal, welche Reise mich lockte, welches Bordell, welches Essen. Die Alternative war: einmal Action und dann lange chillen oder als Schlosser arbeiten. Die Variante mit: einmal arbeiten und acht Jahre ausspannen, gefiel mir besser. Es war die perfekte Mischung aus Sicherheit und Abenteuer.
Offensichtlich war mir die Sicherheit so bequem geworden, dass ich die Zeit ganz vergessen hatte.
Ich schloss die Augen. Mein Magen krampfte sich einen Augenblick unangenehm zusammen. Ob ich noch die Chuzpe besaß? Gut, mit 30 war man noch nicht gesetzt, auch, wenn Familie, ein unbefristeter Arbeitsvertrag und ein Haus, für das man sich verschuldet hatte, dazu gehörten. Das alles hatte ich nicht. Aber ein bisschen mehr, als mit 22, hatte ich auf dem Schirm.
Ich schlug die Augen auf, setzte den Deckel auf den Schuhkarton und trug ihn ins Wohnzimmer. Es war Zeit für das Frühstücksfernsehn. Das lenkte mich ab und brachte mir vielleicht ein paar Ideen.
Es sprach ja nichts dagegen, statt mich mit dem Schuhkarton zu beschäftigen, einfach eine Lehre zu beginnen. Etwas bürgerliches, Landschaftsgärtner war bestimmt nett. In München? Ich hatte ja die freie Wahl.

05/20 PGF