Der Ausbruch (18)

18.

Es war eine unruhige Nacht. Mir war, als würde ich in der Nähe jemand unentwegt weinen hören. Aber das Weinen klang nach einem alten Menschen und in der Nähe waren nur die Kinder.
Wenn es mir doch gelang für ein paar Sekunden einzudösen, schreckten mich Schritte auf, als würden, nahe dem Dorfe, vielen Menschen, in einem endlosen Marsch vorüberziehen. Die Schritte klangen schwer und müde, als wären es Kriegsflüchtlinge oder Gefangene, die unter stummem Druck ihrem Ziel entgegengeführt wurden.
Als es dämmerte, quälte ich mich unausgeschlafen aus meinem Schlafsack und stand auf. In der Nähe sah ich das Lodern eines größeren Lagerfeuers, auf das ich zusteuerte. Auf Steinen, die im Kreis um das Feuer gelegt waren, saßen vier der Jugendlichen aus Nimis. Auch Alvar saß dabei.
„Guten Morgen.“ Sagte ich in die Runde.
Sie nickten mir schweigend zu. Ich dachte, vielleicht machte auch ihnen die zunehmende Dunkelheit zu schaffen. Die Dämmerung würde nämlich nicht in einen strahlenden Tag übergehen, sondern dem Winter folgend, sich kaum vom Abend unterscheiden. Es war die Zeit des ausgehenden Lichts.
Ich setzte mich auf einen der Steine.
Einer der Junges rührte mit einem Stock im Sand vor sich, der nächste starrte in die Flammen, ein Mädchen hatte die Beine fest gegen den Körper gepresst und schaukelte vor und zurück und Alvar legte Holz nach, wann immer die Flammen kleiner zu werden drohten. Etwas zu essen oder Becher um daraus zu trinken sah ich nicht.
„Stört es auch, wenn ich mir eine Konserve am Feuer wärme? Wenn ihr Hunger habt, könnt ihr auch eine haben.“
Das Mädchen schaukelte weiter, der Junge rührte weiter mit seinem Stock, der andere starrte mich an, statt der Flammen.
„Nein, ist kein Problem.“ Alvar legte neues Holz auf. „Danke, dass du uns etwas abgeben würdest. Aber das ist nicht nötig. Uns speisen das Licht und die Luft.“
Ich warf Alvar einen skeptischen Blick zu.
„Das ist für euer Entwicklung aber nicht ausreichend. Ich denke ihr solltet schon etwas essen.“
Der Älteste der Kinder sah mich an, wie einen Fremden im Land, der die Bräuche nicht kennt und sich völlig danebenbenimmt.
„Es ist für uns noch nicht die Zeit, für deine Nahrung. Lass dich davon aber nicht stören. Du kannst gerne etwas für dich wärmen.“
Ich nickte und fand mich damit ab, dass es sonderbar in Nimis zuging. Aber hatte Gunnar mich nicht gewarnt?
„Eines noch: wundere dich nicht, wenn du in Nimis bist.“ Hatte er gesagt.
Ich stand auf, ging zu meinen Sachen und holte eine Dose Ravioli, einen Dosenöffner und einen Klapplöffel aus meinem Gepäck. Damit ging ich zurück zum Feuer.
Jetzt saß nur noch Alvar da.
„O! Habe ich sie erschreckt?“ Es hätte mir tatsächlich leidgetan.
„Nein, du hast sie nicht erschreckt. Nur Ahnungen in ihnen erregt, was sie erwartet.“
„Und was erwartet sie?“
„Die Welt.“
„Aber sie sind doch in der Welt.“
Alvar legte wieder Holz auf und bedachte mich mit einem Blick der mich erschreckte. Es war ein allwissender Blick, der allen Schmerz und alles Glück, das der Seele möglich war, umfasste.
„Wenn du träumst, bist du dann in der Welt?“
„Ja natürlich. Mein Geist schafft sich nur eigene Bilder, für seine Ängste und Hoffnungen.“
„Sind diese dann sehr real?“
„Ja.“
„Wie eine Zwischenwelt, zwischen der, die du mit allen teilst und der, die in deinem Inneren entsteht?“
„Genau. Du bist sehr klug für dein Alter.“
Alvar ignorierte meine Bemerkung.
„In Nimis ist das umgekehrt. In Nimis leben wir in einem gemeinsamen Traum und von hier geht jeder, vom anderen getrennt, in die Welt.“
Der Satz wirkte, wie ein Finger, der eine Gitarrensaite anschlägt, ein Klang in Moll.
In der Welt war jeder, unüberwindlich von den anderen getrennt. Ja, so war es.
„Aber, wo bin ich dann hier?“ Fragte ich und erschrak vor dem Ton in meiner Stimme, sie klang zitternd.
Alvars Blick wurde sanft.
„Hier? Hier bist du schon weit, in die Zwischenwelt gewandert.“

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Der Ausbruch (17)

17.

Ich folgte den Kindern in ihr Dorf. Der Älteste von Ihnen hieß Alvar, er ging vorne weg, während ich und die kleine Schar folgte. Ich sah kein einziges Haus in Nimis. Es gab Hütten, die mit Zweigen und Rentierfell notdürftig zusammengeflickt waren und eher Zelten glichen, feste Häuser die gegen Wind und Schnee schützten sah ich nicht.
Ich verringerte den Abstand zu Alvar.
„Ich sehe gar kein Haus hier. Friert ihr nicht? Ihr seht alle nicht sonderlich gut gekleidet aus.“
Alvar sah mich aus tiefschwarzen Augen herausfordernd an.
„Wir benötigen diese Dinge noch nicht. Was wir tragen, tragen wir nur zur Übung, bald verhüllt zu gehen.“
„Ihr meint, wenn es noch weiter nach Norden geht.“
Ich nahm an, die Kinder waren die Kälte einfach besser gewohnt als ich.
Alvar schüttelte den Kopf.
„Nur ihr seid auf dem Weg nach Norden. Für den Tag des Polwechsels. Ihr Alten wandert nach Norden, zum Pol hin, wir Jungen wandern nach Süden, zum Fährmann, der uns hinüberbringt.“
„Nach Dänemark?“
Er sah mich irritiert an.
„Nein, ins Leben. Zum Beginn.“
Ich verstand das nicht.
„Wie meinst du das: Zum Beginn?“
„Nun, du wechselst im Feld zum Ausgang hin und wir zum Eingang. Wir bewegen uns wie Ströme zwischen Plus- und Minus-Pol.“
„Aber am Pol geht es doch nicht weiter. Ich komme einfach auf der anderen Seite wieder raus.“
„Wenn du vorwärts gehst, aber nicht, wenn du aufsteigst. Wenn sich der Kreis schließt steigen, wir alle auf. Du wirst dort die bunten Lichter sehen, über die steigen wir auf und ab, gewaltige Ströme Energie, die über eine unsichtbare Brücke flimmern.“
Ich verstand noch immer nicht.
Ein kleines Mädchen zupfte mich am Arm.
„Das ist gar nicht so schwierig. Du ziehst bald nach Norden und Alvar nach Süden.“
Das verwirrte mich noch mehr.
„Alvar verlässt euch?“
„Ja, er wird als erster weiterziehen. Er ist schon so weit.“
Ich sah Alvar fragend an.
„Und wohin gehst du? Und was wird aus den Kleinen?“
„Die bleiben hier, um zu reifen und ich gehe zu Gunnar, damit er mich übersetzt.“
Ich winkte ab.
„Aber du solltest nicht in den Süden. Da nehmen der Krieg und die Not immer mehr zu. Es gibt viele Tote und viel Leid.“
Alvar nickte.
„Ich weiß. Aber auch diese Zeit wird vorübergehen und dann kommen das Glück und die Liebe und die Freude zurück. Ich war jetzt lange in der Grenzzone. Ich bin froh, wenn mich Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Liebe und Verlust packen. Ich sehne mich danach.“
Das ist die Jugend, dachte ich, der Sturm und Drang.
„Dann wünsche ich dir, dass du nicht in eine Welt gerätst, die dem Untergang geweiht ist.“
Alvar nickte und zeigte mir meinen Schlafplatz.
„Wenn du willst, reden wir morgen weiter. Für heute wäre dies dein Platz. Mit den Decken die du hast und brauchst, solltest du die Nacht gut zurechtkommen.“
Ich sah mir den Ort an, der eher wie ein Schlafstelle im Freien wirkte. Aber mit Blick auf die Kinder die weniger trugen und unter einfachen Decken zu schlafen schienen, wollte ich nicht mehr verlangen.
„Okay. Danke Alvar. Ich werde mich ein wenig hinlegen. Es hat mich manches sehr verwirrt, was du mir erzählt hast. Vielleicht muss ich ausgeschlafener sein, um es besser zu verstehen.“
Alvar nickte sanft.
„Sicher musst du erwacht sein, um es zu begreifen.“
Dann wandte er sich ab und ging.

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Der Ausbruch (16)

16.

Als ich loslief begann es zu schneien. Unablässig trieben vom Meer Wolken ans Land und brachten dicke Schneeflocken, die in engem Flug zur Erde taumelten.
Ich hielt an, warf meinen Regenschutz über meinen Rucksack, zog den Rucksack wieder auf und zog die Bänder meiner Mütze so eng zusammen, dass mein Gesicht nur noch, als kleiner Kreis daraus hervorschaute. Dann lief ich weiter.
Ich kam immer wieder an verlassenen Dörfern vorbei, aber Menschen sah ich nicht. Am Abend fand ich ein freistehendes, kleines Haus, das mir zum Unterschlupf geeignet schien. Es bot nicht mehr, als ein Dach über dem Kopf aber für die Nacht sollte es mir genügen.
Ich schlief unruhig, träumte von Aslaug, die im Traum lächelnd vor mir herging. Ich versuchte sie einzuholen, aber sie war immer einen Schritt schneller und, wenn ich sie fragte, wandte sie nur kurz den Kopf mir zu, lächelte und ging weiter. So ging es den ganzen Traum hindurch und, als ich am Morgen wach wurde, fühlte ich mich erschöpft und enttäuscht.
Meine Kleider und mein Rucksack, all meine Sachen waren feucht vom Vortag. Der Schnee, der auf mich niedergegangen war, war geschmolzen und ich hatte keine Feuerstelle gefunden, um die Sachen zu trocken. Ich quälte mich in die klammen Kleider und trat nach draußen. Ein beißender, kalter Wind empfing mich, der mir bis auf die Haut ging. Obwohl meine Kleider fest und gut gegen die Witterung waren. Es war diese Kälte die von Innen kommt. Es war – und ich tat mir schwer es mir einzugestehen – die Einsamkeit. Die Einsamkeit die der Traum von Aslaug mir bewusst gemacht hatte. Ich verstand nun, warum, nach der Begegnung mit ihr, mir das Alleinsein plötzlich schwerfiel. Mir war, mit ihr, ein Stück Glaube verloren gegangen.
Es gibt eine Einsamkeit die darauf beruht, dass man Angst hat niemand zu finden. Aber so war es nicht, ich nahm durchaus an, dass ich wieder auf Menschen treffen würde. Das schwere an dieser Einsamkeit war, zu wissen das selbst, wenn ich jemand fand, er niemals all das verstehen, all das erfassen, all das teilen, all das fühlen, all das wissen, glauben, wünschen würde, was ich mir wünschte, glaubte, fühlte. In Zeiten, da es noch viele Menschen gab, war es schon schwer genug seine Seelenverwandten zu finden. Jetzt war es eine Lotterie und ich hatte beinah gewonnen. Jemand wie Aslaug, würde mir nicht mehr begegnen. Sie war mir verloren und das machte all meine Schritte schwer, machte die Kälte beißender und die Nässe hinterhältiger.
Irgendwie schaffte ich es, mich aus der Resignation zu lösen. Mein Ziel war Nimis. Mehr musste ich für den Moment nicht entscheiden und, wenn ich in Nimis war, würde mein Ziel einen anderen Namen tragen. Ich würde nie nach ihrem Sinn fragen, nicht der Sinn des einen Zieles und nicht nach dem Sinn aller Ziele. Meine Aufgabe war nicht das Fragen, sondern das Tun.
Der Tag fühlte sich endlos an. Zwischendurch fiel immer wieder Schnee, dann wurde es etwas milder. Der Schnee schmolz auf mir, durchtränkte meine Kleider und, wenn die Feuchtigkeit auf meiner Haut ankam, fiel der nächste Schnee.
Ich lief den ganzen Tag hindurch. Ich trank kaum und aß nichts. Ich wollte diesen Bußgang zu Ende fühlen. Ich wollte nicht, dass er mir, auf halber Strecke, am Ende noch angenehm wurde.
Es begann bereits zu dämmern, als ich plötzlich in der Ferne aufsteigenden Rauch von Feuern sah. Als ich näherkam, hörte ich Stimmen. Ich schlug den Weg ein, der am besten ausgetreten war und fand im Schnee ein Schild liegend auf dem stand: „Nimis – Herzlich Willkommen!“
Als ich näherkam, wurden die Bewohner, es waren sicher zwei Dutzend, aufmerksam auf mich. Bereits aus der Ferne erkannte ich, dass sie alle recht klein und zierlich waren. Sie standen schweigend am Rand der Siedlung und beobachteten mich, wie ich im fahlen Licht ihnen entgegen schritt. Eingehüllt in Schnee.
Als ich die Gruppe erreichte erkannte ich, dass es sich durchweg, um Kinder handelte. Ich sah nicht einen Erwachsenen.
„Hallo“, rief ich, „Gunnar schickt mich. Könnt ihr eure Eltern für mich rufen.“
Der Älteste und Größte aus der Gruppe trat vor.
„Es ist gut, dass Gunnar dich schickt. Du bist uns herzlichen Willkommen. Aber Erwachsene wirst du hier nicht finden.“

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Der Ausbruch (15)

15.

Ich setzte einen unsicheren Schritt, auf den Strand und mein völlig durchnässter Schuh sank bis zum Absatz ein.
„Weiter!“ Schnauzte mich Gunnar von hinten an und so versuchte ich, mit dem Seil in der Hand vorwärts zu kommen, damit ich das Boot, an der Mole befestigen konnte.
Das Tau schnitt mir in die Hand, während der Sog des Meeres sich das Boot zurück zu holen versuchte.
Ich schritt vorwärts und achtete nicht auf den Schmerz. Ich warf das Seil einige Male um die Mole, schnürte einen Knoten und winkte dann Gunnar, dass das Schiff gesichert war.
Er warf den Anker.
Erst jetzt hatte ich Zeit, den Strand entlang zu sehen. Nur Himmel und Dünen und Meer erblickte mein Auge, soweit es reichte.
Eine Hand packte meine Schulter und zog mich herum. Ich sah in Gunnars massiges Gesicht. Es war etwas, wie Freude darin, ein Seefahrerstolz, dem Meer ein weiteres Mal das eigene Leben entrissen zu haben.
„Du musst jetzt weiter nach Norden. Immer die Küste entlang. Bis nach Nimis. Dort ist ein kleines Fischerdorf. Wo du ein, zwei Tage ausruhen kannst. Du wirst dort zu essen bekommen und erfahren, wie du weiterkommst.“
Ich überlegte: „Käme ich nicht schneller voran, wenn ich immer geradeaus nach Norden laufen würde. Die schwedische Küste ist in viele Buchten unterteilt. Ich werde viel langsamer vorankommen.“
Gunnar sah mich mit seinen dunklen Bärenaugen prüfend an. Dann nickte er.
„Das könntest du tun, aber das ist zu gefährlich. Bleib an der Küste. Bleib in der Nähe des Meeres. Mach keinen Halt, außer zum Schlafen, bis du in Nimis bist.“
Ich sah nach Norden. Dort war, von dem Punkt an dem ich stand, nichts zu sehen. Gar nichts. Nur dunkle Wolken, die nach Schnee aussahen, gelbe unruhige Küste und das grau-blau schäumende Meer.
„Das sieht trostlos aus.“
Gunnar warf einen Blick in die Richtung in die ich sah.
„Ja, für das verwöhnte Auge, sieht es trostlos aus. Die Welt ist leer geworden, leer und weit. Man gewöhnt sich daran, ich denke, das weißt du. Wenn man ein paar Tage, mit dem Meer und den Wolken, dem Wind und der Stille allein ist, versteht man nicht mehr, wie man den Lärm zuvor ertragen konnte.“
„Bist du deshalb so abweisend?“ Fragte ich direkt. „Damit man dich bald wieder in Ruhe lässt.“
Gunnar strich sich den Bart glatt.
„Das kann sein. Aber vielleicht fühlst du es auch nur so, weil du die Worte noch nicht losgeworden bist, weil du immer noch glaubst, man müsse geschwätzig sein, um sich zu verstehen.“
Er sah aufs Meer hinaus.
„Geh jetzt! Du brauchst bist Nimis zwei Tage. Es ist schon Mittag, heute kommst du nicht mehr weit.“
„Werde ich Aslaug wiedersehen?“
Gunnar zuckte mit den Achseln.
„Ist das wichtig?“
„Ja, mir ist es wichtig. Wirst du sie übersetzen, wenn alle eingesammelt sind.“
„Das kann tausend Jahre dauern.“
Ich schüttelte irritiert den Kopf.
„Aber Aslaug ist keine tausend Jahre.“
Gunnar starrte mich an.
„Weißt du das? Weißt du sicher, wie alt du bist? Oder hat deine Geburt nur die Erinnerung abgeschnitten, wie ein böses Erwachen, dich von einem schönen Traum abschneidet! Geh jetzt! Du redest zu viel.“
Ich nahm meinen Rucksack hoch.
„Eines noch“, Gunnars Stimme klang warm und mahnend, wie eine väterliche Stimme, „wundere dich nicht, wenn du in Nimis bist.“ Gunnar wandte sich ab, in Richtung seines Bootes. „Wundere dich nicht!“

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Der Ausbruch (14)

14.

Die „Lethe“ warf sich mit Wucht in die Wellen, und fiel nach jedem Kamm zurück in blaugrau schäumendes Meerwasser. Gunnar, davon unbeeindruckt, hielt im Steuerhaus hinter mir, mit seinen mächtigen Pranken, das Steuerrad stabil und lenkte uns vom Westufer, das wir verließen nach Osten, an die fremde Küste zu der mich, nach dem Abschied von Aslaug nichts mehr zog.
Ich war wie betäubt. Ohne letzten Gruß hatte ich das Boot bestiegen und getan was Gunnar von mir verlangte.
„Gib mir die Münze!“ Hatte er befohlen.
Ich durchwühlte meine Taschen bis ich ein großes, schweres Geldstück fand. Es war, wie mir schien aus purem Silber. Ich nahm an, es war eine Münze aus einer Sammlung, deren Besitzer nicht mehr lebte.
Gunnar nahm die Münze und nickte mich zu meinem Platz.
Als ich mit dem Rücken zu ihm stand, warf er mir nach: „Ihr wollt schon im Leben nicht zahlen, für das was ihr tut. Dann zahlt ihr zumindest für den Tod, den ihr nicht wollt.“
Ich zuckte kurz mit den Schultern und ging zu meinem Platz. Wenn mir diese Überfahrt den Tod brachte, dann mochte es so sein.
Gunnar holte den Anker ein und setzte das Segel. Es war ein stürmischer Tag und die „Lethe“ schoss ins offene Meer.
Ich saß auf einer kleinen Holzbank am Bug und sah auf den Horizont hinaus. Der Himmel leuchtete im Hintergrund blau, während davor dichte Schwärme weißer Wolken, wie im schnellen Lauf über den Himmel trieben.
Fast sieben Kilometer lägen vor uns, hatte Gunnar mir erklärt. So, wie das Boot, nun über die Wellen glitt, konnte ich mir vorstellen, waren wir schneller am Ziel, als es für diese Strecke üblich war.
Mein Kopf war schwer von Gedanken. Mit den Menschen waren die Gedanken zurückgekehrt. Bis zu der Stunde, als ich in Aslaugs Augen geblickt hatte, war mir die Welt wie befreit erschienen. Ich hatte keine Sekunde daran gezweifelt, dass es schwer werden würde, so ganz allein auf der Welt. Aber es war auch eine Chance. Dann hatte mich Aslaug bezaubert und am Ende entzaubert und Gunnar, mürrisch und verschlossen, machte mir die Gegenwart schwer.
Aber was war ich ohne sie? Wie hätte ich das Meer überquert? Wie hätte ich nach Norden gefunden, um das Meer zu überqueren? Wie fremd und beschwerlich wir einander waren, wir kamen ohne einander auch nicht aus.
Die nächste Welle hob die „Lethe“ hoch in die Luft. Sie kippte ein wenig vorne über und, als der Bug ins Meerwasser eintauchte, entleerte sich eine riesige Wolke Salzwasser über mir. Ich roch, ich schmeckte, ich fühlte das Wasser. Es war, wie ein Taufguss, wie ein rein spülen, frei spülen, klar werden.
Das Schiff schob sich den nächsten Wellenberg nach oben. Ich stellte mich auf. Schrie die Wellen an, schrie das Meer an. Es würde mich nicht erschüttern, dieses Auf und Ab. Ich würde nicht wanken, nur, weil ich nicht wusste, was mich an der fremden Küste erwartete. Wenn die Elemente den Kampf mit mir suchten, dann würde ich ihnen trotzen. Das Boot überschritt den Scheitelpunkt der Welle, kippte, ich drohte das Gleichgewicht zu verlieren, meine Knie wollten dem Druck nicht standhalten, der Rumpf knallte in das Wellental und ich richtete mich auf, wie ein Reiter der sein Pferd Gehorsamkeit lehrt.
Ich wischte mir das Meerwasser aus den Augen und sah nach vorne. Ich entdeckte vor uns, einen Streifen Land.

02/20 PGF

Der Ausbruch (13)

13.

Draußen war es noch dunkel, als mich eine kräftige Hand roh packte und schüttelte, wie eine Decke aus der man den Staub entfernen will.
„He!“ Brummte ich.
„Aufstehen!“ Befahl Gunnar.
Ich setzte mich und bemerkte die drei Öllampen die wieder oder immer noch brannten. Aslaug war bereits angezogen und saß am Tisch. Sie war mit einem Buch beschäftigt, in welches sie etwas schrieb.
„Guten Morgen.“ Sagte ich.
„Guten Morgen.“ Erwiderte sie leise.
Nachdem ich angezogen war, setzte ich mich zu den beiden. Unser Frühstück bestand aus einem Glas Milch.
„Ich bin gespannt auf die Überfahrt.“
Ich lächelte Aslaug zu, aber sie sah mich nicht an.
„Du wirst sie sicher genießen.“ Erwiderte sie matt und blickte konzentriert auf das Buch vor sich.
„Bestimmt. Bist du schon öfter gefahren?“
„Noch nie.“
„O!“ Machte ich und beruhigte mich, dass sie vor Aufregung so in sich gekehrt war. „Dann fährst du auch zum ersten Mal.“
Jetzt sah sie mich an und ihr Blick war streng.
„Ich werde nicht mitkommen.“
Mein Magen reagierte, als würde er die Milch plötzlich nicht mehr vertragen.
„Was heißt du wirst nicht mitkommen?“
„Es war nie vorgesehen, das ich mitkomme.“
„Aber ich ging davon aus“, ich fand keinen Weg den Satz weiterzuführen.
„Dann hast du dich leider getäuscht. Ich muss auf dieser Seite der Welt bleiben.“
Zorn stieg in mir auf.
„Und was willst du hier noch?“
„Ich sammle die anderen ein.“
„Welche anderen?“
„Die, die auch noch auf dem Weg sind.“
„Aber ich dachte „wir“ …“
„Dann musst du ein anderes „Wir“ denken. Du musst es erweitern, du musst es größer machen, als wir zwei es sind. Du warst wichtig für mich. Du warst der Erste den ich gefunden habe. Du hast mir gezeigt, dass ich nicht verrückt werde, sondern dass es meine Bestimmung ist, euch zu suchen und zusammen zu führen.“
Ein uralter Schmerz flammte in mir auf, der uralte Schmerz der Trennung und des Verlassenwerdens, ein Schmerz, wie er uns in frühen Kindertagen immer wieder befällt.
„Ich finde das falsch!“
Aslaug lächelte und legte mir zärtlich ihre Hand an meine Wange, die mittlerweile ein dichter Bart bedeckte.
„Erinnerst du dich, wie glücklich du warst, ohne die Grenzen in deinem Kopf. Du warst allein, und hast gespürt, wie begrenzend, das Zusammensein mit anderen ist. Wenn du gehst und ich bleibe, musst du nur die Grenzen auflösen, die du um uns gezogen hast.“
„Es ist nicht richtig!“ Beharrte ich und verstand selbst nicht den Zorn und das Weh, den der Abschied von Aslaug in mir auslöste. Tatsächlich war ich gerne einsam gewesen, aber das war ja, bevor sie mir begegnet war.
„Woher weißt du das eigentlich? Wir kannten uns doch noch gar nicht.“
Sie sah mir tief in die Augen und ich spürte, wie mir schwindlig wurde.
„Jeder hat seine Berufung. Aber vielleicht müssen wir, auf dem Weg zu ihr, alle erst sehr einsam werden, ganz auf uns selbst zurückfallen, beinah verzweifeln an uns selbst und am Ende glücklich werden mit uns selbst, bis wir bei ihr ankommen.“
„Dann will ich meine Bestimmung nicht.“
Aslaug lehnte sich zu mir und küsste zärtlich meine Lippen.
„Niemand entflieht seiner Bestimmung. Sie erfüllt sich oder man lebt unglücklich und voller Niederlagen, im Widerstand gegen sie.“
Ich entzog mich ihrer Nähe.
„Dann sollte ich wohl mit Gunnar gehen.“
Ich vermied sie anzusehen und verdunkelte meine Züge.
Ihr Blick ruhte auf mir, ich fühlte, dass auch sie litt und genoss ihr Leiden.

02/20 PGF

Der Ausbruch (12)

12.

Das Innere der Hütte war verraucht und durchsetzt mit den Gerüchen von Essen und Holzfeuer. Die Decke war niedrig, was Gunnar buckelig machte. Von draußen kam kaum Licht nach drinnen, weil die Fenster zu klein waren, es herein zu lassen.
Das Licht im Raum, spendeten drei Öllampen die unruhig flackerten, als wir hereinkamen und dann wieder, wie ein müdes Lied vor sich hin brannten.
Neben der Feuerstelle, auf der die Suppe, von der Gunnar gesprochen hatte, köchelte, stand ein Tisch mit einem Stuhl. Das Geschirr, dass es gab, stand auf dem Tisch. Gunnar hatte für drei gedeckt.
Gegenüber der Feuerstelle war, auf dem Boden ein freier Platz. Ich nahm an, dass dies die Schlafstelle war. Für einen ausreichend, für uns drei würde es eng werden.
Mit Gunnar allein, wäre mir das Herz schwer geworden. Aber Aslaugs Gegenwart machte den Raum gemütlich, beinah wohnlich und ihre Stimme heiterte die Atmosphäre auf.
„Soll ich dir noch was helfen?“ Wollte sie wissen.
Der massige Fährmann schüttelte den großen Kopf.
„Nein. Lass.“
Als wir saßen trug Gunnar den Topf zum Tisch und stellte ihn zwischen unsere Schüsseln auf ein Holzbrett. Im Topf schwammen halbe Fische, mit Zwiebelringen und Kartoffelstücken. Die Fischköpfe sahen mich vorwurfsvoll an, aber mein Hunger war zu groß, um mir das zu Herzen zu nehmen. Das Knurren meines Magens, vertrieb den Ekel aus meinem Kopf.
Unser Gastgeber nahm eine Schöpfe und goss jedem von uns, zwei Kellen in die Schüssel.
„Danke“: sagte ich und warf Gunnar ein Lächeln zu.
Er nickte, brummte und begann zu essen. Er aß sehr schnell. Ich war noch nicht mal bei der Hälfte und fragte mich, welche Teile der gekochten Fische ich würde essen können, als er seine Schüssel beiseiteschob.
„Hat er die Münze?“ Gunnar fragte Aslaug, mich sah er nur flüchtig an.
„Ich gab ihm eine, während er schlief, sei unbesorgt.“
Ich legte meinen Löffel ab.
„Was?“
Aslaug legte ihre Hand auf meinen Unterarm.
„Warte! Das erkläre ich dir später.“
„Aber er sollte den Obolus selbst erbringen.“ Gunnar sah Aslaug mahnend an.
Sie hielt seinem Blick stand, weich, wie eine Birke, die dem Wind nicht trotzt.
„Er hat den Obolus erbracht. Ich habe ihn entgegengenommen und ihm dafür die Münze geschenkt.“
„Und was war der? Was hat er getan, was ihm bezahlt werden kann, damit er mich bezahlen kann“
„Er hat mir vertraut.“
„Aber!“
„Nein, Gunnar, du kennst die Regel, wer der Bestimmung folgt, wählt nie das Leichtere, nie das Bequemere, sondern immer nur die Wahrheit. An diesem Tag, in dieser Stunde, wäre es leicht für ihn gewesen mich zu täuschen und mich loszuwerden. Aber er entschied sich dafür, mir zu vertrauen, weil er wusste, dass es das Richtige war.“
Ich nickte stumm. Denn tatsächlich hatte sich alles in mir dagegen gewehrt, mit Aslaug weiterzuziehen. Meiner Erfahrung hatte: „Misstraue!“ gefordert, aber mein Herz das Gegenteil bestimmt.
„Dann wird er ihn Morgen entrichten?“
„Wenn wir an das Gestade treten, wird er zahlen und du wirst die Überfahrt durchführen.“
Gunnar nickte, wie ein alter Bär, der vom Honig ablassen muss.
Entgegen ihrer Ankündigung, erklärte mir Aslaug später nicht, was es mit der Münze auf sich hatte und wann sie sie, mir zugesteckt hatte.
Wir aßen auf und legte uns schlafen.
Ich hörte das Meer draußen gegen die Küste schlagen und um die Hütte pfiff ein grimmiger Sturm. Ich fragte mich, was es mit der Münze auf sich hatte, aber ich kam nicht weit. Mein Bewusstsein löste sich von meiner Kontrolle und glitt hinaus ins Unbewusste und mein Körper verlor sein Sein.

02/20 PGF

Der Ausbruch (11)

11.

Südlich von Helsingör verließen wir die Küste und bogen ins Landesinnere ab. Ich war froh, dass Aslaug meine Bedenken gegen die Städte teilte und für Momente schien es mir so, als wüsste sie gar nicht genau, was eine Stadt eigentlich ist, als habe sie nur davon gehört, als wäre sie erst nach dem Ausbruch auf die Erde gekommen, mit der Warnung: „Meide das, was früher Stadt hieß“.
Der Wind und der Regen, welche die letzten Tage geprägt hatten ließen nach. Ich war froh darum. Unter blauem Himmel ließ sich leichter laufen und wenn nicht der Regen und der Wind einem die Sinne reizten ließ sich leichter denken.
„Wie lange werden wir mit der Fähre unterwegs sein?“ Fragte ich Aslaug, während wir fast, wie bei einem Spaziergang, neben einander liefen.
„Das kommt auf das Wetter an. Der Öresund ist nicht leicht zu befahren. Wir halten uns sogar noch ein wenig nördlich und noch weiter auf dem offenen Meer.“
„Ist das Boot denn stabil?“
Aslaug lächelte, ihr süßes, geheimnisvolles Engelslächeln.
„Bislang ja. Gunnar ist ein guter Fährmann. Wenn es so sein soll, werden wir das Meer überqueren.“
„Und, wenn nicht.“
„Dann fressen uns die Fische.“
Am Nachmittag erreichten wir den nördlichen Küstenabschnitt, von dem Aslaug behauptet hatte, dass dort Gunnars Schiff vor Anker lag.
Der Wind nahm wieder deutlich zu, aber der Regen blieb aus. Wir erreichten einen Küstenstreifen, der mit festem Kies übersät war, in der Ferne kam eine kleine Hütte ins Blickfeld und ein Boot, dass nicht viel größer war, wie die Hütte, die einem einsamen Mann Platz bot, aber nicht einmal einem Paar.
Ich wollte nicht darüber nachdenken, wie wir mit dieser kleinen Nussschale, das Meer überqueren sollten. Schließlich beruhigte ich mich, dass die Wikinger mit ähnlichen Booten ganz andere Strecken bewältigt hatten.
Als wir der Hütte näherkamen, gab Aslaug plötzlich einen Laut von sich. Ein spitzer, stechender Laut, der mich an einen Möwenschrei erinnerte.
Sie blieb nicht stehen, wurde nur etwas langsamer und drängte sich etwas dichter an mich. Am Horizont versank glutrot die Sonne. Es war ein gewaltiges Schauspiel, wie man es zu selten begriff. Die Zeit, Klänge von Pink Floyd kamen mir in die Ohren und eine Textzeile: „Ticking away the moments that make up a dull day/Fritter and waste the hours in an offhand way.“
Aus der Hütte trat ein Mann, groß gewachsen, mit einer dicken Fellmütze auf dem Kopf, unter der, über die Ohren und den Nacken dunkles, lockiges Haar herausquoll. Das Gesicht war kräftig, die Augen kaum darin zu erkennen. Er trug einen Mantel der abgewetzt und schmutzig aussah. Darunter kamen dichte Stiefel zum Vorschein, die schon oft den Kampf gegen das Meerwasser angetreten hatten.
Der Mann erwiderte Aslaugs Schrei und sie winkte ihm.
Erst als wir näherkamen erkannte ich, dass der Mann den größten Teil seines Gesichtes. hinter einem dichten Bart verbarg. Der Bart war struppig und ungepflegt und unwillkürlich suchte ich nach Speiseresten darin. Fand aber nichts. Dafür schien mir ein strenger Duft nach Fisch und Tang von dem Fährmann auszugehen, als sei er gar kein Mensch, sondern ein Meergott, eben aus den Fluten gestiegen.
„Aslaug, mein Kind.“ Begrüßte er meine Begleiterin, mit dunkler Stimme. „Schön, dass du da bist.“
Sie lächelte. Sie wirkte neben dem mächtigen, bärtigen Mann, wie ein Schmetterling, der um eine alte Eiche flattert.
„Ich freue mich auch Gunnar und ich habe ihn mitgebracht.“
Gunnar, der mich ignoriert hatte, als sei Aslaug allein zu ihm gekommen, musterte mich.
„Ahh!“ Machte er und wandte sich wieder Aslaug zu. „Lass uns nach drinnen gehen. Ich habe Fischsuppe gekocht. Heute Abend stechen wir nicht mehr in See.“

02/20 PGF

Der Ausbruch (10)

10.

Wir wanderten einige Tage die Küste entlang. Es regnete unentwegt und, wenn wir einen Unterschlupf fanden, liefen wir lieber einen Tag kürzer, als in der Nacht, ohne Feuer und ohne Dach über dem Kopf durchkommen zu müssen.
Entlang der Küste gab es viele verlassene Blockhütten, die gut für die kalte Jahreszeit eingerichtet waren. Aber außer dem Regen geschah nichts. Der Winter blieb aus. Zwar wurden die Tage kürzer, aber richtig kalt wurde es nicht und an Schnee war gar nicht zu denken.
Wenn wir in der Morgendämmerung aufbrachen, sahen wir unterwegs viele Tiere. Füchse und Rehe, manchmal etwas, dass nach einem Wolf aussah und viele Haustiere, die auswilderten. Für mich, der ich lange in der Stadt gelebt hatte, war es, als hätten sich all diese Tiere vor uns versteckt, wie vor einem grausamen Monster und jetzt, da unser Ende kam, wagten sie sich aus ihren Verstecken und kehrten zurück in die Welt, die viel länger ihnen gehörte, als uns.
Aslaug sprach wenig und sie fragte wenig. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich ganz bewusst in Ruhe ließ. Wie eine Chirurgin, die mit einem präzisen Schnitt eine Wunde öffnete, ausbluten lässt, reinigt und dann versorgt, ließ sie mir Zeit, mit meinen Wunden zurecht zu kommen.
Was ich für sie fühlte konnte ich nie ganz bestimmen. Manchmal war sie wie eine Tochter, manchmal näher bei einer Mutter und nicht selten, eine Frau. Aber keine die ich je erreichen würde, viel zu stark und unabhängig.
Was sie über mich dachte konnte ich nicht einschätzen, weil sie immer liebevoll war. Sie war fröhlich, achtsam, wohlwollend. Sie lachte über meine Späße und verzieh mir meine Launen. Sie hielt meinen Argumenten klug stand und überzeugte mich indem sie ihre Worte, wie Schlüssel zu meinem Herzen verwendete.
Es waren etwa elf Tage vergangen und ich nahm an, dass wir bald in der Nähe von Schweden waren, als sie abends, kurz vor dem Einschlafen plötzlich sagte: „Morgen kommen wir bei Gunnar, dem Fährmann an.“
Ich setze mich auf.
Sie wartete, ob ich etwas fragte, aber mir fiel nichts ein, was meine Überraschung entsprochen hätte. Ein weiterer Mensch, erschien mir fast störend, als wäre die Welt mittlerweile zu klein, für drei Menschen.
„Er wird uns über das Meer helfen.“
„Du hast ihn nie erwähnt.“ Schaffte ich schließlich zu sagen.
Im Dunkeln konnte ich ihre Reaktion nicht einschätzen.
„Ich wusste nicht, ob wir überleben und du machst dir über alles Gedanken. Ich wollte nicht, dass du das machst, wenn es gar nicht bedeutsam ist.“
Das ist aber sehr, im Augenblick lebend, gedacht, lag mir auf der Zunge, aber ich verschwieg es.
„Kennst du ihn schon länger?“
„Gunnar? Nein, nicht lange. Aber wer weiß schon, wie lange er andere kennt. Wenn unsere Seelen wandern, vielleicht kennen wir uns dann schon sehr, sehr lang.“
„Aber, dass er uns nach Schweden bringen kann, weißt du sicher.“
„Ja, wie alle die jetzt noch leben hat er seine Bestimmung gefunden. Es gibt kein Leben mehr, außer dem zu dem man bestimmt ist.“
„Aber wandern muss er anscheinend nicht?“ Warf ich etwas spöttisch ein.
Ich spürte ihren Blick durch die Dunkelheit.
„Wer jeden Tag auf das Meer hinausfährt und dort durch die Wellen treibt, der muss nicht wandern, der vertraut sein Leben ganz den Elementen an.“
Ich legte mich wieder hin. Zog mein Kissen zurecht und kuschelte mich tiefer in den Schlafsack.
„Dann sollte ich vermutlich ausgeschlafen sein, für solch eine Überfahrt?“
Sie schnaufte leise.
„Das solltest du. Denn, wenn du das übergesetzt hast, kannst du nie mehr zurück.“

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Der Ausbruch (9)

9.

Ich gewöhnte mich, an Aslaug an meiner Seite. Nur manchmal zweifelte ich, ob es sie wirklich gab. Vielleicht hatte mich die Einsamkeit verrückt gemacht und ich sprach mit mir selbst, wenn ich mit ihr sprach. Der Gedanke verunsicherte mich. So stark, dass ich darüber nachdachte sie zu verletzen, um zu testen, ob sie wirklich war. Nichts Großes, ein Stich mit einer Nadel oder etwas in der Art. Nur damit etwas Blut floss. Wenn Blut floss konnte sie keine Illusion sein.
Ich tat es nicht.
Wenn sie eine Illusion war, mochte es so sein. Sie war zu kostbar, um sie zu verletzen, dies fühlte ich deutlich. Es war, als folge ich einem Stern, wenn sie neben mir lief. Ein Leuchten ging von ihr aus, wie vielleicht nur ich es wahrnahm, aber mich nahm sein Zauber in Bann.
Etwa drei Tage, nachdem sie mich morgens entdeckt hatte, erreichten wir die Küste.
Das Meer war stürmisch und über den Himmel zogen tiefhängende Wolken, als würde die Welt neu erschaffen.
Ich tat mir schwer, mich, ohne die Sonne, zu orientieren. Aslaug half mir den Weg entlang der Küste, nach Norden zu finden.
Sie ging vor mir her, vom Regen völlig durchnässt, die hellen Haare klebten ihr am Kopf und ich folgte unzufrieden, unsicher, widerwillig. Halb aus Mitgefühl, dass sie so schlecht ausgerüstet war – aber sie ließ sich auch nicht helfen – zur anderen Hälfte, weil ich zweifelte, ob sie wirklich den richtigen Weg ging.
Sie wurde langsamer, sodass ich neben ihr laufen konnte. Ich ging näher zum Meer hin und meine Stiefel sanken bei jedem Schritt tief in den knirschenden Sand, während Aslaug über den Strand zu schweben schien.
„Du traust mir nicht.“ Sagte sie plötzlich.
Ich fühlte mich ertappt.
„Unsinn. Ich finde es nur nicht gut, dass du in diesen dünnen Kleidern läufst. Wir kamen an genügend Häusern vorbei, in denen du bessere Kleidung hättest finden können.“
Sie strich sich die klatschnassen Haare von der Stirn.
„Das ist nett von dir, dass du verhindern willst, dass ich mich schlecht fühle. Keine Sorge, dass tue ich nicht. Denn du musst mir nicht misstrauen. Ich frage mich nur, was dich so enttäuscht hat.“
„Nichts!“ Behauptete ich. „Nichts im Besonderen. Wenn man älter wird, macht man Erfahrungen, mit den Menschen. Nicht alle sind schön. Aber das geht jedem mit den anderen so. Man muss sich bewusst machen, dass man Opfer des einen und Täter für den anderen ist.“
Das Meer brauste auf und die Wellen schlugen heftiger in die Brandung.
„Das stimmt. Das stimmt solange man niemand nah an sein Herz lässt. Aber du hast jemand nah an dein Herz gelassen.“
Ich schwieg. Ich ahnte, wen sie meinte, wollte aber darüber nicht reden.
„Warst du verheiratet?“
Ich wollte darüber nicht reden.
„Hat sie dich enttäuscht?“
„So kann man das nicht sagen“, wich ich aus.
„Und, wie könnte man es sagen?“
Ich schnaufte.
„Man könnte sagen, ich habe irgendwann verstanden, dass wir alle einsam sind. Ich habe verstanden, dass wir dieses schwere Gefühl dadurch leicht machen können, dass wir uns jemand so zuwenden, dass er weniger einsam ist, dass er ein Zuhause, dass er Geborgenheit findet.“
„Das hast du bei deiner Frau versucht?“
„Ja, aber sie hat es gar nicht begriffen. Sie wollte etwas anderes.“
„Was denn?“
„Das musst du sie fragen. Wenn ich es erkläre, klingt es sehr verbittert.“
Aslaug blieb stehen und zog mich am Arm, dass auch ich stehen blieb.
„Vielleicht hast du den Raum nicht verstanden.“
Mürrisch verzog ich das Gesicht.
„Darauf reden sich alle hinaus: Sie brauchen mehr Raum. Blabla. Jetzt, haben alle die noch leben, genug Raum. Vielleicht begreifen manche, wie schön Gemeinschaft wäre.“
„Jetzt klingt es bitter.“
„Ich habe dich ja gewarnt.“
„Das Land kann dem Meer auch kein Zuhause geben.“
„Ja, sind ja auch zwei Elemente. Da gibt es immer eine Distanz, etwas Unvereinbares.“
Sie fasste mich zart am Kinn und drehte meinen Kopf in Richtung der Brandung.
„Aber das, ist keine Distanz! Sondern Raum und den Raum müssen sie gemeinsam gestalten. Das unruhige Meer und die feste Küste. Wo spielen Kinder am liebsten? In genau dieser Brandung. In genau diesem Raum, an dem das Getrennte sich berührt.“
Ich war froh, dass in diesem Moment der Regen zunahm und der Wind ihn mir ins Gesicht trieb. Er überdeckte die Tränen, mit denen sich meine Augen füllten.
„Das ist ein schönes Bild, Aslaug. Aber ich bin keine Küste und ich bin auch kein Meer. Ich sterbe, ich sterbe in einem Zeitraum, der so kurz ist, dass die Elemente ihn vermutlich nicht fühlen können. Aber ich fühle den Schmerz und das ist gut.“
Sie strich mir zärtlich über die Wange.
„Dann fühle auch, dass es etwas Großes und Schönes ist, jemand eine Heimat bieten zu wollen und es gar nicht dein Versagen ist, wenn er sie nicht annimmt. Aber was du lernen kannst ist, dir eine Heimat zu suchen. Vielleicht bist du dahin auf dem Weg.“
Ich zuckte mit den Achseln.
„Wer weiß, Aslaug. Wer weiß schon, wohin er wandert?“

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