Ruby (3)

3.
Da lag er.
Ich ließ die Pizzatasche fallen, die keinen durchfetteten Pizzakarton enthielt, an dessen Deckel der Pizzakäse klebte, sondern Gleitcreme, zwei Dildos für mich, einen zum Umschnallen, Kondome und Handschellen für den Herren – fesseln ließ ich mich, in fremden Wohnungen nicht.
Er sah nicht gut aus. Also jetzt. Wenn man sich das Blut, den verzerrten Gesichtsausdruck und das, was ich als Hirnmasse definierte, wegdachte, war er vermutlich attraktiv gewesen.
Er sah irgendwie überrascht aus, als wollte sein Gesicht sagen: Ja, schau mal an, damit habe ich nicht gerechnet.
Ich auch nicht, dachte ich und betrachtete den Toten einen Moment. Ja, schade, dass ich zu spät gekommen war, dem hätte ich Rabatt gegeben.
Ich überlegte was ich jetzt machen sollte: Handy zücken und die Polizei rufen?
»Ja, ja er wollte Sex mit einer Pizzabotin. Ermordet? Nein, er war schon tot als ich kam. Ob er mich nicht bezahlt hat? Soweit –«.
Ah! Das konnte kritisch werden.
Ich entschied mich zu gehen. Auch, wenn mich das, falls ich bemerkt wurde, mehr belastete. Aber es gab die Chance, unbemerkt aus der Sache rauszukommen.
Ich war durchaus für Gerechtigkeit. Ich hatte, ein, zwei Jahre zuvor überlegt, ob ich nicht vielleicht Polizistin werden sollte: man dient und hat auch eine gewissen Macht, aber der Verdienst war erbärmlich und für meine Lust wäre wenig rausgekommen.
Ich sah auf den Boden, auf dem verstreut meine Sextoys lagen. Lauter Spuren, dachte ich entsetzt. Zum Glück sind die alle noch sauber, sonst hätte ich eine genitale Super-DNA-Probe hinterlassen.
Es war Zeit meine Sache zu schnappen und zu gehen. Es konnte jederzeit jemand kommen – oder nicht? Wer sich eine Hure bestellte, achtete meist darauf, keinen direkten Anschlusstermin zu haben. Wahrscheinlich hatte ich Zeit. Ein bisschen zumindest. Wie lange hatte er mich gebucht? Eine Stunde, meinte ich.
Egal.
Ich bückte mich und nahm aus der umgefallenen Tasche ein paar Einmal-Handschuhe, die ich verwendete, wenn ein Kunde, seiner Prostata Freude bereiten wollte.
Ich zog die Handschuhe an und sammelte meine Werkzeuge ein. Akribisch darauf achtend, dass auf dem Boden, zum Glück ein glattes Laminat, nichts zurückblieb.
Hatte ich weitere Spuren zu verwischen? Was hatte ich berührt?
Die Türen, als ich sie aufschob. Mit der Kleinfingerseite.
Okay, die musste ich abwischen. Feuchttücher hatte ich.
Sonst was?
Hatte mich jemand gesehen?
Ich erinnerte mich nicht. Es wäre auch zu doof gewesen, wenn ein Zeuge aussagen würde: »Ach ja: so eine komische Pizzabotin, die war zu der Zeit hier.«
Zum Glück hatte ich eine Kappe auf, unter der ich meine langen Haare versteckte.
Okay, damit war eigentlich alles bedacht, außer der Tür, die aus dem Wohnzimmer, zu einem weiteren Raum führte! In dem der Mörder sich verstecken konnte: Hau besser sofort ab!
Oder: In dem der Grund, für den Mord versteckt sein konnte. Das wäre natürlich interessant zu wissen.
In dem irgendetwas sein mochte, was diesen ganzen Schlamassel hier erklärte. Wäre gut zu wissen, um die weiteren Schritte einzuschätzen.
Die Tür stand, einen Spalt, verführerisch offen, wie die Beine einer Frau, der ein Mann gefällt.

10/21 PGF

Ruby (2)

2.

Ich suchte den Namen zwischen den etwa 20 Klingelschildern des Mietshauses und drückte die Taste, als ich ihn fand.
Ich wartete.
Der Buzzer brummte nicht.
Ich drückte gegen die Tür und sie sprang auf.
Okay, mutig, wer in Berlin-Gesundbrunnen seine Ausgangstür nicht absperrt. Aber vielleicht gab es einfach, bei keinem der Bewohner, etwas zu holen.
Mir konnte es recht sein, wenn mich in der Wohnung niemand hörte, kam ich wenigstens ins Haus.
Ich rückte mein Dress zu Recht und sah an mir herunter, ob alles gut verpackt war.
Wie beim Essen, isst auch beim Sex, das Auge mit, wobei damit nicht gesagt ist, was dem Auge gefällt. Die Geschmäcker der Männer gehen da weiter auseinander, als Standard-blond und Standard-schlank vermuten lassen.
Ich kenne meine Vorzüge und Schwächen gut und verpacke sie entsprechend. Meine Brüste zum Beispiel sind recht klein, aber schön. Also symmetrisch, fest und passen zu meiner Schulterpartie. Am meisten stehen die Männer auf meinen Hintern, weil er knackig und rund, wie ein frischer Apfel ist und die Haut schön glatt. Wechselduschen und viel Sex, empfehle ich, damit er sich so entwickelt.
Mit meiner Pizza-Tasche in der Hand, betrat ich das Haus. In der Tasche, die aussah, wie die Thermoboxen, mit denen man sein geliefertes Essen bekommt, war natürlich etwas anderes, als Essen, aber das sollte den Kick, beim »Ihre Lieferung« erhöhen.
Ich ging das dunkle Treppenhaus hinauf, bis in den 2. Stock. Ich war froh, dass die Namensschilder an den Klingeln neu ausgesehen hatten und im Haus, vor einigen Wohnungstüren, Kinderwagen standen, sonst wäre ich vermutlich umgedreht, weil das Haus ansonsten wirkte, als stünde es, über alle Etagen, leer.
Ich erreichte die Wohnung, die mir der Kunde per Mail mitgeteilt hatte: »Stockholmer Straße, 2. Etage, Wohnung 4« und wollte eben klingeln, als ich sah, dass die Wohnungstür, einen Spalt offenstand.
Ich merkte, wie sich langsam Unbehagen einstellte, obwohl ich es gewohnt war, mich auf fragliche Verabredungen einzustellen. Als Sexworkerin war ich gewissermaßen auch Löwenbändigerin und, wenn der Kunde auf dumme Gedanken kam, war es wichtig, nicht auf kleines Mäuschen zu machen, sondern die Peitsche knallen zu lassen. Ich hatte deshalb extra einen Kurs in Selbstverteidigung für Frauen besucht. Ich meine es hätte sich »Krav Maga« genannt.
»Sei schnell und brutal.« Hatte uns der Lehrer eingebläut.
Das nahm ich mir vor.
»Ihre heiße Pizza!« Rief ich.
Stille.
Ich schob die Tür auf.
Im Flur, ein kleines Quadrat, dass in drei Räume führte, vermutlich Bad, Küche und Wohnzimmer, an dass sich, wie ich annahm, das Schlafzimmer anschloss, herrschte ein muffiger Geruch nach nassen Socken und alten Schuhen.
Der sollte mal lüften, dachte ich und: den muss ich bestimmt zum Duschen schicken.
Ich nahm die Tür gerade aus, die mir am ehesten in den Wohnbereich zu führen schien. Etwas an der Tür, ich kann nicht sagen was, verriet mir das.
Ich hoffte, er hatte ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Es gab keinen schlechteren Sex, als auf einem Bettsofa. Danach hatte ich meistens Rückenschmerzen.
Ich klopfte an die nächste Tür, schob sie auf und sagte, um im Thema zu bleiben: »Die Pizza, heiß und feucht.«
Keine Antwort.
Ich betrat das Wohnzimmer.
Es war erfreulich hell, mit großen Fenstern und Bücherregalen, die alle Wände füllten. In der Mitte stand eine Sofa-Landschaft mit Sessel, um einen Tisch gruppiert.
Wie ich erhoffte hatte, zweigte, aus dem Raum, eine Tür, zu einem weiteren Raum ab. Aber so weit kam ich gar nicht.
Als ich um die Sofaecke schaute, entdeckte ich meinen Freier.

10/21 PGF

Ruby (1)

1.

Ich machte ausschließlich Hausbesuche. Das war etwas ungewöhnlich in meiner Branche, weil tendenziell eher gefährlich. Aber ich sah zwischen mir und der Fußpflegerin oder dem Physiotherapeuten, der das macht, keinen großen Unterschied.
Kunde ist Kunde, war mein Credo und abenteuerlustig war ich schon als Kind. So dass der knifflige Punkt: erwartet mich ein Freier oder Psychopath, für mich, einen besonderen Kitzel darstellte, den ich tatsächlich genoss.
Für die Arbeit als Sexworkerin hatte ich mich aus mehreren Gründen entschieden: Lust am Dienen (ich mache Menschen gerne glücklich), Lust an der Macht (Man hat die meisten Männer, durch nichts mehr in der Hand, als dem Wissen, wie sie zu befriedigen sind), Lust an der Lust (tatsächlich erregt es mich, jemand zu erregen – außer derjenige hat eine Glatze, Glatzen törnen mich ab). Und 160,- € die Stunde, wodurch ich ab Mittwoch bereits Wochenende hatte. Das war cool: ich liebe Wochenende.
An diesem Tag hatte ich einen Termin in der Stockholmer-Straße in Gesundbrunnen.
Ich war vor vier Jahren von Glasgow nach Berlin gekommen, weil ich wusste, was ich werden wollte: Sexworkerin! Berlin schien mir dafür perfekt geeignet: viele Politiker, viele Unternehmer, Kongresse, Big Business und mehr. So flott und einfach, wie ich dachte, war es nicht geworden, aber ich hatte ein gutes Auskommen und einen gut gebuchten Terminkalender.
Für die Verabredung, an diesem Tag, trug ich eine recht amüsante Kleidung: ein kurzes grünes Röckchen, ein weißes T-Shirt mit roter Aufschrift »Toni´s Pizza, die schärfste der Stadt«.
Ich brachte natürlich keine Pizza und es gab auch keinen Toni, aber für unser Rollenspiel, gehörte das zur Ausrüstung.
Der Mann, den ich besuchte, war ein neuer Kunde.
Bei neuen Kunden war die Spannung doppelt so groß, weil ich immer damit rechnete, es könnte der Traummann sein, aber nie ausschließen konnte, dass es ein fetter, ungeduschter, alter Mann war, der nach Fußschweiß roch.
In meiner Kontaktanzeige stand zwar »gepflegtes Äußeres vorausgesetzt«, aber das schienen einige Männer zu überlesen.
In der »Plumpe« war die Lage nicht so, dass ich damit rechnen konnte, in einer Villa empfangen zu werden. Aber die Stockholmer Straße bot, auch, wenn das meiste Mietskasernen waren, noch ein paar gepflegte Gebäude, sodass ich darauf hoffen konnte, dass der Kunde mir meine Dienste zahlen und nicht erst zum Duschen musste, ehe ich ihn verwöhnte.
Ich parkte meinen roten Corsa, auf dem nächsten freien Parkplatz, in der Nähe der Hausnummer, zu der ich musste und kontrollierte im Rückspiegel, meine Schminke: dezent, und meine Vorzüge hervorhebend. Nicht nuttig, sondern stilvoll. Nur Frauen, die Männer etwas versprechen, was sie nicht halten können, schminken sich nuttig.
Es war gut, dass ich nicht weit zu Fuß hatte, denn als nicht-Pizza-Botin, war es doof auf der Straße nach einer Bestellung angesprochen zu werden.
»Ach, wenn ich Sie gerade sehe, könnten Sie noch eine Pizza-Salami in die blablabla Straße X bringen. Ich bin Zuhause bis Sie da sind.«
»Ich liefere keine Pizza.«
»Aber Sie sind doch Pizza-Botin.«
»Nicht in echt.«
War einfach ein doofer Dialog.
Der war zu vermeiden, wenn ich kaum mehr als 20 Meter zu gehen hatte. Außerdem kam heute die Uhrzeit dazu: Wer bestellte an einem Novembernachmittag um Vier, schon eine Pizza?

10/21 PGF

Indigo (3)

3.

Trotz der angespannten Stimmung durfte ich bleiben. Ich hatte den Eindruck, dass, solange die Option bestand, dass es bei mir etwas zu holen gab, Hope es sich nicht mit mir verscherzen wollte.
Wir saßen stumm auf unseren Plätzen. Durch das Panoramafenster sah ich, wie im Colombia River die Sonne schimmerte.
Ich hatte mich aufgeführt, wie ein alter Idiot. Wäre ich 14 gewesen, ich hätte auch kein Wort mehr, mit mir gewechselt. Ganz im Schema: alt gleich oben, jung gleich unten, war ich aufgetreten. Als könnte ich in Lennons Zimmer spazieren und ihm sagen, was er zu tun habe. Ziemlich arrogant.
Ich warf einen Blick nach ihm. Es war ein schmächtiger Junge, sehr nachdenklich, wie mir schien. Hätte er es formulieren können, hätte er vermutlich erklärt, dass er in der Welt noch nicht richtig angekommen war und eher noch in den Wolken hing, als auf der Erde. Ja, er war eher Geist als Materie. Er sah nicht aus nach Mädels, Party und Auto-Werkstatt, sondern nach Zweifel, Transzendenz und Programmiersprache.
»Lennon?«
Er reagierte nicht sofort.
Dann leise und – sachlich: »Ja?«
»Könntest du mir zeigen, woran du gerade warst. Es dürfte mir schwerfallen, Miss Dorset zu folgen, wenn ich nicht genau weiß, was du tust.«
»Darüber hätten Sie sich vorher informieren sollen.«
»Punkt für dich. Das werde ich mit dem Mann klären, der mich hergeschickt hat.«
Er zögerte.
Und wollte nicht unfair sein.
»Kommen Sie! Ich zeige Ihnen kurz, was ich aktuell mache. Um alles zu erklären, reicht die Zeit nicht.«
Er nahm mich mit in sein Zimmer. Bot mir einen Stuhl, neben seinem PC-Schreitisch und setzte sich dann in seinen Bürostuhl.
Er drückte eine Taste und auf dem Monitor entstand Leben.
»Das Spiel, welches ich heute spiele heißt »Rome«. Es ist der 2. Teil einer Serie, eines Herstellers der sich ausschließlich mit Strategiespielen beschäftigt.«
»Sieht ganz cool aus. Ich bin bei »Mario Bros.« stehen geblieben und dachte man trainiert heute hauptsächlich für den nächsten Amoklauf.«
Er lächelte knapp.
»Da denken Sie vermutlich an »Counterstrike«, auch schon veraltet.«
Er wandte sich dem Bildschirm zu.
»Da haben Sie viel verpasst. »Rome« ist ein Strategiespiel, in dem man den Aufstieg Roms zu einem Imperium nachspielen kann. Man hat diese Karte«, er ließ den Cursor über den Bildschirm huschen, sie sah aus, wie eine Weltkarte, »auf der man seine Truppen verschiebt, Spione einsetzt, Verhandlungen führt. Und diese«, er wählte eine der Truppen aus und die Szenerie wechselte auf ein Schlachtfeld, »auf der man seine Heere in die Schlacht führt. Wetter, Jahreszeit, Tageszeit, Stellung, das alles spielt eine Rolle. Wer seine Bogenschützen, an vorderste Front, in eine Senke stellt, während auf einer Anhöhe Kavallerie wartet, ist schon verloren.«
Ich war beeindruckt.
»Klingt, als wäre das eine peppigere Version von Schach.«
Lennon nickte.
»Finde ich auch.«
Seine Stimme klang froh, dass ich das so sah.
»Und du weißt, dass du für die Army trainierst.«
Seine Züge spannten sich.
»Das weiß ich. Die Armee ist auf der Suche nach dem nächsten Superstrategen, deshalb rekrutieren sie früh Spieler wie mich. Es ist kein Unterschied zu den Football-Clubs, die den Nachwuchs so früh, wie möglich, für ihr Team gewinnen wollen. Gesucht wird die Elite der Spieler. Aktuell trainiere ich sechs Woche Strategie, damit will man herausfinden, wie komplex und vorrausschauend ich denken kann. Anschließend folgt ein Block mit Shooter, bei denen ich Reflexe und Orientierung unter Beweis stellen muss. Insgesamt dauert das Förderprojekt zwei Jahre.«
»Und du findest das gut?«
»Klar ich kann zocken.«
»Aber das würdest du für die Army nicht tun.«
Er versetzte das Spiel wieder in Pausenmodus und schnaufte.
»Wir brauchen das Geld und meine Mum – sie – glaubt an mich.« Er wirkte unsicher, ob er weitersprechen sollte. »Meine Mutter meint, ich sei ein Indigokind. Sie ist fest überzeugt, dass aus mir etwas ganz Besonderes wird. Mein Onkel, der uns bislang unterstützt hat, hält das für Unsinn. Mum und er haben sich deswegen zerstritten. Sie will kein Geld mehr von ihm.«
»Wo ist dein Vater?«
»Das weiß ich nicht.«
Ich dachte, an meinen Dad: manchmal war das besser so.
»Also gibt es nur dich und deine Ma´?«
»Sie baut auf mich und ich bin gut. Ich habe in »Rome« schon fast alle Konkurrenten beseitigt. Mir gehört beinah ganz Europa. Wenn ich noch vier, fünf Tage, meine Gebiete erweitern kann, geht die 1. von 10 Runden an mich.«
»Also spielst du gegen andere Jungs, die ebenfalls in diesem Programm stecken?«
»Ja, die haben extra einen Multiplayer eingeführt, damit wir uns besser messen können.«
»Wie viele seid ihr?«
»Das erfährt man nie ganz genau, weil auch einige Bots dabei sind. Aber ich denke, 30 dürften wir sein.«
Was für eine Scheiße, dachte ich. Das ist ein Schritt extremer, als: »We want you!«

05/21 PGF

Indigo (1)

1.

Der Schlachtenlärm schien nie ganz zu verstummen. Es waren die Rufe von Männern zu hören, das Schlagen von Metall auf Metall, Schreie der Verwundeten, die Stille der Toten. Niemand stoppte es je!

Die Geräusche drangen so täuschend echt, durch die dunkle Eichentür, dass ich fast annahm, in das blitzende Metall eines Schwertes zu starren, wenn ich die Tür öffnete.

Als sie offen war, blickte ich in ein sehr geräumiges. modernes Teenager Zimmer, in dem ein Junge – er konnte zwischen 12 und 15 sein – konzentriert auf zwei Bildschirme starrte, über die eine antike oder mittelalterliche Kampfszene flimmerte, die aus einer Highend-Anlage perfekt akustisch untermalt wurde.

Seine Mutter, hinter mir, versuchte mich zu bremsen.

»Sir, ich bin nicht sicher, ob wir ihn während des Trainings unterbrechen sollten.«

Ich wandte mich ihr lächelnd zu.

»Keine Sorge, ich tue ihm nichts. Mein Bekannter war nur fest überzeugt, dass ich Ihnen beiden einen Gefallen tue, wenn ich mich kurz mit ihm unterhalte.«

Genau genommen hatte Crunchy gesagt: »Hol den Jungen! Denk daran was Mercer uns, beim Frühstück erzählt hat, als die Welt noch in Ordnung war, zwischen uns. Die Elite rekrutiert ihren Nachwuchs auf ganz anderen Wegen. Dieser Junge, ist ein ganz schäbiges Beispiel.«

Mir war eigentlich nicht nach einem Auftrag. Ich hatte die Sache mit Mercer noch nicht ganz verdaut und vermisste Beth jeden Morgen, wenn ich wach wurde und am Abend halfen mir nur Johnny und Jack, sie zu vergessen.

Aber Crunchy hatte darauf gedrängt, dass ich die Adresse nahm, vermutlich auch, um mich abzulenken und aus dem Selbstmitleid zu kicken.

Als ich, auf dem Zettel, Portland las, streckte ich ihn Crunchy wieder entgegen.

»Keine Chance! Ich gehe nicht wieder nach Maine, die Sache mit Jez-«.

Er nahm den Zettel nicht.

»Keine Sorge, wir reden von Portland in Oregon, nicht in Maine. Außerdem bist du nicht direkt dort, sondern in Corbett, einer kleinen Gemeinde in der Nähe.«

Ich steckte den Zettel ein, weil ich gerade nicht die Durchsetzungskraft hatte, Crunchy so lange auf die Nerven zu gehen, bis er nachgab.

Das war vor drei Tagen.

Ich machte mich von der Mutter des Jungen los, durchquerte das Zimmer und tippte ihm, etwas eindrücklich auf die Schulter.

Sein Kopf schoss herum, als sei eine der digitalen Figuren, aus dem Monitor geschlüpft und schwinge ihr Schwert hinter ihm.

»He! Sie? Mum – wer ist das?«

»Ich bin Joe. Ich konnte deine Mutter überreden, dass wir uns mal kurz unterhalten. Nimm es ihr nicht übel, dass ich nicht erst nach einem Termin gefragt habe. Mit 12 -«.

»14!«

»Egal, ob 12 oder 14: als Teenager, sollte man kurz die Daddelkiste abstellen können.«

Er sah an mir vorbei, zu seiner Mutter.

»Er weiß schon, dass ich hier arbeite. Ich muss die Schlacht am Nil, bis heute fertig gestellt haben, um im Zeitplan zu bleiben.«

Was für eine Jugend, dachte ich entsetzt.

»Erzähl mir kurz was du machst, weshalb du einen Zeitplan hast und schon bin ich weg.«

Er sah mich kritisch an.

»Und für wen arbeiten Sie?«

»Eine Art Jugendbehörde.«

»Weiß Miss Dorset von ihm?«

Er sah wieder an mir vorbei.

Wer ist Miss Dorset, dachte ich. Crunchy hatte sie nicht erwähnt. Aber es war ja auch nicht untypisch für ihn, mir das entscheidende Detail vorzuenthalten.

Die Mutter des Jungen musterte mich.

»Ja. Stimmt. Haben Sie Miss Dorset informiert?«

Ich lächelte breit und sagte: »Natürlich!«

Aber die beiden glaubten mir nicht.

05/21 PGF


Gestra (3)

3.
Die junge Frau war vielleicht Ende zwanzig. Eine kleine, unscheinbare Person, deren weibliche Existenz ich, bis ich knapp 40 war, gar nicht zur Kenntnis genommen hätte. Ihr Haar war nicht lang und nicht kurz, nicht blond, nicht schwarz, ihre Brille machte unkenntlich, ob sie hübsch war, ihre Bekleidung betonte nix und ihre Stimme transportierte nichts als Worte. Lange waren solche, wie soll ich sagen, schlichte, einfache Frauen, neutrale Lebewesen für mich, deren Aufgabe darin bestand, als Sekretärin, als Verkäuferin beim Bäcker oder als Assistentin beim Zahnarzt, den Laden menschlichen Lebens ab Laufen zu halten. Wer sich mit ihnen fortpflanzen mochte, konnte das tun, bedeutungsfrei würde das Ergebnis bleiben.
Erst später, ja ich denke um die 40, hatte ich diese recht primitive Sichtweise überdenken gelernt und eingesehen, dass ich vielleicht mit einer solchen Frau hätte glücklich werden können, wäre ich in der Lage gewesen, mich in sie zu verlieben, beziehungsweise von ihnen geliebt zu werden.
In dem Alter, in dem ich mich befand, zeigte ich mich höflicher.
»Hallo Miss, entschuldigen Sie – ich dachte das Schild – ich dachte es wäre okay, mir das hier anzusehen. Aber scheint wohl ein altes Schild.«
Sie betrachtete mich skeptisch.
»Mit Verlaub«, sie sah an mir hoch und runter, »sie sehen nicht aus, wie einer unserer üblichen Besucher, die sich über die Sternwarte informieren wollen. Haben Sie unsere Homepage besucht? Da kann man sich anmelden.«
Ich räusperte.
»Ach, wissen Sie: ich war eher zufällig in der Gegend und musste meinen Wagen da hinten«, ich zeigte die Straße zurück, »stehen lassen und auf der Suche nach der nächsten Stadt oder Tankstelle kam ich hier vorbei und da dachte ich«.
»Sie schauen mal rein, verstehe. Aber da hatten sie etwas Pech, Sir. Wären sie statt nach Norden, nach Süden gelaufen, wären Sie nach kurzer Strecke bereits bei einer Tankstelle angekommen. Aber jetzt lohnt sich umkehren nicht mehr. Sie sind fast in Kennebunk.«
»Wo?«
»Kennebunk! Sie wissen schon, wo sie überhaupt sind?«
Jetzt wirkte sie etwas beunruhigt.
Ich hatte ehrlich begonnen und so wollte ich es weitermachen.
»Nein, Miss. Nicht genau. Ich hatte eine wilde Nacht. Ich bin wohl in einem Zustand gefahren, in dem man besser nicht fährt. Aber die Sternwarte hat mich wirklich interessiert. Auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie sie aus diesem kleinen Hüttchen die Sterne beobachten wollen.«
Meine Ehrlichkeit beruhigte sie nicht, aber sie nahm sie zur Kenntnis.
»Da kann ich Ihnen nur recht geben: Don´t drink and drive! Aber worin Sie sich irren, ist beim Eindruck unserer Anlage. Es sind sogar zwei Teleskope darin. Der obere Teil des Gebäudes ruht auf Schienen, wir können ihn wegfahren und die Sterne beobachten. Wir verfügen über ein Meade LX200 und ein f/15 Zeiss-Jena mit dem wir auch, im Tageslicht die Sonne beobachten können. Aber ich vermute mal, das sagt Ihnen beides nicht viel.«
Wäre ich jünger gewesen, wäre ich vermutlich rot geworden. So senkte ich nur den Blick.
»Da haben Sie recht. Sagt mir leider gar nichts. Wissen Sie ich habe mich für die Sterne immer interessiert und wollte irgendwann lernen die Sternbilder zu lesen, aber ich habe mir nie die Zeit genommen. Irgendwie war ich immer mit dem irdischen Handgemenge beschäftigt und kam nicht dazu, nachts nach den Sternen zu sehen.«
Zum ersten Mal lächelte sie, ein wenig.
»Das ist aber schade. Da haben Sie viel verpasst. Deshalb bieten wir hier Schulungen an. Meist, am nächsten Freitag nach Neumond, außer, wenn es regnet. Wir haben schon über 20000 Schüler und Erwachsene informiert und geschult. Wenn Sie in der Gegend Urlaub machen, können Sie beim nächsten Treffen, ist in drei Tagen, gerne dabei sein.«
»Das Miss ist sehr nett.«
»Können Sie mal aufhören mich Miss zu nennen? Aus welchem Jahrhundert sind Sie? Ich heiße Jez.«
»Wie die Musik?«
»Nein, von Jezebel.«
»Das war doch ein Lied von Sade?«
»Ja, eines der Lieblingslieder meiner Mutter.«
Ihrer Mutter! Scheiße, ich war älter, als die Sphinx.
»Und Sie sind?«
»Joe. Joe aus dem letzten Jahrhundert, wenn Sie so wollen. Und, ja das wäre nett. Aber ich weiß noch nicht, wie lange ich in der Gegend bin.«
»Wie Sie wollen. Aber, wenn Sie bleiben, können wir uns, um ihren Wagen kümmern und vielleicht hätte ich sogar ein nettes Zimmer für Sie, in Kennebunk. Ich wohne dort.«
Totsaufen in Kanada oder ein Zimmerchen in Kennebunk – na, Joe? Wie wählst du? Fragte ich mich im Stillen, voller Selbstverachtung.
»Also, Miss – sorry, ich meine Jez. Ich weiß nicht, ob ich drei Tage bleibe. Aber das mit dem Auto wäre cool. Ich würde dich gerne zum Essen, vielleicht zum Frühstück einladen. Wenn das nicht zu viel ist.«
»Nein, gar nicht. Mein Wagen steht da hinten. Ich wollte nur ein paar Flaschen Wasser für den Freitag schon mal abstellen. Heute kannst du hier nicht viel mehr sehen. Ist ein bisschen Aufwand, dass Dach wegzuschieben.«
»Keine Mühe!«
»Also fahren wir?«
»Ja, cool, komm!«

01/21 PGF

3.
The young woman was perhaps in her late twenties. A small, inconspicuous person whose female existence I would not have noticed until I was almost 40. Her hair was not long and not short, not blond, not black, her glasses made unrecognizable whether she was pretty, her clothing emphasized nothing and her voice transported nothing but words. For a long time such, how shall I say, plain, simple women, were neutral creatures for me, whose task was to keep the store of human life running as a secretary, as a saleswoman at the bakery or as an assistant at the dentist. Who liked to reproduce with them, could do that, the result would remain meaningless.
Only later, yes I think around 40, I had learned to rethink this rather primitive view and realized that I might have been happy with such a woman, had I been able to fall in love with them, respectively to be loved by them.
At the age I was, I showed myself more polite.
„Hello miss, sorry – I thought the sign – I thought it would be okay to look at this. But seems like an old sign, I guess.“
She looked at me skeptically.
„With respect,“ she looked me up and down, „you don’t look like one of our usual visitors who want to find out about the observatory. Have you visited our home page? That’s where you can sign up.“
I cleared my throat.
„Oh, you know: I was in the area rather by chance and had to leave my car back there,“ I pointed back down the road, „and looking for the next town or gas station I came by here and so I thought.“
„You’ll take a look, I see. But you were a little unlucky there, sir. If you had gone south instead of north, you would have arrived at a gas station after a short distance. But now it’s not worth turning back. You’re almost at Kennebunk.“
„Where?“
„Kennebunk! You do know where you are anyway?“
Now she looked a little worried.
I had started honestly and that was how I wanted to keep it going.
„No, miss. Not exactly. I had a wild night. I guess I was driving in a state where it’s better not to drive. But the observatory really interested me. Also, because I can’t imagine how you’d want to watch the stars from that little shack.“
My honesty did not reassure her, but she took note of it.
„I couldn’t agree more: Don’t drink and drive! But what you are wrong about is the impression of our facility. There are actually two telescopes in it. The top one rests on rails, and we can drive it away and watch the stars. We have a Meade LX200 and an f/15 Zeiss-Jena with which we can also, in daylight observe the sun. But I guess that doesn’t mean much to you either way.“
If I had been younger, I probably would have blushed. As it was, I just lowered my gaze.
„You’re right about that. Doesn’t mean anything to me, I’m afraid. You know I’ve always been interested in the stars and wanted to learn to read the constellations at some point, but I never took the time. Somehow I was always busy with the earthly melee and never got around to looking at the stars at night.“
For the first time, she smiled, a little.
„That’s too bad, though. You missed a lot there. That’s why we offer training here. Mostly, the next Friday after the new moon, unless it rains. We have already informed and trained over 20000 students and adults. If you are vacationing in the area, you are welcome to attend the next meeting, is in three days.“
„Miss – thats very nice.“
„Can you stop calling me Miss? What century are you from? My name is Jez.“
„Like the music?“
„No, like Jezebel.“
„That was a song by Sade, wasn’t it?“
„Yes, one of my mother’s favorite songs.“
Her mother! Shit, I was older than the Sphinx.
„And you are?“
„Joe. Joe from the last century, if you will. And, yeah that would be nice. But I don’t know how long I’ll be around yet.“
„Suit yourself. But, if you stay, we can, take care of your car and maybe I’d even have a nice room for you, in Kennebunk. I live there.“
Boozing it up in Canada or getting a room in Kennebunk – well, Joe? How do you choose? I asked myself silently, full of self-loathing.
„Well, miss – sorry, I mean Jez. I don’t know if I’ll stay three days. But the car thing would be cool. I’d like to take you out to dinner, maybe breakfast. If that’s not too much.“
„No, not at all. My car’s back there. I just wanted to put a couple bottles of water down for Friday already. You can’t see much else here today. It’s a bit of a hassle to push that roof away.“
„No effort!“
„So we’re driving?“
„Yeah, cool, come on!“

01/21 PGF

Gestra (2)

2.
Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich konnte nach Süden laufen oder nach Norden, wenn ich der Straße folgen wollte. Um mich herum waren Ackerland und kleine Waldstücke, mehr war nicht zu sehen. Wie so oft im Leben, hatte ich mich eigentlich nur zwischen zwei Option zu entscheiden und doch führte jede, unweigerlich zu einem völlig anderen Ergebnis.
Es wäre alles anders gekommen, hätte ich mich entschieden, der Straße nach Süden zu folgen, denn dann wäre ich, nach nur einer halben Meile, bei einer Tankstelle mit Pizzaladen gelandet und hätte in der Folge – und ja, so drastisch ist es – ein anderes Leben geführt. Ich hätte den Eigentümer gebeten meinen Wagen abzuschleppen, hätte mir eine Pizza bestellt und wäre vermutlich weiter südlich, nach Sanford empfohlen worden, um mir dort meine Pläne neu zu überlegen.
Aber ich entschied mich für die Route nach Norden, die 5 Meilen lang war und nicht mit Pizza und Gemütlichkeit endete.
Nach etwa zwei Meilen, die mich durch eine große landwirtschaftliche Fläche geführt hatten, in deren Mitte ein Hof lag, kam ich an die ersten Schilder, die mir etwas bei der Orientierung halfen. Ich befand mich auf der Old North Berwick Road und konnte nach Westen in die Drown Lane abbiegen, wo sich ein Reiterhof für Integrative Therapie befand. Vermutlich hätte mir das nicht geschadet, aber der Sprung vom suizidalen Alkoholismus zur Reittherapie, war für einen Mann, von meiner Denkart zu groß. Deshalb entschied ich mich auf der Old North zu bleiben und kam nach kurzer Zeit an einer Farm vorbei, die auch Übernachtungen anbot. Aber der Name „Rest and Be“ versprach ebenfalls nicht das Motto, nachdem ich mich orientieren wollte.
Ich lief die Straße weiter, bis sie in einem Knick auf die Walker Road einbog, der ich nach Osten folgte. Die Walker die von Westen kam, lag zwischen zwei Wäldern eingeklemmt und schien mir dort ländlicher zu werden und mein Ziel war der nächste größere Ort, um von dort nach Portland zu kommen.
In diesem Sinn war die Entscheidung nicht ganz schlecht, denn vor mir zur Linken sah ich ein Wohnhaus und die Straße weiter, öffnete sich das Land und wirkte endlich etwas belebter.
Ich lief, zuversichtlich weiter und ignorierte eine Sackgasse zur Linken und die Cole Road zur Rechten und wäre wahrscheinlich in die Alewive Road eingebogen, die als nächstes zur Linken abzweigte, wenn ich nicht von der Kreuzung aus, dass unscheinbare und doch irgendwie auffällige Gebäude am Rand von Wald und Wiese entdeckt hätte, das mich neugierig machte.
Das Gebäude sah aus der Ferne aus, wie ein grauer Schuppen mit weißem Dach, in dem ein Oldtimer oder zwei Kühe stehen konnten, aber auf dem Feldweg der dorthin führte, stand in weißer Schrift, auf blauem Untergrund „Starfield Observatory“ und darüber „Astronomische Gesellschaft – Nördliches Neu England“.
Das war entweder ein großer Bullshit oder ich stand vor dem unscheinbaren Eingang zu einer gewaltigen, militärischen Großanlage, in der die eigentlichen Geheimnisse der Area 51 bewahrt wurden. Dafür allerdings fehlten die Selbstschussanlagen.
Ich bog auf den Feldweg ein, der mich in einer sanften Kurve zu dem Gebäude hinführte. Als ich näherkam, entdeckte ich, dass seitlich des grauen Gebäudes, sich ein kleines, nettes, rotes Gartenhäuschen befand, vor dem mit einem grünen Zaun abgegrenzt, vier Parkplätze angelegt waren.
Vor dem grauen Gebäude standen zwei Picknick-Bänke am Rand einer Kiesgrube, in der – und es gab nur diese beiden Möglichkeiten – satanistische Rituale abgehalten wurden oder am Wochenende ein Barbecue.
Ich stand jetzt nicht weit von dem Gebäude entfernt und konnte bereits den Türknauf und die Fenster an dem grauen Schuppen sehen. Noch immer blieb mir schleierhaft, was dieses schmucklose Gebäude mit einem Observatorium zu tun haben sollte. Außer – und davon war ich fest überzeugt – der ganze eigentliche Spaß lag unter der Erde. Kilometer lange unterirdische Straßen führten von Bunkerkomplex zu Bunkerkomplex, wo mit Antimaterie, Alienhaut und Quantenbomben experimentiert wurde.
Mit einem plötzlichen: »Hallo Sir! Was suchen Sie hier?« hatte ich gar nicht gerechnet.

PGF01/21

2.
I had two options: I could walk south or north if I wanted to follow the road. Around me was farmland and small patches of forest, that’s all there was to see. As so often in life, I really only had to decide between two options and yet each, inevitably led to a completely different outcome.
Everything would have been different if I had decided to follow the road south, because then I would have ended up, after only half a mile, at a gas station with a pizza store and as a result – and yes, it is that drastic – I would have led a different life. I would have asked the owner to tow my car, ordered a pizza, and probably been recommended further south, to Sanford, to rethink my plans.
But I decided to take the route north, which was 5 miles long and didn’t end with pizza and comfort food.
After about two miles, which had taken me through a large agricultural area with a farm in the middle, I came to the first signs that helped me get my bearings a bit. I was on Old North Berwick Road and could turn west onto Drown Lane, where there was an equestrian farm for Integrative Therapy. Probably wouldn’t have hurt me, but the jump from suicidal alcoholism to equine therapy, was too big for a man, of my way of thinking. So I decided to stay on Old North and after a short time passed a farm that also offered overnight stays. But the name „Rest and Be“ also did not promise the motto after which I wanted to orient myself.
I continued walking down the road until it turned in a bend onto Walker Road, which I followed east. Walker Road coming from the west was sandwiched between two forests and seemed to me to become more rural there, and my destination was the next larger town to get to Portland from there.
In that sense, the decision wasn’t all bad, because ahead to my left I saw an apartment building and down the road, the country opened up and finally seemed a little busier.
I walked on, confidently, ignoring a cul-de-sac to the left and Cole Road to the right, and probably would have turned onto Alewive Road, which branched off next to the left, if I hadn’t spotted from the intersection, that nondescript yet somehow striking building at the edge of the woods and meadow that made me curious.
The building looked from a distance like a gray shed with a white roof that could house an old-timer or two cows, but on the dirt road that led to it was written in white lettering, on a blue background „Starfield Observatory“ and above it „Astronomical Society – Northern New England“.
This was either a big bullshit or I was standing in front of the inconspicuous entrance to a huge, large-scale military facility where the real secrets of Area 51 were kept. For that, however, the self-propelled grenades were missing.
I turned onto the dirt road that led me in a gentle curve toward the building. As I approached, I discovered that to the side of the gray building, there was a small, nice, red garden house, in front of which, delimited by a green fence, were four parking spaces.
In front of the gray building, there were two picnic benches on the edge of a gravel pit, where – and there were only these two possibilities – Satanic rituals were held or, on weekends, a barbecue.
I was now standing not far from the building and could already see the doorknob and windows on the gray shed. It was still a mystery to me what this unadorned building should have to do with an observatory. Unless – and I was firmly convinced of this – all the real fun was underground. Miles of underground roads led from bunker complex to bunker complex, where experiments were being conducted with antimatter, alien skin and quantum bombs.
With a sudden, „Hello sir! What are you looking for here?“ I had not expected at all.

PGF01/21

Gestra / Gestra (1)

1.
Wow! Wow! Wow! Wo war ich? Die Flaschen auf dem Beifahrersitz verhießen jedenfalls nichts Gutes und auf dem Randstreifen, auf dem ich parkte, konnte man nur unbemerkt eine ganze Nacht stehen, wenn es sich um eine verdammt verlassene Landstraße im Nirgendwo handelte – also war ich im Nirgendwo!
Ich setzte mich aufrecht, bog meinen Kopf von rechts nach links, um meine Muskeln zu dehnen und schüttelte meinen rechten Arm, weil mir die Hand eingeschlafen war. Statt nach nichts fühlte sie sich Sekunden später an, als wäre ein Schwarm Bienen über sie hergefallen.
Ich lehnte mich vor bis ich meine Stirn auf dem Lenkrad ablegen konnte und nahm ein paar schwere Atemzüge.
Das Letzte woran ich mich erinnerte, war ein Autobahnschild Richtung New York, an dem ich vorübergefahren war. Ich hatte lauthals „If you can make it there, you make it everywhere“, gesungen und die Zeile fortgedichtet in „but I won´t make it there, and will it make nowhere“, und Gas gegeben Richtung Norden.
Um nach?
Um nach Portland zu kommen. Ja, das war der Plan gewesen. Ein Plan ohne Sinn, aber zumindest mit Ziel.
Ich öffnete die Fahrertür und mit der frischen Luft, wurde mir der saure Gestank nach faulem Atem bewusst, den ich im Wagen angesammelt hatte.
Ich stieg aus. Ging ein paar Schritt vom Auto weg und pinkelte an den Wegrand.
Während meine Blase sich wohltuend erleichterte, dämmerte mir ein weiterer Gedanke: Ich war mit einem Auto unterwegs. Ich war gefahren! Gott verdammte fast 1600 Meilen von Miami, bis fast nach Portland. Womit „Nirgendwo“ eine neue Definition erhielt: ich war in Maine und ich hatte eigentlich bis Portland durchfahren wollen. Aber irgendwann war der Whiskey doch zu viel geworden und, weil ich ein vorsichtiger Fahrer ohne Führerschein bin, bin ich wohl an die Seite gefahren, als ich die Spur nicht mehr halten konnte.
Gut gemacht, Joe. Sehr gut.
Durch den Nebel drängten neue Gedanken: Wenn ich weiterfahren wollte, musste ich erst einen Schluck trinken. Ohne Alkohol hatte ich gar nicht den Mumm dazu. Beth? Beth war verschwunden und ich hatte nichts dagegen tun können. Weil dieser Mistkerl einfach viel zu groß war, als dass ich ihm hätte an die Hauswand pinkeln können, um sie zu retten.
Und Crunchy – der saß vermutlich in einem Bunker und hoffte, dass der Sturm vorüberging, den wir gesät hatten.
Da meine Blase endlich leer war, zwängte ich meinen Penis durch den Reißverschluss nach innen, sorgte dafür, dass er bequem in der Unterhose verschwand, ehe ich den Reißverschluss hochzog und ihn in Gefahr brachte eingeklemmt zu werden.
Ich sah die Straße in beiden Richtungen entlang und war mir sicher, dass dies nicht der Highway nach Portland war. Es war zu zu still und ich sicher, noch ein Stück, von der Stadt entfernt.
Okay, ich musste jetzt erstmal drei Dinge klären: Weiterfahren? Weitersaufen? Warum Portland?
Der letzte Punkt war am einfachsten: Portland einfach so. Ich hatte eigentlich nach Kanada gewollt, um mich in Kanada, in einer einsamen Blockhütte zu Tode zu saufen. Ja, das war ein Detail des Plans. Aber der war dumm. Also, dass zu Tode saufen. Nicht Kanada. Kanada war okay. Viel Land, wenig Menschen, eine gute Mischung. Das Weitersaufen würde ich auch erstmal lassen. Ich trank gern und ich trank vermutlich zu viel, was ich aber gar nicht leiden konnte, waren Filmrisse. Ich war gern Herr über mein Leben und Handeln. Dass war ich wohl seit einigen Tagen nicht mehr. Die Flaschen auf dem Beifahrersitz waren alle leer. Mal sehen was im Kofferraum war.
Ich öffnete den Kofferraumdeckel und blickte auf 3 6-er-Packungen Jack-Daniels, noch ordentlich verpackt in weißem Karton mit schwarzer Beschriftung. Ich schlug den Kofferraumdeckel wieder zu und ging zur Fahrertür. Schloss auch die und sperrte ab. Ich ging nach vorne an meinen Wagen und fotografierte das Nummernschild mit dem Handy.
Dann zog ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch. Es war Oktober und der Morgen kalt.
Ich lief los.
Manchmal war, alles stehen und liegen lassen, der einzig mögliche Weg, um neu anzufangen.

01/21 PGF

1.
Wow! Wow! Wow! Where was I? Anyway, the bottles on the passenger seat didn’t bode well, and the shoulder I was parked on could only be unnoticed for an entire night if it was a damn deserted country road in the middle of nowhere – so I was in the middle of nowhere!
I sat up straight, bent my head from right to left to stretch my muscles, and shook my right arm because my hand had fallen asleep. Instead of feeling like nothing, seconds later it felt like a swarm of bees had descended upon it.
I leaned forward until I could rest my forehead on the steering wheel and took a few heavy breaths.
The last thing I remembered was a highway sign heading for New York that I had passed. I had sung out loud, „If you can make it there, you make it everywhere,“ and continued the line into „but I won’t make it there, and will it make nowhere,“ and hit the gas heading north.
To get to?
To get to Portland. Yes, that had been the plan. A plan without meaning, but at least with a destination.
I opened the driver’s door and with the fresh air, became aware of the sour stench of foul breath I had accumulated in the car.
I got out of the car. Walked a few steps away from the car and peed on the side of the road.
While my bladder relieved itself pleasantly, another thought dawned on me: I had been driving a car. I had been driving! God damn nearly 1600 miles from Miami, almost to Portland. Which gave „nowhere“ a new definition: I was in Maine, and I had meant to drive all the way to Portland. But at some point the whiskey got to be too much and, being a cautious driver without a license, I guess I pulled over when I couldn’t keep my lane.
Good job, Joe. Very good.
New thoughts pushed through the fog: if I wanted to keep driving, I had to have a drink first. Without alcohol, I didn’t have the stomach for it. Beth? Beth had disappeared and there was nothing I could do about it. Because that son of a bitch was just way too big for me to pee on the side of his house to save her.
And Crunchy – he was probably sitting in a bunker hoping the storm we had sown would pass.
With my bladder finally empty, I squeezed my penis inside through the zipper, making sure it disappeared comfortably into my underpants before pulling up the zipper and putting it in danger of being trapped.
I looked down the road in both directions and was sure this was not the highway to Portland. It was too quiet and I sure, still a ways away, from town.
Okay, I had three things to figure out now: Keep driving? Keep drinking? Why Portland?
The last point was the easiest: Portland just because. I had actually wanted to go to Canada, to drink myself to death in Canada, in a lonely log cabin. Yes, that was a detail of the plan. But it was stupid. So, that drinking myself to death. Not Canada. Canada was okay. Lots of land, few people, a good mix. I would also leave the drinking for now. I liked to drink and I probably drank too much, but what I didn’t like at all were film tears. I liked to be the master of my life and actions. That I was probably no longer for a few days. The bottles on the passenger seat were all empty. Let’s see what was in the trunk.
I opened the trunk lid and looked at 3 6-packs of Jack-Daniels, still neatly packed in white cardboard with black lettering. I slammed the trunk lid shut again and went to the driver’s door. Slammed that too and locked it. I went to the front of my car and took a picture of the license plate with my cell phone.
Then I pulled up the zipper of my jacket. It was October and the morning was cold.
I started walking.
Sometimes, dropping everything was the only possible way to start over.

01/21 PGF

Rundgang / Round (1)

Ich drehte meine Runde jeden Abend und kontrollierte die Kleinigkeiten, aber auch das Überlebenswichtige. Sah nach, ob der Schuppen mit dem Feuerholz verriegelt war, ob im Kamin noch Feuer brannte, ob die Wasserrohre einfroren, ob die Fenster geschlossen und die Türen abgesperrt waren.
Es waren unruhige Zeiten. Jeder hatte noch alles, aber das mochte sich ändern und für die anderen: die Alten die Flaschen gesammelt hatten, die Säufer die für weiteren Schnaps bettelten und die Huren, die für eine goldene Zukunft ihre Seele verkauften, für die waren die Zeiten härter und erbarmungsloser und – mager geworden. Alles war verrammelt und verboten und versteckt und so sammelte sich das Leergut in Kellern, die Bettler gingen durstig durch die Straßen und die Betten der Huren blieben kalt.
Mich kümmerte das nicht. Ich hatte drei Dinge in meinem Leben hochgehalten: Ein Dach über dem Kopf, ein gesättigter Mager und zwei gesunde Arme und Beine, damit ich für Dach und Magen sorgen konnte. Der Rest, die Welt, die schienen mir schon lange dem Irrsinn verfallen. Zu den Sternen wollten sie, ihre Körper auf Knopfdruck verwandeln, bequem in Betten liegen und unterhalten werden. Das verstand ich nicht. Ich reiste auf einem Planeten um die Sonne, der Körper der mir geschenkt war, den formten der Wind und der Regen und, wenn mir im Wald der Wolf begegnete, dann war ich gut unterhalten, solange meine Flinte rechtzeitig zündete.
Damit das so blieb, machte ich meinen abendlichen Rundgang. In den letzten Tagen auch, um den vielen Schnee, um das Haus im Blick zu behalten, damit er mir nicht irgendwann eines morgens die Tür versperrte oder das Dach zum Einbruch brachte. Aber davon war ich glücklicherweise noch ein Stück entfernt. Der Schnee lag kniehoch, wie eine ordentliche Decke auf der schlafenden Erde und da es die letzten Tage sehr kalt geworden war, rechnete ich nicht mit neuem Schnee.
Ich packte das Schloss zum Hühnerstall und rüttelte daran. Fest! Sowohl der Riegel, als auch das Schloss hielten ihr Versprechen, dass mir weder ein Ei noch ein Huhn gestohlen wurden. Jetzt musste ich nur noch die Rückseite des Hauses kontrollieren, dann konnte ich zurück in meine Hütte und an den warmen Ofen.
Ich hatte im Schnee, schon lange Schritte vermutet. Jetzt waren sie da. Es war ein sonderbares Gefühl, wie meine Sicherheit verloren ging. Man vertraut dem Leben. Das ist so. Man vertraut ihm, dass es gut mit einem meint. Alles Böse in der Welt entsteht, wenn das Leben dieses Vertrauen enttäuscht. Je jünger der Mensch, umso schlimmer die Enttäuschung.
Deshalb hielt sich meine Enttäuschung in Grenzen. Ich war ja schon ein paar Winter alt. Trotzdem fühlte ich die Entrüstung, dass ich hier, in der Ruhe und Abgeschiedenheit, wohl nicht weiterleben konnte.
Ich ging näher hin und sah mir die Spuren an, die nicht von mir sein konnten. Sie kamen aus dem Wald und gingen zum Haus hin. Sie waren von einem Zweibeiner und die Schrittlänge legte nahe, von keinem klein gewachsenen. Was mich irritierte war die Form der Füße. Als wäre jemand auf Stelzen gegangen, auf Stelzen und manchmal schwebend, denn die Spur war nicht überall tief eingesunken, sondern, als hätte mancher der Schritte nur ganz zart aufgesetzt.
Ich nahm meine Flinte von der Schulter und setzte meinen Weg fort. Im Wald schrie ein Kauz und von den Zweigen rutschte der Schnee, dessen Gewicht sie nicht mehr halten konnten.

12/20 PGF

I made my rounds every evening, checking the little things, but also the essentials for survival. Checked if the shed with the firewood was locked, if there was still a fire in the fireplace, if the water pipes froze, if the windows were closed and the doors locked.
Those were troubled times. Everyone still had everything, but that might change and for the others: the old people who collected bottles, the drunkards who begged for more liquor and the whores who sold their souls for a golden future, for them times had become harder and more merciless and – lean. Everything was barricaded and forbidden and hidden and so the empties gathered in cellars, the beggars went thirsty through the streets and the beds of the whores remained cold.
I did not care. I had held three things high in my life: A roof over my head, a satiated lean, and two healthy arms and legs so I could provide for my roof and stomach. The rest, the world, they seemed to me to have long since fallen into madness. To the stars they wanted, to transform their bodies at the touch of a button, to lie comfortably in beds and be entertained. I didn’t understand that. I was traveling on a planet around the sun, the body that was given to me was formed by the wind and the rain and, if I met the wolf in the forest, then I was well entertained, as long as my shotgun fired in time.
To keep it that way, I made my evening rounds. In the last days also to keep the many snow, around the house in the view, so that he did not block me sometime one morning the door or brought the roof to the collapse. But fortunately I was still some way from that. The snow was knee-high, like a neat blanket on the sleeping earth, and since it had gotten very cold the last few days, I wasn’t expecting any new snow.
I grabbed the lock to the chicken coop and shook it. Solid! Both the latch and the lock kept their promise that neither an egg nor a chicken was stolen from me. Now I only had to check the back of the house, then I could go back to my hut and to the warm stove.
I had suspected footsteps in the snow, for a long time. Now they were there. It was a strange feeling, how my security was lost. One trusts life. That’s how it is. You trust it to mean well with you. All the evil in the world arises when life disappoints this trust. The younger the person, the worse the disappointment.
That’s why my disappointment was limited. After all, I was already a few winters old. Nevertheless, I felt the indignation that I probably could not continue to live here, in the peace and seclusion.
I went closer and looked at the tracks, which could not be mine. They came from the forest and went towards the house. They were from a biped and the step length suggested, from no small grown. What irritated me was the shape of the feet. As if someone had walked on stilts, on stilts and sometimes floating, because the track was not deeply sunk everywhere, but, as if some of the steps had only very delicately touched down.
I took my shotgun from my shoulder and continued on my way. In the forest an owl cried and from the branches slid the snow, whose weight they could no longer hold.

12/20 PGF

Am Rand der Zone / At the edge of the zone

Ich zog damals an den Rand der Zone, weil ich ahnte, dass die Dinge ungemütlich wurden. Warum das so war? Was das damals hieß „umzuziehen“? Ich glaube nicht, dass sich das eine, wie das andere erklären ließe. Die Zeiten waren unruhig, der Winter zog heran und ich hatte ja nicht viel, was es zu packen galt.
Wir hatten ja alle nicht mehr viel. Es ging nur darum, einen Ort zu finden, wo man zumindest, das Allernötigste beschaffen konnte: Feuerholz, Wasser, Eichhörnchen, Ratten und Eichelmehl und je nach Jahreszeit, was die Bäume und Sträucher hergaben.
Jetzt kurz vor dem Winter war das nicht mehr viel. Aber mein Rucksack war vollgestopft mit Notrationen, die mir 90 Tage helfen würden, wenn ich jeden Tag nicht mehr, als einen Proteinriegel aß und nicht mehr, als eine 300ml Wasserration trank. Den Rest musste ich Tag für Tag finden.
Ich verließ den Wohnblock bei Nacht. Den Sicherheitskräften war es egal, ob wir gingen oder blieben. Es war ihnen auch egal, wo wir starben. Aber das hatte ich nicht vor. Die Zone, das wusste ich, war auch die Zone der eigenen Angst. Denn in der Zone wurde Sicherheit für ein Leben versprochen, das nicht mehr lebenswert war. Die meisten hatten so große Angst vor dem Tod, dass sie lieber das hinnahmen, als diese Sicherheit zu verlassen. Ich aber war bereit mich, im übertragenen Sinn, in ein Boot zu setzen und aufs Meer zu fahren, um unterzugehen oder neues Land, neues Leben, neue Chancen zu finden.
Innerhalb der Zonen lag das, was früher Stadt und Umland hieß, innerhalb der Zone, so hieß es, war Leben möglich, außerhalb davon nicht. Innerhalb der Zone gab es eine geregelte Versorgung (aus Notrationen) meist Strom, meist Wasser, meist die Chance auf Nachrichten. Außerhalb der Zone gab es das nicht. Außerhalb der Zone lag die Einsamkeit.
Weil ich nicht wusste, ob ich stark genug war, mich dieser Einsamkeit zu stellen, begab ich mich an den Rand der Zone. Dorthin wo noch Häuser waren und manchmal Sicherheitskräfte, aber der Strom meist ausfiel und das Wasser nur gelegentlich floss. An den Rand der Zone wurden die Notrationen auch nicht mit Lastwagen gebracht, wie in der Zone. Sie wurden in großen Paketen aus Flugzeugen abgeworfen, wie man Tauben Brotkrümel hinwirft.
In der Zone hatten nur die Sicherheitskräfte Waffen, am Rand der Zone – da wusste keiner, was er vom anderen zu erwarten hatte.
Der erste Winter am Rand der Zone war hart, weil ich nicht wagte weite Gebiete zu erkunden und schlecht schlief und mich immer bedroht fühlte. Vielleicht lag mein Missverständnis auch darin, dass ich mir den Rand der Zone, wie ein Wikinger vorstellte, der an den Rand der Welt denkt. Wir haben immer Angst was hinter den Grenzen des uns Bekannten liegt. Deshalb wollen wir auch nicht hinaus ins Fremde.
Aber es ist eben ein Irrtum, in den Grenzbereichen die Gefahr und nicht den Übergang zu sehen. Wie sich Zellen teilen oder Bäume immer neue Ringe bilden, liegt aller Fortschritt in der Expansion, im Verlassen des Zentrums.
Und heute? Heute sehe ich, wie die Welt mir nachrückt. Dass ich mich bereit machen muss, erneut aufzubrechen und auszuschwärmen, weil der Rand der Zone von damals, längst nicht mehr der Rand ist. Immer mehr Menschen kommen hierher, sehen neue Chancen, sind der alten Wahrheiten müde und möchten aus eigener Kraft, mit eigenen Mitteln die Welt neugestalten. Ich hoffe, es wird ihnen gelingen, aber ich – ich muss immer dort leben, wo das Sein an das Unbekannte grenzt, dort wo nicht verstanden, nicht entdeckt, nicht erkannt wurde.
Solange bis es vielleicht keine Zonen und Ränder mehr gibt, sondern nur noch eine Welt.

11/20 PGF

At that time I moved to the edge of the zone because I sensed that things were getting uncomfortable. Why was that? What did it mean at the time to „move“? I don’t think that one can be explained in the same way as the other. Times were restless, winter was approaching and I didn’t have much to pack.
None of us had much left. It was just a matter of finding a place where you could at least get the bare essentials: Firewood, water, squirrels, rats and acorn meal and, depending on the season, what the trees and bushes could provide.
Now, just before winter, this was no longer much. But my backpack was full of emergency rations that would help me for 90 days if I ate no more than one protein bar each day and drank no more than a 300ml water ration. The rest I had to find day by day.
I left the apartment block at night. The security forces did not care if we left or stayed. They also did not care where we died. But that was not my intention. The zone, I knew, was also the zone of my own fear. Because in the zone, security was promised for a life that was no longer worth living. Most people were so afraid of death that they would rather accept that than leave this security. But I was ready, metaphorically speaking, to get into a boat and go out to sea to sink or find new land, new life, new opportunities.
Within the zones, what was once called the city and the surrounding area was within the zone, it was said, life was possible, but not outside it. Inside the zone there was a regulated supply (from emergency rations) mostly electricity, mostly water, mostly the chance of news. Outside of the zone there was no such thing. Outside the zone was loneliness.
Because I did not know if I was strong enough to face this loneliness, I went to the edge of the zone. Where there were still houses and sometimes security guards, but the electricity usually went out and the water only flowed occasionally. The emergency rations were not brought to the edge of the zone by trucks, as in the zone. They were dropped from airplanes in large packages, just like for pigeons thrown bread crumbs.
In the zone only the security forces had weapons, at the edge of the zone – no one knew what to expect from each other.
The first winter at the edge of the zone was hard, because I did not dare to explore wide areas and slept badly and always felt threatened. Maybe my misunderstanding was also that I imagined the edge of the zone like a viking who thinks of the edge of the world. We are always afraid of what lies beyond the borders of what we know. Therefore we do not want to go out into the unknown.
But it is just a mistake to see the danger in the border areas and not the transition. Like cells divide or trees form new rings, all progress lies in expansion, in leaving the center.
And today? Today I see the world following me. That I have to get ready to set out and spread out again, because the edge of the zone of yesteryear is no longer the edge. More and more people come here, see new opportunities, are tired of the old truths and want to redesign the world by their own efforts, with their own means. I hope they will succeed, but I – I always have to live where being borders on the unknown, where not understood, not discovered, not recognized.
Until perhaps there are no more zones and edges, but only one world.

11/20 PGF