Fraktal (3)

3.

Sie lagen etwa 10 Meter weit in der Wiese. Turnschuhe, die Farbe und der Schnitt verrieten, dass es die einer Frau waren. Ich hob einen auf.
Es war ein pastellgrüner Schuh, für einen schmalen Fuß. Aber er sah nicht so aus, als würde Aschenputtel irgendwo warten, um in ihn hinein zu schlüpfen. Der Schuh sah eher aus, als habe ihn Cinderella in höchster Not verloren und wäre barfuß weiter gerannt, weil ihr Leben wichtiger war, als dieser blöde Schuh.
Ich warf den Schuh in das hochstehende Gras und er verschwand, als hätte ich ihn in einen Spalt eines Paralleluniversums geworfen.
Vor mir grenzte der Wald an die Feuchtwiese, dunkel und schweigsam. Die Bäume bewegten sich gemeinsam im Wind, wie ein Chor Mönche der einen Choral singt. Ich lauschte, ob irgendwo jemand schrie und tatsächlich hörte ich Schreie, aber es waren die Schreie eines Vogels, einer Krähe oder etwas ähnlichem.
Eine ganze Weile blickten wir uns an, der Wald und ich. Zu jedem anderen Zeitpunkt, hätte ich es lächerlich empfunden, ein Haufen Bäume, mit ein paar Vögeln, zwei Füchsen, vielleicht einem Wildschwein und einer Erde voller Käfer und Ameisen, wie einen Organismus anzusehen. In diesem Augenblick aber, wusste ich, dass der Wald das gleiche über mich dachte: weshalb sollte er einen Haufen Zellen, die sich zu Organen und Extremitäten gruppiert hatten, als einen Organismus ansehen. Wodurch sollte sich mein Anspruch ableiten, dass ich eine Einheit bildete? Weil ich Geist besaß? Weil ich Seele besaß? Wie ein amüsiertes Lachen drang ein Windhauch aus dem Wald zu mir. Das Lachen eines älteren Bewusstseins, einer umfassenderen Seele.
Im Leben – immer – entscheidet man zwischen rechts und links, rechts und links, rechts und links. Man geht rechts, um die Häuserecke, weil man zum Bäcker will und trifft die Liebe seines Lebens oder geht links herum, weil man sich erst für den Metzger entscheidet und bis man beim Bäcker eintrifft, ist die Chance auf ein anderes Leben vorbei.
Man kann sich in seiner Wohnung verkriechen, auf dem Sofa festkleben und hat doch entschieden, an Fettsucht zu sterben, depressiv zu werden, sich seiner Phobie zu überlassen. Rechts oder links, rechts oder links, in jeder Sekunde, Tack, Tack, Tack … bis zum Tod.
Ich betrachtete den Wald, betrachtete die Bäume, unten von den Schatten bis hoch in die Wipfel. Sie waren wie eine undurchdringliche Wand. Ich sah nicht mal die Zweige der zweiten Reihe Bäume. Der Waldrand, war wie eine Haut, die nicht zulässt, dass jemand sieht, wie dahinter ein blutiges Herz schlägt, sich Kot durch die Eingeweide drückt und ein ruheloser Muskel sich auf und ab bewegt, damit Luft in diesen Körper strömt und ihn wieder verlässt.
Als würde sich mein Atem im Gleichklang mit den wiegenden Bäumen bewegen, spürte ich mein Atmen in der Bewegung meines Bauchs.
Ich ging weiter, auf den Wald zu, der mich kühl und leise rauschend erwartete.

07/20 PGF

Fraktal (2)

2.

Aber ich hielt an.
Ich lehnte mich leicht nach links, sodass mein linkes Bein zum Standbein wurde, kippte das Rad in diese Richtung und sah nach dem Kleidungsstück. Es schien etwas zu flüstern. Aber da Kleidungsstücke dies nicht tun, war es vermutlich nur der Wind, der durch die Grashalme streifte.
Es war später Nachmittag, das Licht warf die ersten Schatten und, wie magnetisch angezogen, klappte ich den Ständer meines Fahrrades aus und stellte es ab.
Ich ging hin.
Es war eine Bluse, vermutlich Baumwolle. Ich ging etwas näher hin und roch bereits das Parfum, dass ihm entströmte. Ein feiner, weiblich und doch markanter Duft. Vielleicht auch etwas Schweiß.
Ich ging in die Hocke, nahm das Kleidungsstück auf und versuchte etwas daraus zu lesen. Ich drehte es, als ob es dadurch reden würde und suchte zumindest nach einem Markenschild. Vermutlich hatte es jemand beim Radfahren verloren. Vielleicht war es aus einem Gepäckkorb herausgefallen, bei einem der Schlaglöcher und der Wind hatte es bis an den Straßenrand getragen. Vielleicht sollte ich es einfach hochnehmen und vorne, an der Brücke am Geländer festbinden, damit die Besitzerin es leichter finden konnte.
War das Blut?
Meine Hände stockten und ich dachte an Fingerabdrücke und ein Verhör, bei dem ich verzweifelt erklären würde, dass ich nur eine Radtour unternommen und mehr aus Zufall den Weg entlanggekommen sei.
Ich inspizierte den Fleck genauer. Da war Blut, außen bereits bräunlich und etwas verkrustet, innen noch feucht und dunkelrot.
Ich war versucht es zu berühren oder daran zu riechen, aber der Ekel hielt mich davon ab.
Ich sah hoch, um nachzudenken und stellte irritiert fest, dass die Welt einen starken orangenen Stich bekommen hatte, als wäre sie in Sepia getaucht. Ich mochte diesen Effekt bei Bildern, der ihnen Tiefe gab und sie reif wirken ließ. Aber hier störte es mich. Stand ich vielleicht kurz vor einem Schlaganfall?
Ich sah nach Westen und meinte, dass die Sonne tief genug stand, um das zu erklären.
Wie jemand der einen blöden Gedanken, bei sich feststellt, schüttelte ich den Kopf und lächelte.
Aber mein Lächeln erstarb.
Waren das da Schuhe?

07/20 PGF

Fraktal (1)

1.

Ich hielt die Füße still, wechselte die Übersetzung und trat dann wieder in die Pedale. Die Räder nahmen den Schwung auf und ich glitt über die asphaltierte Straße, mit einem leisen Rattern der Reifen.
Vor mir tauchte die Abzweigung zum Feldweg auf. Ich hätte auch unter der Brücke durch und dann parallel die Landstraße entlangfahren können. Aber ich mochte den stilleren Weg lieber, auch, wenn er ordentlich Schlaglöcher hatte.
In einem weiten Bogen nahm ich die Kurve, so dass ich mich nur leicht zur Seite neigen musste, um das Fahrrad dem Lenker folgen zu lassen.
Unmerklich hob hier der Weg etwas an. Ich konnte nicht ausrollen lassen, sondern musste direkt wieder in die Pedale treten, um nicht ins Stocken und aus dem Gleichgewicht zu kommen.
Ich war kein sonderlich guter Radfahrer. Selten, dass ich die Lust zu einer Radtour verspürte und seltener, dass ich der Lust folgte.
Heute hatte ich es getan. Aus einem unbestimmten Gefühl, bei dem man später denkt: Hätte ich es besser nicht getan! Oder: Warum habe ich es nicht getan? Es gibt da nur entweder oder. Wie bei Zellen, die, bis zu einem gewissen Punkt stimuliert, ihr Potential entladen oder stumm bleiben, wenn die kritische Grenze nicht erreicht wird.
An diesem Tag war ich mir dessen nicht bewusst. Wenn man dem Schicksal übel mitspielen will, muss man sich nur bewusst machen, dass bestimmt etwas Schicksalhaftes geschieht. Wie eine Frau ihre Liebe verbirgt, wenn ihre Liebe sie verraten könnte, verbirgt sich das Schicksal, wenn ihm die Entdeckung droht.
Der Feldweg hat einen wunderschönen Verlauf, zur rechten ein kleiner Fluss, der im Herbst ordentlich anschwellen kann und den Weg auch mal überschwemmt. Auf der linken eine Feuchtwiese, die übergeht in einen Mischwald und weiter westlich in ein Birkenried.
Etwa in der Hälfte der Strecke, zum nächsten Ort, kreuzt der kleine Bach den Weg. Dort befindet sich eine Brücke, die man überquert, um kurz darauf, das 500-Seelen-Dorf zu erreichen.
Von dieser Brücke, war ich noch ein kleines Stück entfernt.
Ich konnte schon die Bäume sehen, die sie rechts und links säumen. Vor der Brücke, rechts, steht eine würdige, alte Tanne, mit langen dunklen Zweigen, die den Fluss in ihren Schatten nimmt.
Da lenkte mich, in der Wiese, links von mir, ein Kleidungsstück ab. Ein heller, leichter Stoff, der auf der feuchten Wiese sofort ins Auge fiel.
Natürlich hätte ich weiterfahren können.

07/20

Kröten in der Nacht

Ich habe nur, im Moment keine Träume …
weil der Sommer mich ablenkt, von mir
ich spaziere, als wäre ich ständig draußen
und bringe nichts zu Papier.

Das Papier braucht, zum Schreiben, nicht Tinte,
es schreibt sich nur liebend leicht,
ohne Liebe fehlen Sinn und Worte,
alles beliebig, alles bedeutungslos gleich.

Es ist nur schön, den Kröten zu lauschen.
Auch, wenn ich nicht weiß,
was sie schreien,
was sie reimen, in ihren seltsamen Lauten …
ich höre es und es hüllt mich ein –

sie sind die Stimmen der Nacht –
es wird wohl,
von Liebe und Sehnsucht handeln.
Ich schließe die Augen
und was war wird leicht:
es kommt alles und geht
und nichts wird bleiben.

07/20 PGF

Ein Glück welches keines ist

Der Sommer verspricht ein Glück, welches keines ist. Zu nah ist ihm schon der Herbst; zu drückend sein Licht, zu monoton sein blauer Himmel.
Worauf man sich im Frühjahr freut, was man im Herbst erntet, das scheint nur, im Sommer seine Blüte zu haben, aber die Frucht birgt Fäulnis und unreif sättigt sie nicht.
Er ist nicht leicht, er ist schwermütig; wie klar und rein, ist dagegen der Winter.
Träg und fahrig wird der Geist, unter der drückenden Last der Hitze des Sommers – und nur manchmal, wenn der milde Abendwind, in den Blättern spielt, bekommen die Gedanken wieder etwas Luft und Sehnsucht, wie der Wind mit den Wolken, mit Ideen zu spielen.

07/20 PGF

Hidden Point

Ich hatte ja, vor längerer Zeit, beiläufig erwähnt, dass jede der Fortsetzungsgeschichten, die ich auf dem Zeilenportal, lose veröffentliche, einen verborgenen (Ziel-)Punkt hat, damit sich die Geschichte fortsetzt. Am einfachsten zu definieren, als eine bestimmte Zahl von Lesern oder Likes, damit die Fortsetzung Sinn und Spaß macht.
Bei „Verano“ tritt nun zum ersten Mal der Fall ein, dass ich eine Geschichte vorab beende, weil der „Hidden Point“ nicht erreicht ist.
Dabei ist die Zahl der Besuche und Likes erstmal nicht entscheidend. Sie spiegelt nur, dass es mir gerade selbst an Schwung und Elan fehlt, die Geschichte voranzutreiben. Es ist eher mühsam, als unterhaltsam, mich abends zum Kapitel zu treiben. Zeit, dass der Urlaub näher rückt …
Trotzdem werde ich die Geschichte zu Ende schreiben, das halte ich immer so, aber ohne allabendliche Selbstverpflichtung. Wer also sagt: „Pfui! Ich möchte das Ende kennen!“ Darf mich gerne in ein, zwei Wochen kontaktieren und erhält ein taufrisches PDF mit der Geschichte. So viele Kapitel sind nicht mehr geplant.
Neben dem Lustverlust, ist es auch ein neues Projekt, welches mir, im Rahmen meiner bisherigen Veröffentlichungen, aktuell durch den Geist schwirrt. Dazu demnächst mehr.

„Blogpause!“ Mag ich nicht ausrufen. Aber so ein bisschen was loses und von Tag zu Tag, ist mir im Augenblick sympathischer.
Die Wochen sind arbeits- und lebensintensiv.

Wie zu erwarten, das sei in diesem Zusammenhang erwähnt, ist von den Balkongesängen nichts geblieben. Die Politik hält nicht eine einzige ihrer Ankündigungen ein und rettet alles, außer dem Gesundheitssystem. Vor Corona war alles am Anschlag, Corona hat dazu eine neue Dimension geliefert und nachdem die Kurve abflacht, nimmt der Normalbetrieb wieder Vollgas auf. Für die Beschäftigten im Gesundheitswesen gibt es keine Erholung, keine Entlastung und nicht den Hauch einer finanziellen Vergütung, in der Zeit von Corona oder perspektivisch für die Zukunft. Ein Versagen aller Parteien des Bundestages. Vom Volk erinnert werden sie, wie zu erwarten, nicht.
Hier habe ich allerdings keinen Hidden Point. Bei der Genesung von Menschen zu helfen, hat seinen intrinsischen Wert. Eine Anerkennung, auch monetär, würde eine Freizeitgestaltung erleichtern, die das ausgleicht, was man physisch, psychisch und intellektuell aufbringen muss, um Menschen von der Intensivstation bis zurück in den Alltag zu begleiten.

Habt einen schönen Abend
PGF

Verano (12)

12.

Ich war auf dem besten Weg, meinen Ruf zu ruinieren. Wenn sich unter den Vögeln rumsprach, dass ich ihresgleichen lieber entführte, als in einer grausamen Federschlacht für meinen Gaumen vorzubereiten, noch schlimmer, wenn andere Katzen hörten, dass ich mich von Marvin herumkommandieren ließ, dann war es vorbei mit allem Ansehen und Erfolg. Denn der hing eindeutig davon ab, was die anderen von einem dachten und nicht davon wozu man taugte. Das war eine stille Ernte.
Es nutzte nichts. Ich brauchte einen Vogel und weil Marvin versäumt hatte, mir dies genauer zu definieren, schnappte ich mir die nächste alte Amsel, die nicht schnell genug von der Wiese wegkam, um sich meiner Pfoten zu entziehen. Die Krallen hatte ich eingezogen, was mich deutlich unbeholfener machte.
Die Amsel flatterte und versuchte mir zu entwichen, aber sie war zu ungeschickt, um sich meinen eingeübten Tricks zu entziehen. Irgendwann war sie zu müde sich zu wehren – ich hatte mich ein Weilchen auf sie gelegt – und ich konnte sie mit der Schnauze aufnehmen und davontragen.
Marvin erwartete mich bereits. Er führte mich in den Keller des Hauses, in dem er wohnte und forderte mich auf die Amsel loszulassen.
Die sprang sofort von uns davon und erkannte dann ihre Ausweglosigkeit. Kein offenes Fenster, keine offene Tür. Wenn sie die harte Tour suchte, konnte sie solange gegen die Decke flattern, bis sie uns ins Maul fiel.
„Was wollt ihr von mir?“ Fragte sie mit dünner Piepsstimme.
Marvin ging auf sie zu.
„Erstmal solltest du dich beruhigen. Es geschieht dir nichts. Wir brauchen deine Hilfe.“
Für mich verständlicherweise, sah die Amsel Marvin an, als habe er den Verstand verloren.
„Er isst nur Fleischersatz“, warf ich ein, um Marvin in seinem Bemühen zu unterstützen, aber die beiden ignorierten mich.
„Meine Hilfe?“
„Ja, mein Freund hier“ Marvin bewegte seinen Kopf lässig in meine Richtung, „macht sich Sorgen, um seinen Menschen. Er möchte ihm, zu tieferem Verständnis in die Zusammenhänge der Welt verhelfen. Sein Mensch soll verstehen, dass hinter der Seuche keine Verschwörung steckt, sondern ein Bewusstsein, welches jenseits von gut und böse, den Ausgleich sucht.“
„So zu denken, klingt aber gar nicht nach deinem Freund.“
Die Amsel warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Das denke ich auch oft, aber du kennst es: raue Schale, weicher Kern.“
„Mag sein, aber weshalb sollte ich einem Menschen helfen? Sie sind zu schwach und ängstlich für das Spiel der Natur und überziehen die Welt mit Erfindungen, damit ihre Bedürfnisse immer befriedigt werden können. Sie nehmen der Nacht die Dunkelheit, dem Morgen die Stille, der Luft den Geruch, dem Wasser die Reinheit. Mir ist es egal, ob sein Mensch stirbt.“
Unwillkürlich streckte ich meine Krallen aus und fing an, mir meine Pfote zu lecken, als würde ich eine Waffe, für den Gebrauch reinigen.
Die Amsel sah unsicher zu.
„Aber füttern lässt du dich von ihnen?“
Fragte Marvin entspannt.
„Ja schon.“
„Und, dass wir Glöckchen tragen müssen, damit wir euch nicht fangen, hat dich auch nie gestört?“
„Nein, aber.“
„Na, dann sind wir uns einig. Du sollst auch gar nicht die Menschheit retten. Alles was ich will ist, dass du mit ein paar Kumpels Zeitungen sammelst, in denen sich Artikel über die Klimaveränderung, Umwelt, Tierhaltung, menschliche Gesundheit, finden lassen. Schaut auf Parkbänken nach, in der Nähe von Papiercontainern, wenn nötig klaut welche aus dem Briefkasten und bringt sie mir.“
Die Amsel legte den Kopf schräg, dann nickte sie.
„In Ordnung. 10 Zeitungen bringen wir euch, aber nicht mehr.“
„Perfekt, dass sollte genügen.“
Marvin stellte sich auf alle vier Pfoten.
„Komm, ich bring dich nach draußen.“
Als die Amsel davongeflogen war, nickte ich Marvin anerkennend zu.
„Ich weiß zwar noch nicht, was dein Plan ist, aber die Amsel hast du gut überzeugt.“ Ich wandte mich ab. „Dann kann ich mich ja ein wenig ausruhen.“
Marvin schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Nein?“
„Jetzt brauchen wir ein Eichhörnchen.“
Ich versuchte zu erkennen, ob Marvin sich einen Spaß mit mir erlaubte. Es schien ihm Ernst.
„Unversehrt, nehme ich an?“
Marvin nickte zufrieden.
„Es soll ihm, nicht ein Haar gekrümmt sein.“
Ich schnaufte durch.

07/20 PGF

Verano (11)

11.

Ich beugte mich über Marvins Napf und legte los. Spargel war es nicht, aber etwas wie Fisch, mit Möhren und Getreide angereichert. Es ekelte mich, aber, wenn ich Hunger habe, komme ich über so was hinweg.
Marvin saß reglos neben mir und sah zu. Ich spürte, dass er wütend war. Jede Katze ist wütend, wenn eine andere in ihr Revier eindringt, speziell, wenn sie nicht aus dem gleichen Wurf ist. Aber was sollte er tun? Zwei Hiebe mit meinen nicht beschnittenen Pfoten und er wusste, wer das Vorrecht genoss. Da seine Menschen, Marvin die Krallen schnitten, waren seine Schläge eher, als würde man mit Wattebauschen verprügelt.
Die Lektion würde ihm guttun. Wenn er weniger aß, wurde er dünner. Wenn er dünner wurde, wurde flinker und hungriger. Der Hunger würde ihn mutiger machen und, dann würde er mich vielleicht besiegen. Wenn ich bis dahin zu viel fraß. So funktionierte Gleichgewicht: Meine Gier war meine Schwäche, Marvins Schwäche konnte ihn zu seiner Stärke führen.
„Warum isst du nicht zu Hause?“ Fragte er vorsichtig.
Ich sah hoch.
Der Napf war leer.
„Weil wir ansteckend sein können. Also ich. Du bewegst dich je keine fünf Schritt von deinem Zuhause weg.“
„Ansteckend?“
„Ja, wir können die Seuche übertragen, die sich unter den Menschen verbreitet. Wenn deine Besitzer sterben, wirst du es schnell schwungvoll haben. Dann flitzen wir beide durch den Wald und suchen Beute.“
Zu meiner persönlichen Überraschung wirkte Marvin nicht verstört.
„Da mache ich mir keine Sorgen. Meine Besitzer“-.
„Menschen!“
„Besitzer! Sind gut informiert. Sie verbringen viel Zeit im Internet und kennen sich gut mit Krankheiten aus.“
Das machte mich neugierig.
„Und, wie funktioniert das?“
„Dein Mensch sitzt doch auch viel vor einem Bildschirm. Diese Bildschirme sind miteinander verbunden, so wie wir über das universelle Bewusstsein verbunden sind und uns austauschen können. Das Internet ist ein Ableger davon, nur ohne die Sicherheit, dass man sich mit der universellen Wahrheit verbindet. Dort gibt es auch universellen Dummheiten, die die Menschen untereinander austauschen. Aber sie halten sie für wahr, weil sie feststellen, dass andere sie auch für wahr halten.“
„Und das geschieht deinen“, ich musste mich überwinden, „deinen Besitzern nicht?“
„Nein, weil die nicht verlernt haben zu denken. Sie übernehmen nicht was sie finden, sondern sammeln verschiedenes Wissen und machen sich ein eigenes Bild daraus.“
Ich sah auf den leeren Napf und dann nach Marvin. Zum ersten Mal war ich etwas beeindruckt von ihm. Kein Jäger, aber ein Denker, auch, wenn mir das für eine Katzenexistenz nicht zielführend schien.
„Und, wie bringe ich Paul das Denken bei? Wie sorge ich dafür, dass er die richtigen Zusammenhänge begreift?“
Marvin sah mich verschmitzt lächelnd an.
„Das verrate ich dir. Wenn du mir einen Vogel bringst.“
„Okay.“
„Aber ich will ihn lebend haben.“
Ich zögerte.
„In Ordnung.“
„Und unversehrt.“
Ein Fauchen entwich mir.
„Wenn es sein muss.“

07/20 PGF

Verano (10)

10.

Als die Vögel zu zwitschern begannen, hörte ich, wie der Bauer das Scheunentor aufschob. Ich nutzte einen unachtsamen Moment, als er prüfend den Blick über die Boxen der Kühe schweifen ließ und huschte nach draußen.
Normalerweise trabe ich, früh am Morgen, wie ein Liebhaber, nach einer Liebesnacht tänzelnd nach Hause geht, in flottem und leichtem Schritt. Aber nicht an diesem Morgen. Die Vögel schienen mich gut im Blick zu haben und ich meinte in ihrem Pfeifen und Schnattern, ein wenig Hohn zu vernehmen, während ich, die Pfoten unsicher nacheinander setzend, den Asphalt unter ihnen kaum spürte.
Ich machte mir Gedanken und ich kann sagen, dass ich das selten tue, wenn ich draußen unterwegs bin. Gedanken mache ich mir beim Fressen oder, wenn ich neben Paul auf dem Sofa liege, in seinem Bett, auf seinem Schreibtischstuhl, unter dem Küchentisch oder in dem Blumenkasten auf dem Balkon, wegen dem wir das ein oder andere mal in Streit geraten, weil Paul seine Keimlinge wichtiger sind, als mein gekühlter Bauch.
An diesem Morgen aber, während die Sonne den Horizont vergoldete, fühlte ich die Verantwortung, die in jedem Lieben steckt.
Liebe ist ja verdammt schwer zu finden. Also Liebe im Sinn von: jemand der sich um dich kümmert, jemand um den man sich kümmert. Für mich war es eine Erziehungsfrage, diese Liebe zu erreichen. Paul verstand sich darauf nicht besonders gut.
Mir fiel das leicht, weil ich mit meinem Leben klar war. Ich hatte ihn dazu gebracht, sehr genau auf meine Bedürfnisse einzugehen. Ich taktete ihn ein auf meine Essenszeiten, Kuschelzeiten, die Zeit wann ich nach draußen wollte und die Zeit, in der ich am Ofen liegen mochte. So hatte ich ihm beigebracht, wie er sich, um mich zu kümmern hatte. Er machte das gar nicht. Manchmal brachte ich ihm eine Maus und er wusste gar nichts damit anzufangen. Er packte sie am Schwanz und warf sie in die Wiese. Aber hey! Ich war bereit ihn zu füttern und er verstand es nicht. Paul achtete also schlecht darauf, ob er geliebt wurde. Er kümmert sich, aber kümmerte sich nicht darum, wie sich jemand um ihn kümmert. Das lernte er von mir. Mit der Zeit. Wenn es ihm schlecht ging, kletterte ich auf seinen Schoss und bot ihm meine Nähe. Wenn er nach Hause kam stand ich schon am Gartentor bereit und verblüffte ihn täglich damit, dass ich wusste, wann er nach Hause kommt. Selbst, wenn es unterschiedliche Zeiten waren.
„Spürst du mich etwa?“ Fragte er dann unbeholfen und leider verstand er nicht, wenn ich antwortete: „Ja, natürlich spüre ich dich. Kommt halt darauf an, ob man seine Antennen entsprechend ausrichtet.“
Durch diese Maßnahmen lernte Paul, dass ich mich um ihn kümmerte. Und, weil ich eine Katze war und Katzen egoistisch und bindungslos gelten, freute ihn das im Besonderen. Deshalb stand ich jetzt vor meiner schwersten Mission: Ich musste Paul klar machen, dass ich mich um ihn kümmerte, indem ich Abstand von ihm hielt.
Ich erreichte das Gartentor. Ich quetschte mich links davon durch eine Lücke im Jägerzaun und strebte der Haustür entgegen. Vielleicht konnte ich ja kurz ein Häppchen essen und ehe Paul es sich versah, war ich schon wieder draußen im Garten und hielt den erforderlichen Abstand.
Mit Schwung ging die Haustür auf.
„Veeeraaaanooooo!“ Rief Paul noch während er die Tür öffnete.
Ich blieb wie erstarrt stehen und verkroch mich im nächsten Gebüsch. An der Art, wie er sich umsah erkannte ich, dass ich mich rechtzeitig seinem Blick entzogen hatte.
Er rief noch ein paar Mal und pfiff, dann zog er, mit einem leicht besorgten Blick, die Tür wieder zu.
Ich atmete durch.
Die Entspannung hielt nicht. Mit voller Wucht traf mich mein Hungergefühl. Aber irgendwie war mir nicht nach Jagd. Ich hatte weder Lust auf Maus, noch auf Vogel und hätte höchstens, aus übler Laune, eine Prügelei mit einer Krähe begonnen.
Ich ahnte, dass ich für den Moment zum äußersten Mittel greifen musste: Ich musste mich zu Marvin schleichen und seinen Napf leeren. Auch, wenn dies Kalbfleischersatz mit Spargel bedeutete. Paul war es mir wert.

06/20 PGF

Verano (9)

9.

Nachdem ich meinen Napf leer geschleckt hatte und wieder klar denken konnte, fielen mir Bastets mahnende Worte wieder ein: Nicht gehen, wenn man stehen bleiben soll.
Solange ich Hunger habe, kann ich mich nicht gut konzentrieren. Also ich kann mich stupide darauf konzentrieren, auf den Eingang zum Bau einer Maus zu starren, aber ich kann mich mit nichts Kompliziertem beschäftigen. Und in diesem Fall war die Sache kompliziert! Paul durfte nicht losrennen, solange ein Auto kommen konnte. Aber er wusste ja gar nichts davon. Er blieb zwar brav zuhause, aber das nutzte wenig, der Masterplan war nachhaltig angelegt. Irgendwas wusste er schon, aber nicht das Ausmaß …
Ich musste nochmals mit Berta sprechen. Sie mochte zwar keine nächtlichen Besuche, weil sie in dieser Zeit gerne dastand, wiederkäute und dabei nachdachte, aber sie würde es mir nicht übelnehmen.
Ungeduldig wartete ich, bis Paul mich nach draußen lassen wollte. Aber er merkte gar nicht, dass es mich nach draußen drängte. Er schien, am Computer, mit irgendetwas beschäftigt. Deshalb nahm ich mir die Ecke seines Sofas vor.
Das war das vereinbarte Zeichen. Der in Handlung verpackte Dialog:
„Ich will jetzt nach draußen!“
„Ich komme ja schon!“
Kaum war die Tür offen, rannte ich die Treppen hinab und hinaus ins Freie.
Draußen war es dunkel und hatte merklich abgekühlt.
Ich eilte zielstrebig in Richtung von Bertas Stall und kontrollierte zwischendurch den Stand der Gestirne und die Feldlinien. Nicht, dass ich am Ende, wieder Bastet gegenübertrat.
Aber ich war nicht in Ägypten, ich war dort wo ich hingehörte.
Auf dem Hof, auf dem Berta lebte, brannten bereits die Laternen. Gegessen hatte ich und so nahm ich in Kauf, dass der Bauer mich einsperrte, wenn ich so spät noch den Stall betrat.
Ich huschte durch das fast geschlossene Scheunentor, wie der Schatten eines Geistes und trabte, auf lautlosen Pfoten, zu Bertas Box.
Sie war überrascht.
„Verano? Was ist los? Findest du nichts zum jagen?“
Ich postierte mich, in die Nähe ihres Kopfes.
„Berta ich habe noch eine Frage: Können auch Tiere, den Virus auf den Menschen übertragen?“
Berta kaute genüsslich.
„Ja, natürlich. Alle Tiere, die engen Kontakt mit Menschen haben, übertragen den Virus. Es soll ja Wucht haben.“
Ich schluckte.
„Aber du sagtest doch Fledermäuse? Und die“.
„… werden von Menschen, in manchen Ländern gegessen.“
„Fledermäuse?“
Ich war schockiert. Das war mir jetzt doch etwas viel. Selbst ich, der Gras fraß, um Fellreste zu erbrechen, fühlte Ekel beim Gedanken eine Fledermaus zu fressen.
„Finde ich besser, wie wenn sie mich essen.“
Dem wagte ich nicht zu widersprechen.
„Also könnte ich Paul anstecken?“
„Du fragst die falsche. Aber vermutlich schon.“
Ich fühlte einen dicken Brocken im Magen, wie wenn ich was Falsches gefressen hätte. Bilder tauchten vor mir auf, wie ich mich mit fleckigem Fell, ungepflegt und abgemagert, durch die Wälder kämpfte. Ein Heimatloser, ein Verlorener, einer der das Glück gekannt hatte und es aufgeben musste.
„Du machst dir nicht etwa Sorgen, Verano?“
„Ein wenig schon.“
„Dann musst du halt auf deinen Menschen aufpassen. Auch, wenn ich ernsthaft nicht verstehe, was dir an ihm liegt.“
Ich dachte an meinen Futterplatz, meine Schlafecken und die Hand, die mir im Winter am Feuer, über die Ohren und den Rücken streichelte. Ein Bolzenschussgerät musste ich nicht fürchten.
Das Geräusch des Scheunentors, welches in Schloss fiel, schreckte mich aus meinen Gedanken.
„Du wirst die Nacht wohl hierbleiben müssen.“ Bemerkte Berta trocken
„Das macht nichts“, sagte ich und dachte: dann kann ich Paul wenigstens nicht anstecken.

06/20 PGF