Wo geht sie hin, die Reise?

Tja, da gibt es verschiedene Optionen:

In der Variante A: Schreibe ich über den Sommer oder den Herbst, den 6. Teil der Joe-Geschichte und veröffentliche ihn hier, nachdem ich auch die Teile 2 und 4 veröffentlicht habe, sonst kommt ihr ja nicht mit 🙂 Prognose: 50% Wahrscheinlichkeit

In der Variante B: Schreibe ich den 6. Teil und veröffentliche regulär Teil 2 im Herbst und in der Folge alle Teile bis Teil 6. Prognose: 25% Wahrscheinlichkeit. Ich bin der Minus-Geschäfte müde (Coverkauf, Lektorat, etc.).

In der Variante C: Habe ich den 6. Teil geschrieben, schließe das Zeilenportal und widme mich einem größeren Projekt, in der
-> Subvariante C1: Ich starte einen neuen Blog (tatsächlich ist er schon reserviert) und mache das als epische Online-Veröffentlichung. Prognose: 50% Wahrscheinlichkeit
-> Subvariante C2: Schreibe wieder ganz für mich und veröffentliche irgendwann den dicken Schmöker oder nicht, je nachdem was der angestrebte Lottogewinn so her gibt. 50% Wahrscheinlichkeit

In der Variante D: Kombiniere ich A und C1 (zeitlich nach hinten verschoben, sonst geht’s ja nicht 😉 ) 50% Wahrscheinlichkeit

Meanwhile wird es Hochsommer, Spätsommer, Herbst und ich erhole mich etwas von unglaublich anstrengenden, nicht immer schönen, selten leichten, zurückliegenden zwei Jahren, in denen das Schreiben und das hier erzählen, eine große Kraftquelle war.

Bis dahin bleibt sie unbeantwortet, die Frage: Wo geht sie hin, die Reise?

Habt´s gut
PGF

Metaebene: Indigo

So, es ist Zeit für den Faktencheck zu „Indigo“ 🙂

Die Zahlen:

Jeder Beitrag hatte 22 bis 38 Besucher
Die Zahl der Likes schwankte zwischen 13 und 22
Die Zahl der Worte, pro Beitrag, lag zwischen 500 und 1000. Es waren 50 Kapitel in 50 Beiträgen.
Der Überarbeitungslevel lag wieder bei 2, also niedrig. Manche Texte schrieb ich am Wochenende und plante die Veröffentlichung, um die Arbeitswoche zu entlasten.
Der Hidden Point, kam, wie auch bei „Gestra“, nicht für die Geschichte in Frage, aber für den Blog.

Hintergründe:
Die Idee, zu diesem Teil, der Joe-Geschichten, hatte ich schon sehr früh, aber im Sinn der Gesamt-Konzeption, passte sie erst jetzt. Computerspiele empfinde ich, als eine zu Unrecht geschmähte Kultur- und Kunstform, die ihre Berechtigung noch beweisen wird. In Lennons Figur, ließ sich mit dem Thema gut spielen. Gedanken machen mir nicht die Spiele, sondern die zunehmende Konditionierung der jetzigen Jugendlichen, per Handy, im Sinn einer Arbeit-und-Spiele-Kultur. Die Überwachung von Verhalten, das Auslesen persönlicher Daten kommt hinzu. Ich glaube nicht, dass das schon genutzt wird, aber die technischen Möglichkeiten bestehen. Tatsächlich wurden/werden Spiele wie „Counterstrike“ vom US-Militär zur Ausbildung von Soldaten verwendet und bieten natürlich die Tools zu „messen“ wie sich jemand unter Stress verhält.

Fazit:

Lowlights:
– Meine Ungeduld, ob die Beiträge ankommen

Highlights:
– Der hohe Durchschnitt an Likes und Besuchern, der sich, bei einem so langen Text, zwischen 20 und 30 einpendelte. Das hat mich sehr gefreut 🙂
– Eure Kommentare und kritisch-konstruktiven Rückmeldungen.

Insgesamt war es eine spannende Erfahrung, dass man mit jedem Text, andere Leser erreichen kann und selbst, innerhalb eines Textes, der Zuspruch sich verändert. Eine weitere Bestätigung von „Mach dein Ding! Du machst es nie allen recht!“
Aber ich mag es, wenn es möglichst viele sind 😉

Schönen Sonntag. Hier herrscht gerade Sintflut …

PGF

Die letzten Seiten

Zu den Zahlen, von „Indigo“ komme ich noch.

Bei dieser Geschichte, ist mir etwas anderes aufgefallen:
Nicht zu wissen, wie lange eine Geschichte dauert, weil kein Ebook-Reader die verbleibende Lesezeit anzeigt und kein Daumen, die letzten, verbleibenden Seiten spürbar macht, ist irritierend.
Ich glaube, wir sind es gewohnt, mit Hilfe solcher Faktoren, Aspekte einer Geschichte zu antizipieren, die sich sonst schwer vermitteln lassen. Außer der Autor verfährt, wie ein Schaffner und kündigt an:
»Liebe Gäste in Kürze erreichen wir das Ende. Wir bedanken uns, für ihre Fahrt, mit diesem Autor und wünschen Ihnen gute Unterhaltung, mit dem nächsten Buch.«
Für mich war das diesmal, vielleicht deshalb, auffällig, weil ich genau wusste, wann die Geschichte enden wird. Das Ende war quantifizierbar …

Ich fand es, in jedem Fall, sehr schön, dass ihr, bis zu diesen letzten Seiten, dabei ward.
Hier wird es nun, wie das fast üblich geworden ist, etwas ruhiger.
Es folgt noch die gewohnte „Metaebene“ und ein Ausblick über die nächsten Projekte, aber vermutlich bis zum Herbst, wird es auf dem Zeilenportal eher tröpfeln, als rauschen.
Mal sehen 🙂

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende. Danke, dass ihr mir folgt!

PGF

Indigo (50)

50.

Der Kaffee war gut, nicht zu bitter, nicht zu sauer, aber kräftig. Er würde mich wach machen und das war nach den drei Nächten mit wenig Schlaf, dass worauf es ankam.
Hinter mir ging die Tür auf und ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer hereinkam. Die Frau hinter der Theke sah kurz auf, nickte dem Hereinkommenden entgegen und konzentrierte sich wieder darauf, die Einsätze der Kaffeemaschine zu säubern.
Der Hocker, neben mir an der Theke, rückte ein Stück zurück. Crunchy setzte sich.
»Hat das einen bestimmten Grund, dass es dieses kleine Kaff, im letzten Winkel von Oregon, sein muss?« Fragte er.
Die Bedienung kam.
»Sir?«
»Orangensaft, Kaffee und zwei Schinkenkäse-Toasts.«
Sie wandte sich ab, um sich an die Arbeit zu machen. Es war eine philosophische Frage, ob sie die Kaffeemaschine dafür sauber gemacht hatte oder unnützer Weise, weil jetzt alles wieder von vorne anfing.
Ich nahm noch einen Schluck Kaffee, schluckte ihn langsam und drehte mich zu Crunchy.
»Sind sie in Sicherheit?«
»Ich denke schon. Sie sind jetzt in Frankfurt.«
»Deutschland?«
»Ja. Seit dem kalten Krieg, ein guter Platz für russisch-amerikanische Austauschprogramme.«
»Also hat Lennon seinen Vater erreicht?«
»Hat er und der hat versprochen zu kommen.«
Crunchy bekam sein Frühstück. Er biss in einen der Toasts.
»Und Hope?«
»Weiß, wie immer, nicht was sie will. Aber – auch, wie immer – versucht sie das zu tun, was für Lennon das Beste ist.«
»Gut.«
Ein seltenes Gefühl von Zufriedenheit, stellte sich in mir ein. So ein Gefühl, wie man es hat, wenn man sicher weiß, dass man sein Möglichstes getan hat.
»Wusste gar nicht, dass du Auto fahren kannst.« Bemerkte Crunchy.
»Wenn ich mich nicht an Verkehrsregeln halten muss, geht das schon.«
Ich trank meine Tasse leer.
»Du bist mir was schuldig.«
»Du hast mich eine ganze Menge Geld gekostet, allein dieser Walfischmann.«
»Melville?«
»Ja. Mann! Was hast du dem versprochen?«
»Er war sein Geld wert.«
Wir schwiegen in unsere Tassen.
»Crunchy, ich glaube, es ist besser, wenn ich eine Weile abtauche.«
Er nickte.
»Vermutlich, auch, wenn sie nicht gegen dich ermitteln werden. Niemand hat Lust, bei einer Verhandlung, deine Informationen zum Programm Cyber-Soldier zu diskutieren. Das rettet dich.«
»Darauf habe ich gehofft.«
Crunchy machte eine seiner noch-was-anderes-Pausen.
Ich wartete.
Bemüht beiläufig sagte er: »Beth hat sich gemeldet.«
Ich sah auf.
Mein Herz pochte.
Ich wartete.
»Sie hat nach dir gefragt. Ich denke, sie wäre froh, wenn ihr euch trefft.«
»Geht es ihr gut?«
»Ich denke. Wir haben uns eine Weile unterhalten.«
»Schieß los!«
»Sie meinte, wenn ich dich das nächste Mal sehe, soll ich dir sagen, wo sie ist.«
Ich dachte nach.
»Passt das zu »abtauchen« oder bringe ich sie in Gefahr?«
Crunchy schüttelte den Kopf.
»Nein, das passt eigentlich perfekt.«
Mein Herz wummerte, unvernünftig, wie ein Herz wummert, ehe man einen Bungeesprung macht oder sich in einen Käfig setzt, um mal mit Haien zu tauchen.
»Dann würde ich gerne wissen wo sie ist.«
»Warte, ich schreibe dir ihre Adresse auf.«

Ende

07/21 PGF

Indigo (49)

49.

Nachdem ich auf dem Fahrersitz saß, klingelte mein Smartphone. Es war Aline, die meine Antwort wollte. Ich drückte sie weg und wählte die Nummer von Hope.
An den Hintergrundgeräuschen erkannte ich, dass sie die Freisprechanlage benutzte.
»Joe? Seid ihr schon dort?«
»Nein Hope. Ich werde auch nicht kommen, ich bin kurz vor Portland. Aber du findest Lennon, wie wir es besprochen haben.«
»Du hast ihn allein?«
Ich hob die Stimme.
»Hör mir einfach zu: Ein Taxifahrer ist bei ihm. Du kannst die beiden an der Straße nach Vernonia einsammeln. Achte auf Straßensperren. Fahrt weiter bis nach Vernonia. Nimm dort Kontakt mit deinem Onkel auf. Er bereitet alles vor. Ihr nehmt ein Fahrzeug zur Küste und steigt dort in ein Boot, dass euch nach Norden bringt. Ihr müsst nach Kanada. Verstanden?«
»Ja, Joe. Aber -«.
»Nicht, aber! Du wirst in Kanada, dafür sorgen, dass Lennon Kontakt mit seinem Vater aufnehmen kann und du wirst ihm die Chance geben, dass sie oder ihr euch seht. Was ihr daraus macht, müsst ihr entscheiden, aber ich weiß, dass Lennon einen Wunsch hat: er möchte mit euch beiden in Ruhe leben. Seht zu, dass ihr das hinbekommt!«
»Joe, das ist alles nicht so einfach.«
»Ist mir, ehrlich gesagt, scheißegal. Wenn es diese Indigo-Kinder gibt, dann müssen wir eines besser machen, als die Generationen davor: Verhindern, dass Kinder, eine beschissene Kindheit haben! Mach was draus, Hope! Ich muss aufhören. Hier wird es jetzt etwas brenzlig.«
Vor mir auf der Straße blinkte eine lange Kette von Polizeilichtern.
Ich drosselte die Geschwindigkeit des Wagens.
Während ich näher kam sah ich Aline, die neben einem Polizisten stand, der sein Megafon in der Hand hielt, um die Verhandlungen mit mir aufzunehmen.
Sie hatte also alles daraufgesetzt, dass ich den Weg nach Portland nehmen würde. Vermutlich war der Sender doch nicht mehr, als ein Bluff.
Um Lennon und dem Taxifahrer noch etwas Zeit zu verschaffen, tat ich so, als würde ich mich auf eine Verhandlung vorbereiten.
Ich bremste den Wagen vollständig und lehnte mich nach hinten, als würde ich dort einen Jungen bitten, den Kopf einzuziehen.
Der Verhandlungsführer der Polizei nahm das Megafon zur Hand.
»Sir! Die Straße ist vollständig gesperrt. Helfen Sie uns Blutvergießen zu verhindern. Steigen Sie mit erhobenen Händen aus dem Fahrzeug und ergeben Sie sich.«
Ich ließ die Fensterscheibe herab.
»Ich möchte mit der Agentin sprechen.«
Die beiden tauschten Blicke.
Aline erhielt das Megafon.
»Was gibt es, Joe. Steig aus! Oder glaubst du es ist gut, für Lennon, so etwas mitzuerleben?«
Ich sah auf die Uhr es war 10.53.
»Nein, Aline, ganz und gar nicht. Nichts von dem was er miterleben musste, ist gut für ein Kind. Eine Generation vergiftet die nächste mit ihren Lügen. Es wäre Zeit, dass wir zur Wahrheit kommen.«
»Darüber können wir reden, Joe. Gib ihn frei und dann werden wir alles in Ruhe besprechen, was gut für ihn ist.«
Verhandlungs-Bla-Bla-Bla.
10.54
»Okay, Aline. Ich habe nur noch eine Frage?«
»Und die wäre, Joe?«
»Liebst du mich?«
Stille.
Geißelnahmen lagen oft Beziehungsprobleme zu Grunde und es war nicht schlecht, wenn die Gegenseite, ein bisschen ins Grübeln kam, was ihre Agentin für kleine Geheimnisse haben mochte. Alines Antwort interessierte mich nicht.
Sie hatte noch keine gefunden, als es 10.55 wurde.
Das erste was man hören konnte, war ein ordentlicher Knall, als hätte jemand in der Nähe einen gigantische Champagnerflasche entkorkt. Ich sah, wie die Polizisten mir gegenüber, instinktiv ihren Kopf Richtung Portland wanden.
Es blieb nicht bei dem einen Knall. Der, wie ich wusste, vom Durchbrechen der Schallmauer zeugte. Keine 10 Sekunden später, waren deutliche Explosionen zu hören, die sich mit Raketeneinschlägen mischten. Portland schien unter Feuer zu liegen.
Ich war vergessen. Egal was Aline schrie. Die Polizisten wandten sich nach Osten, wo etwas Unglaubliches zu geschehen schien, was viel schlimmer war, als die Entführung eines Teenagers. Während Aline den Verhandlungsführer zu überzeugen versuchte, dass man sich um mich kümmern sollte, ihr aber niemand mehr zu hörte, weil alle verfügbaren Kräfte nach Portland geordert wurden, wendete ich das Taxi und nutzte die Gelegenheit, um viel zu spät bemerkt, davon zu rasen.

07/21 PGF

Indigo (48)

48.

»War das Aline?« Lennon klang sehr besorgt.
»Ja.«
»Und was will sie? Ich gehe nicht zu ihr zurück.«
»Sie ist etwas angespannt. Warte kurz, Lennon.«
Ich wandte mich an unseren Fahrer.
Aus den Boxen trällerte Bob Marley: »Old pirates, yes, the rob I.«
»Sir.«
Er nahm über den Rückspiegel Blickkontakt mit mir auf.
»Ja? Haben wir ein neues Ziel?«
Ich deutete ein Nicken an.
»Das ist der Redemption Song?«
»Sie kennen das Lied?«
»Ja, es gibt Lieder die man kennen und mal gefühlt haben sollte.«
Seine Augen strahlten.
»Sollte man, Sir, sicher.«
Er hob seine Stimme und sang die nächste Zeile mit: »How long shall they kill our prophets.«
»An Ihnen ist ein Sänger verloren gegangen.«
»Danke. Aber damit ist es, noch schwerer, Geld zu verdienen, als mit dem Taxifahren.«
»Hören Sie, ich muss Sie um etwas Verrücktes bitten.«
Er sah mich, durch den Rückspiegel fragend an.
»Der Junge neben mir, muss dringend seine Mutter treffen, ehe er von jemand gefunden wird.«
»Seinem Vater?«
»Nein.«
»Dem Establishment?«
»Das trifft es eher. Das lässt sich nur verhindern, wenn Sie uns helfen.«
»Und was müsste ich tun?«
»An der Abzweigung nach Vernonia aussteigen, mir ihr Taxi überlassen und den Jungen mitnehmen.«
Ich sah auf die Uhr, ich hatte noch 6 meiner 10 Minuten.
»Der Junge gegen das Auto?«
»Eher das Auto und den Jungen zu seiner Mutter bringen.«
»Und den Wagen?«
»Bekommen Sie zurück.«
5 von 10.
»In Ordnung. Muss ich auf etwas achten?«
»Nur darauf, den Jungen nicht aus den Augen zu lassen bis er bei seiner Mutter ist.«
Lennon schupste mich.
»He! Ich will aber nicht mit dem Mann gehen. Du hast mir versprochen mich zu meinem Dad zu bringen.«
»Das mache ich gerade Lennon. Deine Mutter wird das tun. Du musst mit unserem Fahrer gehen, damit Aline nicht merkt, dass du nicht mehr bei mir bist. Sie überwachen ein GPS-Signal, mit dem sie mich orten. Die Spanne, zwischen 2 Messpunkten, mit denen sie feststellen, ob ich mich mit gleicher Geschwindigkeit vorwärts bewege ist zu kurz, als dass wir fliehen könnten. Außerdem haben sie vermutlich Straßensperren errichtet. Wir müssen sie überraschen. Du gehst mit unserem Fahrer Richtung Vernonia. Ich informiere deine Mutter, dass sie euch einsammelt und dort hinbringt. Ab dort, bekommt ihr Hilfe von deinem Großonkel. Er hat Geld, das Weitere zu organisieren.«
Lennon schüttelte den Kopf.
»Das macht keinen Sinn. Aline wird merken, dass wir uns trennen und dann findet sie uns beide.«
2 von 10 Minuten.
»Nein, Lennon, in Alines Welt gibt es kein Vertrauen in fremde Menschen. Da gibt man niemand fremdem, etwas woran einem liegt oder das man für wertvoll hält. In ihrer Welt gibt man nicht einfach her was man hat. Das ist meine Chance, dich vor ihr in Sicherheit zu bringen.«
Lennon wollte das nicht wahrhaben, aber sein Strategen-Gehirn wusste, dass ich recht hatte. Eine Einheit opfern, um den Krieg zu gewinnen, so lief es immer.
Er nickte.
»Gut. Halten Sie da vorne an. Dann übernehme ich das Steuer.«
Ich sah zu Lennon.
»Ihr lauft solange bis du bei deiner Mum bist. Versprochen?«
Lennon hatte Tränen in den Augen.
»Ja, okay. Aber du kommst nach.«
»Klar!« Log ich.

07/21 PGF

Indigo (47)

47.

»O! Aline, schön dich zu hören.« Sagte ich, als wäre sie aus dem Urlaub zurück und wir könnten uns, nach 14 Tagen endlich mal wieder austauschen.
Sie klang weniger, viel weniger gesprächig.
»Hast du wirklich geglaubt, ich vertraue dir? Hast du wirklich geglaubt, ich komme dir nah, weil mir etwas an dir liegt?«
Ich dachte nach, was sie damit meinte, kam aber nicht direkt darauf.
»Ich ging davon aus, dass wir, aus gemeinsamem Interesse und bei einer grundsätzlichen Sympathie, unter Umständen, aber Ende des Auftrages, vielleicht bei einem gemeinsamen Abendessen -«.
»Schenk es dir, Joe. Schenk dir alle deine Sprüche. Ich bin dir auf den Fersen!«
Das nahm ich gelassen. Ich besaß eine gute halbe Stunde Vorsprung und konnte in drei Himmelsrichtungen unterwegs sein. Mein GPS war aus und konnte nicht getrackt werden: die Kleider hatte ich von den Russen und den letzten Kontakt hatten wir in den Neopren-Anzügen, die nun, wie abgelegte Schlangenhaut im Leuchtturm lagen.
Mit dem Risiko, sie noch rasender zu machen, sagte ich: »Also liegt dir doch an einer liebevollen Beziehung zu mir?«
Ihre Stimme wurde fast schrill: »Mir liegt daran, dass Lennon seine Aufgabe erfüllen kann und dass du deine verdiente Strafe erhältst. Hör mir gut zu, Joe: Ich weiß wo du bist. Du bist auf der US-26 Richtung Portland unterwegs und hoffst, dass du Hope rechtzeitig einladen kannst, um irgend so eine romantische Rettung zu planen. Aber ich sage dir, wie es wirklich ist: Wir sollten das so machen, dass Lennon nicht in Gefahr gerät oder – und das solltest du ernstnehmen – mitansehen muss, wie man dich bei seiner Befreiung erschießt! Hast du das alles gut verstanden?«
Hatte ich. Allerdings raste mir eine Frage durch den Kopf: Wo sitzt der Sender, den sie mir wie, verpasst hat? Ob sie bluffte.
»Aline, keine Ahnung, wie du auf die Idee kommst, ich wäre auf dem Weg nach Portland. Ich mache es dir schon einfacher, wenn ich sage, der Pazifik sieht heute wunderbar aus.«
Sie gab ein höhnisches Kichern von sich.
»Vergiss es Joe, ich weiß noch nicht, worin du dich vorwärtsbewegst, mutmaßlich ein Auto und mutmaßlich eines, welches sich an die Vorschriften hält. Ein Taxi? Wir werden es noch rausfinden. Aber genau jetzt kommt die Abzweigung nach Timber oder nach Clear Creek.«
Sie machte eine Pause und genoss den Moment, dann fuhr sie fort.
»Ich könnte dich schon jetzt ergreifen lassen. Das wäre gar kein Problem. Aber das will ich Lennon nicht antun. Auch, wenn ich nicht verstehen, was ihm an dir liegt.«
Okay, das war ein winzig kleiner Hebel für mich: Sie wusste, wie schlecht der Junge im Moment von ihr dachte. Wenn sie mich abrasierte, würde er nie mehr mit ihr zusammenarbeiten. Das war der letzte Punkt, für den sie mich brauchte. Ich hingegen benötigte Zeit, um mir klar zu werden, ob es eine Chance gab, den Sender zu finden und loszuwerden und falls nicht, den Kopf auf eine andere Art aus der Schlinge zu ziehen.
»Aline?«
»Ja, Joe.«
»Ich brauche zehn Minuten. Ich spreche mit Lennon«, dessen Blick schon die ganze Zeit an mir haftete, »und dann machen wir das, mit einer ganz geordneten Übergabe.«
»Den Sender wirst du nicht los, Joe. Versuch es erst gar nicht.«
»Ich will nur reden.«
»Klar willst du das. Ich weiß, wann ihr das Fahrzeug stoppt. Wir werden sofort zuschlagen.«
»Davon gehe ich aus, Aline. 10 Minuten.«
»Nutze sie gut.«
»Das werde ich, du wirst beeindruckt sein.«

07/21 PGF

Indigo (46)

46.

»Crunchy?«
»Verdammte Scheiße, Joe! Was zur Hölle treibst du eigentlich? Hope hat angerufen. Sie ist so verzweifelt, dass sie mich anruft. Sie hat mir irgendeine wirre Geschichte von -«.
»Crunchy, können wir das später?«
»Nein, Joe, können wir nicht, weil ich befürchte, dass der Haufen Scheiße, den du bist dahin gebaut hast, so groß ist, dass uns die Vögel vom Himmel fallen.«
»Crunchy, auch, wenn ich deine Allegorien liebe, Lennon ist bei mir, in einer Heidengefahr und, wenn irgendwer ihn irgendwie noch retten kann, dann bist du das.«
Stille.
»Rede!«
»Du musst jemand nach«, ich wandte mich an den Fahrer, »was ist die nächste Stadt an der wir vorbekommen?«
»Portland.« Verkündete er lächelnd.
»Davor. Unbedingt davor!«
»Sir, da ist nichts davor. Da sind nur Dörfer und Wald.«
»Und, wenn wir abbiegen.«
Er dachte nach.
»Vernonia. Da müssten wir ein Stück nach Norden. Aber Sie wollten doch nach Portland?«
»Ja, stimmt. Sorry, das hat sich geändert. Wir müssten jetzt nach Vernonia. Ist das ein Problem?«
Einen Moment, sah er mich an, als wäre es das.
Aber dann lächelte er wieder und meinte: »Nein, kein Problem.«
Ich wandte mich an Crunchy.
»Du musst jemand nach Vernonia schicken.«
»Und, wo zur Hölle soll das sein?«
»Keine Ahnung, du wirst es finden, nordöstlich von Portland.«
»Ich schicke euch einen Hubschrauber.«
»Nein, Crunchy, auf keinen Fall. Wir brauchen ein Auto, und wir brauchen ein Schiff und wir brauchen beides, innerhalb der nächsten Stunde.«
»Joe, willst du mich verarschen?«
»Nein, Crunchy ganz und gar nicht. In einer knappen Stunde sind wir dort. Bis dann.«
Ich legte auf, damit wir, keine weitere Zeit, mit Diskussionen verloren.
Ich sah zu Lennon, er war sehr blass, sehr müde.
»Okay, Lennon. Ich habe eine Sache geregelt. Jetzt rufe ich deine Mutter noch an, dann erkläre ich dir, was ich vorhabe.«
Er nickte es ab.
Ich wählte Hopes Nummer. Sie war sofort dran.
»Was ist los, Joe? Ich fahre gleich los. Wo seid ihr?«
»Hope, ich habe den Plan etwas ändern müssen. Komm nach Vernonia, statt nach Portland. Sei spätestens in einer Stunde dort. Schaffst du das?«
Sie klang nervös.
»Ja, vermutlich. Wenn ich schnell fahre.«
»Nein, fahre sicher, aber versuche es trotzdem. Ich melde mich wieder.«
Dann legte ich auf.
Lennon betrachtete mich fragend.
»Na, steht dein Plan?«
Ich sagte »Ja!«, als würde ich es glauben.
Mein Handy vibrierte.
Ich nahm an, dass es Crunchy oder Hope waren, die noch etwas von mir wissen wollten. Aber auf dem Display las ich einen Namen, den ich jetzt gerade gar nicht lesen wollte.
Es war Aline die anrief.

07/21 PGF

Indigo (45)

45.

Der Fahrer war ein fröhlich grinsender Rastafari, bei dem man schon gute Laune bekam, wenn man ihn nur sah. Wie selten solche Menschen, noch zu finden waren …
»Wohin darf ich Sie fahren, Sir?«
Mir lag »Bring mich nach Kingston!«, auf der Zunge, aber ich entschied mich für: »Wir müssten nach Portland.«
Er pfiff durch die Zähne.
»Das kostete Sie eine Stange, Sir. Billig wird das nicht.«
»Schon okay, solange wir jetzt loskommen.«
»Steigen Sie ein.«
Ich setzte mich nach hinten, zu Lennon, um ihn besser unter Kontrolle zu haben.
Unser Fahrer gab Gas. Er dreht die Musik auf, was mir recht war, weil ich dann ungestörter mit Lennon sprechen konnte.
»Warum sollen wir nicht nach Portland?«
Lennon zögerte. Er hatte offensichtlich Angst, dass er, die Chance verlor, seinen Papa zu treffen, wenn er mir die Wahrheit sagte.
»Wegen der Idee der Russen?«
Keine Reaktion.
»Und die wäre?«
Er blieb stumm.
»Was musstest du für die Russen tun, Lennon?«
Er schüttelte den Kopf.
»Komm schon! Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was dir Sorgen macht.«
Lennon seufzte und lehnte sich zu mir, um die Antwort flüstern zu können.
»Es ist nicht ihre Idee. Ich sollte mir überlege, wie sie mich, am geschicktesten außer Landes bringen können.«
»Und das ist dir gelungen?«
Er nickte kurz.
Langsam verstand ich, was ihm Sorgen machte.
»Lennon, erzähl mir einfach was du gemacht hast. Du hast keine Schuld. Du bist ein Kind. Du wolltest deinen Papa sehen. Die Verantwortung trägt in jedem Fall jemand anderes. Nimm mich, weil ich dir nicht früher geholfen habe.«
Das überzeugte ihn nicht, aber er sprach trotzdem weiter.
»Mein Plan ist ein Ablenkungsmanöver, das möglichst viel Polizei und Militär bindet. Deshalb habe ich eine Einrichtung gesucht, die teilmilitärisch ist, viel Aufsehen erregt und eine Sicherheitslücke bietet.«
»Und die hast du gefunden?«
Er bestätigte es, mit einem Blick.
»Du kennst Boeing?«
»Klar, den Flugzeughersteller.«
»Nicht nur. Boeing besitzt in Portland eine große Drohnenfabrik. Das Ganze nennt sich »Phantom Works« Dort werden Kampf- und Überwachungsdrohnen hergestellt. Heute kommt der große Tag, für die Geräte: 25 Kampfdrohnen der Reihe X-51 sollen ihre Fähigkeiten vor einer Reihe hochrangiger Militärs demonstrieren.«
»Was sind das für Drohnen?«
»Es handelt sich um Überschall-Drohnen, die erkunden und attackieren können. Das werden sie, in einem Außenareal von Portland heute beweisen.«
»Okay, aber was ist die Ablenkung.«
»Ich habe die Steuerung der Drohnen übernommen. Heute Vormittag ab 10.55 werden die Drohnen nicht, von den Entwicklern, im Boeing Stützpunkt gesteuert, sondern, von einem automatisierten Programm, dass sie übernimmt.«
Scheiße! Dachte ich knapp und vermutlich treffend.
»Du meinst die Dinger spielen verrückt?«
»Ja, Joe.«
»Und für was hast du sie programmiert?«
Während er redete, flammte etwas Stolz in seinen Augen auf.
»Ein Teil wird die Geschwindigkeitsgrenze austesten, das wird zu Überschall-Donner und Explosionen führen, wenn die Triebwerke überhitzen.«
»Die Aliens kommen?«
»Wird man vermutlich in Portland denken. Aber das ist nicht alles. Ein anderer Teil wird seine Angriffsmöglichkeiten einsetzen und Ziele im Umfeld von Portland attackieren: leerstehende Gebäude, Brachland, aber es wird trotzdem den Eindruck erwecken, als würde Al-Kaida, den 11. September in klein wiederholen.«
»Der Plan ist also Chaos in Portland und maximale nationale Aufmerksamkeit, für alle Ereignisse in der Luft, während ihr mit einem Schiff die Küste entlang schippert.«
Lennon nickte unsicher.
»Ja. Das war der Plan. Und er ist gestartet, ohne, dass ich ihn noch stoppen kann. Deshalb können wir nicht nach Portland. Und Mum darf da auch nicht hin.«
Sah so aus, als würde ich, meinen Plan, noch mal ändern müssen.

07/21 PGF

Indigo (44)

44.

Zurück an Land – und nach Bezahlung von Melville – hatte ich drei Missionen: a) Hope informieren b) Crunchy informieren c) eine Rettung für Aline organisieren, der Georgi, wie ich hoffte, nicht die Fingernägel herausgerissen hatte, ehe er merkte, dass ich ihn über Ohr gehauen hatte.
Ehe ich a) und b) erledigen konnte, beunruhigte mich eine Beobachtung, die mich ahnen ließ, das c) vielleicht schon in Arbeit war und ich besser zusah, dass ich mit Lennon loskam. Denn während ich die Nummer von Hope wählte, flog ein Hubschrauber der Küstenwache über uns hinweg, in Richtung des Tillamook. Die Russen hatten eher nicht, ihre Leuchtpistole geschossen, um auf sich aufmerksam zu machen, also hatte Aline ihr Handy zurück oder eine Funkmöglichkeit gefunden. In zehn Minuten landete der Heli, in weiteren fünf war sie an Bord und in nochmal zehn, bei der uns nächsten Landestelle. Mit Glück hatte ich eine halbe Stunde, um mit Lennon abzutauchen.
Ich drückte Hope weg und öffnete Google, um einen Taxiservice zu finden. Ich nahm das Yellow Cap dessen Basis uns am nächsten war.
Dann wählte ich wieder die Nummer von Hope.
»Was machst du da?« Drängelte Lennon.
»Ich rufe deine Mutter an.«
Lennon packte meinen Unterarm in dem ich das Handy hielt.
»Lass das!« Schimpfte er. »Sie ist bestimmt wütend auf mich.«
Ich zog unsanft meinen Arm weg
»Lennon, das ist sie gewiss nicht und, wenn sie es zuerst ist, wird sie sich beruhigen. Sie war todunglücklich, dass du weg warst und wird einfach nur froh sein zu hören, dass es dir gut geht.«
»Und was wird aus meinem Dad? Du hast mir versprochen -«.
»Eins nach dem anderen.«
Hope nahm ab.
Ihre Stimme klang dünn und gequält.
»Ja?«
»Hope. Ich habe Lennon.«
Sie schluchzte.
»O Gott, Joe. Ist er – ist er in Ordnung? Geht es ihm gut?«
»Ja, so weit schon, aber wir müssen uns noch auf ein wenig Ärger gefasst machen.«
»Ist Aline bei euch?«
Nein, sie ist der Ärger, dachte ich.
»Nicht im Moment.«
»Aber – warum?«
»Ich erkläre dir alles. Pack das Auto, mit allem was wichtig ist und komm nach Portland.«
»Nicht nach Portland!« Protestierte Lennon.
»Ich spreche mit deiner Mutter.«
»Nicht! Nach! Portland!« Wiederholt er zornig.
Ich ignorierte ihn.
»Komm nach Portland. Ich sage dir noch wohin.«
Ich legte auf.
»Nicht nach Portland, Joe. Da dürfen wir nicht hin!«
»Warum denn?«
Unser Taxi kam.

07/21 PGF