Der Älteste / The eldest (50)

50.

Professor Milton war begeistert, von der Flöte, als ich sie ihm zwei Tage später überreichte. Lily hatte ihn informiert, dass wir vielleicht einige interessante Entdeckungen gemacht hatten, die er bewerten sollte. Drei Stunden später war er bei uns. Begutachtete zuerst die Flöte und dann die Kammer in der Danger Cave.
Bis zu diesem Abend, konnte sein Glück nicht fassen, was, in den nächsten Tagen, in der bis dahin versteckte Kammer alles zum Vorschein gekommen war. Während wir im „Brewski“ zusammenfeierten, ließ er uns immer wieder wissen, was für eine Bedeutung dieser Fund, für die Geschichte der Indianer hatte. Eine versteckte Kammer, wie bei einer Pyramide, erst 50 Jahre später entdeckt, dass sei so spektakulär, als hätten wir die Grabkammer der Nofretete entdeckt.
Nachdem der Tod der drei Leichen, die man in der Kammer gefunden hatte untersucht und abgeschlossen war bekam Milton mit seinem Team, die Freigabe die Kammer näher zu untersuchen.
Wang und seine beiden Begleiter, wurden als Grabräuber klassifiziert, die, so legte der Pathologe fest, an Gaseinschlüssen, die sich entflammt hatten, gestorben waren.
Der Professor und sein Team verbuchten in den nächsten Tagen erheblichen Erfolg: Sie fanden nicht nur Alltagsgegenstände vieler Epochen, sondern auch weitere indianische Relikte, von unschätzbarem Wert.
Den Ältesten fanden sie nicht. Die Gerichtsmediziner entdeckten in der Höhle eine schleimige Substanz, von großer Menge, die sie nicht zuordnen konnten. Zugerufene Biologen ordneten den Fund einem Schwamm oder Pilz zu, der durch den Einstrom von Sauerstoff und der veränderten Luftqualität, in kurzer Zeit in den Verwesungsprozess geraten sei.
Lily und ich waren uns zuvor schon einig gewesen, dass wir alles tun würden, die wahren Hintergründe zu verschleiern. Aber die waren so unwahrscheinlich, dass wir nur schweigen und zu den falschen Thesen nicken mussten.
Somit war ich der letzte, der die Geschichte des Ältesten vernahm. Nicht in einem Dialog, nicht in einem dezidierten Bericht, sondern in traumhaften Sequenzen, die ich in Trance erlebte, während ich die Flöte spielte.
Tausend Jahre hat der Älteste allein auf der Erde gelebt. Bis dahin hatten er und sein Volk, die Erde oft besucht. Aber sein Volk hatte das Interesse verloren. Es gab immer mehr Menschen, zu viele Kriege, zu viel Gier und so blieben ihre Besuche blieben aus. Nur der Älteste blieb freiwillig zurück und setzte die Kontakte, die es zuvor mit den Inka, den Maya, noch weiter zurückliegend mit den Ägyptern gegeben hatte, mit den Pueblo fort.
Die verehrten sein universelles Wissen und bauten ihm die erste Kiva, damit er länger überleben konnte. Das war vor etwa 1100 Jahren. Die Kiva wurde zum Versammlungsraum, Gebetsraum, Zeremonie-Raum für ihre Treffen.
Er lehrte sie Substanzen nutzen zur Erkenntnis, entwickelte ihr Bewusstsein, half ihnen Einblick in die Transzendenz zu gewinnen und lehrte sie ein Leben der Grundversorgung und Erkenntnis. Ein Leben friedlicher Weisheit.
Soviel konnte ich noch erfassen, ehe der Älteste starb und ich zu Boden fiel. Mit rasenden Kopfschmerzen, als hätte ich eine Hirnblutung erlitten. Ich wusste nicht wo ich war und konnte die Augen nicht öffnen. Aber Lily war in der Nähe. Sie kniete sich neben mich, gab mir etwas zu trinken und brachte uns aus der Höhle.
Es folgten turbulente Tage, mit Angst man könnte die wahre Geschichte entdecken, mit Presseterminen und der Schlagzeile: „Laien finden einen Indianerschatz“ und einem Treffen mit dem Bürgermeister von Ogden und dem von Neola, die uns eine Auszeichnung verliehen.
Jetzt feierten wir mit Milton, seinen Studenten, Freunden von Lily und Freunden von Kho im „Brewski“ unseren Erfolg und während ich meinen Platz an der Theke, in der Nähe des Whiskeys verteidigte. Saß Lily bei einem jungen Studenten von Michael und war angeregt mit ihm ins Gespräch vertieft.
Ich wusste welche Zeit gekommen war. Schmerzhaft war – wie immer –zu akzeptieren, dass die Augen, die mich angestrahlt hatten, nun mit dem gleichen Interesse, sich dem nächsten Mann zu wandten. Als wäre „Lily und ich“ nie etwas Besonderes gewesen. Sondern, nichts anderes als die Begegnung zweier Schauspieler, die ihren Text und ihre Mimik abspielen. Nicht miteinander verbunden, sondern austauschbar mit neuen Gesichtern.
Ich glaubte, dass es für mich anders war: Ich würde nie mehr lachen, wie mit Lily und mich nie mehr, in einem Liebesspiel, wie mit Lily verhalten, das Einmalige der Liebe war mein Zauber. Für Lily schien der Zauber darin zu bestehen, mit dem nächsten Mann, das gleiche Spiel der Verführung zu spielen.
Ich freute mich, für sie, dass sie dabei glücklich wirkte.
Meine Zeit in Ogden ging zu Ende. Das war offensichtlich. Heute Nacht, zu Hause, würde ich mich, mit einer Flasche Van Winkle, die ich mir, mit der Prämie für den Fund der indianischen Relikte, geleistet hatte, über den Schmerz hinwegtrösten.
Und dann? Ja, dann? Wer wusste schon, was morgen kam.

Ende

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50.

Professor Milton was delighted with the flute when I presented it to him two days later. Lily had informed him that we might have made some interesting discoveries that he should evaluate. Three hours later he was with us. Inspected first the flute and then the chamber in Danger Cave.
Until that evening, his luck couldn’t believe what, in the next few days, had come to light in the chamber that had been hidden until then. While we celebrated together in the „Brewski“, he let us know again and again what significance this find had for the history of the Native Americans. A hidden chamber, like in a pyramid, only discovered 50 years later, that was as spectacular as if we had discovered the burial chamber of Nefertiti.
After the death of the three bodies found in the chamber had been investigated and completed, Milton and his team were given the go-ahead to investigate the chamber further.
Wang and his two companions were classified as grave robbers, who, the pathologist determined, had died from gas pockets that had ignited.
The professor and his team achieved considerable success in the following days: they found not only everyday objects from many eras, but also other Indian relics, of inestimable value.
They did not find the eldest. The forensic doctors discovered a slimy substance in the cave, of large quantity, which they could not assign. Biologists assigned the find to a sponge or fungus, which had been putrefied in a short time by the influx of oxygen and the changed air quality.
Lily and I had already agreed before that we would do everything possible to hide the true background. But they were so unlikely that we only had to remain silent and nod to the wrong theses.
So I was the last to hear the story of the elder. Not in a dialogue, not in a determined report, but in dreamlike sequences that I experienced in a trance while playing the flute.
For a thousand years the Elder lived alone on earth. Until then he and his people had visited the earth often. But his people had lost interest. There were more and more people, too many wars, too much greed, and so their visits did not happen. Only the eldest stayed behind voluntarily and continued the contacts with the Pueblo, which had existed before with the Inca, the Maya, even further back with the Egyptians.
They revered his universal knowledge and built him the first Kiva so that he could survive longer. That was about 1100 years ago. The Kiva became a meeting room, prayer room, ceremony room for their meetings.
He taught them how to use substances for cognition, developed their consciousness, helped them gain insight into transcendence, and taught them a life of basic care and cognition. A life of peaceful wisdom.
This much I could grasp before the elder died and I fell to the ground. With a raging headache, as if I had suffered a brain haemorrhage. I did not know where I was and could not open my eyes. But Lily was close by. She knelt down next to me, gave me something to drink and took us out of the cave.
Turbulent days followed, with fear of discovering the true story, with press meetings and the headline: „Laymen find an Native American treasure“ and a meeting with the Mayor of Ogden and the Mayor of Neola, who gave us an award.
Now we celebrated our success with Milton, his students, friends of Lily and friends of Kho at the „Brewski“ and while I defended my place at the bar, near the whiskey. Lily was sitting with a young student of Michael and was animatedly engaged in conversation with him.
I knew what time had come. Painful was – as always – to accept that the eyes that had shone at me were now with the same interest in turning to the next man. As if „Lily and I“ had never been anything special. Rather, nothing more than the encounter of two actors playing their lines and facial expressions. Not connected with each other, but interchangeable with new faces.
I believed that it was different for me: I would never laugh again, as with Lily and me, in a love play, as with Lily behaving, the uniqueness of love was my magic. For Lily, the magic seemed to consist in playing the same game of seduction with the next man.
I was happy, for her, that she seemed happy in this.
My time in Ogden came to an end. That was obvious. Tonight, at home, with a bottle of Van Winkle that I had afforded myself, with the reward for finding the Indian relics, I would console myself for the pain.
And then? Yes, then? Who knew what was coming tomorrow.

End

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Note: Subsequent corrections in inverse front

10/20 PGF

Der Älteste / The eldest (49)

49.

Dieser innere Abschnitt der Danger Cave war dank zweier Baustellenstrahler, beinah taghell ausgeleuchtet, sodass die ganze groteske Szenerie, wie ein entblößter Mensch dessen Makel zum Vorschein kommen, zu sehen war:
In der Mitte der Kammer kniete Wang, die Trommel auf den Oberschenkeln vor sich und murmelte irgendein unverständliches Kauderwelsch. Ein gutes Stück von ihm entfernt, noch weiter im Inneren der Höhle, lagen, wenn ihre verzerrten Fratzen mich nicht täuschten Brendan und Moorer, mit gelben Gesichtern, wie nach einem verheerenden Leberversagen und dampfenden, verkrüppelten Händen, die aussahen, als wären sie zu einem Säurebad gezwungen worden. Aber dahinter, saß oder stand oder lag, ich konnte das nicht unterscheiden, die seltsame Masse eines fremdartigen Organismus, der uns aus gläsernen Augen ansah, wie Fische es tun, wenn man sie vom Angelhaken nimmt: bedrohlich und verzweifelt. Ich sah in diese Augen und sah ein Alter, wie ich es, aus dem Rauschen des Meeres, der Stille der Gipfel kannte nur, dass dieses Alter nun Gestalt bekam. Die Haut und Bewegung des Ältesten erinnerten mich an eine Schildkröte. Aber dem Körper fehlte eine Kontur, um den Vergleich greifbar zu machen.
Schrecklich war die Luft: ein Gestank aus Fäulnis und Verwesung. In die Luftfeuchtigkeit der Höhle hatte sich ein, mit der Zunge tastbarer, Geruch gefressen, wie einem Wasser dem Gift beigemengt ist.
Lily hinter mir war erstarrt, wie ich. Ich fühlte, wie es sie nach draußen drängte, wie ihr die grundsätzliche Platzangst und der furchtbare Anblick und der Gestank alle Kraft nahmen. Aber sie wollte nicht aufgeben, diesmal nicht.
„Wang!“ Sagte ich heiser und merkte erst, als ich meine Stimme hörte, wie vollkommen überfordert ich war.
Wang schien mich nicht zu hören.
Seine Finger trommelten unwillkürlich auf die Trommel vor ihm, als versuche er noch einen Morse-Code abzusetzen, während der Krieg längst verloren war.
Ich wandte mich zu Lily.
„Warte, bitte.“
Dann ging ich näher zu Wang. Gleichzeitig konnte ich mir Brendan und Moorer näher ansehen. Sie sahen tatsächlich aus, als hätten sie mit einem Atompilz gekuschelt.
„Er stirbt“, schluchzte Wang, als sei es mit meinem Näherkommen, unausweichlich geworden, dass er mit mir sprach. „Die Medizinmänner wissen es und sie wissen, dass ihr Weg mit ihm stirbt. Ich dachte“, er schluchzte wieder, „ich könnte ihn retten.“
Ich sah ehrfürchtig zum Ältesten der mich mit seinen Glasaugen gleichgültig beobachtete.
„Was ist mit Brendan und Moorer geschehen?“
Wang schüttelte den Kopf, als wolle er es nicht sagen. Aber er sprach doch: „Es ist in seiner Haut. Es ist ein Gift, ähnlich wie bei Pfeilgiftfröschen.“
Nur etwas heftiger, dachte ich.
„Ich wollte, dass sie ihn raustragen. Ich wollte ihn, in meiner Kiva gesund pflegen, aber er will es nicht.“
Wang senkte den Kopf.
Aber nur einen Moment, dann sprang er, wie besessen auf und schrie den Ältesten an, wie ein Kind, dass einen Wunsch nicht erfüllt bekommt. „Wieso?“ Schrie er. „Wieso redest du nicht mit mir?“
Die Augen des Ältesten verrieten es mir. Auf bizarre Weise, war es der gleiche Effekt, den ich bei Ladys schon mehrfach erlebt hatte. Ein Kumpel nahm Blick mit einer Frau auf und wunderte sich, weshalb sie ihn nicht bemerkte, aber ich bemerkte, dass sie währenddessen meinen Blick suchte.
„Vielleicht sollten wir es hiermit versuchen?“
Ich nahm die Flöte heraus.
Wang starrte sie an, wie wahnsinnig, als wäre er Gollum und ich hätte den Ring in die Höhe gehalten.
„Sie haben auch ein Instrument?“
„Ja.“
„Dann geben Sie es her.“
„Nein Wang, hören Sie!“
„Wie viel wollen Sie?“
„Nichts! Sie sollten.“
Wang verlor die Beherrschung.
Er stürzte sich auf mich, um mir die Flöte zu entreißen, aber Wang wäre nicht mal ein Gegner für mich gewesen, hätte ich im Tiefschlaf gelegen.
Ich schoss ihm eine Grade mitten in die Fresse und traf mit gefühlt 250 Km/h. Wang wurde erst in der Vorwärtsbewegung gebremst und wie bei Implosion nach hinten geschleudert. Das hatte ich nicht bedacht.
Er taumelt drei, vier, fünf und dann immer mehr Schritte nach hinten und landete, als würde er sich auf seinen Schoss setzen wollen auf dem Ältesten.
Was immer der ausschwitzte: Es war verdammt scharfes Zeug. Wang wurde gegrillt, wie ein Würstchen auf einem viel zu heißen Rost.
Aber auch der Älteste nahm Schaden. Er stieß etwas aus, etwas, wie Schallwellen, dass mich in den Ohren traf. Er wirkte, wie ein Feuer, dass mit jedem Stück Holz, welches es verzerrt auch sich selbst auflöst.
Mit einer Bewegung wie Wackelpudding, stieß der Älteste Wang von sich, der vor ihm zu Boden fiel.
Die Nase die ich ihm gebrochen hatte, war nun Wangs geringstes Problem.
Ich drehte mich um.
Lily stand noch immer da.
„Spiel die Flöte“, forderte sie, mit einer erschütternd dünnen Stimme.
„Was?“
„Spiel schon!“
Ich sah nach dem Ältesten und nahm alle Kraft, allen trotzigen Widerstand zusammen, den ich über die Jahre gesammelt hatte.
Ich spielte und der sterbende Älteste, offenbarte mir seine Geschichte.

10/20 PGF

49.

This inner section of Danger Cave was illuminated almost as bright as day thanks to two site spotlights, so that the whole grotesque scenery could be seen, like an exposed human being whose blemishes are revealed:
In the middle of the chamber, Wang, the drum on his thighs, knelt in front of him and muttered some incomprehensible gibberish. A good distance away from him, even further inside the cave, if their distorted grimaces did not deceive me, Brendan and Moorer, with yellow faces, as if after a devastating liver failure and steaming, crippled hands that looked as if they had been forced to take an acid bath. But behind them, sitting or standing or lying, I couldn’t tell the difference, the strange mass of a foreign organism, looking at us through glass eyes, like fish do when you take them off the hook: threatening and desperate. I looked into those eyes and saw an age, as I did, from the murmur of the sea, the silence of the peaks knew only that this age was now taking shape. The skin and movement of the elder reminded me of a turtle. But the body lacked a contour to make the comparison tangible.
The air was horrible: a stench of decay and putrefaction. In the humidity of the cave, a smell had eaten into the air, palpable with the tongue, like water mixed with poison.
Lily behind me was frozen, like me. I felt it push her outside, how the basic claustrophobia and the horrible sight and smell took all her strength. But she wouldn’t give up, not this time.
„Wang!“ I said hoarsely and only realized when I heard my voice how completely overwhelmed I was.
Wang did not seem to hear me.
His fingers involuntarily drummed on the drum in front of him, as if he was trying to play a Morse code while the war was long lost.
I turned to Lily.
„Wait, please.“
Then I went closer to Wang. At the same time, I could take a closer look at Brendan and Moorer. They actually looked like they were cuddling with a mushroom cloud.
„He’s dying,“ Wang sobbed, as if it had become inevitable with my approach that he would talk to me. „The medicine men know it and they know that their way dies with him. I thought,“ he sobbed again, „I could save him.“
I looked in awe at the elder who was watching me indifferently with his glass eyes.
„What happened to Brendan and Moorer?“
Wang shook his head as if not wanting to say. But he said, „It is in his skin. It is a poison, similar to poison dart frogs.“
Only a little harder, I thought.
„I wanted them to carry him out. I wanted to nurse him back to health in my Kiva, but he wouldn’t have it.“
Wang lowered his head.
But only for a moment, then he jumped up, obsessed, and yelled at the elder, like a child not getting his wish. „Why?“ He shouted. „Why won’t you talk to me?“
The eyes of the elder told me. In a bizarre way, it was the same effect I had experienced on ladies several times before. A buddy took a look with a woman and wondered why she didn’t notice him, but I noticed that she was looking for my gaze in the meantime.
„Maybe we should try this?“
I took out the flute.
Wang stared at it like mad, as if he was Gollum and I had held the ring up.
„You have an instrument too?“
„Yes.“
„Then give it to me.“
„No, Wang. Listen.“
„How much do you want?“
„Nothing! You should.“
Wang lost his temper.
He pounced on me to snatch my flute, but Wang would not be my opponent if I was in a deep sleep.
I shot him a jap in the middle of his face and hit him at a felt 250 km/h. Wang was only braked in the forward movement and thrown backwards as if by implosion. I had not considered that.
He staggered three, four, five and then more and more steps backwards and landed on the oldest one as if he wanted to sit on his lap.
Whatever he sweated out, it was damned hot stuff. Wang was grilled like a sausage on a much too hot griddle.
But even the elder was damaged. He ejected something, something, like sound waves, that hit me in the ears. He acted like a fire that dissolves with every piece of wood that it distorts.
With a movement like Jell-O, the elder pushed Wang away, who fell to the ground in front of him.
The nose I had broken was now the least of Wang’s problems.
I turned around.
Lily was still standing there.
„Play the flute,“ she demanded, in a shockingly thin voice.
„What?“
„Play it!“
I looked for the elder and gathered all the strength, all the defiant resistance I had collected over the years.
I played, and the dying eldest revealed his story to me.

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Der Älteste / The eldest (48)

48.

Die Fahrt dauerte etwas über vier Stunden und ich hätte tatsächlich erheblich mehr Zeit verloren, hätte ich versucht mit dem Greyhound über Salt Lake ins Bassin zu kommen. Vermutlich hatte Wang mit seinen Leuten, und dem Kontakt über die Trommel, den Ältesten längst entdeckt, aber ich war nicht bereit aufzugeben, solange der Mörder von Kho nicht gebüßt hatte.
Mit Lily fühlte ich mich vertraut, wie immer und als hätte es unseren kleinen Höhlendisput nicht gegeben. Ich war immer noch überzeugt, dass sie überreagiert hatte, aber – und das war ein fettes, schwitziges Aber mit Fäusten wie Abrissbirnen – es hatte mir auch nicht zugestanden, sie wie ein Hindernis zu behandeln. Jeder war dem anderen, in irgendeinem Kontext mit seinen Schwächen ein Hindernis. Und Schwächen nahmen nicht ab, wenn man einem Menschen kein Vertrauen schenkte.
Wenn Lily und ich einander aber gelten ließen, wenn die Schwingung im Schweigen des einen, sich mit der Schwingung im Schweigen des anderen abglich, dann waren wir einander – Alter egal, Geschlecht egal, Biografie egal – sehr ähnlich. Wir schwiegen und schauten in der gleichen Art in die Welt; und nie ist man sich näher, wie im Schweigen. Wer das nicht versteht, glaubt auch, dass es nur ein Grau gibt.
Jedenfalls, als wir Danger Cave erreichten, lagen alle alten Streitereien vergessen zurück, wie Handschuhe, die im Sommer in der Schublade liegen, bei kühlen Temperaturen allerdings durchaus in Erinnerung geraten können …
Vom Parkplatz aus stieg man einige Meter über nackten Felsen in Richtung der Höhle. Wir waren noch ein gutes Stück entfernt, als ich entdeckte, dass der Eingang mit einem massiven breiten Eisengitter versperrt war.
„Scheiße!“ Fluchte ich.
Lily meinte wegen der Hitze.
„Ja, wir hätten nicht um 14.00 herkommen sollen.“
„Mir ist nicht heiß. Wir kommen da nicht rein.“
Lily sah hoch.
„O! Sieht geschlossen aus. Schauen wir uns das doch mal aus der Nähe an.“
Mit diesem Vorsatz stiegen wir, auch das letzte steile Stück hinauf und jetzt sah man, dass das Gitter nicht durchgängig war, sondern eine Tür, einen Durchgang besaß und als wir noch näherkamen, dass der Durchgang aufgebrochen worden war.
Aus dem Inneren der Höhle waren Stimmen zu hören. Mehrere Stimmen, die hitzig diskutierten. Was die Männer diskutierten war nicht zu verstehen.
„Wir sollten da rein gehen.“ Stellte Lily fest.
Ich war gar nicht dafür, aber es war ihr Wille und nicht meine Aufgabe, sie vor dem zu schützen, was sie sich zutraute.
„Okay, Lady nach ihnen.“
Das machte sie doch etwas unsicher.
„Klingt nach mehreren Männern.“
Ich zog meine 44er aus dem Halfter.
„Für 6 Personen könnte ich ein passendes Arrangement anbieten.“
„Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt.“
„Nun, wenn da drin Wang, Brendan und wer auch immer ist. Werden sie uns nicht freundlich empfangen.“
Aber davon war im nächsten Moment ohnehin nicht mehr auszugehen, denn die unverständlichen Wortgefechte in der Höhle, gingen über in furchtbare, alptraumhafte Schreie, die ich nie mehr vergaß.
„Los! Schnell!“ Forderte Lily.
Wir schlüpften durch die Gittertür und betraten die Höhle, die aus einer gewaltigen Kammer bestand, in die noch immer ausreichend Tageslicht fiel.
Lily schaltete unsere Taschenlampe ein. Ich hielt die Pistole schussbereit. Die Schreie die nicht nachließen, sondern erstickten nur an Atemlosigkeit. Sie kamen von weiter innen. Sie lockten uns tiefer in die Höhle, während mein Überlebensinstinkt ganz klar proklamierte: „Raus hier! Haut ab!“
Wir folgten dem Geschrei, dass jetzt wieder mit undeutlichen Warnungen durchsetzt war und drangen vor bis zu einem engen Gang, der am Ende der vorderen Höhle ziemlich versteckt lag und sehr schmal war. Wir zwängten uns hinein. Ich vorne weg und Lily hinter mir, die mir den Weg ausleuchtete.
Die Strecke die wir zurücklegten, war nicht sehr lange. Vielleicht 25 oder 30 Meter, aber die Enge und die Schreie brannten sich in meine Sinne, als würde ich direkt hinab in die Hölle steigen.
Für manche war die Kammer, die wir erreichten, genau das geworden.

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48.

The trip took a little over four hours and I would have lost a lot more time if I had tried to get the Greyhound over Salt Lake into the basin. Probably Wang with his people, and the contact via the drum, had discovered the elder long ago, but I was not ready to give up until the killer of Kho had atoned.
I felt familiar with Lily, as always and as if our little cave dispute had never happened. I was still convinced that she had overreacted, but – and this was a fat, sweaty but with fists like wrecking balls – it had not allowed me to treat her like an obstacle either. Each was an obstacle to the other, in some context of their weaknesses. And weaknesses did not diminish if you did not trust a person.
But if Lily and I accepted each other, if the vibration in the silence of one person was in line with the vibration in the silence of another, then we were very similar to each other – age didn’t matter, sex didn’t matter, biography didn’t matter. We were silent and looked into the world in the same way; and never are we closer to each other than in silence. Those who do not understand this also believe that there is only one gray.
Anyway, when we reached Danger Cave, all the old arguments were forgotten, just like gloves that are in the drawer in summer, but in cooler temperatures can be remembered…
From the parking lot you climbed a few meters above bare rocks towards the cave. We were still a good distance away when I discovered that the entrance was blocked with a massive wide iron grid.
„Shit!“ I escape.
Lily thougt because of the heat.
„Yeah, we shouldn’t have come here at 2:00 in the afternoon.“
„I’m not hot. We can’t get in there.“
Lily looked up.
„O! Looks closed. Let’s take a closer look.“
With this in mind, we climbed up, even the last steep part, and now we could see that the grating was not continuous, but had a door, a passageway, and when we got closer, that the passageway had been broken open.
Voices could be heard from inside the cave. Several voices that were heatedly discussing. What the men were discussing could not be understood.
„We should go in there.“ Lily noted.
I wasn’t in favor, but it was her will and not my job to protect her from what she was about to do.
„Okay, lady after you.“
That made her a little insecure.
„Sounds like more than one guy.“
I pulled my.44 out of my holster.
„…and I think I can come up with an arrangement for six.“
„I hope it doesn’t come to that.
„Well, if there’s Wang, Brendan and whoever’s in there. they won’t give us a friendly welcome.“
But that was not to be expected the next moment anyway, because the incomprehensible verbal fights in the cave turned into terrible, nightmarish screams I never forgot.
„Go! Quick!“ demanded Lily.
We slipped through the barred door and entered the cave, which consisted of an enormous chamber into which there was still enough daylight.
Lily turned on our flashlight. I held the pistol ready to fire. The screams that didn’t subside but only choked on breathlessness. They came from further inside. They lured us deeper into the cave, while my survival instinct proclaimed quite clearly: „Get out! Get out of here!“
We followed the shouting that was now again interspersed with vague warnings and advanced to a narrow passage that was quite hidden and very narrow at the end of the front cave. We squeezed ourselves in. Me in front and Lily behind me, who illuminated the way.
The distance we covered was not very long. Maybe 25 or 30 meters, but the narrowness and the screams burned into my senses as if I was going straight down into hell.
For some, the chamber we reached had become just that.

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Der Älteste / The eldest (47)

47.

Lily saß neben mir und wartete bis ich ganz wach wurde. Sie hatte eine Kanne mit Tee und etwas Maisgebäck auf einem Teller.
„Na! Hast du ausgeschlafen?“
In einem Schwung setzte ich mich hoch und konnte kaum die Balance im Sitz halten.
„Scheiße! Wie lange habe ich geschlafen? Warum habt ihr mich nicht geweckt?“
„Velvet meinte es sei besser so. Sie meinte du musst ausschlafen, damit du uns von deinen Träumen erzählen kannst.“
Ich schloss die Augen und versuchte mich zu erinnern. Aber da war nix. Außer einer langen Dunkelheit.
„Dazu müsste ich mich an sie erinnern.“
Lily reichte mir die Tasse Tee.
„Das wird schon. Trink etwas.“
Ich schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, je länger ich mich nicht erinnere, umso mehr verblassen meine Träume.“
Lily lächelte.
„Velvet hat geahnt, dass du das sagst. Sie meinte, das stimmt, wenn es Träume sind, jene Träume in denen unsere Seele uns den Spiegel vorhält. Aber du hast etwas anderes erlebt.“
Etwas regte sich in mir: blauer Himmel und zwei Seen unter mir.
„Ich“, ich brach ab. Fing wieder an: „Ich erinnere mich, dass ich geflogen bin.“
„Mit einem Flugzeug?“
„Nein. Ich selbst flog. Ich flog, wie ein Adler, über eine Landschaft.“
„Erinnerst du dich an die Landschaft?“
Ich versuchte es.
„Da waren karge Präriehänge, karg und lebensfeindlich.“
„Schneebedeckt?“
Ich dachte nach.
„Nein. Nicht da wo ich flog. In größerer Entfernung waren Gipfel mit ewigem Eis. Aber die Hänge die ich sah umgaben ein saftig grünes Tal.“ Die Bilder kamen leichter. „Und da waren zwei Seen.“
„Etwas Besonderes?“
„Ja, die Seen waren durch eine schmale Landbrücke getrennt. Der vordere See grenzte an eine weite Ebene.“
„Könnte das Bonneville Bassin sein. Wie lag der hintere?“
„Der lag versteckter, am Fuß des Höhenzuges. Er war deutlich kleiner.“
„Das klingt nach dem Middle Fork Lake, ich war da oft mit meinen Eltern zum Wandern.“
„Gibt es eine Höhle?“
Lily dachte nach. Dann hob sie begeistert den Finger.
„Ja, es gibt dort eine Höhle, aber wir haben sie nie besucht. Dort ist die Danger Cave.“
„Und wo liegt das?“
„Südwestlich von Salt Lake.“
Ich stockte.
„Eine ganz schöne Wanderung, von hier aus.“
„Oder eine Flucht, in eine Region, in der man den Ältesten nicht vermutet.“
Auch möglich, dachte ich und sah den ehrgeizigen Wang vor mir und seine High-Tech-Kiva.
„Ich sollte mich auf den Weg machen.“
Ich stemmte mich hoch und schwankte einen Moment, wie ein Lot das seine Mitte finden muss.
Lily stand ebenfalls auf.
„Gut, gehen wir.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, wir gehen nicht.“
Lily strahlte.
„Ja, wir fahren. Du hast ohne mich keine Chance.“

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47.

Lily sat next to me and waited until I was completely awake. She had a pot of tea and some corn cakes on a plate.
„Well! Have you slept in?“
In one fell swoop I sat up and could hardly keep my balance in my seat.
„Shit! How long did I sleep? Why didn’t you wake me up?“
„Velvet said it was better that way. She said you need to sleep in so you can tell us about your dreams.“
I closed my eyes and tried to remember. But there was nothing. Except a long darkness.
„I would have to remember them for that.“
Lily handed me the cup of tea.
„It’ll be all right. Have a drink.“
I shook my head vigorously.
„No, the longer I can’t remember, the more my dreams fade.“
Lily smiled.
„Velvet guessed you’d say that. She meant that it is true if they are dreams, those dreams in which our soul holds up the mirror to us. But you experienced something else.“
Something stirred in me: blue skies and two lakes below me.
„I“, I broke off. Started again: „I remember that I was flying.“
„On a plane?“
„No. I was flying myself. I flew, like an eagle, over a landscape.“
„Do you remember that landscape?“
I tried to remember.
„There were barren prairie slopes, barren and hostile.“
„Snow-covered?“
I thought about it.
„No, I don’t remember. Not where I was flying. At a greater distance were peaks of perpetual ice. But the slopes I saw surrounded a lush green valley.“ The images came easier. „And there were two lakes.“
„Something special?“
„Yes, the lakes were separated by a narrow land bridge. The lake in front bordered a wide plain.“
„Could this be the Bonneville Basin. What was the one in the back?“
„It was more hidden, at the foot of the ridge. It was much smaller.“
„That sounds like Middle Fork Lake. I used to go hiking there with my parents.“
„Is there a cave?“
Lily thought. Then she raised her finger with enthusiasm.
„Yes, there is a cave, but we’ve never been there. There’s Danger Cave.“
„And where is that?“
„Southwest of Salt Lake.“
I faltered.
„It’s quite a hike from here.“
„Or a runaway to a place where the elder wouldn’t be suspected.“
Also possible, I thought, and saw the ambitious Wang before me and his high-tech Kiva.
„I should be on my way.“
I lifted myself up and swayed for a moment, like a plumb line that must find its center.
Lily stood up, too.
„Okay, let’s go.“
I shook my head.
„No, we’re not leaving.“
Lily was glowing.
„Yes, we are going. You haven’t a chance without me.“

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010/20 PGF

Der Älteste / The eldest (46)

46.

Velvet brachte uns auf ihren Dachboden. Ich staunte, wie die Alte, die schmale Leiter hochkletterte: sehr langsam und schnaufend, aber trittsicher, als könnte nichts schief gehen. Ich sah mich, in ihrem Alter, an einem Rollator, über Altenheimflure schleichen.
Auf dem Dachboden war es duster und stickig. Außer Spinnweben und altem Plunder gab es nichts zu sehen, was mir erklärte, weshalb wir hochgestiegen waren.
Der Speicher war in zwei Abschnitte unterteilt. Der hintere war etwas leerer, als der vordere. Velvet aktivierte eine nackte Glühbirne die von der Decke baumelte und nun sah ich, dass die Mitte des Dachstuhls freigeräumt war. Bis auf eine große Metallschale und vier Teppiche die außen rum lagen.
„Setzt euch!“ Wies Velvet uns an und wir gehorchten.
Sie ging zu einer Kiste und nahm etwas heraus, was im Halbdunkel, wie ein Ballen Heu wirkte.
Diesen Ballen aus braunen und grünen Pflanzenteilen legte sie in die Metallschale und setzte sich zu uns.
„So“, Velvet rieb sich die Hände, als wären sie staubig. „Es ist Zeit für das zweite Ritual. Bevor ich die heiligen Kräuter entzünde, brauchen wir die Flöte.“
Ich holte sie aus meinem Mantel und hielt sie ihr hin.
„Nein, Joe. Die ist für dich.“
„Aber ich kann keine Flöte spielen. Ich beherrsche gar kein Instrument.“
„Du wirst es können, wenn es so weit ist.“
„Ist das nicht etwas gewagt, unsere letzte Chance den Ältesten zu retten, in die Hände eines Dilettanten zu legen?“
„Du bist nur ein Dilettant, wenn es um Menschen geht. In die Flöte pusten und deine Finger, über die Löcher zu bewegen, das wirst du schon schaffen.“
Ich dachte: Widerstand zwecklos, ignorierte Lilys Grinsen und hielt die Flöte hoch, als Zeichen, dass ich einverstanden war.
Velvet warf zwei Stück Holzwolle in die Schale und entzündete sie mit einem langen Zündholz. Die Pflanzen in der Schale fingen sofort Feuer, entwickelten allerdings statt Flammen einen dicken, süßlichen Qualm, der den Raum schnell ausfüllte.
Ich dachte: Die fackelt alles ab und wir werden an einer Rauchvergiftung sterben. Lily neben mir, schien sich der Alten völlig anzuvertrauen.
„Spiel!“ Sagte Velvet.
Ich hielt das Mundstück der Flöte an die Lippen, pustete vorsichtig hinein und hielt die meisten der Löcher geschlossen. Zwischen den beiden untersten wechselte ich und erzeugte so, zwei dunkle leise Töne, die sich angenehm verbanden.
Das Spiel mit der Flöte begann mir Spaß zu machen. Ich erzeugte Töne und beim Einatmen inhalierte ich, den süßen Rauch.
Um mich her, verändert sich der Raum. Alles schien einen Glanz zu gewinnen, der an Gold erinnerte, nur, dass er den Farben selbst inne zu wohnen schien.
„Es ist schön hier.“ Murmelte ich. Aber es schien niemand da, der zuhörte.
Ich spielte meine zwei Töne und sah mich um und plötzlich merkte ich, dass über mir kein Dach mehr war. Über mir leuchtete ein gewaltiger Sternenhimmel, der mich zu sich hinzog, als käme ich von dort. Als sei die ferne Sternenwelt nichts fremdes, sondern mein eigentliches Zuhause und ich auf der Erde nur ein Gast. Ganz leicht erhob ich mich. Erhob mich, wie ein Adler in den dunklen Sternenhimmel und spürte den Wind im Gefieder meiner Flügel, der mich in die Höhe hob. Ich kreiste über der Welt, in Höhen die mir keine Angst bereiteten. Ich hatte das Gefühl, ich könnte mich nicht hoch genug erheben. Aber etwas zog meine Aufmerksamkeit zurück auf die Erde. Ich sah unter mir blaue Seen, die zwischen hoch aufragenden Gipfeln eingehüllt waren. Das Land war an den Seen grün, aber in die Höhe der Gipfel wagte sich kein Grashalm mehr. Ich genoss diesen Flug über die wilde, karge Prärielandschaft und genoss das Licht und die Farbe eines hellen, blauen Tages.
Aber meinen Augen blieb keine Zeit für die Schönheit, meine Augen jagten, sie suchten, sie waren hungrig auf ein Ziel und dann fand ich es. Weit unter mir, so weit unter mir, dass nur Adleraugen, die eine Maus zu erblicken fähig waren, es sehen konnten, lag der Eingang zu einer Höhle. Aus der Höhle stieg Rauch zu mir auf. Ein dichter, süßlicher Rauch, der meine Sinne vernebelte, der mir fast die Luft zum Atmen nahm. Deshalb stieß ich meinen Atem rhythmisch aus, als würde ich zwei Töne spielen und holte anschließend wieder tief Luft. Ich spürte, dass ich die Höhe nicht länger halten konnte. Meine Flügel wurden schwer, wurden schwer wie Arme, die auf halber Höhe, die ganze Zeit etwas halten müssen, wie ein Musiker eine Flöte hält, bis ihm nach Stunden die Kraft dafür ausgeht. So ging auch mir die Kraft aus und ich ließ meine Arme sinken. Ich ließ mich sinken, als würde ich nach langem Flug landen und in mein Nest zurückkehren, als würde ich ganz mit der Erde verschmelzen, die mich aufnahm, wie eine Mutter, mit den Armen ihr Kind aufnimmt. Ich ließ mich sinken, bis ich auf der Seite lag. Über mir hörte ich Stimmen. Friedliche, freundliche Stimmen, die sich um mich kümmerten, die mich zudeckten und dann schlief ich ein.
Ich schlief den kompletten folgenden Tag. Es war Donnerstag, als ich wieder zu mir kam.

09/20 PGF

46.

Velvet brought us to her attic. I was amazed at how the old woman climbed up the narrow ladder: very slowly and panting, but sure-footed, as if nothing could go wrong. I saw myself, at her age, on a walker, sneaking across old people’s home corridors.
It was dark and stuffy in the attic. Apart from cobwebs and old junk, there was nothing to see that explained why we had climbed up.
The attic was divided into two sections. The back one was a little bit emptier than the front one. Velvet activated a naked light bulb dangling from the ceiling and now I saw that the middle of the roof truss was cleared. Except for a large metal bowl and four carpets lying around.
„Sit down!“ Why Velvet turned on us and we obeyed.
She went to a box and took out something that looked like a bale of hay in the semi-darkness.
She put this bale of brown and green plant parts into the metal bowl and sat down with us.
„So“, Velvet rubbed her hands as if they were dusty. „It is time for the second ritual. Before I light the sacred herbs, we need the flute.“
I took it out of my coat and held it out to her.
„No, Joe. This is for you.“
„But I can’t play the flute. I don’t know how to play the flute.“
„You will when the time comes.“
„Isn’t this a bit daring, putting our last chance to save the elders in the hands of a dilettante?“
„You are only a dilettante when it comes to people. Blow into the flute and move your fingers over the holes, you’ll be fine.“
I thought: Resistance futile, ignoring Lily’s grin and holding up the flute as a sign that I agreed.
Velvet threw two pieces of wood wool into the bowl and lit it with a long match. The plants in the bowl immediately caught fire, but instead of flames they developed a thick, sweetish smoke that quickly filled the room.
I thought: she’ll burn everything down and we’ll die of smoke poisoning. Lily next to me, seemed to confide in the old woman completely.
„Play!“ Said Velvet.
I held the mouthpiece of the flute to my lips, blew gently into it and kept most of the holes closed. I alternated between the two lowest ones, creating two dark, soft tones that blended pleasantly.
I began to enjoy playing the flute. I produced tones and when I inhaled, I inhaled the sweet smoke.
Around me, the room changes. Everything seemed to take on a luster reminiscent of gold, only that it seemed to be inherent in the colors themselves.
„It’s beautiful here.“ I murmured. But there seemed to be no one there to listen.
I played my two notes and looked around and suddenly I realized that there was no roof over me. A huge starry sky shone above me, drawing me towards it as if I had come from there. As if the distant starry world was nothing strange, but my real home and I on earth only a guest. Very easily I rose. I rose like an eagle into the dark starry sky and felt the wind in the plumage of my wings, which lifted me into the air. I circled above the world, in heights that did not cause me fear. I had the feeling that I could not rise high enough. But something drew my attention back to the earth. I saw blue lakes beneath me, wrapped between towering peaks. The land was green at the lakes, but no blade of grass dared to reach the heights of the peaks. I enjoyed this flight over the wild, barren prairie landscape and enjoyed the light and color of a bright blue day.
But my eyes had no time for beauty, my eyes chased, they searched, they were hungry for a goal and then I found it. Far below me, so far below me that only eagle eyes capable of seeing a mouse could see it, was the entrance to a cave. From the cave smoke rose to me. A thick, sweetish smoke that clouded my senses, almost taking my breath away. So I expelled my breath rhythmically, as if playing two tones, and then took a deep breath again. I felt that I could no longer hold the height. My grand wings became heavy, became heavy like arms that have to hold something halfway up, all the time, like a musician holding a flute, until after hours he runs out of strength for it. So I also ran out of strength and I let my arms sink. I let myself sink, as if I would land after a long flight and return to my nest, as if I would melt completely with the earth, which took me in, like a mother, with her arms taking in her child. I let myself sink until I lay on my side. Above me I heard voices. Peaceful, friendly voices that took care of me, that covered me and then I fell asleep.
I slept the whole following day. It was Thursday when I regained consciousness.

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09/20 PGF

Der Älteste / The eldest (45)

45.

Das letzte Stück, bis Neola, legte ich als Anhalter zurück. Ein alter Mann nahm mich mit, der sich nicht dafür interessiert wer ich war und wohin ich wollte, sondern mich mit einem Kopfnicken einlud und, als wir im Zentrum von Neola ankamen, mit einem Kopfnicken verabschiedete.
Es war später Nachmittag, früher Abend, ich wusste es nicht ganz zu unterscheiden, wenn ich nach der Sonne sah. Gefühlt war der Tag schon weit fortgeschritten und lag in einem dämmernden Todesschlaf, während der Abend, wie eine Anderswelt bereits auf ihn wartete, aber ihn noch nicht in Empfang nehmen konnte.
Ich trabte in den Norden von Neola, wo ich meinte Velvets Haus zu finden. Ich hoffte, keiner der jungen Natives kam auf die Idee, eine Runde Marterpfahl mit mir zu spielen.
Das Licht schwand eilend hinter den Horizont und als ich mich der Hütte der Alten näherte sah ich, dass auf der Veranda drei Petroleumlampen ein warmes, gelbes Licht verbreiteten und an der Wand dahinter ein elektrischer Insektenvernichter zur Höchstleistung auflief und kleine blaue Blitz von sich gab, wenn das nächste Tier, im Unheil landete.
Ich sah ein Auto, in der Nähe des Hauses und ich sah, dass bei Velvet jemand saß. Jemand zierliches, vermutlich hübsches.
Dann sahen mich auch die beiden Ladys.
„Ah! Joe!“ Rief die Alte mir entgegen. „Du kommst spät. Hatte der Greyhound Verspätung?“
Ich versuchte, mir keine Blöße zu geben.
„Nein Mam, ich genieße solche kurzen Reisen. Man ist ja ständig in Hetze in unserer Zeit.“ Ich machte eine unmerkliche Pause. „Hi Lily!“
Es gelang mir tatsächlich so zu klingen, als wäre es das Selbstverständlichste, dass sie bei der alten Indianerin saß.
„Schön, dass Lily hier ist. Sie kam schon heute Mittag. Wir schwätzen schon ein Weilchen. Sie ist eine kluge Frau.“
Ich schwieg ein trotziges Nein.
„Aber erzähl doch, was dich zu mir führt. Lily meinte, du könntest meine Hilfe brauchen. Aber sie war nicht sicher. Habt ihr euch gestritten?“
„Nein Mam. Wir hatten uns nur nichts zu sagen.“
Ich stand mittlerweile auf der Veranda. Vor den beiden, die in einer Hollywood-Schaukel saßen, vor dem sich ein niederer Tisch befand.
„Tatsächlich habe ich etwas gefunden, was vielleicht eine Hilfe sein könnte. Wenn sie schon so lange hier ist, hat Lily erzählt, das Butterfly tot ist?“
Die Alte sah mich böse an, als hätte ich ihn getötet.
„Ja, das hat sie und es ist eine schlimme Nachricht. Auch, dass du seinen Mörder nicht gestellt und getötet hast.“
Ich holte Luft und schluckte mit aller Kraft: „Ich hatte mich um eine hysterische Tussi zu kümmern.“
„Richtig, dass war ein Fehler. Aber ich habe etwas anderes getan.“
Ich zog die Flöte aus meiner Jacke, die ich bei Kho gefunden hatte.
„Ich habe mich auf die Suche gemacht, nach etwas, dass die Trommel ersetzt.“
Die Augen der Alten funkelten.
„Du hast die Flöte gefunden? Wie?“
Ich genoss ihre Überraschung.
„Wie war das möglich?“
„Die Idee habe ich Lily zu verdanken. Sie meinte, es gibt niemand der sich sein Passwort nicht aufschreibt. In Skylers Fall war es sein Neffe, der ihm als Cacique nachfolgen sollte, welcher den zweiten Schlüssel besaß.“
„Und wie hast du ihn gefunden?“
„Hmm! Kho´s Vermieter war mir behilflich.“
Velvet nickte anerkennend.
„Gut Joe. Du überraschst mich immer wieder. Gehe ich richtig, in der Annahme, dass du nun, von mir wissen willst, was du mit der Flöte machen sollst?“
„Das war mein Gedanke.“
Sie sah nach mir und sah nach Lily.
„Es ist nötig, dass wir ein zweites Ritual vollziehen.“
„Mit wem? Skyler ist tot, Butterfly, Kho.“
„Ihr vollzieht es mit mir. Der Rauch der alten Frauen, wird euch den Weg weisen.“
Ich zog die Flöte zurück.
„Also Mam. Ich habe nicht ernsthaft Interesse.“
„Du hast keine Wahl, Joe. Und Lily wird uns helfen.“
Lily und ich sahen uns in die Augen. Ein kurzer, intensiver Blick: gleiche Seelen, in getrennten Körpern.
„Okay Mam. Ihr wisst besser was zu tun ist.“

09/20 PGF

45.

The last part, until Neola, I hitchhiked. An old man gave me a lift, not interested in who I was and where I was going, but invited me with a nod of his head and, when we arrived in the center of Neola, said goodbye with a nod of his head.
It was late afternoon, early evening, I didn’t quite know how to tell when I looked at the sun. Felt the day was already well advanced and lay in a twilight sleep of death, while the evening, like an otherworld, was already waiting for it but could not yet receive it.
I trotted to the north of Neola, where I thought I would find Velvet’s house. I hoped that none of the young Natives would have the idea to play a round of torture stake with me.
The light faded quickly behind the horizon and as I approached the old woman’s hut, I saw that on the veranda three kerosene lamps gave off a warm yellow light and on the wall behind it an electric insect killer ran at full power and emitted a small blue flash when the next animal landed in disaster.
I saw a car near the house and I saw that someone was sitting near Velvet. Someone petite, probably pretty.
Then the two ladies also saw me.
„Ah! Joe!“ The old lady called out to me. „You’re late. Was the Greyhound late?
I tried not to expose myself.
„No, ma’am, I enjoy these short trips. One is always in a hurry in our time.“ I took an imperceptible pause. „Hi, Lily!“
I actually managed to sound as if it was the most natural thing in the world for her to sit with that old Indian woman.
„Glad Lily’s here. She arrived this afternoon. We’ve been chatting for a while. She’s a smart woman.“
I was defiantly silent.
„But tell me what brings you here. „Lily said you could use my help. But she wasn’t sure. Did you two have a fight?“
„No, ma’am. We just had nothing to say to each other.“
Meanwhile, I was standing on the porch. In front of the two of them sitting in a Hollywood swing with a low table in front of it.
„As a matter of fact, I found something that might help. If she’s been here that long, did Lily tell you that Butterfly’s dead?“
The old lady gave me the evil eye, like I killed him.
„Yes, she did, and it’s bad news. It’s bad news that you didn’t catch his killer and kill him.“
I took a breath and swallowed with all my might: „I had to take care of a hysterical broad.“
„Right, that was a mistake. But I did something else.“
I took the flute out of my jacket I’d found at Kho’s.
„I went in search of something to replace the drum.“
The eyes of the old women sparkled.
„You found the flute? How did you find it?“
I enjoyed their surprise.
„How was that possible?“
„I have Lily to thank for the idea. She said there’s no one who doesn’t write their password down. In Skyler’s case, it was his nephew, who was to succeed him as cacique, who possessed the second key.“
„And how did you find him?“
„Hmm! Kho’s landlord helped me.“
Velvet nodded approvingly.
„Good, Joe. You never cease to amaze me. Am I doing the right thing, assuming that you now want to know what to do with the flute?“
„That was my thought.“
She looked at me and looked at Lily.
„It is necessary that we perform a second ritual.“
„With whom? Skyler is dead, Butterfly, Kho.“
„You will do it with me. The smoke of the old women will show you the way.“
I pulled back the flute.
„So Ma´am. I’m not seriously interested.“
„You have no choice, Joe. And Lily will help us.“
Lily and I looked each other in the eyes. A short, intense look: same souls, in separate bodies.
„Okay Ma´am. You better know what to do.“

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09/20 PGF

Der Älteste / The eldest (44)

44.

Die Lady im Frontoffice des Greyhound-Ticket-Service, war so eine Tussi vom untersten Regal: aufgehübscht mit allem was die Modezeitschriften aktuell empfahlen und dem Selbstbewusstsein von Wellness-Weekends, wo sie sich mit Freundinnen gegenseitig erklärte, wie toll und attraktiv sie war.
Sie trug ein Dauergrinsen zur Schau, damit niemand ihre kreideweißen Beißerchen übersah und offerierte mir Zusatzangebote die ich nicht haben wollte:
„Wir haben hier noch die Hotelzimmer-Zufriedenheitsversicherung.“
„Nein.“
„Sie bekommen volle Erstattung, wenn sie unzufrieden sind.“
„Ich bin immer unzufrieden, aber mir glaubt nie einer.“
„Aber, wenn Sie auf Trail im Reservat unterwegs sind, vielleicht eine Unfallversicherung?“
„Nein.“
„Mit kostenloser Rückholung.“
„Hören Sie, Lady. Ich hau mir mit meinen Kumpels, irgendwelches Indianerzeugs in die Birne und sehe drei Tage Außerirdische, da passiert schon nix.“
Sie sah mich groß an, sah sich dann in den eigenen Ausschnitt, auf die Monstertitten, die feinstes Silikon aufpolsterte und sah mich dann wieder an, ob ich ihre Brüste auch begutachtete hatte.
„Hören Sie Miss, ich stehe auf echte Dinger, auch, wenn Ihr Operateur einen guten Job gemacht hat. Ich will nur ein Ticket Richtung Neola, ohne Versicherung, ohne Bonusheft, ohne Punkte bei Master-Card. Ich zahle bar. Können wir dafür in die Pötte kommen.“
Sie sah mich unter ihrer Botox glatten Stirn, unter perfekt gezupften Augenbrauen, mit falschen, blauen Kontaktlinsen an; und verzog ihre Plusterlippen, mit Lippenstift der nach rotem Lack aussah, verärgert zur Seite.
„Wissen Sie, Sir, ich versuche hier nur ein gutes Business zu machen. Ich war schon zweimal Saleswomen des Monats und habe die Jahresmedaille für Kundenfreundlichkeit.“
Ich schloss die Augen und schnaufte.
„Sie machen, dass auch hervorragend. Nicht ihre Schuld, dass Sie an mich geraten sind. Ich hatte einen Scheißtag, eigentlich eine Scheißwoche und mache so ein Saftfasten, das mich auch etwas dünnhäutiger macht. Sie haben tolle Angebote, wunderschöne, blonde Haare und ihre Oberweite ist zum, sich in die Wolken legen. Aber ich bin alt, impotent und in Eile und deshalb danke ich Ihnen, wenn ich mein Ticket habe.“
„Ach so.“
Sie drehte sich auf ihrem Bürostuhl, nahm mein gedrucktes Ticket und reichte es mir über den Tresen.
„Bitte, Sir. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.“
„Danke, Miss. Ihnen nur das Beste.“
Ich wandte mich ab und ging in die Wartehalle, wo ich noch 30 Minuten überbrücken musste. Ich dachte kurz darüber nach, Lily eine SMS zu schicken: „Du, sorry, wollen wir uns demnächst mal treffen.“ Aber mir war nicht nach Sorry und nicht nach Treffen, deshalb ließ ich es.
Als der Bus in seiner Bucht parkte, stieg ich ein und schwang mich auf meinen Platz. Ich schloss die Augen und schlief fast augenblicklich ein. Fehlte also doch etwas Schlaf aus der letzten Nacht.
Als ich wach wurde, lag Ogden schon ein gutes Stück hinter uns. Wir waren sicher schon auf dem Gebiet des Reservats und ich war froh, ein großes Stück der Strecke verschlafen zu haben.
Der Bus war nur schwach besetzt und da es das Schicksal ausnahmsweise gut mit mir meinte, war ich, von einem Sitznachbarn, verschont geblieben.
Ich sah zum Fenster hinaus und während ich eigentlich der Landschaft irgendetwas abgewinnen wollte, zogen meine Gedanken, an dem vorbei, was alles betrachtete: mich, die Landschaft, meine Gedanken und was ich wohl selbst, auf irgendeine geheimnisvolle Art war.
Ich dachte, an das Reservat und fragte mich, ob ich Velvet finden würde und, ob sie mir helfen konnte. Ich dachte, an meinen Anrufbeantworter und ob die Aufnahmekapazität mittlerweile ausgeschöpft war. Und falls ja, ob ich je wieder einen Klienten, in Ogden bekommen würde. Ich dachte an Kho, dem ich das alles schuldig war und ich dachte an Lily, die mich vermutlich für gefühlskälter hielt, als Stalin. Ich dachte, an ein Glas Bourbon, mit zwei Eiswürfeln und einem Spritzer Zitrone. Und dachte an den Moment heute Morgen, diesen verblassenden Schimmer von Reinheit und Unschuld, in dem ich mich ganz finden und gar nicht finden konnte.
Und während ich dachte, rauschte der Greyhound über den Asphalt, wandte die Erde sich immer voller der Sonne zu und zwischen ihr und dem Himmel zogen die Wolken, um nirgendwo anzukommen.

09/20 PGF

44.

The lady in the front office of the Greyhound ticket service was one of those chicks from the lowest shelf: dressed up with everything that the fashion magazines currently recommend and the self-confidence of wellness weekends, where she explained to friends how great and attractive she was.
She wore a permanent grin on her face so that no one could overlook her chalk-white teeth and offered me additional offers I didn’t want to have:
„We still have that hotel room satisfaction insurance here.“
„No.“
„You’ll get a full refund if you’re not happy.“
„I’m always dissatisfied, but no one ever believes me.“
„But if you’re on a trail on the reservation, maybe you have accident insurance?“
„No.“
„With free pick-up.“
„Look, lady. I’ll bust my head with my buddies, some Indian stuff, see aliens for three days, nothing’ll happen.“
She looked at me big, then looked down her own neckline, at the monster tits, padded with the finest silicone, and then looked back at me to see if I had also examined her breasts.
„Listen Miss, I like real things, even if your surgeon has done a good job. I just want a ticket to Neola, no insurance, no bonus booklet, no points with Master-Card. I pay cash. We can get in the pots for that.“
She looked at me under her Botox-smooth forehead, under perfectly plucked eyebrows, with fake blue contact lenses; and pulled her plush lips, with lipstick that looked like red varnish, angrily to the side.
„You know, sir, I’m just trying to do good business here. I’ve been Saleswoman of the Month twice and I’ve won the annual medal for customer service.“
I closed my eyes and puffed.
„You’re doing that excellently too. It’s not your fault that you got to me. I had a shitty day, actually a shitty week, and I’m doing such a juice fast that it also makes me a little thinner-skinned. You have great offers, beautiful blonde hair and your bust is to lie in the clouds. But I’m old, impotent and in a hurry and so I’ll thank you when I get my ticket“.
„I see.“
She turned on her office chair, took my printed ticket and handed it to me over the counter.
„Please, sir. I wish you a safe journey.“
„Thank you, miss. Only the best for you.“
I turned away and went to the waiting room, where I had 30 minutes to spare. I thought about texting Lily for a minute, „Hey, sorry, let’s get together next time.“ But I didn’t feel like sorry and I didn’t feel like meeting her, so I didn’t.
When the bus was parked in its bay, I got in and swung myself into my seat. I closed my eyes and fell asleep almost instantly. So some sleep from last night was missing after all.
When I woke up, Ogden was already a long way behind us. We were certainly already in the reserve area and I was glad to have slept a long way.
The bus was only weakly occupied and since fate was exceptionally kind to me, I was spared by a seat neighbor.
I looked out the window and while I wanted to get something out of the landscape, my thoughts passed by what was looking at everything: me, the landscape, my thoughts and what I was myself in some mysterious way.
I thought about the reserve and asked myself if I would find Velvet and if she could help me. I thought about my answering machine and whether the recording capacity was exhausted by now. And if so, whether I would ever get a client again, in Ogden. I thought of Kho, to whom I owed all this, and I thought of Lily, who probably thought I was more emotionally cold than Stalin. I thought about a glass of bourbon, with two ice cubes and a splash of lemon. And I thought of that moment this morning, that fading glimmer of purity and innocence where I could find myself completely and not at all.
And as I thought, the Greyhound rushed across the asphalt, the earth turned ever more full of the sun, and between it and the sky the clouds were moving to get nowhere.

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09/20 PGF

Der Älteste / The eldest (43)

43.

Kho’s ehemaliger Vermieter war gerade dabei, dass zurück gebliebene Hab und Gut, meines toten Freundes, auf die Straße zu stellen, als mein Taxi hielt. Das meiste war in Kisten verpackt, aber ich erkannte Kholayas Küchenstühle und sein Bücherregal.
Ich steuerte auf den Mann zu, der gerade die letzte Kiste abzustellen schien, so zufrieden, wie er dabei wirkte.
„He! Was machen Sie da?“ Frage ich ungehalten.
Der Mann sah auf. Ich wusste nicht, ob er mich von meinem letzten Besuch wiedererkannte.
„Ich mache meinen Mietraum wieder bezugsfähig. Der Indianer ist tot. Ich brauche den Krempel nicht.“
„Haben Sie versucht, jemand von seinen Verwandten zu erreichen?“
„Nein, aber es gab wohl nur einen Onkel. Sie wissen, wie die Typen sind: gib ihnen Feuerwasser und sie sind zufrieden. Denken Sie da kommt einer mit einem Van und holt Kisten mit Büchern und alten Kleidern ab?“
„Ich nehme die Sachen.“
Der Kerl sah mich groß an.
„Aber ich zahle Ihnen nichts fürs Abtransportieren.“
„Müssen Sie nicht.“
Ich öffnete eine der Kisten.
„Was haben Sie vor?“
„Ich sehe was da drin ist.“
Der Mann hob die Hand und streckte den Zeigefinger aus. Während er den Finger hin und her bewegte meinte er: „Vergessen Sie´s. Das ist hier kein Flohmarkt. Sie nehmen den ganzen Plunder oder mein Neffe Taylor bekommt ihn. Der wollte in einer halben Stunde hier sein und bekommt 100 Dollar, wenn er das Zeug mitnimmt. Ich will keinen Basar, vor meiner Haustür.“
Ich tat einen Schritt auf den Typ zu.
„Hören Sie! Ich muss nur kurz nach ein paar Sachen suchen, die Kho von mir geliehen hat.“
„Was denn? Sind da irgendwo Drogen?“
„Nein, keine Drogen, nix Illegales“, sagte ich und dachte: nur, wenn ich Glück habe, ein magischer Ritualgegenstand.
„Ich weiß nicht.“ Kho’s Vermieter sah mich unschlüssig an. „Nicht, dass Sie mir das einzig wertvolle von dem Zeugs stehlen und Taylor darf den Schrott entfernen.“
„Nein, nichts Wertvolles. Ein, zwei Bücher“, sagte ich zum Schein, „und ein, zwei Instrumente, die ich ihm ausgeliehen habe.“
Ich sah, wie es hinter der Stirn, meines Gegenüber „Klick!“ machte.
„Instrumente können manchmal sehr wertvoll sein.“
„Ja, im ideellen Sinn.“
„Das stimmt, aber das lässt manchen sehr reale Dollars zahlen.“
Ich dachte nach. Der Kerl schien eine Idee zu haben. Vermutlich wusste er sogar, in welche der Kisten er Instrumente gepackt hatte. Es war alles mit buchhalterischer Genauigkeit verpackt und vermutlich auf einer Liste dokumentiert. Theoretisch konnte ich die Fakten aus dem Typen herausprügeln, ehe sein Neffe Taylor eintraf, aber das passte nicht ganz, zu meinem neu erworbenen Vorsatz dem Weg des Buddha zu folgen, beziehungsweise nicht ein ganz so beschissener Dreckskerl zu sein.
„Hören Sie. Ich suche eine Rassel oder eine Flöte. Auch, wenn sie mir eigentlich gehört, gebe ich Ihnen 50 Dollar dafür, weil sie aktuell in Ihrem Besitz ist.“
„500!“ Forderte der Typ dreist.
Man, war das ein Scheiß, mit der Gelassenheit.
„250 und dafür prügele ich Sie nicht windelweich und lasse Sie neben den Kisten ausbluten.“
Okay, für mein Karma-Konto bedeutete das neue Zinslast, aber es wirkte.
„Ist ja schon okay. Warten Sie! Die Flöte müsste dort sein.“
Er nahm eine kleinere Kiste, öffnete sie und nahm eine einfache Flöte heraus, etwa von der Länge eines Unterarms. Sie war übersät mit Zeichen und Ornamenten, die mir nicht unbekannt schienen.
Ich hielt die Hand hin.
„Erst das Geld.“
Ich verdrehte die Augen.
„Wie sie wollen.“
Ich zählte aus meinem Geldbeutel insgesamt 10 Riesen ab und hielt sie hoch.
„Das Geld – ist für die Flöte und dafür, dass ihr Neffe, die Sachen von Kho zu mir bringt.“
Es war mir egal, ob er es tat oder nicht. Das Wichtigste hatte ich. Aber, wenn es eine Chance gab, wollte ich für Kho´s Hinterlassenschaft den richtigen Ort finden.
„Hier meine Adresse.“
Ich gab ihm meine Visitenkarte.
Er warf einen Blick darauf.
„Sie sind Kopfgeldjäger.“
Er wirkte eingeschüchtert.
„Ja, deshalb sollte ich bekommen, wofür ich 750 Dollar bezahlt habe.“
„Aber, wenn noch mehr Wertvolles.“
„Lassen Sie´s.“
Der Kerl nickte.
„Taylor bringt Ihnen die Sachen.“
„Gut.“
„Wissen Sie, wo die nächste Greyhound-Filiale ist?“
„Ecke Wall Avenue und 24ste.“
„Zu Fuß?“
„Sind Sie in zehn Minuten dort.“
„Okay.“
„Und die Sachen?“
„Er soll Sie einfach vor die Tür stellen. Gute Gegend, da schadet es nicht, wenn es vorübergehend, wie bei einem Basar aussieht.“

09/20 PGF

43.

Kho’s former landlord was about to put my dead friend’s leftover belongings on the street when my cab stopped. Most of it was packed in boxes, but I recognized Kholaya’s kitchen chairs and his bookshelf.
I headed for the man who seemed to have just put down the last box, as satisfied as he seemed.
„Hey! What are you doing?“ I ask impatiently.
The man looked up. I wasn’t sure if he recognized me from my last visit.
„I’m getting my rented space back into use. The Indian is dead. I don’t need this stuff.“
„Have you tried contacting any of his relatives?“
„No, but I guess there was only one uncle. You know how these guys are. Give them firewater and they’re happy. Do you think someone would come in a van and pick up boxes of books and old clothes?“
„I’ll take those things.“
The guy looked at me tall.
„But I’m not paying you to take them away.“
„You don’t have to.“
I opened one of the boxes.
„What are you gonna do?“
„I see what’s in there.“
The man raised his hand and stretched out his index finger. As he moved the finger back and forth, he said, „Forget it. This isn’t a garage sale. You take all the junk or my nephew Taylor gets it. He wanted to be here in half an hour and he’ll get $100 if he takes the stuff. I don’t want a bazaar on my doorstep.“
I took a step toward the guy.
„Listen! I just need to look for some stuff that Kho borrowed from me.“
„What kind of things? Are there any drugs?
„No, no drugs, nothing illegal,“ I said and thought: only if I’m lucky, a magic ritual item.
„I don’t know.“ Kho’s landlord looked at me indecisively. „I don’t want you to steal the only valuable thing from me and let Taylor take the junk away.“
„No, nothing valuable. A book or two,“ I said to appearances, „and one or two instruments I lent him.“
I saw it click behind my counterpart’s forehead.
„Instruments can sometimes be very valuable.“
„Yes, in the idealistic sense.“
„That’s true, but it makes some people pay very real dollars.“
I thought about it. The guy seemed to have an idea. He probably even knew which of the boxes he had put instruments in. It was all packed with accounting accuracy and probably documented on a list. Theoretically, I could beat the facts out of the guy before his nephew Taylor arrived, but that didn’t quite fit in with my newly acquired resolve to follow the path of Buddha, or to be a less shitty bastard.
„Listen. I am looking for a rattle or a flute. Even if it’s actually mine, I’ll give you $50 for it because it’s currently in your possession.“
„500!“ The guy insolently asked for it.
Man, that was some bullshit, with the serenity.
„250, and I won’t beat the shit out of you and leave you bleeding out by the crates.“
Okay, for my karma account, that meant new interest, but it worked.
„It’s okay. It’s okay. The flute should be there.“
He took a smaller box, opened it and took out a simple flute about the length of a forearm. It was littered with signs and ornaments that were not unknown to me.
I held out my hand.
„First the money.“
I rolled my eyes.
„As you wish.“
I counted out 10 grand from my wallet and held it up.
„The money – is for the flute and for your nephew to bring the Kho’s things to me.“
I didn’t care if he did it or not. I had the most important thing. But if there was a chance, I wanted to find the right place for Kho’s legacy.
„Here’s my address.“
I gave him my business card.
He took a look.
„You’re a bounty hunter.“
He seemed intimidated.
„Yes, that’s why I should get what I paid $750 for.“
„But, if something more valuable.“
„Leave it.“
The guy nodded.
„Taylor will bring you the stuff.“
„Do you know where the nearest Greyhound branch is?“
„Wall Avenue and 24th.“
„Walk?
„You can get there in 10 minutes.“
„Okay, I’ll be there.“
„What about the clothes?“
„Just have him leave them outside the door. Good neighborhood. It wouldn’t hurt if it looked like a bazaar for a while.“

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09/20 PGF

Der Älteste / The eldest (42)

42.

Nicht mal, als ich ausstieg wechselten wir noch ein Wort. Ich schlug die Tür zu, dass der kleine Japaner wackelte, als hätte ihn eine Windböe erwischt und Lily trat aufs Gas, um mich hinter sich zu lassen, als hätte man ihr gerade verboten, sich von mir weg zu beamen.
Ich sperrte die Haustür auf, dachte kurz darüber nach, ob mich Brendan erwarten konnte und entschied, dass es mir egal war und unwahrscheinlich.
Ich warf den Schlüssel auf einen kleinen Tisch, den ich beim Eingang stehen habe und meine Jacke über den nächsten Stuhl.
Dann ging ich in die Küche und nahm mir die erste Whiskeyflasche die ich greifen konnte. Ich trug sie zum Waschbecken und leerte sie aus. So machte ich es, mit jeder Flasche, mit jedem Tropfen den ich im Haus fand.
Es war Zeit nüchtern zu werden, klar und böse. Wenn die Dinge gut oder, wenn sie nur normal liefen, war es okay, manchmal ein wenig erheitert und manchmal sogar ein wenig betäubt zu sein. Aber, wenn einem das Schicksal zwei Backpfeifen setzte, weil man die verdient hatte, half es nichts sich heulend in die Ecke zu setzen. Ernst machen, war angesagt und nüchtern sein.
Ich durfte keine Zeit, auf der Jagd nach der Trommel oder nach Wang verlieren. Ich brauchte eine alternative Strategie. Wang war eine Nummer zu groß. Ich würde nicht mehr in seine Nähe kommen und die Ein-Mann-Armee-Geschichte alla Bruce Willis war im wirklichen Leben so unrealistisch, wie im Film langweilig.
Jemand – und ich weiß nicht mehr wer – hatte mal zu mir gesagt: „Man ist nicht klug, wenn man alle Weisheiten findet, ohne alle Torheiten begriffen zu haben.“ Mein Bauch hatte dazu sofort ja gesagt, aber meine Vernunft, hatte sich Jahre dagegen gewehrt, dies zu akzeptieren, weil es hieß, es gab kein Leben ohne Sünde. Es gab keinen Heiligen. Es gab nur Menschen. Der zu Friedfertige unterließ, was er hätte bekämpfen müssen und der Ehrgeizige vernichtete, was die Sache nie Wert war. Besser werden, klüger werden, Fehler reduzieren, das war alles was man tun konnte.
Die Frage nach dem Warum konnte man sich dabei sparen. Warum? Was war der Sinn? Blablabla. Das Leben hatte keinen Sinn. Es bot Option und die Chance zu wählen. Wie in einem Labyrinth kam man nur vorwärts, wenn man sich unentwegt für links oder rechts entscheidet. Wer gut wählte, fand den Ausgang und damit einen Sinn, wer falsch wählte blieb ewig stecken. Aber wer gar nicht wählte, schaffte es nicht mal das ganze Labyrinth auszuloten.
Die Nacht schlief ich nicht. Mir fehlte Daddy´s little helper, um ins Land der Träume überzugleiten. Erst in den frühen Morgenstunden verfiel ich, in einen ruhelosen Dämmerschlaf, der von einem kreisenden Gedanken erzeugt wurde: Ich durfte keine Zeit verlieren.
Kurz bevor ich, für eine Stunde einschlief, hatte ich schließlich eine Idee. Sie war auch noch da, als ich wieder wach wurde. Ich hatte eine Idee, wo einer der anderen Gegenstände von Skyler zu finden war. Es war so naheliegend, dass ich mich ärgerte, nicht schon früher darauf gekommen zu sein. Ich war viel zu sehr auf die Trommel fixiert gewesen.
Auch ohne richtigen Schlaf fühlte ich mich nicht schlecht. Nüchtern zu sein, war nicht nur scheiße. Nur ein wenig ungewohnt. Wie ein paar neue Schuhe, die viel besser sind, als die ausgetretenen, die man nicht wegwerfen will. Man läuft sich erstmal eine Blase, aber eine Woche später, will man sie nicht mehr missen.
Statt Speck und Ei anzubraten, pürierte ich mir zwei Bananen mit Milch und trank das, in einem Zug. Ich beschloss, mich in den nächsten Tagen mit frischem Obst und Gemüse einzudecken. Mein Körper wirkte, wie ausgehungert nach Gesundem.
Das Taxi war fünf Minuten nach meinem Anruf bereits vor der Haustür und ich begrüßte den Fahrer mit einer Freundlichkeit, die ich nicht mehr an mir kannte.
Ich nannte ihm die Adresse und er fuhr los.
Ogden schlief noch. Es war angenehm kühl und die Luft noch feucht. Der Sommer zeigte erste Dellen und würde in den nächsten Wochen, Schritt für Schritt aus der Welt verschwinden. Auf den Dächern glühte das schräg einfallende Licht der Morgensonne und ich erinnerte mich, an den Morgen nachdem mir Butterfly seinen Sud eingeflößt hatte. Da hatte ich eine ähnliche Empfindung von rein Sein und Unschuld.
Männer fühlten selten so. Männer waren – und so war es Konsens selbst bei den Männern – eigentlich Schuld am ganzen Weltelend. Krieg, Hunger, Gewalt, alles vom männlichen Teil der Menschheit angerichtet. Kleine Jungs waren noch süß, sobald sie einen Willen entwickelten und wild wurden, verbannte man sie auf die dunkle Seite. Ob das so stimmte, ob die Unschuld nicht bei allen Kindern lag und die Schuld bei allen Erwachsenen – wer konnte das sagen? War auch egal! Für mich jedenfalls, waren Unschuld und Reinheit, ungewohnte, seltene und irgendwie angenehme Empfindungen. Und ich nahm sie, wie ich alles andere nahm, was ich fühlte oder was über mich gedacht wurde.
Als wir das Ziel erreichten, sah ich, dass ich gerade noch rechtzeitig kam.

09/20 PGF

42.

Not even when I got out of the car did we change a word. I slammed the door shut so that the little Japanese was wobbling as if a gust of wind had caught him and Lily stepped on the gas to leave me behind as if she had just been forbidden to beam away from me.
I unlocked the front door, thought briefly about whether Brendan could expect me and decided I didn’t care and unlikely.
I threw the key on a small table that I have by the entrance and my jacket over the next chair.
Then I went into the kitchen and grabbed the first whiskey bottle I could grab. I carried it to the sink and emptied it. This is how I did it, with every bottle, with every drop I found in the house.
It was time to sober up, clear and evil. When things were going well, or when they were just normal, it was okay to be a little exhilarated sometimes and a little numb sometimes. But when fate gave you two slaps in the face because you deserved it, sitting in the corner crying didn’t help. To be serious was to be hip and sober.
I was not allowed to lose time chasing the drum or Wang. I needed an alternative strategy. Wang was a number too big. I wouldn’t go near him anymore and the one-man army story alla Bruce Willis was as unrealistic in real life as it was boring in film.
Someone – and I can’t remember who – once said to me: „You are not wise if you find all the wisdom without having understood all the folly.“ My gut had immediately said yes to that, but my reason had resisted for years against accepting it, because it said there was no life without sin. There was no saint. There were only people. The too-peaceful man omitted what he should have fought against and the ambitious man destroyed what was never worth anything. Getting better, getting smarter, reducing mistakes, that was all one could do.
The question of why could be avoided. Why? What was the point? Blah, blah, blah. Life had no meaning. It offered options and the chance to choose. Like in a labyrinth, you could only move forward if you constantly chose left or right. Those who chose well found the exit and with it a meaning, those who chose wrong got stuck forever. But those who did not choose at all did not even manage to fathom the whole labyrinth.
I did not sleep that night. I missed Daddy’s little helper to cross over into the land of dreams. Only in the early morning hours did I fall into a restless twilight sleep, created by a circling thought: I had no time to lose.
Just before I fell asleep for an hour, I finally had an idea. It was still there when I woke up again. I had an idea where to find one of Skyler’s other objects. It was so obvious that I was annoyed that I had not thought of it before. I had been much too focused on the drum.
Even without real sleep I didn’t feel bad. Being sober was not only shit. Just a little unaccustomed. Like a pair of new shoes that are much better than the worn ones you don’t want to throw away. You run a blister at first, but a week later, you don’t want to miss them anymore.
Instead of frying bacon and egg, I mashed two bananas with milk and drank it, in one go. I decided to stock up on fresh fruit and vegetables over the next few days. My body seemed to be starved for healthy food.
The cab was already at the front door five minutes after my call and I greeted the driver with a friendliness that I no longer knew about myself.
I gave him the address and he drove off.
Ogden was still asleep. It was pleasantly cool and the air was still humid. The summer showed the first dents and would gradually disappear from the world over the next few weeks. On the roofs the oblique light of the morning sun was glowing and I remembered the morning after Butterfly had poured his brew into me. There I had a similar feeling of pure being and innocence.
Men rarely felt this way. Men were – and so it was consensus even among men – actually responsible for the whole world’s misery. War, hunger, violence, all caused by the male part of humanity. Little boys were still cute, as soon as they developed a will and became wild, they were banished to the dark side. Whether this was true, whether innocence was not with all children and guilt with all adults – who could say? It did not matter! For me at least, innocence and purity were unusual, rare and somehow pleasant sensations. And I took them as I took everything else I felt or thought about myself.
When we reached our destination, I saw that I arrived just in time.

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09/20 PGF

Der Älteste / The eldest (41)

41.

Auch vor der Höhle, wartete Lily nicht. Ich fand sie erst oben, beim Parkplatz, neben ihrem Wagen.
„Was war da drin los?“ Fragte ich, nicht unbedingt in einem sehr einfühlsamen Ton.
„Ich hatte keine Lust mehr, auf deine blöden Sprüche.“
„Ich wollte dir helfen.“
„Du hilfst aber niemand, mit deiner herzlosen Art.“
„Ärgerst du dich, weil du schwach warst? Weil dem hippen „modern Girl“, das Selbstverständnis in den Matsch gefallen ist.“
„Nein, ich ärgere mich nicht, weil ich schwach war, sondern weil du dich deshalb stark gefühlt hast.“
„Aber das musste ich doch.“
„Musstest du nicht!“
„Doch! So ist das immer: Einer führt, einer geht. Muss ja nicht immer der gleiche sein, der führt. Aber da drin, war ich es.“
Ich zeigte hinter mich in Richtung der Höhle.
„Darum habe ich dich nicht gebeten!“
„Nein, aber was war in der Kammer? Luft! Luft!“ Ich äffte ihre Atemlosigkeit nach.
„Ja und, was gibt dir das Recht, dich überlegen zu fühlen?“
„Habe ich gar nicht. Ich habe nur versucht, ein Halt für dich zu sein.“
„Aber“, schrie sie, „das wollte ich nicht.“
Ich winkte ab.
„Hör zu Lily, aus diesem Grund habe ich nie geheiratet. Es gibt nichts Sinnloseres, als mit jemand zu streiten, den man liebt.“
„Doch“, beharrte sie, „aus Liebe muss man manchmal streiten.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, muss man nicht. Nicht darüber, wer stark und wer schwach ist.“
„Aber du hast dich doch da drin aufgespielt.“
„Wir sollten fahren.“
„Nein, ich bin noch nicht fertig. Ich will noch reden.“
„Lass es!“
„Nein, ohne mich würdest du gar nicht mehr leben.“
„Wegen Verordnung 7 oder was?“
Ich lachte amüsiert.
„Ja, was hättest du denn geantwortet?“
„Gar nichts. Hätte ich auf dich nicht Rücksicht nehmen müssen, hätte ich mir Brendan geschnappt. Durch dich war ich angreifbar. Und ich bin sicher, dass du mir auch bei der Verfolgung im Weg sein wirst.“
Sie sah mich fassungslos an.
„Es reicht.“
„Sagte ich ja.“
„Du hast viel zu viel gesagt.“
„Mag sein. Du blutest.“
„Was?“
„An der Stirn. Du hast dir den Kopf an dem Stalakding angeschlagen.“
„Stalaktit.“
Sie fasste sich an die Stirn und verzog das Gesicht, als sie die Wunde berührte. Es war eine Platzwunde, etwa einen Finger breit.
„Solltest du klammern lassen, wird sonst eine unschöne Narbe. Außer du brauchst eine, für dein Heldinnen-Image.“
Mein innerer Zyniker war außer Kontrolle geraten, ich spürte, dass ich seinen Amoklauf nicht bremsen konnte.
„Ich brauche dein Heldengetue nicht. Du säufst so viel, dass du nicht mal Auto fährst.“
Wie nannten das Kommunikationsforscher? Eskalationsspirale?
„Aber ich brauche niemand, der mich an der Hand nimmt, wenn ich mich in einer dunklen Höhle verlaufe.“
Sie wandte sich ab und stieg in den Wagen.
Da sie nicht gleich losfuhr, nahm ich an: Sie nahm mich diese Strecke noch mit.
Das tat sie auch.

09/20 PGF

41.

Even in front of the cave, Lily did not wait. I only found her upstairs, by the parking lot, next to her car.
„what was going on in there?“ I asked, not necessarily in a very sensitive tone.
„I’ve had enough of your stupid comments.“
„I wanted to help you.“
„You’re not helping anyone with your heartless ways.“
„Are you angry because you were weak? Because the hip „modern girl“, the self-conception has fallen into the mud.“
„No, I’m not angry because I was weak, but because it made you feel strong.“
„But I had to.“
„You didn’t have to!“
„That’s the way it always is: One leads, one follows. Doesn’t have to be the same one who leads. But in there, it was me.“
I pointed behind me towards the cave.
„I didn’t ask you to do that!“
„No, but what was in the chamber? Air! Air!“ I imitated her breathlessness.
„Well, what gives you the right to feel superior?“
„I don’t. I was just trying to be a support for you.“
„But,“ she screamed, „I didn’t mean to.“
I waved it off.
„Listen, Lily, this is why I never got married. There’s nothing more pointless than fighting with someone you love.“
„Yes,“ she insisted, „sometimes you have to fight for love.“
I shook my head.
„No, you do not. Not about who’s strong and who’s weak.“
„But you were acting up in there.“
„We should leave.“
„No, I’m not finished. I still want to talk.“
„Leave it.“
„No, without me you wouldn’t be alive at all.“
„Is it regulation seven or what?“
I laughed with amusement.
„What would you have said?“
„Nothing. If I didn’t have to worry about you, I would have gone after Brendan. You left me vulnerable. And I’m sure you’ll be in my way when I go after him.“
She looked at me stunned.
„Enough.“
„That’s what I said.“
„You’ve said way too much.“
„Maybe so. You’re bleeding.“
„I’m bleeding?“
„On your forehead. You hit your head on that stalacthing.“
„Stalactite.“
She grabbed her forehead and pulled her face when she touched the wound. It was a laceration about the width of a finger.
„If you have staples attached, it will not leave a nasty scar. Unless you need one for your heroine image.“
My inner cynic was out of control, I felt I couldn’t stop his rampage.
„I don’t need your heroism. You drink so much, you don’t even drive.“
What did communication scientists call that? Escalation spiral?
„But I don’t need someone to hold my hand when I get lost in a dark cave.“
She turned away and got into the car.
Since she did not drive off immediately, I assumed She was still taking me that distance.
And so she did.

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09/20 PGF