Strömend

Und dann ergießt sich alles in die Stille hinein, wie ein mächtiger Strom, in ein Land nach der Dürre. Wort für Wort, Satz für Satz füllen, die Weite und alles was lang zurückgehalten war, spült den Staub aus der Welt, wird fruchtbar und rege und lebendig und bringt die Saat zur Keimung und das Leben zurück in die Welt.
Wie eine unendliche Quelle und nicht, wie ein Rinnsal, bricht sich der Fluss seine Bahn, tanzt über den trockenen Felsen sprudelt, flüstert, rauscht, wirbelt in 100 Stimmen und 100 Figuren, die einen Moment zuvor undenkbar waren.
Während sich Ufer bilden und Auen, während das strömende Wasser gestaltend, gestaltet wird wie eine Landschaft, entsteht mit Hängen und Senken, Bäumen die trotzig und einsam auf einer Anhöhe sich dem Himmel entgegenstrecken, Schatten in denen eine feuchte Wiese dampft, eine Welt, in der, ein Schornstein einer entlegenen Hütte, in den herbstlichen Abend qualmt und, in der, hinter den Fenstern, geheimnisvolle Figuren rätselhafte Dialoge halten.
Es geht es gar nicht mehr darum, das alles, zu lenken und zu steuern. Vielleicht ist die Hütte ein Schloss und das Gespräch ein Gelächter, vielleicht qualmt der Schornstein einer Fabrik, in eine Welt aus Armut und Hunger, das ist alles nicht entschieden. Es geht nur darum, das was sich fassen und halten lässt, aus diesem scheinbar unendlichen Quell, zu bannen; zu bannen, nicht selbstvergessen im Strömen, sondern andächtig des Versiegens, welches folgt, ganz gleich, wie reißend der Augenblick ist.
Was aber wäre unverzeihlicher, als ihn nicht, als strömendes Leben, zu genießen?

07/22 PGF

Eine beliebige Nacht

Ein Gewitter, das ist immer auch ein wenig Zorn und Blitz, Regen und Traurigkeit, Erlösung und Abkühlung.
Nach einem Gewitter, geht es bereinigt und beruhigt weiter, weil alles was angestaut war, sich entladen konnte.
So zumindest ist es heute Nacht: entladend und abkühlend und, in weiterem Sinn, vorbereitend.

Die Entstehung einer Geschichte – und das kann man durchaus, als mit Pathos überladen betrachten – ist auch so eine gewittrige Angelegenheit, obwohl ich glaube, dass jede Geschichte, ihre ganz eigene Entstehung erlebt. Manche ist, wie ein Kuss, eine innige Berührung, die man erfahren darf und die inspiriert; eine andere entsteht, wie die Berührung mit dem Feuer, vor dem man eilig die Hand wegzieht, entschlossen andere zu warnen.

Daneben gibt es diese Geschichten, die in der schwülen Hitze eines Sommers entstehen, eigentlich der Worte gar nicht zugänglich, aber dann kommt so ein Abend, an dem sich aller Zorn, alle Traurigkeit und alle Einsicht entladen und ein langer, schwerer Prozess zu Wort kommt.

Dann ist es nur eine Frage, ob der Atem reicht, um, als wäre es nur ein Satz, mit einem Atem, eine ganze Geschichte zu erzählen. In der sich Kälte und Hitze, Regen und Blitz, Sehnsucht und Hoffnung widerstrebend und zu einander hingezogen begegnen, um aus einer beliebigen Nacht, eine besondere Atmosphäre zu erschaffen.

07/22 PGF