Ruby (3)

3.
Da lag er.
Ich ließ die Pizzatasche fallen, die keinen durchfetteten Pizzakarton enthielt, an dessen Deckel der Pizzakäse klebte, sondern Gleitcreme, zwei Dildos für mich, einen zum Umschnallen, Kondome und Handschellen für den Herren – fesseln ließ ich mich, in fremden Wohnungen nicht.
Er sah nicht gut aus. Also jetzt. Wenn man sich das Blut, den verzerrten Gesichtsausdruck und das, was ich als Hirnmasse definierte, wegdachte, war er vermutlich attraktiv gewesen.
Er sah irgendwie überrascht aus, als wollte sein Gesicht sagen: Ja, schau mal an, damit habe ich nicht gerechnet.
Ich auch nicht, dachte ich und betrachtete den Toten einen Moment. Ja, schade, dass ich zu spät gekommen war, dem hätte ich Rabatt gegeben.
Ich überlegte was ich jetzt machen sollte: Handy zücken und die Polizei rufen?
»Ja, ja er wollte Sex mit einer Pizzabotin. Ermordet? Nein, er war schon tot als ich kam. Ob er mich nicht bezahlt hat? Soweit –«.
Ah! Das konnte kritisch werden.
Ich entschied mich zu gehen. Auch, wenn mich das, falls ich bemerkt wurde, mehr belastete. Aber es gab die Chance, unbemerkt aus der Sache rauszukommen.
Ich war durchaus für Gerechtigkeit. Ich hatte, ein, zwei Jahre zuvor überlegt, ob ich nicht vielleicht Polizistin werden sollte: man dient und hat auch eine gewissen Macht, aber der Verdienst war erbärmlich und für meine Lust wäre wenig rausgekommen.
Ich sah auf den Boden, auf dem verstreut meine Sextoys lagen. Lauter Spuren, dachte ich entsetzt. Zum Glück sind die alle noch sauber, sonst hätte ich eine genitale Super-DNA-Probe hinterlassen.
Es war Zeit meine Sache zu schnappen und zu gehen. Es konnte jederzeit jemand kommen – oder nicht? Wer sich eine Hure bestellte, achtete meist darauf, keinen direkten Anschlusstermin zu haben. Wahrscheinlich hatte ich Zeit. Ein bisschen zumindest. Wie lange hatte er mich gebucht? Eine Stunde, meinte ich.
Egal.
Ich bückte mich und nahm aus der umgefallenen Tasche ein paar Einmal-Handschuhe, die ich verwendete, wenn ein Kunde, seiner Prostata Freude bereiten wollte.
Ich zog die Handschuhe an und sammelte meine Werkzeuge ein. Akribisch darauf achtend, dass auf dem Boden, zum Glück ein glattes Laminat, nichts zurückblieb.
Hatte ich weitere Spuren zu verwischen? Was hatte ich berührt?
Die Türen, als ich sie aufschob. Mit der Kleinfingerseite.
Okay, die musste ich abwischen. Feuchttücher hatte ich.
Sonst was?
Hatte mich jemand gesehen?
Ich erinnerte mich nicht. Es wäre auch zu doof gewesen, wenn ein Zeuge aussagen würde: »Ach ja: so eine komische Pizzabotin, die war zu der Zeit hier.«
Zum Glück hatte ich eine Kappe auf, unter der ich meine langen Haare versteckte.
Okay, damit war eigentlich alles bedacht, außer der Tür, die aus dem Wohnzimmer, zu einem weiteren Raum führte! In dem der Mörder sich verstecken konnte: Hau besser sofort ab!
Oder: In dem der Grund, für den Mord versteckt sein konnte. Das wäre natürlich interessant zu wissen.
In dem irgendetwas sein mochte, was diesen ganzen Schlamassel hier erklärte. Wäre gut zu wissen, um die weiteren Schritte einzuschätzen.
Die Tür stand, einen Spalt, verführerisch offen, wie die Beine einer Frau, der ein Mann gefällt.

10/21 PGF

Ruby (2)

2.

Ich suchte den Namen zwischen den etwa 20 Klingelschildern des Mietshauses und drückte die Taste, als ich ihn fand.
Ich wartete.
Der Buzzer brummte nicht.
Ich drückte gegen die Tür und sie sprang auf.
Okay, mutig, wer in Berlin-Gesundbrunnen seine Ausgangstür nicht absperrt. Aber vielleicht gab es einfach, bei keinem der Bewohner, etwas zu holen.
Mir konnte es recht sein, wenn mich in der Wohnung niemand hörte, kam ich wenigstens ins Haus.
Ich rückte mein Dress zu Recht und sah an mir herunter, ob alles gut verpackt war.
Wie beim Essen, isst auch beim Sex, das Auge mit, wobei damit nicht gesagt ist, was dem Auge gefällt. Die Geschmäcker der Männer gehen da weiter auseinander, als Standard-blond und Standard-schlank vermuten lassen.
Ich kenne meine Vorzüge und Schwächen gut und verpacke sie entsprechend. Meine Brüste zum Beispiel sind recht klein, aber schön. Also symmetrisch, fest und passen zu meiner Schulterpartie. Am meisten stehen die Männer auf meinen Hintern, weil er knackig und rund, wie ein frischer Apfel ist und die Haut schön glatt. Wechselduschen und viel Sex, empfehle ich, damit er sich so entwickelt.
Mit meiner Pizza-Tasche in der Hand, betrat ich das Haus. In der Tasche, die aussah, wie die Thermoboxen, mit denen man sein geliefertes Essen bekommt, war natürlich etwas anderes, als Essen, aber das sollte den Kick, beim »Ihre Lieferung« erhöhen.
Ich ging das dunkle Treppenhaus hinauf, bis in den 2. Stock. Ich war froh, dass die Namensschilder an den Klingeln neu ausgesehen hatten und im Haus, vor einigen Wohnungstüren, Kinderwagen standen, sonst wäre ich vermutlich umgedreht, weil das Haus ansonsten wirkte, als stünde es, über alle Etagen, leer.
Ich erreichte die Wohnung, die mir der Kunde per Mail mitgeteilt hatte: »Stockholmer Straße, 2. Etage, Wohnung 4« und wollte eben klingeln, als ich sah, dass die Wohnungstür, einen Spalt offenstand.
Ich merkte, wie sich langsam Unbehagen einstellte, obwohl ich es gewohnt war, mich auf fragliche Verabredungen einzustellen. Als Sexworkerin war ich gewissermaßen auch Löwenbändigerin und, wenn der Kunde auf dumme Gedanken kam, war es wichtig, nicht auf kleines Mäuschen zu machen, sondern die Peitsche knallen zu lassen. Ich hatte deshalb extra einen Kurs in Selbstverteidigung für Frauen besucht. Ich meine es hätte sich »Krav Maga« genannt.
»Sei schnell und brutal.« Hatte uns der Lehrer eingebläut.
Das nahm ich mir vor.
»Ihre heiße Pizza!« Rief ich.
Stille.
Ich schob die Tür auf.
Im Flur, ein kleines Quadrat, dass in drei Räume führte, vermutlich Bad, Küche und Wohnzimmer, an dass sich, wie ich annahm, das Schlafzimmer anschloss, herrschte ein muffiger Geruch nach nassen Socken und alten Schuhen.
Der sollte mal lüften, dachte ich und: den muss ich bestimmt zum Duschen schicken.
Ich nahm die Tür gerade aus, die mir am ehesten in den Wohnbereich zu führen schien. Etwas an der Tür, ich kann nicht sagen was, verriet mir das.
Ich hoffte, er hatte ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Es gab keinen schlechteren Sex, als auf einem Bettsofa. Danach hatte ich meistens Rückenschmerzen.
Ich klopfte an die nächste Tür, schob sie auf und sagte, um im Thema zu bleiben: »Die Pizza, heiß und feucht.«
Keine Antwort.
Ich betrat das Wohnzimmer.
Es war erfreulich hell, mit großen Fenstern und Bücherregalen, die alle Wände füllten. In der Mitte stand eine Sofa-Landschaft mit Sessel, um einen Tisch gruppiert.
Wie ich erhoffte hatte, zweigte, aus dem Raum, eine Tür, zu einem weiteren Raum ab. Aber so weit kam ich gar nicht.
Als ich um die Sofaecke schaute, entdeckte ich meinen Freier.

10/21 PGF