Gestra (11)

11.
Wir kamen ohne Ambulanz aus. Die kleineren Blessuren die zu versorgen waren, ließen sich mit dem Inhalt des 1-Hilfe-Kastens aus Jez Wagen gut in Ordnung bringen. Der Schock würde seine Zeit und eine Weile Gespräch und dörfliche Legendenbildung erfordern, um vergessen zu werden.
Etwa eine Stunde nachdem – wir rätselten noch, wie wir es nennen sollten – schepperten der Wagen des Sheriffs über den Feldweg zum Observatorium.
Er ließ den Wagen stehen, bei laufendem Motor und blendenden Frontscheinwerfern und stieg aus.
»Was ist hier denn geschehen?« Rief er. »Alle in Ordnung?«
Thomas ging ihm entgegen.
»Sheriff Donavan! Ja, wir sind okay. Wir haben keine Ahnung was geschehen ist.«
»So.« Machte der Sheriff, klemmte seine Daumen hinter seinen Gürtel, um seinen Wanst etwas zu erleichtern.
Er sah sich um.
»Sie machen mir doch hier draußen keine Experimente? Ich habe Anrufe erhalten: Feuerball, Ufo, der Himmel brennt, Engel landen. Dieser ganze Blödsinn. Alles hat auf dieses Wäldchen hingedeutet oder das Observatorium. Sie wissen schon.«
Er sah sich noch mal um und entdeckte mich.
»Und, wer ist das?«
»Das ist Joe, ein Bekannter – ein Freund von Jezebel.«
Ich hob freundlich meine Hand. Bounty Hunter und Sheriffs erkannten sich instinktiv und verabscheuten sich instinktiv.
»Und was will der hier?«
Jezebel trat vor.
»Er war hier Gast, wie alle anderen. Wir sind doch normalerweise nett zu den Touristen.«
Donavan brummte.
Er ließ seinen Gürtel los und sein Wanst wabbelte über die Gürtelschnalle.
»Also ihr habt nichts zu melden?«
»Nein. Also nichts, was wir erklären könnten.« Versicherte Thomas. »Es gab ein Zischen, einen Knall und dann lagen wir alle am Boden. Wir sind ebenso erschrocken, wie vermutlich der Rest der Stadt. Und unschlüssig wie sie, was das war.«
»So.« Wiederholte sich Donavan gelangweilt.
Thomas versuchte ihn höflich loszuwerden.
»Wir räumen hier noch auf und dann gehen wir. Die Millers waren noch dabei, mit den Kindern, aber die haben wir schon heimgeschickt. Ansonsten ist noch einiges zu tun: Unser Meade ist beschädigt, der Grill war umgefallen, fiel zum Glück in die Kiesgrube, mein Beamer, meine Leinwand alles hinüber.«
Donavan machte jetzt ein paar Schritte über das Gelände, als wäre er heute zum ersten Mal im Dienst und müsse, zum ersten Mal in seinem Leben, einen Tatort inspizieren und bewerten. Ich war sicher, die schwersten Verbrechen, die er in dreißig Dienstjahren aufgeklärt hatte, war das überfahrene Huhn von Bauer Faulkner und die verschwundene Unterwäsche von Miss XY.
Um nicht so unfähig zu wirken, wie er war, nahm er einen Dienstblock heraus und begann sich die Szenerie zu notieren.
Dann merkte er, dass er in der falschen Reihenfolge begonnen hat.
»Thomas, sagen Sie mir doch mal die Namen derer, die hier waren.«
Der gab alle säuberlich zu Papier.
Donavan klappte mit einer großen Geste, seinen Notizblock zu und nickte vor sich hin, als sei nun alles klar: Anfang und Ende des Universums, der Sinn dazwischen und die Frage, warum es Bourbon gab, wenn man ihn nicht trinken sollte.
»So.«
Thomas trat an seine Seite.
»Wie erwähnt Sheriff, wir wissen nicht was das war.«
Donavan schob den Hut aus der Stirn.
»Das glaube ich Ihnen, für den Moment mal. Aber dass Sie mir hier keinen Unfug machen. Und Sie«, er zeigte auf mich. »Wie lange bleiben Sie hier?«
»Bis wir Antimaterie entwickelt haben.«
Jez neben mir kicherte.
»Was?«
»Eine Woche noch.«
»So.«
Das schien ihm zu genügen. Mit einem letzten Gruß in die Runde verschwand er wieder.
»Schräger Typ«, meinte ich zu Jez, als er weg war.
»Ja, etwas gemütlich. Aber ganz verträglich.«
Wir nahmen unsere Arbeit wieder auf und als alles in der Hütte, für den Moment, verstaut war, schoben wir Dach und Sockel wieder zusammen, schlossen ab und dann fuhr jeder nach Hause.

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11.
We managed without an ambulance. The minor bruises that needed to be attended to were easily fixed with the contents of the 1-aid kit from Jez’s car. The shock would take its time and a while of conversation and village legend-making to be forgotten.
About an hour after – we were still puzzling over what to call it – the sheriff’s car clattered down the dirt road to the observatory.
He abandoned the car, with the engine running and the front headlights blaring, and got out.
„What happened here?“ He shouted. „Everybody all right?“
Thomas walked toward him.
„Sheriff Donavan! Yeah, we’re okay. We have no idea what happened.“
„So.“ Made the sheriff, jamming his thumbs behind his belt to lighten his paunch a bit.
He looked around.
„You’re not going to experiment anything out here, are you? I’ve been getting calls: Fireball, UFO, sky on fire, angels landing. All that nonsense. Everything has pointed to this grove or the observatory. You know.“
He looked around again and spotted me.
„So, who’s this?“
„This is Joe, an acquaintance – a friend of Jezebel’s.“
I raised my hand in a friendly manner. Bounty hunters and sheriffs instinctively recognized and detested each other.
„And what does he want here?“
Jezebel stepped forward.
„He was a guest here, like everyone else. We’re usually nice to the tourists, aren’t we?“
Donavan growled.
He let go of his belt and his paunch wobbled over the belt buckle.
„So you guys have nothing to report?“
„No. So nothing we can explain.“ Assured Thomas. „There was a hiss, a bang, and then we were all on the ground. We’re just as startled as the rest of the town probably is. And as undecided as they were as to what it was.“
„So.“ Donavan repeated himself, bored.
Thomas politely tried to get rid of him.
„We’ll clean up here a bit, and then we’ll go. The Millers were still there, with the kids, but we’ve already sent them home. Other than that, there’s still a lot to do: our Meade is damaged, the grill had fallen over, luckily fell into the gravel pit, my projector, my screen all gone.“
Donavan now took a few steps across the grounds as if today was his first time on duty and he had to, for the first time in his life, inspect and evaluate a crime scene. I was sure the most serious crimes he had solved in thirty years of service were Farmer Faulkner’s roadkill chicken and Miss XY’s missing underwear.
Not wanting to appear as incompetent as he was, he took out a duty pad and began taking notes of the scene.
Then he realized he had started in the wrong order.
„Thomas, why don’t you tell me the names of the people who were here?“
The neatly put them all down on paper.
Donavan, with a grand gesture, folded his notepad shut and nodded to himself as if everything was now clear: the beginning and end of the universe, the meaning in between, and the question of why there was bourbon if you weren’t supposed to drink it.
„So.“
Thomas stepped to his side.
„As mentioned Sheriff, we don’t know what that was.“
Donavan pushed his hat out of his forehead.
„I’ll take your word for that, for the moment. But that you don’t get me into mischief here. And you,“ he pointed. „How long are you staying here?“
„Until we develop antimatter.“
Jez next to me chuckled.
„What?“
„One more week.“
„So.“
That seemed to be enough for him. With a final greeting to the group, he disappeared again.
„Weird guy,“ I commented to Jez when he was gone.
„Yeah, a little homely. But quite tolerable.“
We resumed our work and when everything was tucked away in the cabin, for the moment, we pushed the roof and base back together, locked up and then everyone went home.

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Gestra (10)

10.
Das erste was ich hörte war Stöhnen. Das dumpfe Stöhnen eines Mannes und dann begannen die Kinder zu weinen, ob aus Schmerz oder aus Angst war nicht zu unterscheiden. Es klang jedenfalls kläglich. Ich rappelte mich hoch und sah mich um: es lagen alle am Boden, auf dem Rücken, auf dem Bauch, auf der Seite, der Grill war umgefallen und die Glut flackerte, in der Kiesgrube vor dem grauen Häuschen, der Lichtstrahl des Beamers ragte in den Himmel und die Leinwand, lag, wie ein gebrochenes Bein, in der Wiese. Auch das Meade war umgefallen und ich nahm an, dass es den wuchtigen Sturz nicht schadlos überstanden hatte. Wenn das, das Ergebnis einer Sternenexplosion war, wollte ich so was nicht mehr mitmachen.
Ich war der erste der zum Stehen kam und soweit ich das Beurteilen konnte, war ich unverletzt, außer, dass mir vom Sturz der Rücken und der Ellbogen wehtaten und es mir noch immer in den Ohren pfiff.
Ich sah mich um und versuchte zu verstehen was geschehen war. Jez fiel mir ein. Scheiße der Schock! Sie hatte doch neben mir gestanden. Sie war – ich entdeckte sie in der Wiese. Sie lag auf der Seite, ihr Brustkorb bewegte sich – was gut war, aber sie schien nicht bei Bewusstsein.
Ich kniete mich zu ihr. Mit der Entscheidung unzufrieden! Eigentlich musste ich nachsehen, ob noch Gefahr bestand, eigentlich musste ich nach den anderen, musste ich nach den Kindern sehen – eines nach dem anderen!
Ich fasste sie an der Schulter.
»Jez. Jez!«
Sie stöhnte leise.
»Was -?«
Sie setzte sich ruckartig auf.
»Was ist denn geschehen?«
»Das wollte ich dich fragen. Könnte die Sternenexplosion?«
»Blödsinn. Die Sternenexplosion hätten wir mit Glück sehen können, aber niemals spüren. Hier ist etwas abgestürzt.«
Sie hielt mir die Hand hin.
»Hilf mir hoch.«
Das tat ich.
Langsam kamen auch die anderen wieder zum Stehen, das junge Paar kümmerte sich um seine Kinder, mein Vermieter, um seine Enkelin, Mike sah nach Pamela und Helen und Thomas, machte sich ein Bild von dem Schaden der entstanden war.
»Seid ihr denn alle in Ordnung?« Rief er in die Runde, als könnte er mit einer Handbewegung, falls das nötig war, Wunden schließen, Brüche heilen.
»Geht schon.« »Ich hör kaum was.« »Ich habe eine blutende Stelle.« Kam als Rückmeldung.
»Kann mal jemand den Scheinwerfer anschalten, dass wir uns einen Überblick verschaffen.« Bat Thomas.
Aber damit war Jezebel nicht einverstanden.
»Nein, warte noch, vielleicht sehen wir im Dunkeln besser, was geschehen ist.«
»An was denkst du?« Fragte ich.
»Etwas ist abgestürzt, ob ein Meteorit oder ein Stückchen Weltraumschrott, weiß ich nicht. Aber es war groß genug nicht in der Erdatmosphäre zu verglühen und immer noch groß genug, über unsere Köpfe hinweg zu rauschen. Es sollte irgendeine Spur hinterlassen haben.«
Sie sah sich um. Es dauerte nicht lange. Dann zeigte sie in Richtung des kleinen Waldes, der sich ans »Starfield« anschloss.
»Da! Schau! Siehst du das?«
Ich folgte ihrem Finger und sah eine dünne, graue Rauchsäule, die in den Himmel stieg, wie ein heimliches Lagerfeuer, dass zu groß geriet. Aber gerade, als ich es sah, zerstieb der Rauch und es war nicht mehr genau zu erkennen wo er, in die Höhe gestiegen war.

01/21 PGF

10.
The first thing I heard was moaning. The muffled groan of a man and then the children began to cry, whether out of pain or fear was indistinguishable. In any case, it sounded pitiful. I pulled myself up and looked around: everyone was lying on the ground, on their backs, on their stomachs, on their sides, the grill had fallen over and the embers were flickering, in the gravel pit in front of the gray cottage, the beam of the beamer was sticking up into the sky and the screen, like a broken leg, was lying in the meadow. The Meade had also fallen over and I assumed that it had not survived the massive fall without damage. If that was the result of a star explosion, I didn’t want to go through that again.
I was the first to stand, and as far as I could tell, I was unharmed, except that my back and elbow hurt from the fall and my ears were still ringing.
I looked around trying to understand what had happened. Jez came to my mind. Shit the shock! She had been standing next to me after all. She was – I discovered her in the meadow. She was lying on her side, her chest was moving – which was good, but she didn’t seem conscious.
I knelt down to her. Unhappy with the decision! Actually I had to check if there was still danger, actually I had to check on the others, I had to check on the children – one by one!
I grabbed her by the shoulder.
„Jez. Jez!“
She moaned softly.
„What -?“
She sat up with a jerk.
„What happened?“
„That’s what I was going to ask you. Could the starburst?“
„Bullshit. We could have seen the star explosion if we were lucky, but never felt it. Something crashed here.“
She held out her hand to me.
„Help me up.“
I did.
Slowly the others came to a halt, the young couple tending to their children, my landlord, to his granddaughter, Mike checking on Pamela and Helen and Thomas, getting a picture of the damage that had been done.
„Are you all okay?“ He called out to the crowd, as if he could close wounds, heal fractures, with a wave of his hand, if that was what it took.
„I’m fine.“ „I can barely hear anything.“ „I have a bleeding spot.“ Came the response.
„Can someone turn on the spotlight, let’s get an overview.“ Asked Thomas.
But Jezebel didn’t agree with that.
„No, wait a minute, maybe we can see better in the dark what happened.“
„What are you thinking about?“ I asked.
„Something crashed, whether a meteorite or a piece of space junk, I don’t know. But it was big enough not to burn up in the Earth’s atmosphere and still big enough to whiz over our heads. It should have left some kind of trail.“
She looked around. It didn’t take long. Then she pointed in the direction of the small forest that adjoined the „Starfield.“
„There, look! See that?“
I followed her finger and saw a thin column of gray smoke rising into the sky, like a secret campfire that was getting too big. But just as I saw it, the smoke dissipated and it was no longer possible to see exactly where it had risen.

01/21 PGF

Gestra (9)

9.
Zu der Veranstaltung im »Spacefield« waren 12 Gäste eingeladen. Neben mir kamen: 2 Kolleginnen von Jez: Pamela und Helen, Thomas der Herausgeber des Kennebunk »Tourist&Town«, Mike vom Café, Billy von der Tankstelle, an der ich mein Auto losgeworden war und mein Vermieter aus dem »Bufflehead«, der seine zwölfjährige Enkelin mitbrachte und ein junges Ehepaar, die ich nicht kannte, mit ihren beiden Kindern.
Mike hatte bereits den Grill in Gang gebracht und briet etwas, dass nach Fleisch aussah, aber keines war; das junge Ehepaar unterhielt sich mit Thomas, während Helen sich mit den Kindern beschäftigte. Die anderen waren dabei Stühle bereitzustellen damit wir später, auf einer Leinwand, die von einem Beamer angeleuchtet wurde, das himmlische Spektakel verfolgen konnten, dass sich heute Abend abspielen sollte. Nur einem würde es vergönnt sein, das Schauspiel, durch das Okular zu sehen. Wer das war, sollte durch ein Los entschieden werden.
»Könnt ihr denn so genau wissen, wann das passiert, von dem keiner reden will?«
Jez nickte mir anerkennend zu.
»Du machst dich. Nein, exakt ist es nicht möglich, wie bei vielen Himmelsphänomen, aber es könnte vorab Hinweise geben.«
»Auf was denn?«
Sie lächelte zufrieden mit meiner Neugierde.
»Das sage ich dir, wenn das Los entschieden hat, wer durch das Okular sieht.«
Nachdem ich mich, durch etwas hindurchgebissen hatte, was einen Burger darstellen sollte, aber aus Weizenproteinen bestand und mich, statt einem doppelten Bourbon, eine Cola zufrieden gestellt hatte, ging es ans Losen.
Die Kinder waren raus. Weil der Vorgang am Okular zu viel Geduld erforderte und so gingen die Lose, durch die Hände der Erwachsenen, von denen nur eines ein blaues Kreuz enthielt – welches den Schwan darstellen sollte – und den Sieger kürte.
Ich gewinne nie bei Gewinnspielen, deshalb wurde Poker nie meine zweite Leidenschaft neben dem Whiskey und ich verlor nie Unmengen Geld, an einarmige Banditen. Aber gerade an diesem Abend, da ich es am wenigsten brauchen konnte, sah ich, als ich mein kleines Zettelchen auspackte, das blaue Kreuz darauf, dass mich zum Gewinner machte.
Es ging noch eifrig die Frage durch die Runde: »Und, und – wer hat es?«
Als ich meinen Zettel hochhielt und etwas beschämt erklärte: »Ich habe gewonnen.«
Die anderen zeigten sich tapfer und, als gute Verlierer, auch, wenn vollkommen offensichtlich war, dass der dicke Prolet nicht die Schönheit des Abschlussballs verdient hatte.
»Will nicht lieber jemand anders?« Bot ich deshalb an.
Aber man war konservativ genug sich an die Regeln zu halten. Diese Regeln stellte ich dadurch noch mehr in Zweifel, dass ich als nächstes fragte: »Was gibt es eigentlich zu sehen?«
Thomas, der Herausgeber stand auf und zeigte zum Himmel.
»Heute Nacht wird KIC 982227 aus einem Stern zu zwei Sternen werden. Wenn wir Glück haben wird in Kürze die Sternenexplosion im Sternbild Schwan für uns sichtbar, selbst mit bloßem Auge können wir die feuerrote Nova erblicken, aber du Joe, wirst die große Ehre haben, den Vorgang – wenn man so will – aus unmittelbarer Nähe zu sehen.«
Ich schnalzte mit der Zunge.
»Wow! Und ihr seid euch wirklich sicher.«
»Das Los hat entschieden.« Beendete Jez die Diskussion.
Etwa eine weitere Stunde verbrachten wir damit, uns um den Nachtisch zu kümmern und uns zu unterhalten. Dann schlug Mike vor, dass wir uns doch mal den Sternen widmen sollten.
»Nicht, dass wir es am Ende verpassen.«
Das Teleskop stand etwas abseits von der Beamer-Präsentation, um nicht vom Bodenlicht beeinträchtigt zu sein. Die anderen saßen, in 2 5er-Stuhlreihen gegenüber der Leinwand, und ich stand mit Jez beim Teleskop.
»Willst nicht doch lieber du?«
»Mach schon, Joe. Ich kann das auch mit bloßem Auge genießen.«
Ich starrte eine Weile durch das Okular und merkte schon, wie mein Nacken steif zu werden begann, wie am Vorabend. Ich wollte mich eben aufrichten und Jez vorschlagen zu übernehmen, als urplötzlich ein Zischen, als köchele Wasser in Fett, über uns laut wurde. Ich nahm ruckartig den Kopf vom Okular und sah, dass alle gebannt in den Himmel starrten, dass Zischen wurde immer lauter, als würde jeden Moment ein großer roter Feuerdrache in der Nähe landen, dann folgte ein greller Blitz – ich rief: »Kann das die Sternexplosion sein?« Aber niemand kam mehr zu einer Antwort. Es folgte ein gewaltiger Knall und eine Druckwelle, als sei neben uns eine Bombe implodiert und das letzte was ich sah war, wie von dieser Welle, alles zu Boden geworfen wurde.

01/21 PGF

9.
12 guests were invited to the event at the „Spacefield“. Beside me came: 2 colleagues of Jez: Pamela and Helen, Thomas the editor of the Kennebunk „Tourist&Town“, Mike from the café, Billy from the gas station where I got rid of my car and my landlord from the „Bufflehead“, who brought his twelve year old granddaughter and a young couple, whom I did not know, with their two children.
Mike had already got the grill going and was frying something that looked like meat but wasn’t; the young couple were chatting with Thomas while Helen busied herself with the kids. The others were preparing chairs so that later, on a screen lit by a projector, we could follow the heavenly spectacle that would take place tonight. Only one would be granted to see the spectacle, through the eyepiece. Who that was, should be decided by a lot.
„Can you know so exactly when this will happen that no one wants to talk about?“
Jez nodded at me appreciatively.
„You’re making yourself. No, it’s not possible exactly, as with many celestial phenomena, but there might be clues in advance.“
„On what?“
She smiled, pleased with my curiosity.
„I’ll tell you after the lottery decides who sees through the eyepiece.“
After biting through what was supposed to be a burger but was made of wheat protein and, instead of a double bourbon, satisfying myself with a Coke, it was on to the drawing of lots.
The kids were out. Because the process at the eyepiece required too much patience and so the tickets, passed through the hands of the adults, only one of which contained a blue cross – which was supposed to represent the swan – and picked the winner.
I never win at lotteries, so poker never became my second passion, next to whiskey, and I never lost vast amounts of money, to one-armed bandits. But just that night, when I needed it the least, when I unwrapped my little slip of paper, I saw the blue cross on it that made me the winner.
There was still an eager question going around, „Well, well – who got it?“
As I held up my slip of paper and somewhat abashedly declared, „I won.“
The others showed themselves to be brave and, good losers, even though it was perfectly obvious that the fat redneck didn’t deserve the beauty of the prom.
„Wouldn’t someone else rather?“ I therefore offered.
But they were conservative enough to stick to the rules. I cast even more doubt on those rules by asking next, „What is there to see, anyway?“
Thomas, the editor stood up and pointed to the sky.
„Tonight KIC 982227 will turn from one star to two stars. If we’re lucky the stellar explosion in the constellation Swan will be visible to us shortly, even with the naked eye we can glimpse the fiery red nova, but you Joe, will have the great honor of seeing the process – up close if you will.“
I clicked my tongue.
„Wow, and you guys are really sure about this.“
„The lot has been cast.“ Jez ended the discussion.
We spent another hour or so tending to dessert and talking. Then Mike suggested that we should go stargazing after all.
„Not that we’ll end up missing it.“
The telescope was slightly away from the beamer presentation so as not to be affected by the ground light. The others sat, in 2 rows of 5 chairs facing the screen, and I stood with Jez by the telescope.
„Wouldn’t you rather?“
„Go ahead, Joe. I can enjoy this with the naked eye too.“
I stared through the eyepiece for a while, already noticing how my neck was starting to get stiff, just like the night before. I was about to stand up and suggest Jez to take over, when suddenly a hissing sound, as if water was boiling in fat, was heard above us. I jerked my head off the eyepiece and saw that everyone was staring spellbound at the sky, the hissing was getting louder and louder, as if a big red fire dragon would land nearby at any moment, then a bright flash followed – I shouted, „Could that be the star explosion?“ But no one came back for an answer. There followed a tremendous bang and a shock wave, as if a bomb had imploded next to us, and the last thing I saw was how from this wave, everything was thrown to the ground.

01/21 PGF

Gestra (8)

8.
Jez ließ sich, am nächsten Tag, spät nachmittags im »Bufflehead« blicken und sie war, so mir nichts dir nichts, wieder da, dass ich mich einfach freute sie wiederzusehen.
Es war bis dahin, ein milder, sonniger Tag, als hätte sich der Herbst nun eingelebt, den Sommer erfolgreich verdrängt und sei sich seiner gewiss, dass der Winter noch eine Weile auf Abstand zu halten war.
»Hast du schon etwas vor?«
Mir schien die Frage fremd, denn, wenn ich ehrlich war, hatte ich gar nichts tun können, außer zu warten bis sie kam. Aber natürlich war sie vollkommen richtig.
»Bislang nicht. Muss im Internet mal nachsehen, was es hier an Attraktivitäten gibt. Hörte das »Starfield Observatory« soll einen Besuch wert sein.«
»Da«, sie strahlte mich an, »habe ich hervorragende Nachrichten. Du bekommst heute Abend, eine kleine Sondervorstellung, wenn du hilfst, die Veranstaltung morgen Abend vorzubereiten.«
»Das heißt?»
»Alle Getränke vorbereiten. Ich habe bislang ja nur das Wasser gebracht. Stühle und Bänke putzen, den Grill testen, das Schienensystem überprüfen – ach! Eine ganze Menge.«
»Ich bin dabei.«
»Ja, dann los.«
Wir fuhren raus zum Observatorium und Jez parkte an der gleichen Stelle, wie beim letzten Mal.
»So, im Kofferraum sind noch Säfte, Softdrinks und Milch. Vielleicht machen wir morgen Eggnog.«
»Ich nehme an alkoholfrei.«
»Du hast das Zeug zum Propheten.«
Die nächste Stunde verbrachte Jez damit, mich als Volontär auszunutzen. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, es hätte mir nicht gutgetan. Es war das Beste, was ich in den letzten Monaten getan hatte: bei etwas mithelfen, was Wissen und Gemeinschaft von Menschen fördert. Das war ein tolles Gefühl.
Als wir alles so weit hatten, wie Jez wollte, sagte sie – und unterstrich es mit einer großen Bewegung ihrer Arme: »Nun ist es so weit zu sehen, ob das Schienensystem funktioniert. Wir schieben das Dach weg und, wenn alles gut klappt, erhältst du einen ersten kleinen Blick in die Weite des Alls.«
Ich weiß nicht, ob das so eine Sache aus früher Kindheit war oder eine archaische Sehnsucht, dass über uns zu begreifen, aber für einen Moment, fühlte ich eine tiefe Ehrfurcht, als dürfe ich, mit einer Zaubermacht, hinter den Schleier der Wirklichkeit sehen.
Jez löste die Arretierungen des Gebäudes und der obere Teil, ließ sich, nur mit etwas Anstrengung, vom Unterbau trennen, sodass es kurz aussah, als stünden zwei Häuser neben einander.
Die beiden Teleskope waren ordentlich groß, wobei das Meade deutlich größer war, als das von Zeiss.
Während Jez sich daran machte, einen Blick in den Kosmos vorzubereiten, sah ich mich, im ganz irdischen Umfeld um. Das war ein schöner Platz, einer, wie ihn Menschen schaffen, die lange gemeinsam am gleichen Ort leben und miteinander vertraut sind. Es war an bequeme Stühle gedacht, stabile Becher, der Kühlschrank war groß genug, damit niemand ein warmes Wasser trinken musste und es gab Karten und Würfel, für jene die gerade nicht die Sterne beobachten wollten.
»Joe.«
»Ja?«
»Bist du bereit?«
Ich war tatsächlich ein wenig aufgeregt und verdammt nüchtern.
»Ich kann es kaum abwarten.«
Sie trat einen Schritt zurück und meinte: »Man kann sich das mittlerweile auch auf dem Bildschirm ansehen, aber es ist viel authentischer mit den eigenen Augen.«
Ich lehnte mich vor und sah durch das Okular. Im ersten Moment sah ich nichts, was ich nicht in etwa so erwartet hätte, dafür sah ich, was mich auch früher schon abgeschreckt hatte: toten Raum. Das war nichts, nichts was dem Menschen eine Heimat sein konnte, leerer, kalter, toter Raum.
»Da fliegt so was großes, rundes mit grünen Köpfen drin. Das ist schon normal?« Spöttelte ich und erhielt einen Stoß mit dem Ellbogen.
»Komm schon! Was siehst du?«
»Sterne, viel näher als sonst, aber immer noch ohne Shopping Mall.«
Ich fühlte Jez, die näher kam.
»Du siehst das Sternbild Schwan. Versuche dir alle Sterne zu merken, die ihn bilden. Siehst du ihn?«
»Das was aussieht, wie ein gekrizeltes Kreuz?«
»Genau. Merke dir so viele davon wie möglich, für morgen.«
»Warum? Muss ich die morgen aufzählen?«
»Vielleicht.«
Ich lehnte mich zurück, weil mir die Haltung im Nacken wehtat und wäre beinah gegen Jez gestoßen.
Es war, als käme ich zurück auf die Erde und stünde neben einem heimlichen Sternenkind. Ihre Augen glänzten, wie es wohl für einen Menschen üblich war, der beinah täglich zwischen der Unendlichkeit des Meeres und der Sterne hin und her wechselte und das Staunen nicht verlor. Was für ein wundervoller Lebenshunger.
»Danke, Jez. Ich muss ja immer blöde Sprüche machen, aber es ist schön, in der unberührten Sternenwelt.«
Sie versorgte das Teleskop.
»Da täusche dich mal nicht. Selbst da oben, haben wir unsere Spuren hinterlassen.«
»Du meinst auf dem Mond.«
Sie boxte mich zärtlich mit dem Ellbogen.
»Du weißt nicht besonders viel.«
Nun, dachte ich, ich kenne einige Whiskey-Sorten, ich weiß, wie man einen Flüchtigen verprügelt, ohne, dass er das, bei der Kautionsverhandlung gegen einen verwenden kann und welche Kniffe den Ladys besondere Freude bereiten. Im rein wissenschaftlichen Sinn war das aber vermutlich nicht beeindruckend.
»Was sollte ich denn wissen?«
»Nun, du hast mich letztens gefragt, was Umweltschutz und Astronomie miteinander zu tun haben. Ich sage dir: immer mehr! Der Weltraummüll, der die Erde umkreist nimmt immer stärker zu. Mehr als eine halbe Million Objekte, größer, als die Fingerkuppe deines kleinen Fingers kreisen schon da oben. Die sind ein echtes Problem für die Raumfahrt.«
»Und, wie entsteht der? Werfen die Astronauten ihre Snickers-Packung aus dem Fenster?«
»Fast. Das beginnt mit missionsbedingten Objekten, wie Sprengbolzen, rührt von Zusammenstößen und von der ISS, deren Oberfläche, wie auf der Erde, durch Gebrauch Substanz verliert. Die USA haben mit dem Space Fence schon länger ein System, um die Entwicklung zu beobachten. Die Deutschen steigen gerade mit einem System namens Gestra ein, um sich ein eigenes Bild zu machen. Es ist ein eher schwaches System und trotzdem glaube ich, dass die Europäer schneller etwas aus ihren Beobachtungen ableiten, als wir. Bei uns bin ich nie sicher, ob wir den Müll da oben beobachten, weil uns der Müll Sorgen macht oder, ob irgendein paranoider CIA-Vorgesetzter Sorge hat, dass da oben jemand etwas in unserem Müll versteckt, was uns angreifen oder überwachen könnte.«
Ich war, was Sicherheitsthemen anging, berufsbedingt konservativ und meinte: »Das ist ihr Job. Ich meine, mit allem zu rechnen.«
»Das kann ja sein. Ich meine auch nicht irgendwelche Verschwörungsdinger. Mir geht es eher darum, dass sie ihre Zeit damit verschwenden Agenten zu spielen, während wir uns langsam Gedanken machen sollten, wie wir den Müll, den wir überall hinterlassen, wegräumen und die Schäden stoppen, von dem was wir schon angerichtet haben.«
»Ich glaube, du bist die erste Weltraum-Umwelt-Aktivistin die ich kennenlerne.«
»Das klingt fast, wie ein Kompliment.«
»Das ist es! Und ganz ehrlich, ich freue mich schon jetzt, auf morgen Abend.«
Sie wurde tatsächlich rot.
»Wir hätten ja auch noch heute Abend“, meinte sie und ich spürte, wie sie die Aufregung in ihrer Stimme unterdrückte.
»Den nicht zu vergessen. Auch, wenn ich ein lausiger Gesprächspartner, bei Wasser bin.«
»Dabei bleibt es.«
»Gut.«
Sie musterte mich streng.
»Hilf mir zusammenräumen.«
»Mach ich, Miss.«

01/21 PGF

8.
Jez let herself be seen, the next day, late in the afternoon at the „Bufflehead“ and she was, so nothing to me, back that I was just happy to see her again.
It was by then, a mild, sunny day, as if autumn had now settled in, successfully supplanted summer and was certain of it, that winter was still a while away.
„Do you have any plans?“
To me the question seemed strange, for, if I were honest, I had not been able to do anything at all except wait until she came. But, of course, she was absolutely right.
„So far, no. Will have to check the Internet to see what attractions are here. Heard the Starfield Observatory is worth a visit.“
„There,“ she beamed at me, „I have excellent news. You get tonight, a little special performance, if you help set up for tomorrow night’s event.“
„Meaning?“
„Getting all the drinks ready. After all, I’ve only brought the water so far. Clean the chairs and benches, test the grill, check the track system – ah! A whole lot.“
„I’m on it.“
„Yeah, let’s do it.“
We drove out to the observatory and Jez parked in the same spot as last time.
„So, there are still juices, soft drinks and milk in the trunk. Maybe we’ll make eggnog tomorrow.“
„I’m assuming non-alcoholic.“
„You’ve got the makings of a prophet.“
Jez spent the next hour trying to exploit me as a volunteer. But I’d be lying if I said it didn’t do me good. It was the best thing I had done in months: helping out with something that promoted knowledge and community among people. That was a great feeling.
When we had everything as far as Jez wanted, she said – punctuating it with a big movement of her arms, „Now it’s time to see if the rail system works. We’ll push the roof away and, if all goes well, you’ll get your first little glimpse of the vastness of space.“
I don’t know if this was one of those things from early childhood or an archaic longing to grasp that about us, but for a moment, I felt a deep sense of awe, as if I were being allowed, with some magical power, to see behind the veil of reality.
Jez loosened the locks of the building and the upper part, only with some effort, could be separated from the substructure, so that it briefly looked as if two houses were standing next to each other.
The two telescopes were of decent size, the Meade being considerably larger than the Zeiss one.
While Jez set about preparing a view of the cosmos, I looked around, at the very terrestrial environment. It was a nice place, one like people create who live together in the same place for a long time and are familiar with each other. Comfortable chairs had been thought of, sturdy mugs, the refrigerator was large enough so that no one had to drink a hot drink of water, and there were cards and dice for those who didn’t want to watch the stars right now.
„Joe.“
„Yeah?“
„You ready?“
I was actually a little excited and pretty darn sober.
„I can’t wait.“
She took a step back and said, „You can watch it on the screen by now, but it’s much more authentic with your own eyes.“
I leaned forward and looked through the eyepiece. In the first moment I saw nothing that I would not have expected to see in the same way, but I saw what had put me off before: dead space. This was nothing, nothing that could be a home to man, empty, cold, dead space.
„There’s something big, round with green heads flying in it. That’s normal already?“ I scoffed and received a nudge with my elbow.
„Come on! What do you see?“
„Stars, much closer than usual, but still without a shopping mall.“
I felt Jez coming closer.
„You’re seeing the constellation Swan. Try to remember all the stars that make it up. Do you see it?“
„The one that looks like a crinkled cross?“
„That’s right. Memorize as many of them as you can for tomorrow.“
„Why? Do I have to list them tomorrow?“
„Maybe.“
I leaned back because the posture hurt my neck and almost bumped into Jez.
It was like coming back down to earth and standing next to a secret starlet. Her eyes shone, as they probably did for a person who switched back and forth between the infinity of the sea and the stars almost every day and never lost his sense of wonder. What a wonderful hunger for life.
„Thank you, Jez. I always have to say stupid things, but it’s beautiful, in the pristine star world.“
She supplied the telescope.
„Make no mistake about it. Even up there, we’ve left our mark.“
„You mean on the moon.“
She boxed me tenderly with her elbow.
„You don’t know very much.“
Well, I thought, I know a few varieties of whiskey, I know how to beat up a fugitive without letting him use that, against you at the bail hearing, and what tricks give the ladies special pleasure. In a purely scientific sense, though, it probably wasn’t impressive.
„What should I know?“
„Well, you asked me the other day what environmentalism and astronomy had to do with each other. I’ll tell you: more and more! The space debris orbiting the Earth is increasing at an ever-increasing rate. More than half a million objects, bigger than the tip of your little finger, are already circling up there. They’re a real problem for space travel.“
„So, how does that get created? Do the astronauts throw their Snickers pack out the window?“
„Almost. It starts with mission-related objects, like explosive bolts, stems from collisions and from the ISS, whose surface, like on Earth, loses substance through use. The U.S. has had a system in place for some time, called Space Fence, to keep track. The Germans are just getting on board with a system called Gestra to get their own picture. It’s a rather weak system, and yet I think the Europeans are quicker to derive something from their observations than we are. With us, I’m never sure if we’re watching the garbage up there because we’re worried about the garbage or, if some paranoid CIA supervisor is worried that someone up there is hiding something in our garbage that could attack or monitor us.“
I was professionally conservative when it came to security issues and said, „That’s their job. I mean, to expect anything.“
„That may be so. I don’t mean any conspiracy things either. I’m more concerned that they’re wasting their time playing agent when we should be starting to think about how to clean up the trash we’re leaving everywhere and stop the damage from what we’ve already done.“
„I think you’re the first space environmental activist I’ve met.“
„That almost sounds like a compliment.“
„It is! And honestly, I’m already looking forward to tomorrow night.“
She actually blushed.
„We’d still have tonight,“ she said, and I could feel her suppressing the excitement in her voice.
„Not to mention this one. Even if I am a lousy conversationalist, by water.“
„We’ll keep it that way.“
„Good.“
She eyed me sternly.
„Help me put it together.“
„Will do, miss.“

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Gestra (7)

7.
Jezebel setzte mich bei einem B&B mit dem Namen »Bufflehead Cove« ab und stellte mich kurz dem Besitzer vor.
»Klar kann er ein Zimmer haben.« Sagte der ältere grauhaarige Mann, mit einem vergnügten Lächeln.
»Kann er denn zahlen?«
»Kannst du das?«
Ich hielt meine goldene American Express hoch.
»Müsste noch was drauf sein.«
Jez Bekannter nahm die Karte, zog sie durch den Scanner und nickte zufrieden.
»Na, dann sind wir doch alle glücklich. Sie haben ein Zimmer in Erdgeschoss, mein schönstes, direkt am Fluss.«
Er händigte mir den Schlüssel aus, während er sich Jez griff und mit ihr davon spazierte.
Die rief: »Wir sehen uns dann morgen, irgendwann.« Und verschwand am Arm meines Vermieters.
Gegen ein paar Stunden für mich sein, hatte ich nichts.
Das Zimmer und der Ausblick waren wunderschön. Ich tat mir, nach Florida, immer noch schwer, zu glauben, dass das alles gerade passierte. Ich war vollkommen überstürzt aus Florida geflohen. Die ersten Stunden, ohne Halt. Dann hatte ich mich mit Whiskey eingedeckt und war weitergefahren, bis ich, nach 16 Stunden, das Gefühl hatte, ich könnte ein erstes Motel mieten, ohne nachts überrascht zu werden. So war es vier fünf, Tage gegangen. Ich erinnerte mich an die meisten Passagen der Strecke nicht. Gestern Abend hatte ich so viel getrunken, dass ich heute nicht mal den Plan, nach Kanada zu fahren und dort Schluss zu machen, als meinen eigenen empfand. Die kleine Astronomin hatte recht: Ich soff mir das Gehirn weg, wenn ich nicht aufpasste. Anscheinend war es schon so weit, dass andere auf mich aufpassen mussten.
Draußen setzte die Dämmerung ein.
Eigentlich Zeit für einen Drink. Ich stand in meinem Zimmer, wie jemand der gleich losmuss. Aber ich musste nirgends hin. Ich sah auf meine Hand. Sie zitterte, als hätte ich Parkinson. Aber die Diagnose war eine andere: Langsam setzte der Entzug ein und der mochte diesmal etwas wuchtiger verlaufen, als früher, wenn ich einfach mal ausgesetzt hatte, weil mir danach war. Egal, sagte ich mir, ich werde das schaffen. Sich etwas abgewöhnen, dass man nicht will, ist im Grund einfach: man lässt es! Rauch keine, vögel keine, trink nix: Eines dieser Mantras musste man sich einpflanzen und egal, welches Gegenargumente auftauchte, sich verweigern. Mir würden an diesem Abend noch viel kleine und große Gründe einfallen, die für ein Gläschen, ein – kleines – Gläschen sprechen würden. Alles was ich tun musste war alle Gründe zu ignorieren: Entscheidend war, dass das Glas leer blieb. Das war ich Jez schuldig und ich war es Beth schuldig, egal wo sie war.
Ich zog mir die Schuhe an und meinen Mantel und setzte mich nach draußen, auf eine Bank, die am Rand der Veranda stand. Von hier hatte ich einen schönen Blick auf den Kennebunk River, der sich an dieser Stelle verbreiterte, sodass es den Eindruck vermittelte, man säße an einem gemütlichen innerstädtischen See.
Tatsächlich war das »Bufflehead« nur eines, einer Reihe von Gasthäusern, die sich entlang des Flusses südwärts zogen, ehe der Kennebunk in den Atlantik mündete.
Ich sah, von meinem Platz aus, das gegenüberliegende Ufer, ein loses Wohngebiet inmitten grüner Natur. Die Ufer waren unbebaut und ragten, als grüne Auen, in den Fluss. Das Land sah sumpfig aus und ich konnte mir vorstellen, dass, im Sommer, die Fliegen eine Plage waren. Aber jetzt war es kühl – ich nahm an, es war nicht mehr als 10 °C – und es roch nach Salz und Meer, und nicht nach trockenem Sumpfgras.
Von Süden trug der Wind, den Lärm aus der Innenstadt heran. Das leise, monotone Dröhnen von Motoren, die jemand der Eile hat, von A nach B bringen. Für mich klang es, wie etwas fernes, um, dass ich mich nicht kümmern musste. Hier, hatte ich das Gefühl, musste ich mich um nichts kümmern.
Ich nahm einen Schluck vom Orangensaft, den ich mit nach draußen genommen hatte und bereute, auch, wenn er köstlich war, dass ich mich nicht für etwas Warmes entschieden hatte: einen Grog oder Irish Coffee – ich korrigierte mich – oder einfach nur einen warmen Tee. Einen warmen Tee mit Pfefferminz und etwas Zucker, wie ich ihn manchmal, in einer verschütteten Kindheit getrunken hatte.
Ich zog mir einen Hocker heran, legte die Füße hoch und versuchte, nichts zu wollen. Vielleicht musste ich diese Zeit, wie einen Urlaub sehen oder eine Kur. Vielleicht musste ich mir vorstellen, ein Arzt hätte mir, für ein paar Wochen, mal Ruhe verordnet und die würde ich wahrnehmen.
Zufällig in Kennebunk, Maine, weil die Luft dort gut war und der Atlantik nah und die Menschen nett und die Abende still.
Was sollte hier schon passieren, dachte ich, wie man das manchmal denkt – ahnungslos …

01/21 PGF

7.
Jezebel dropped me off at a B&B called „Bufflehead Cove“ and briefly introduced me to the owner.
„Sure he can have a room.“ Said the older gray-haired man, with an amused smile.
„Can he pay, then?“
„Can you?“
I held up my gold American Express.
„Should be something left on it.“
Jez acquaintance took the card, swiped it through the scanner, and nodded with satisfaction.
„Well, we’re all happy then. You have a first floor room, my nicest, right on the river.“
He handed me the key as he grabbed Jez and strolled off with her.
She called out, „I’ll see you tomorrow, sometime.“ And disappeared on my landlord’s arm.
I didn’t mind a few hours to myself.
The room and the view were beautiful. I still had a hard time, after Florida, believing that this was all just happening. I had fled Florida in a complete rush. The first few hours, without stopping. Then I had stocked up on whiskey and kept going until, after 16 hours, I felt I could rent a first motel without being surprised at night. So it had gone for four five, days. I didn’t remember most of the passages of the route. Last night I had drunk so much that today I didn’t even feel the plan to go to Canada and call it a day was my own. The little astronomer was right: I was drinking my brains out if I wasn’t careful. Apparently it was getting to the point where others had to watch out for me.
Outside, dusk was setting in.
Actually, time for a drink. I stood in my room like someone who had to leave right away. But I didn’t have anywhere to go. I looked at my hand. It was shaking, as if I had Parkinson’s disease. But the diagnosis was different: Slowly, withdrawal set in, and it might be a little more violent this time than in the past, when I’d just stopped because I felt like it. No matter, I said to myself, I’ll manage. To give up something that you don’t want is basically simple: you don’t do it! Don’t smoke, don’t screw, don’t drink: one of these mantras had to be implanted and no matter what counter-arguments came up, refuse. I would think of many more small and big reasons that evening to have a drink, a – small – glass. All I had to do was ignore all the reasons: What mattered was that the glass remained empty. I owed that to Jez, and I owed it to Beth, no matter where she was.
I put on my shoes and my coat and sat outside, on a bench that stood at the edge of the porch. From it, I had a nice view of the Kennebunk River, which widened at this point, making it seem like you were sitting by a cozy inner-city lake.
In fact, the „Bufflehead“ was just one, of a series of inns that stretched southward along the river before the Kennebunk emptied into the Atlantic.
I could see, from where I was sitting, the opposite bank, a loose residential area surrounded by green nature. The banks were undeveloped and jutted, as green floodplains, into the river. The land looked swampy and I could imagine that, in summer, the flies were a nuisance. But now it was cool – I assumed it was no more than 10°C – and it smelled of salt and sea, rather than dry marsh grass.
From the south, the wind carried, the noise from downtown. The quiet, monotonous roar of engines, bringing someone in a hurry from A to B. To me, it sounded like something far away that I didn’t have to worry about. Here, I felt, I didn’t have to worry about anything.
I took a sip of the orange juice I’d taken outside and regretted, even though it was delicious, that I hadn’t opted for something warm: a grog or Irish coffee – I corrected myself – or just a warm tea. A warm tea with peppermint and a little sugar, like I had drunk sometimes, in a lost childhood.
I pulled up a stool, put my feet up and tried not to want anything. Maybe I needed to see this time, like a vacation, or a cure. Maybe I had to imagine that a doctor had given me a few weeks of rest and I would take it.
By chance in Kennebunk, Maine, because the air there was good and the Atlantic close and the people nice and the evenings quiet.
What should happen here, I thought, as one sometimes thinks – clueless …

01/21 PGF

Gestra (6)

6.
Die nächste halbe Stunde verdaute ich Jezebels nüchterne Analyse meiner aktuellen Situation und redete nur so viel, wie ich musste.
Sie fuhr, mit mir auf dem Beifahrersitz, meinen Wagen zu der Tankstelle, die sie erwähnt hatte, wo wir ihn Billy, dem Eigentümer, vorstellten.
Der sah sich den Wagen erst von außen an, überprüfte den Motorraum, dann den Innenraum und amüsierte sich, als er den Kofferraum öffnete über den Whiskey darin.
»Gibt es für die Kisten Jack Daniels Rabatt, wenn die drinbleiben?«
Und lachte laut los, als ich sagte: »Der ist eigentlich nicht«, und Jez mich unterbrach mit: »Der ist kostenlos dabei.«
Er schlug den Kofferraum zu und meinte: „Dann halte ich mich an Jezzi.«
Whiskey hin und her, er machte mir einen guten Preis und lud uns sogar noch zu einer Pizza bei sich ein, die erstklassisch schmeckte.
Als wir satt waren, brachte er uns mit dem Abschleppwagen zu Jez Wagen und klapperte dann davon.
»So, dass erste hätten wir.« Sagte Jez, während sie Billy nachsah.
Ich nahm an, sie sagte, dass, im gleichen Tonfall, wenn die Kinder das Alphabet zum ersten Mal fehlerfrei rezitiert hatten.
»Erst das Zimmer oder erst der Atlantik?«
Sie machte gar keine Pause, während sie mein Leben übernahm.
An der Leichtigkeit, mit der ihr das gelang, merkte ich, wie wenig von mir selbst, nach den letzten Wochen, übriggeblieben war.
Mit letzter Kraft zu Selbstbestimmung meinte ich: »Ich glaube, ich brauche jetzt ein bisschen Meeresluft.«
Sie inspizierte mich, offenbar zufrieden mit der Erschütterung »der Macht« und nickte meinen Wunsch ab.
»Ja, lass uns zum Meer fahren. Nach einem Zimmer für dich, sehen wir später.«
Während der Nachmittag zunehmend das Licht dämmte, fuhren wir die Strecke vom Vormittag ein drittes Mal, aber ich bereute die Entscheidung nicht.
Sie hatte mir nicht zu viel versprochen.
Als wir, die ersten Schritte, entlang der Brandung, die Küste hinauf spazierten, wurde mir bewusst, wie lange ich nicht mehr das Meer genossen hatte. Für viele waren vermutlich die weißen, geleckten Strände, die ich in Florida gesehen hatte, wesentlich anziehender, als die graue, kieselige und verfranzte Bucht, die wir entlangliefen. Aber für mich war das der richtige Ort. Der Himmel war weitgehend blau, nur einige Kumulus-Wolken zogen, in hohem Tempo vorbei. Das Meer darunter, eine graue, stürmische Weite, in der von fern, hohe Wellen heranrollten und sich dann gegen die Küste entluden, wirkte streng und feindselig. Die Buchten waren nicht gesäumt mit Palmen und kleinen Imbissständen, sondern das Inland ragte mit dürrem Gestrüpp soweit es konnte bis in die Gischt und entlang des Küstenabschnitts standen einige große, verlassene Herrenhäuser, aus denen das Leben schon fünf Jahrzehnte verschwunden war.
»Kommst du oft hier her?«
Ich musste die Stimme heben, um gegen den Wind anzukommen.
Jez hatte die Hände in den Taschen in ihrer Jacke vergraben und den Kragen hochgestellt.
»So oft ich kann. Im Sommer ist hier mehr los. Aber jetzt ist das Wasser kalt und die Touristen, die wir im Sommer ganz ordentlich haben, bleiben aus. Ich mag beides, also alles: das Frühjahr, den Sommer, Herbst und Winter. Das Meer ist ein weiterer Grund, weshalb ich hiergeblieben bin. Es macht meinen Kopf frei, wenn ich hier bin. Hast du lange in Florida gelebt?«
»Nein, nein, hat mir nicht besonders gefallen. Ich bin dort nur gelandet, weil ich einem Freund einen Gefallen getan habe.«
»Und davor?«
»Da war ich in Utah, in einem Ort namens Ogden. Der war auch schön.«
»Weshalb bist du nicht geblieben?«
Ich drehte den Kopf etwas zur Seite, als wolle ich mich gegen den Wind schützen.
»Wegen einer Frau.« Mutmaßte Jez.
»Auch. Es ist ein bisschen kompliziert. Wenn ich die letzten 24 Monate aufschreiben würde, dann wäre die Zeit in Florida, der unveröffentlichte Teil. Vielleicht auch besser so.«
»Aber dann weiß ja keiner, weshalb es dir in Kennebunk geht, wie es dir geht.«
»Denkst du ernsthaft Menschen verstehen einander?«
Sie hakte sich bei mir ein.
»Ja, wenn sie nüchtern sind und bleiben, verstehen sie sich. Nur, wenn sie sich betäuben mit Schnaps, Sex, Arbeit, Koks oder Religion, klappt das nicht mehr.«
»Du hast nicht auch noch Psychologie studiert?«
»Nein, aus mir spricht nur die Liebe des Herzens.«
Sie drückte sich an mich und ich genoss ihre Nähe.
»Du bist eine Romantikerin?«
»Klar. Wie soll man sonst leben. Die Deutschen haben einen Dichter. Er heißt Goethe.«
»Den kenne ich.«
»Der hat geschrieben: Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben. Das finde ich sehr schön.«
»In der Kategorie irren habe ich einiges vorzuweisen.«
»Gehört auch dazu.«
Ich atmete durch, genoss die salzige Luft, Jezebels Nähe, das Gefühl, dass es in meinem Leben gerade kein Davor und Danach gab, dass in diesem Moment alles gut, alles richtig war.
»Vielleicht bleibe ich doch ein paar Tage in Kennebunk. Vielleicht ist das kein Fehler.«
Jez nickte.
»Schön. Dann zeige ich dir, wo du, nach dem Spaziergang, ein Zimmer finden kannst.«
Ich wollte fragen, ob dort eine Bar in der Nähe war, aber ich ließ es. Für den Moment nahm ich mir vor, die Dinge mal wieder etwas nüchterner zu betrachten.

01/21 PGF

6.
For the next half hour, I digested Jezebel’s sober analysis of my current situation and talked only as much as I had to.
She drove my car, with me in the passenger seat, to the gas station she had mentioned, where we presented it to Billy, the owner.
He looked at the car first from the outside, checked the engine compartment, then the interior, and when he opened the trunk, was amused by the whiskey inside.
„Do I get a discount on those cases of Jack Daniels if they stay in there?“
And laughed out loud when I said, „It ain’t, actually,“ and Jez interrupted me with, „It comes free.“
He slammed the trunk shut and said, „I’ll stick with Jezzi then.“
Whiskey back and forth, he gave me a good deal and even invited us to have pizza at his place, which tasted top notch.
When we were full, he took us to Jez’s car in the tow truck and then rattled away.
„Well, that’s one.“ Jez said as she checked on Billy.
I assumed she was saying that, in the same tone of voice when the kids first recited the alphabet flawlessly.
„Room first or Atlantic first?“
She didn’t pause at all as she took over my life.
By the ease with which she managed it, I realized how little of myself, after the last few weeks, was left.
With the last of my strength to self-determination, I said, „I think I need some sea air right now.“
She inspected me, apparently satisfied with the shock of „the Force,“ and nodded off my request.
„Yes, let’s go to the sea. After a room for you, we’ll see later.“
As the afternoon increasingly dimmed the light, we drove the route of the morning a third time, but I did not regret the decision.
She had not promised me too much.
As we walked, the first steps, along the surf, up the coast, I realized how long it had been since I had enjoyed the sea. For many, the white, licked beaches I had seen in Florida were probably much more appealing than the gray, pebbly, frayed bay we were walking along. But for me, this was the place. The sky was mostly blue, with only a few cumulus clouds passing by, at high speed. The sea below, a gray, stormy expanse where, from afar, high waves rolled in and then unloaded against the shore, seemed stern and hostile. The bays were not lined with palm trees and small snack stands, but the inland towered with arid scrub as far as it could reach into the spray, and along the coastline stood a few large, abandoned mansions from which life had been gone for five decades.
„Do you come here often?“
I had to raise my voice to fight the wind.
Jez had her hands buried in the pockets inside her jacket and her collar turned up.
„As often as I can. It’s busier here in the summer. But now the water’s cold and the tourists we have pretty neatly in the summer stay away. I like both, so everything: spring, summer, fall and winter. The sea is another reason why I stayed here. It clears my head when I’m here. Did you live in Florida for a long time?“
„No, no, didn’t like it very much. I only ended up there because I was doing a favor for a friend.“
„And before that?“
„I was in Utah then, in a place called Ogden. That was nice, too.“
„Why didn’t you stay?“
I turned my head a little to the side, as if to shield myself from the wind.
„Because of a woman.“ Jez speculated.
„Also. It’s a little complicated. If I were to write down the last 24 months, the time in Florida, would be the unpublished part. Maybe better that way, too.“
„But then no one knows why you’re doing the way you’re doing in Kennebunk.“
„Do you seriously think people understand each other?“
She hooked up with me.
„Yes, when they’re sober and stay sober, they understand each other. It’s only when they numb themselves with booze, sex, work, coke, or religion that it doesn’t work anymore.“
„You didn’t study psychology as well?“
„No, only the love of the heart speaks from me.“
She pressed herself against me and I enjoyed her closeness.
„You’re a romantic?“
„Sure. How else can you live. The Germans have a poet. His name is Goethe.“
„I know him.“
„He wrote: ‚He who no longer loves and no longer errs, let him be buried.‘ I think that’s very beautiful.“
„I have a lot to show in the category of being wrong.“
„Belongs, too.“
I took a breath, enjoying the salty air, Jezebel’s closeness, the feeling that there was no before and after in my life right now, that in this moment everything was good, everything was right.
„Maybe I’ll stay in Kennebunk for a few days after all. Maybe that’s not a mistake.“
Jez nodded.
„Fine. Then I’ll show you where, after the walk, you can find a room.“
I wanted to ask if there was a bar nearby, but I didn’t. For now, I resolved to take a more sober look at things.

01/21 PGF

Gestra (5)

5.
Während wir frühstückten erzählte mir Jez, dass sie ursprünglich aus Portland kam. Ihre Eltern besaßen eine Brauerei in Portland und es war klar, dass sie nie würde einen Finger krümmen müssen, um zu arbeiten, weil die Geschäfte erstklassig liefen und man solide wirtschaftete.
Ihr Dad, mehr als ihre Mum hatten Wert daraufgelegt, dass sie sich eine Aufgabe suchte, ganz gleich, ob ehrenamtlich oder mit Masterabschluss, um eine Existenzberechtigung für die Allgemeinheit nachzuweisen.
Nach verschiedenen Versuchen als Konditorin, Schreinerin, Erntehelferin (auf einem Biohof), hatte sie sich schließlich doch zu einem Studium entschieden und arbeitete nun, als Grundschullehrerin an der Elementary in Kennebunk.
»Wohin ich durch meinen letzten Freund kam, der sich, nachdem wir zwei Jahre geplant hatten, in den nächsten Jahren, eine Farm zu kaufen und als Selbstversorger zu leben, plötzlich für ein Leben in New York entschied. Während ich die Schönheit von Kennebunk entdeckte: klein, grün, schön. Ich will nicht mehr zurück in die Stadt, egal ob New York, Philadelphia oder Portland. Ich will ein einfaches, ein bescheidenes Leben, das der Umwelt nicht schadet und die Zukunft sichert.«
»Und du unterrichtest jetzt?«
»Ja, an der Elementary. Anfangs bin ich nur deshalb geblieben, als wir uns trennten. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, meine Klasse aufzugeben. Nachdem das Schuljahr vorüber war, hatte ich Ken vergessen, neue Freunde gefunden und über eine Kollegin landete ich bei »Starfield Observatory« Das war als würden sich alle Teile zusammenfügen.«
»Auch die Sache mit dem Bio-Leben?«
»Ja.«
»Kann ich mir schwer vorstellen, also Sterne und Biofarm.«
»Erklär ich dir, wenn wir mal draußen, beim Observatorium sind.«
Sie schob den Teller von sich.
»Schaffst du nach was? Die Waffeln mit Himbeersauce haben mir den Rest gegeben.«
Ich warf einen Blick auf die Tischkarte, die neben mir lag.
»Was hältst du von einem Kaffee?«
»Eine kleine Tasse wäre okay.«
Ich hob die Hand und orderte zwei Kaffee, einmal klein, einmal groß, beide To-Go.
»Soll man eigentlich nicht.« Fiel mir plötzlich ein. »Wegen dem Abfall – oder?«`
»Bei Mike ist das okay. Die Becher sind Mehrweg und der hier«, sie zeigte auf den Strohhalm, »aus Papier, kein Plastik. Ich weiß schon, wo ich essen gehe.«
Ich nickte anerkennend.
Als wir unsere Becher hatten, zahlte ich für uns beide und wir gingen nach draußen, zu Jez Volvo.
Während ich mich anschnallte meine sie: »Ich finde wir sollten erst dein Auto holen. Heute Nachmittag wird das Meer etwas wilder. Ich finde es schön, am Strand zu gehen, wenn die Wellen tosen.«
Sie überraschte mich mit ihrer Offenheit, als wäre ich ein uralter Freund, mit dem man ganz selbstverständlich, auch nach Jahren ohne Kontakt, ganze Tage verbringt.
»Ich wage nicht zu widersprechen.«
Sie spitzte die Lippen zufrieden.
»Wie meine Kleinen, die wissen auch, wann sie besser auf mich hören.«
Wir fuhren die Strecke zurück, die der glich, die wir auf dem Herweg genommen hatten. Langsam machte ich mir Gedanken, wie sie wohl reagieren würden, wenn sie mein Auto, die leeren Flaschen, den Whiskey und alles andere sehen würde.
Entweder hatte ich es gut beschrieben oder sie kannte sich verdammt gut aus, jedenfalls fand sie auf Anhieb den Standstreifen, auf dem mein Wagen stand.
»Und fährst du mir nach?«
Sie schaltete den Motor nicht ab.
Ich zögerte.
»Das ist etwas schwierig. Ich – ich« raus damit! Rief ich mir zu.
»Ja?«
»Ich habe keinen Führerschein.«
»Du bist von Florida, ohne Führerschein?«
»Exakt.«
Sie schüttelte den Kopf und schaltete den Motor aus.
»Dann komm.«
Wir stiegen aus und gingen zu meinem Wagen. Sie sah schon durch die Scheiben die leeren Flaschen die darin lagen.
»Die hast du geleert?«
»Vermutlich.«
»Joe, du hast ein Problem!«
»Ahh – nein!«
»Doch, das hast du. Meine Eltern haben eine Brauerei. Ich habe schon früh gesehen, was aus dem wird der säuft und aus dem der gern ein Gläschen zum Essen trinkt. Weißt du, du stinkst nach Whiskey. Aber ich dachte, das sei die Dummheit einer Nacht. Aber das?«
Sie zeigte auf die Flaschen.
Ich schwieg bockig und fühlte mich ertappt.
Jez dachte nach.
»Also, mach die Tür auf. Wir räumen den Mist nach hinten, dann fahr ich dich zu der Tankstelle von der ich dir erzählt habe. Der Eigentümer wird dir den Wagen abkaufen und uns zurück zu meinem Wagen bringen.«
Sie sah mir streng in die Augen.
»Anschließend mach´ was du für richtig hältst. Wenn du dich tot saufen willst, mach das. Dein Problem. Aber ich biete dir an – ein letztes Mal – dir ein Zimmer zu suchen, wo du für ein paar Tage bleiben kannst.«
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, warum ein wildfremder Mensch sich so ernsthaft mit mir auseinandersetzte. Was wollte sie? Wir kannten uns ja kaum. Aber in ihren Augen konnte ich es lesen: es gab eine Welt, es gab eine Idee davon, in der war kein Mensch dem anderen gleichgültig, egal wie nah oder fern sie sich standen.
Selbst mein Sarkasmus verstummte.
»Danke.«
Mehr brachte ich nicht hervor.

01/21 PGF

5.
While we were eating breakfast, Jez told me that she was originally from Portland. Her parents owned a brewery in Portland and it was clear that she would never have to lift a finger to work because business was first class and they were solid.
Her dad, more than her mum had made it a point for her to find a job, whether it was volunteering or earning a master’s degree, to prove a raison d’être for the community.
After various attempts as a pastry chef, carpenter, harvester (on an organic farm), she had finally decided to go to college and was now, working as an elementary school teacher at Kennebunk Elementary.
„Where I came from my last boyfriend, who, after two years of us planning to buy a farm and live as self-supporters over the next few years, suddenly decided to live in New York. While I discovered the beauty of Kennebunk: small, green, beautiful. I don’t want to go back to the city, whether it’s New York, Philadelphia or Portland. I want a simple life, a humble life that doesn’t harm the environment and secures the future.“
„And you’re teaching now?“
„Yes, at Elementary. At first, the only reason I stayed was when we split up. I wouldn’t have had the heart to give up my class. After the school year was over, I forgot about Ken, made new friends, and through a colleague, I ended up at „Starfield Observatory“ It was like all the pieces fell into place.“
„Even the organic life thing?“
„Yeah.“
„I find that hard to imagine as stars and organic farming.“
„I’ll explain once we’re outside, at the observatory.“
She pushed the plate away from her.
„Can you manage after what? The waffles with raspberry sauce did me in.“
I glanced at the place card lying beside me.
„What do you think about a coffee?“
„A small cup would be fine.“
I raised my hand and ordered two coffees, one small, one large, both to-go.
„You’re not supposed to.“ I suddenly remembered. „Because of the waste – right?“`
„It’s okay at Mike’s. The cups are reusable and this one,“ she pointed to the straw, „is paper, no plastic. I already know where I’m going to eat.“
I nodded appreciatively.
Once we had our cups, I paid for both of us and we went outside, to Jez Volvo.
While I was buckling up she said, „I think we should get your car first. This afternoon the ocean is going to be a little wilder. I think it’s nice to walk on the beach when the waves are roaring.“
She surprised me with her openness, as if I were an ancient friend with whom one spends whole days as a matter of course, even after years without contact.
„I dare not disagree.“
She pursed her lips in satisfaction.
„Like my little ones, they know when they’d better listen to me, too.“
We drove back the way we had come on the way here. Slowly I worried about how they would react when they saw my car, empty bottles, whiskey and all.
Either I had described it well or she knew her way around pretty darn well, in any case she found the hard shoulder where my car was parked right away.
„And are you going to follow me?“
She didn’t turn off the engine.
I hesitated.
„That’s a little difficult. I – I“ get out of it! I shouted to myself.
„Yes?“
„I don’t have a driver’s license.“
„You’re from Florida, with no license?“
„Exactly.“
She shook her head and turned off the engine.
„Come on, then.“
We got out and walked to my car. She could already see through the windows the empty bottles that were inside.
„You emptied those?“
„I guess.“
„Joe, you’ve got a problem!“
„Ahh – no!“
„Yes, you do. My parents have a brewery. I saw early on what happens to the guy who drinks and the guy who likes a little glass with dinner. You know, you smell like whiskey. But I thought that was the stupidity of a night. But this?“
She pointed to the bottles.
I was petulantly silent, feeling caught.
Jez mused.
„So, open the door. We’ll clear this crap out back, then I’ll drive you to that gas station I told you about. The owner will buy the car from you and take us back to my car.“
She looked me sternly in the eye.
„After that, do what you think is right. If you want to drink yourself to death, do that. Your problem. But I’m offering – one last time – to find you a room to stay in for a few days.“
It took me a moment to understand why a complete stranger was so serious about me. What did she want? After all, we hardly knew each other. But in her eyes I could read it: there was a world, there was an idea of it, in which no person was indifferent to the other, no matter how close or far they were.
Even my sarcasm fell silent.
„Thank you.“
That was all I could bring myself to say.

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Gestra (4)

4.
Sie fuhr ein schwedisches Auto und ich brauchte gut zehn Minuten, um zu akzeptieren, dass es nicht aus Holzbrettern zusammengezimmert war und tatsächlich über einen Verbrennungsmotor verfügte. Okay, die Schweden hatten ein paar gute Eishockeyspieler, aber dass die mehr machten, als Elche jagen und durch die Wälder streifen überraschte mich.
»Wie viel schluckt der?« Fragte ich und hoffte keine Antwort zu erhalten wie: »Nicht mehr als du.« Aber die Antwort war nicht viel besser.
»Der schluckt gar nichts mehr, der fährt vollelektrisch.«
Okay, die Schweden wurden mir unheimlich.
Ich merkte, dass ich nicht mehr lange bis Kennebunk gebraucht hätte. Wir kamen schnell an einem Bed&Breakfast vorbei, an der Kennebunk Elementary, einem großen Rastplatz der rechts und links des Highway 95 lag und waren dann im Zentrum der Stadt, durch die sich der Mousam schlängelte.
Es war ein nettes, kleines Örtchen mit ein paar schönen alten Gebäuden, im englischen Stil, ausgedehnten Waldstücken, sodass ich bald den Eindruck hatte, eher in einem Flickenteppich von kleinen Dörfern unterwegs zu sein und nicht in einer Stadt.
»Es ist schön hier.«
Jezebel sah zu mir herüber und lächelte.
»Ja, ich lebe gern hier. Es ist friedlich, man hat viele Möglichkeiten, aber auch viel Natur.«
»Du sagst, wo wir gut frühstücken können.«
»Ich würde gerne mit dir rausfahren zum Kennebunk Port. Ich denke ein bisschen Atlantik-Luft schadet dir nicht. Bei »Mike´s All Day Breakfast«, finden wir sicher etwas und, wenn du magst können wir es mitnehmen zum Strand.«
»Das klingt gut.«
Das klang nicht gut, dass klang absolut fantastisch, als hätte mir jemand angeboten, mein verrottetes Leben in Tiefschlaf zu versetzen und einfach ein paar Tage die Welt still zu genießen.«
Wir erreichten das »Mike´s« und das machte, mit großen Pflanzen und einer schönen breiten Veranda einen sehr einladenden Eindruck.
Der Blick auf die Speisekarte mit Himbeersoße auf Waffeln, Speck mit Rührei, Speck auf Omelett, Kartoffeln und Würstchen überzeugte mich, dass es besser war hier zu frühstücken, statt die Sachen mit an den Strand zu nehmen.
»Wie du willst? Ich dachte nur, du hättest vielleicht gerne das Meer gesehen.«
»Kann ich auch nach dem Frühstück. Also, wenn du noch Zeit hast.«
»Ja, die habe ich schon. Aber machst du dir keine Gedanken über dein Auto, wenn es einfach an der Straße steht?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein, hier irgendwie nicht.«
Ihr Nicken sagte: »Ja, in Kennebunk ist die Welt noch in Ordnung.«
»Okay, dann lass uns einen Tisch suchen.«
Wir setzen uns und bestellten Frühstück und Kaffee.
Einen Moment wurde es still. Dieser Moment Stille zwischen zwei Fremden, in denen sich entscheidet, ob sie etwas miteinander anfangen können oder rascher wieder auseinandergehen, als es im Moment den Eindruck macht.
»Du willst also schon bald weiter?« Nahm Jez das Gespräch wieder auf und stocherte mit ihrem Strohhalm, in dem Pappbecher, aus dem sie ihren Milchshake trank.
Ich öffnete die Hand, wie jemand der einen Luftballon steigen lässt.
»Ja, ich war eigentlich auf dem Weg nach Norden. Wollte für ein paar Tage nach Kanada. Ich war noch nicht sicher.«
»Du hast Urlaub?«
Das Gespräch neigte sich vorsichtig in Richtung Verhör.
»Nein, kein Urlaub. Ich bin«, ich wusste nicht, ob ich es noch war, aber ich sagte es einfach mal, »Privatdetektiv und Bounty Hunter. Ich habe gerade einen etwas schwierigen Fall hinter mir«, Beth lächelte mich an und verschwand wieder aus meinen Gedanken, »und suche etwas Erholung.«
»Man kann sich auch hier gut erholen. Also«, sie wurde rot, »ich will dich nicht aufhalten. Aber irgendwie – ich kann es dir nicht sagen.«
Sie brach ab.
Jetzt verstand ich den Moment Stille.
»Es würde mir guttun, ein paar Tage hier zu bleiben.«
Sie lächelte und dieses offene und ehrliche Lächeln, unverstellt und eindeutig rührte mich, wie eine Kerze, die man in einem finsteren Zimmer entzündet.
»Ja, viele kommen her, um etwas Kraft zu schöpfen.«
Die Kellnerin brachte unser Frühstück.
»Das glaube ich. Aber ich dachte nicht, dass mein nächstes Ziel Kennebunk heißen würde.«
»Das dachte ich früher auch nicht.«

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4.
She was driving a Swedish car and it took me a good ten minutes to accept that it wasn’t made of wooden planks and actually had an internal combustion engine. Okay, the Swedes had some good hockey players, but that they did more than hunt moose and roam the woods surprised me.
„How much does it swallow?“ I asked, hoping not to get an answer like, „No more than you.“ But the answer wasn’t much better.
„It doesn’t guzzle anything more, it goes all-electric.“
Okay, the Swedes were getting creepy.
I realized it wouldn’t had take me much longer to get to Kennebunk. We quickly passed a B&B, the Kennebunk Elementary, a large rest area that was to the right and left of Highway 95, and then we were in the center of town with the Mousam winding through.
It was a nice little town with some nice old buildings, English style, extensive wooded areas, so I soon had the impression I was traveling in a patchwork of small villages rather than a city.
„It’s nice here.“
Jezebel looked over at me and smiled.
„Yes, I like living here. It’s peaceful, you have lots of opportunities, but also lots of nature.“
„You say where we can have a good breakfast.“
„I’d love to take you out to Kennebunk Port. I think a little Atlantic air won’t hurt you. At Mike’s All Day Breakfast, I’m sure we can find something and, if you like we can take it to the beach.“
„That sounds good.“
That didn’t sound good, that sounded absolutely fantastic, like someone had offered to put my rotten life into deep sleep and just enjoy the world quietly for a few days.
We arrived at „Mike’s“ and it made a very inviting impression, with large plants and a nice wide porch.
Looking at the menu with raspberry sauce on waffles, bacon with scrambled eggs, bacon on omelet, potatoes and sausages convinced me that it was better to have breakfast here instead of taking things to the beach.
„Suit yourself? I just thought you might like to see the ocean.“
„I can after breakfast. That is, if you still have time.“
„Yes, I already have. But don’t you worry about your car just sitting there by the road?“
I shook my head.
„No, kind of not here.“
Her nod said: „Yeah, all is still right with the world in Kennebunk.“
„Okay, let’s find a table then.“
We sat down and ordered breakfast and coffee.
For a moment, there was silence. That moment of silence between two strangers where it is decided if they can do something with each other or break up more quickly than it seems at the moment.
„So you want to move on soon?“ She picked up the conversation again. Jez poked with her straw, in the paper cup she was drinking her milkshake from.
I opened my hand like someone releasing a balloon.
„Yeah, I was actually heading north. Was going to Canada for a few days. I wasn’t sure yet.“
„You’re on vacation?“
The conversation tilted cautiously toward interrogation.
„No, not a vacation. I’m,“ I didn’t know if I was yet, but I just said it, „a private investigator and Bounty Hunter. I just got off a somewhat difficult case,“ Beth smiled at me and disappeared from my thoughts again, „and am looking for some Vaccation.“
„It’s a good place to get some rest, too. So,“ she blushed, „I don’t want to keep you. But somehow – I can’t tell you.“
She broke off.
Now I understood the moment of silence.
„It would do me good to stay here for a few days.“
She smiled and that open and honest smile, undisguised and unambiguous moved me, like a candle lit in a dark room.
„Yes, many come here to get some strength.“
The waitress brought our breakfast.
„I’ll bet they do. But I didn’t think my next destination would be Kennebunk.“
„I didn’t think so before.“

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Gestra (3)

3.
Die junge Frau war vielleicht Ende zwanzig. Eine kleine, unscheinbare Person, deren weibliche Existenz ich, bis ich knapp 40 war, gar nicht zur Kenntnis genommen hätte. Ihr Haar war nicht lang und nicht kurz, nicht blond, nicht schwarz, ihre Brille machte unkenntlich, ob sie hübsch war, ihre Bekleidung betonte nix und ihre Stimme transportierte nichts als Worte. Lange waren solche, wie soll ich sagen, schlichte, einfache Frauen, neutrale Lebewesen für mich, deren Aufgabe darin bestand, als Sekretärin, als Verkäuferin beim Bäcker oder als Assistentin beim Zahnarzt, den Laden menschlichen Lebens ab Laufen zu halten. Wer sich mit ihnen fortpflanzen mochte, konnte das tun, bedeutungsfrei würde das Ergebnis bleiben.
Erst später, ja ich denke um die 40, hatte ich diese recht primitive Sichtweise überdenken gelernt und eingesehen, dass ich vielleicht mit einer solchen Frau hätte glücklich werden können, wäre ich in der Lage gewesen, mich in sie zu verlieben, beziehungsweise von ihnen geliebt zu werden.
In dem Alter, in dem ich mich befand, zeigte ich mich höflicher.
»Hallo Miss, entschuldigen Sie – ich dachte das Schild – ich dachte es wäre okay, mir das hier anzusehen. Aber scheint wohl ein altes Schild.«
Sie betrachtete mich skeptisch.
»Mit Verlaub«, sie sah an mir hoch und runter, »sie sehen nicht aus, wie einer unserer üblichen Besucher, die sich über die Sternwarte informieren wollen. Haben Sie unsere Homepage besucht? Da kann man sich anmelden.«
Ich räusperte.
»Ach, wissen Sie: ich war eher zufällig in der Gegend und musste meinen Wagen da hinten«, ich zeigte die Straße zurück, »stehen lassen und auf der Suche nach der nächsten Stadt oder Tankstelle kam ich hier vorbei und da dachte ich«.
»Sie schauen mal rein, verstehe. Aber da hatten sie etwas Pech, Sir. Wären sie statt nach Norden, nach Süden gelaufen, wären Sie nach kurzer Strecke bereits bei einer Tankstelle angekommen. Aber jetzt lohnt sich umkehren nicht mehr. Sie sind fast in Kennebunk.«
»Wo?«
»Kennebunk! Sie wissen schon, wo sie überhaupt sind?«
Jetzt wirkte sie etwas beunruhigt.
Ich hatte ehrlich begonnen und so wollte ich es weitermachen.
»Nein, Miss. Nicht genau. Ich hatte eine wilde Nacht. Ich bin wohl in einem Zustand gefahren, in dem man besser nicht fährt. Aber die Sternwarte hat mich wirklich interessiert. Auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie sie aus diesem kleinen Hüttchen die Sterne beobachten wollen.«
Meine Ehrlichkeit beruhigte sie nicht, aber sie nahm sie zur Kenntnis.
»Da kann ich Ihnen nur recht geben: Don´t drink and drive! Aber worin Sie sich irren, ist beim Eindruck unserer Anlage. Es sind sogar zwei Teleskope darin. Der obere Teil des Gebäudes ruht auf Schienen, wir können ihn wegfahren und die Sterne beobachten. Wir verfügen über ein Meade LX200 und ein f/15 Zeiss-Jena mit dem wir auch, im Tageslicht die Sonne beobachten können. Aber ich vermute mal, das sagt Ihnen beides nicht viel.«
Wäre ich jünger gewesen, wäre ich vermutlich rot geworden. So senkte ich nur den Blick.
»Da haben Sie recht. Sagt mir leider gar nichts. Wissen Sie ich habe mich für die Sterne immer interessiert und wollte irgendwann lernen die Sternbilder zu lesen, aber ich habe mir nie die Zeit genommen. Irgendwie war ich immer mit dem irdischen Handgemenge beschäftigt und kam nicht dazu, nachts nach den Sternen zu sehen.«
Zum ersten Mal lächelte sie, ein wenig.
»Das ist aber schade. Da haben Sie viel verpasst. Deshalb bieten wir hier Schulungen an. Meist, am nächsten Freitag nach Neumond, außer, wenn es regnet. Wir haben schon über 20000 Schüler und Erwachsene informiert und geschult. Wenn Sie in der Gegend Urlaub machen, können Sie beim nächsten Treffen, ist in drei Tagen, gerne dabei sein.«
»Das Miss ist sehr nett.«
»Können Sie mal aufhören mich Miss zu nennen? Aus welchem Jahrhundert sind Sie? Ich heiße Jez.«
»Wie die Musik?«
»Nein, von Jezebel.«
»Das war doch ein Lied von Sade?«
»Ja, eines der Lieblingslieder meiner Mutter.«
Ihrer Mutter! Scheiße, ich war älter, als die Sphinx.
»Und Sie sind?«
»Joe. Joe aus dem letzten Jahrhundert, wenn Sie so wollen. Und, ja das wäre nett. Aber ich weiß noch nicht, wie lange ich in der Gegend bin.«
»Wie Sie wollen. Aber, wenn Sie bleiben, können wir uns, um ihren Wagen kümmern und vielleicht hätte ich sogar ein nettes Zimmer für Sie, in Kennebunk. Ich wohne dort.«
Totsaufen in Kanada oder ein Zimmerchen in Kennebunk – na, Joe? Wie wählst du? Fragte ich mich im Stillen, voller Selbstverachtung.
»Also, Miss – sorry, ich meine Jez. Ich weiß nicht, ob ich drei Tage bleibe. Aber das mit dem Auto wäre cool. Ich würde dich gerne zum Essen, vielleicht zum Frühstück einladen. Wenn das nicht zu viel ist.«
»Nein, gar nicht. Mein Wagen steht da hinten. Ich wollte nur ein paar Flaschen Wasser für den Freitag schon mal abstellen. Heute kannst du hier nicht viel mehr sehen. Ist ein bisschen Aufwand, dass Dach wegzuschieben.«
»Keine Mühe!«
»Also fahren wir?«
»Ja, cool, komm!«

01/21 PGF

3.
The young woman was perhaps in her late twenties. A small, inconspicuous person whose female existence I would not have noticed until I was almost 40. Her hair was not long and not short, not blond, not black, her glasses made unrecognizable whether she was pretty, her clothing emphasized nothing and her voice transported nothing but words. For a long time such, how shall I say, plain, simple women, were neutral creatures for me, whose task was to keep the store of human life running as a secretary, as a saleswoman at the bakery or as an assistant at the dentist. Who liked to reproduce with them, could do that, the result would remain meaningless.
Only later, yes I think around 40, I had learned to rethink this rather primitive view and realized that I might have been happy with such a woman, had I been able to fall in love with them, respectively to be loved by them.
At the age I was, I showed myself more polite.
„Hello miss, sorry – I thought the sign – I thought it would be okay to look at this. But seems like an old sign, I guess.“
She looked at me skeptically.
„With respect,“ she looked me up and down, „you don’t look like one of our usual visitors who want to find out about the observatory. Have you visited our home page? That’s where you can sign up.“
I cleared my throat.
„Oh, you know: I was in the area rather by chance and had to leave my car back there,“ I pointed back down the road, „and looking for the next town or gas station I came by here and so I thought.“
„You’ll take a look, I see. But you were a little unlucky there, sir. If you had gone south instead of north, you would have arrived at a gas station after a short distance. But now it’s not worth turning back. You’re almost at Kennebunk.“
„Where?“
„Kennebunk! You do know where you are anyway?“
Now she looked a little worried.
I had started honestly and that was how I wanted to keep it going.
„No, miss. Not exactly. I had a wild night. I guess I was driving in a state where it’s better not to drive. But the observatory really interested me. Also, because I can’t imagine how you’d want to watch the stars from that little shack.“
My honesty did not reassure her, but she took note of it.
„I couldn’t agree more: Don’t drink and drive! But what you are wrong about is the impression of our facility. There are actually two telescopes in it. The top one rests on rails, and we can drive it away and watch the stars. We have a Meade LX200 and an f/15 Zeiss-Jena with which we can also, in daylight observe the sun. But I guess that doesn’t mean much to you either way.“
If I had been younger, I probably would have blushed. As it was, I just lowered my gaze.
„You’re right about that. Doesn’t mean anything to me, I’m afraid. You know I’ve always been interested in the stars and wanted to learn to read the constellations at some point, but I never took the time. Somehow I was always busy with the earthly melee and never got around to looking at the stars at night.“
For the first time, she smiled, a little.
„That’s too bad, though. You missed a lot there. That’s why we offer training here. Mostly, the next Friday after the new moon, unless it rains. We have already informed and trained over 20000 students and adults. If you are vacationing in the area, you are welcome to attend the next meeting, is in three days.“
„Miss – thats very nice.“
„Can you stop calling me Miss? What century are you from? My name is Jez.“
„Like the music?“
„No, like Jezebel.“
„That was a song by Sade, wasn’t it?“
„Yes, one of my mother’s favorite songs.“
Her mother! Shit, I was older than the Sphinx.
„And you are?“
„Joe. Joe from the last century, if you will. And, yeah that would be nice. But I don’t know how long I’ll be around yet.“
„Suit yourself. But, if you stay, we can, take care of your car and maybe I’d even have a nice room for you, in Kennebunk. I live there.“
Boozing it up in Canada or getting a room in Kennebunk – well, Joe? How do you choose? I asked myself silently, full of self-loathing.
„Well, miss – sorry, I mean Jez. I don’t know if I’ll stay three days. But the car thing would be cool. I’d like to take you out to dinner, maybe breakfast. If that’s not too much.“
„No, not at all. My car’s back there. I just wanted to put a couple bottles of water down for Friday already. You can’t see much else here today. It’s a bit of a hassle to push that roof away.“
„No effort!“
„So we’re driving?“
„Yeah, cool, come on!“

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Gestra (2)

2.
Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich konnte nach Süden laufen oder nach Norden, wenn ich der Straße folgen wollte. Um mich herum waren Ackerland und kleine Waldstücke, mehr war nicht zu sehen. Wie so oft im Leben, hatte ich mich eigentlich nur zwischen zwei Option zu entscheiden und doch führte jede, unweigerlich zu einem völlig anderen Ergebnis.
Es wäre alles anders gekommen, hätte ich mich entschieden, der Straße nach Süden zu folgen, denn dann wäre ich, nach nur einer halben Meile, bei einer Tankstelle mit Pizzaladen gelandet und hätte in der Folge – und ja, so drastisch ist es – ein anderes Leben geführt. Ich hätte den Eigentümer gebeten meinen Wagen abzuschleppen, hätte mir eine Pizza bestellt und wäre vermutlich weiter südlich, nach Sanford empfohlen worden, um mir dort meine Pläne neu zu überlegen.
Aber ich entschied mich für die Route nach Norden, die 5 Meilen lang war und nicht mit Pizza und Gemütlichkeit endete.
Nach etwa zwei Meilen, die mich durch eine große landwirtschaftliche Fläche geführt hatten, in deren Mitte ein Hof lag, kam ich an die ersten Schilder, die mir etwas bei der Orientierung halfen. Ich befand mich auf der Old North Berwick Road und konnte nach Westen in die Drown Lane abbiegen, wo sich ein Reiterhof für Integrative Therapie befand. Vermutlich hätte mir das nicht geschadet, aber der Sprung vom suizidalen Alkoholismus zur Reittherapie, war für einen Mann, von meiner Denkart zu groß. Deshalb entschied ich mich auf der Old North zu bleiben und kam nach kurzer Zeit an einer Farm vorbei, die auch Übernachtungen anbot. Aber der Name „Rest and Be“ versprach ebenfalls nicht das Motto, nachdem ich mich orientieren wollte.
Ich lief die Straße weiter, bis sie in einem Knick auf die Walker Road einbog, der ich nach Osten folgte. Die Walker die von Westen kam, lag zwischen zwei Wäldern eingeklemmt und schien mir dort ländlicher zu werden und mein Ziel war der nächste größere Ort, um von dort nach Portland zu kommen.
In diesem Sinn war die Entscheidung nicht ganz schlecht, denn vor mir zur Linken sah ich ein Wohnhaus und die Straße weiter, öffnete sich das Land und wirkte endlich etwas belebter.
Ich lief, zuversichtlich weiter und ignorierte eine Sackgasse zur Linken und die Cole Road zur Rechten und wäre wahrscheinlich in die Alewive Road eingebogen, die als nächstes zur Linken abzweigte, wenn ich nicht von der Kreuzung aus, dass unscheinbare und doch irgendwie auffällige Gebäude am Rand von Wald und Wiese entdeckt hätte, das mich neugierig machte.
Das Gebäude sah aus der Ferne aus, wie ein grauer Schuppen mit weißem Dach, in dem ein Oldtimer oder zwei Kühe stehen konnten, aber auf dem Feldweg der dorthin führte, stand in weißer Schrift, auf blauem Untergrund „Starfield Observatory“ und darüber „Astronomische Gesellschaft – Nördliches Neu England“.
Das war entweder ein großer Bullshit oder ich stand vor dem unscheinbaren Eingang zu einer gewaltigen, militärischen Großanlage, in der die eigentlichen Geheimnisse der Area 51 bewahrt wurden. Dafür allerdings fehlten die Selbstschussanlagen.
Ich bog auf den Feldweg ein, der mich in einer sanften Kurve zu dem Gebäude hinführte. Als ich näherkam, entdeckte ich, dass seitlich des grauen Gebäudes, sich ein kleines, nettes, rotes Gartenhäuschen befand, vor dem mit einem grünen Zaun abgegrenzt, vier Parkplätze angelegt waren.
Vor dem grauen Gebäude standen zwei Picknick-Bänke am Rand einer Kiesgrube, in der – und es gab nur diese beiden Möglichkeiten – satanistische Rituale abgehalten wurden oder am Wochenende ein Barbecue.
Ich stand jetzt nicht weit von dem Gebäude entfernt und konnte bereits den Türknauf und die Fenster an dem grauen Schuppen sehen. Noch immer blieb mir schleierhaft, was dieses schmucklose Gebäude mit einem Observatorium zu tun haben sollte. Außer – und davon war ich fest überzeugt – der ganze eigentliche Spaß lag unter der Erde. Kilometer lange unterirdische Straßen führten von Bunkerkomplex zu Bunkerkomplex, wo mit Antimaterie, Alienhaut und Quantenbomben experimentiert wurde.
Mit einem plötzlichen: »Hallo Sir! Was suchen Sie hier?« hatte ich gar nicht gerechnet.

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2.
I had two options: I could walk south or north if I wanted to follow the road. Around me was farmland and small patches of forest, that’s all there was to see. As so often in life, I really only had to decide between two options and yet each, inevitably led to a completely different outcome.
Everything would have been different if I had decided to follow the road south, because then I would have ended up, after only half a mile, at a gas station with a pizza store and as a result – and yes, it is that drastic – I would have led a different life. I would have asked the owner to tow my car, ordered a pizza, and probably been recommended further south, to Sanford, to rethink my plans.
But I decided to take the route north, which was 5 miles long and didn’t end with pizza and comfort food.
After about two miles, which had taken me through a large agricultural area with a farm in the middle, I came to the first signs that helped me get my bearings a bit. I was on Old North Berwick Road and could turn west onto Drown Lane, where there was an equestrian farm for Integrative Therapy. Probably wouldn’t have hurt me, but the jump from suicidal alcoholism to equine therapy, was too big for a man, of my way of thinking. So I decided to stay on Old North and after a short time passed a farm that also offered overnight stays. But the name „Rest and Be“ also did not promise the motto after which I wanted to orient myself.
I continued walking down the road until it turned in a bend onto Walker Road, which I followed east. Walker Road coming from the west was sandwiched between two forests and seemed to me to become more rural there, and my destination was the next larger town to get to Portland from there.
In that sense, the decision wasn’t all bad, because ahead to my left I saw an apartment building and down the road, the country opened up and finally seemed a little busier.
I walked on, confidently, ignoring a cul-de-sac to the left and Cole Road to the right, and probably would have turned onto Alewive Road, which branched off next to the left, if I hadn’t spotted from the intersection, that nondescript yet somehow striking building at the edge of the woods and meadow that made me curious.
The building looked from a distance like a gray shed with a white roof that could house an old-timer or two cows, but on the dirt road that led to it was written in white lettering, on a blue background „Starfield Observatory“ and above it „Astronomical Society – Northern New England“.
This was either a big bullshit or I was standing in front of the inconspicuous entrance to a huge, large-scale military facility where the real secrets of Area 51 were kept. For that, however, the self-propelled grenades were missing.
I turned onto the dirt road that led me in a gentle curve toward the building. As I approached, I discovered that to the side of the gray building, there was a small, nice, red garden house, in front of which, delimited by a green fence, were four parking spaces.
In front of the gray building, there were two picnic benches on the edge of a gravel pit, where – and there were only these two possibilities – Satanic rituals were held or, on weekends, a barbecue.
I was now standing not far from the building and could already see the doorknob and windows on the gray shed. It was still a mystery to me what this unadorned building should have to do with an observatory. Unless – and I was firmly convinced of this – all the real fun was underground. Miles of underground roads led from bunker complex to bunker complex, where experiments were being conducted with antimatter, alien skin and quantum bombs.
With a sudden, „Hello sir! What are you looking for here?“ I had not expected at all.

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